Der Schatten lügt. Er verspricht Kühle, hält sein Versprechen aber nicht. Zwischen den Bäumen und Büschen des lichten Eichenwaldes links und rechts von mir ist es genauso stickig heiß wie auf dem staubig weißen Schotterpfad unter meinen Füßen. Der Weg schlängelt sich bergauf bergab durch die im frühen Sommer immer noch sattgrüne Landschaft und verkörpert damit typisches Umbrien: hier geht es immer auf- oder abwärts, nie ist etwas eben, immer erwarten einen Wanderer Steigungen oder Gefälle, nie geht ein Weg geradeaus, immer windet er sich in weiten Kurven oder engen Serpentinen durch das Land.
Auf der Suche nach ansprechenden Fotomotiven tapere ich -ganz Tourist in schlapprigem T-Shirt und weiten Shorts- mit der Kamera in der Hand durch die brütende Hitze des Spätnachmittages den inzwischen schon wohlvertrauten Weg nahe meinem Ferienhaus entlang. Linker Hand kommt jetzt hinter dichtem Dornengestrüpp halbverborgen ein verlassen wirkendes Bruchsteinbauernhaus in Sicht. Eigentlich hatte ich mir in beinahe kindlicher Neugier schon mehrmals vorgenommen, das alte Gemäuer zu erkunden, es aber immer wieder aus erwachsener Rücksichtnahme / Scheu / Feigheit bleiben lassen: schließlich mochte das baufällig aussehende Haus doch noch bewohnt sein und was sollten die Leute von mir denken, wenn ich über ihr Anwesen latschte?
Heute ringe ich mich endlich zu einer Entscheidung durch und biege auf die, unkrautüberwuchert kaum mehr erkennbare Zufahrt ab. Als ich die knapp fünfzig Meter steil ansteigenden Weges mit durchgeschwitztem Hemdrücken und hängender Zunge überwunden habe, heißt mich das Knurren eines Hundes wie versteinert stehen bleiben. "Still, Oskar, sitz." Im tiefschwarzen Schatten des Hauseinganges sehe ich erst jetzt einen Mann sitzen, den Rücken gegen den Stein des Türrahmens gelehnt, ein Knie angezogen, das andere Bein locker ausgestreckt. Das Bild eines typischen italienischen Bauers: verschlissene ausgeblichene Jeans, derbe dreckige Halbstiefel, ein kariertes langärmeliges Hemd, das Gesicht wettergegerbt wie braunes fleckiges Leder, ein wilder Schwall weißgrauer Haare fällt ihm bis auf die Schultern.
Zu seinen Füßen liegt der typische italienische Hund, Rasse mopsgedackelter Windschäferhund mit braun-weißem kurzen Fell und langen aufmerksam gespitzten Ohren. Der Köter präsentiert dem Eindringling seine prächtigen Eckzähne verbunden mit einem erneuten giftigen Knurren und richtet sich halb auf die Vorderläufe auf. "Still Oskar, gib Ruh", die Hand des Mannes fällt mit leichtem Klapsen auf den Hunderücken und der nervöse Vierbeiner beruhigt sich augenblicklich. Sekundenlang blicken wir drei uns schweigend an; ich weiß absolut nicht, was ich von dem Mann, der irgendwas zwischen 40 und 60 Jahre alt sein mochte, halten sollte. Der Widerspruch zwischen dem ur-italienischen Erscheinungsbild und den wenigen Worten in akzentfreiem Hochdeutsch ist mir unauflöslich.
Er bricht das Schweigen wohl aus Höflichkeit zuerst: "Sie sind Deutscher." Keine Frage, eine Feststellung, nüchtern, sachlich. Er muss es wohl aus meiner Reaktion auf seine spärlichen Worte geschlossen haben. Ich nicke: "Sie offenbar auch." Eine leichte Andeutung eines Lächelns: "Nein. Nein mit Sicherheit nicht." Und so kommen wir ins Gespräch. Ich setze mich auf die Steinstufen zu seinen Füßen, kraule auf seinen Wunsch den inzwischen friedlich hechelnden Oskar und höre mir seine Geschichte an. Er ist gebürtiger Italiener, ein emeritierter Professor für deutsche Literatur an der Universität von Bologna, der hier seinen Lebensabend verbringt. Den Hund hat er nach seiner literarischen Lieblingsfigur benannt: Oskar Matzerath aus dem Roman "Die Blechtrommel". Um in Übung zu bleiben, sagt er lächelnd, habe er den Hund auf deutsche Kommandos erzogen. Sein Deutsch ist übrigens wirklich exzellent, akzentfrei und grammatikalisch perfekt, jedenfalls perfekter als mein eigenes.
Am Tage vor meiner Abreise pilgere ich nochmals zu dem alten Haus, um mich zu verabschieden, finde es aber verlassen vor. Die schwere Tür aus langsam verrottenden Eichenbohlen hängt schief an einer rostigen Angel, die andere hat schon vor langer Zeit ihre Funktion aufgegeben. Mühsam drücke ich die über den Steinboden quietschende Tür zur Seite und betrete das klamme Halbdunkel einer weitläufigen Diele. Enttäuscht und überrascht wandere ich durch die leeren unmöblierten Räume an deren Wände gelbe und braune Flechtenplacken von jahrelangem Brachliegen künden. Bei der Abreise frage ich unseren Vermieter nach dem Haus: Ja, den Professore kenne er wohl. Der habe vor gut dreißig Jahren das alte Bauernhaus gekauft. Heuer ist es wohl zwanzig Jahre her, dass er spurlos verschwunden sei. Niemand wisse, was aus ihm geworden ist.
So weit, so gut. Eine der üblichen Geistererscheinungsgeschichten werden Sie jetzt denken. Nur, dass es mir wirklich passiert ist, aber dass behaupten die anderen Erzähler solcher Histörchen ja auch alle. Außerdem habe ich seitdem einen Hund, der mir jeden Morgen die Zeitung bringt, allerdings erst, nachdem er sie zuerst gelesen hat; einen Hund, der eine Großdruckausgabe der "Blechtrommel" unter der Decke seines Körbchens versteckt und manchen Abend, wenn wir alleine zuhause sitzen, darin liest. Oskar hat an diesem vorletzten Urlaubstag in dem verfallenen Haus auf mich gewartet, mich schwanzwedelnd begrüßt und folgt mir seither auf Schritt und Tritt. Wenn keiner zuhört, nenne ich ihn "Professore", dann blickt er zu mir auf und lächelt. Er ist der einzige Hund auf der ganzen Welt der das kann: Lächeln.