Wie kommt ein Germanischer Bärenhund in ein Cavalierrudel?
Das Ereignis liegt ca.8 Monate zurück. Ich noch voller Freude, weil eine langjährige Cavalier King Charles Spaniel Züchterin, die ich sehr wertschätze, mir einen ihrer Welpen anvertraut, werde mit dem Wunsch meines Sohnes konfrontiert, Mutti, wir wollen uns einen Hund anschaffen.
Blitzschnell ziehen die Gegebenheiten meiner Kinder durch meinen Kopf, und ich sage nein, das kann nicht euer Ernst sein. Sie leben zwar in einem Haus mit Garten ca. 500 m von uns entfernt, aber beide sind voll berufstätig, armer Hund!
Dass es kein Cavalier sein soll, ist mir bewusst, mein Sohn liebt große Hunde, zugegeben, ein Cavalier neben meinem Sohn erinnert mich schon an die Maus neben dem Elefanten, bei dem Gedanken muss ich grinsen.
Das fängt mein Sohn ein, sagt mir, du hast doch immer gesagt, geht nicht, gibt’s nicht, dann muss man nur nach Wegen suchen, haben wir alles gemacht.
Nun erklärt mir meine Schwiegertochter, dass man Schichten tauschen kann, und paar Stunden könnte doch der Hund auch allein sein, wenn er älter ist, kann man alles üben, und Du sagst doch immer, dass ein Hund für die Sozialisierung andere Hunde braucht, da hat doch unser Hund gar keine Probleme, wir schicken ihn zu dir in den Kindergarten.
Nachdenklich sitze ich da, kann ja schlecht gegen meine eigenen Argumente antreten, die ich immer noch als richtig ansehe.
Gut, höre ich mich sagen, aber nicht ganz so schnell. Der Hund muss ins Rudel passen, da ich ja auch noch die Berner habe, es kommt kein Schäferhund ins Haus, ein Hütehund wäre nicht schlecht. So schauen wir uns Hütehunde an. Mein Sohn möchte einen Berner, meine Schwiegertochter einen Großen Schweizer, dass es ein Rüde sein soll, darüber sind sie einig, sie sind nun mal die schöneren in der Natur, wenn sie ausgewachsen sind.
Ich gebe ihnen Bücher mit, damit sie wirklich wissen, was sie da vorhaben und bleibe allein zurück.
In meinem Rudel beschäftigt, kann ich mich nicht von dem Gespräch lösen. Einer wird nicht zufrieden sein mit der Entscheidung, ist nicht gut für den Hund, egal ob Berner oder Schweizer, ich schlage den Briard vor. Nein, beide wollen ihn nicht. Mir fällt der Germanische Bärenhund ein, ich erinnere mich an eine Ausstellung und an meine Begeisterung für diesen sanften Riesen.
Ich suche nach Bärenhunden im Internet, werde fündig, schicke alles den Kindern, kein Rücklauf, sie sind verreist übers Wochenende, das kommt vor, die Eltern meiner Schwiegertochter wohnen in der schönen Prignitz.
Dass dort auch der Urzüchter der Bärenhunde, Herr Kieback beheimatet ist, fällt mir nicht auf.
Natürlich haben sie ihn besucht, und ich kann mich nicht erinnern, meinen Sohn jemals so begeistert gesehen zu haben, von all den großen Hunden, von ihrem freundlichen Wesen, er kann gar nicht aufhören zu schwärmen, und der eine, 12 Wochen, der hat uns auf Anhieb gefallen. Das kann unser Hund sein, wir sollen es noch bedenken.
Eine Woche später bin ich mit im Auto zur Fahrt in die Prignitz und auf der Rücktour sitzt
Y - Krümel Ygg vom Wendland neben mir, als hätte er nie was anderes gemacht, als mit völlig fremden Menschen in einer Blechkiste stundenlang andere Blechkisten zu treffen.
Was für ein Hund! Denke ich, und lasse mich in meinem Rudel absetzen, denn Krümel muss kennen lernen, wer sein enges Rudel ist, er muss ungestört seine neue Umgebung erschnüffeln und ein paar Regeln in seinem neuen Heim erlernen.
Da bleibt mir nur die Hoffnung auf ein gutes Gedächtnis meiner Kinder, die ja die Regeln aufstellen. Jetzt beginnt die Entscheidung für den Hund, kann ich den Menschen die Führung überlassen, oder muss ich sie irgendwann allein übernehmen, eine Chance haben sie verdient, jeder Hund ist zufrieden, wenn der Mensch sie nutzt.
Besuch im Rudel von Sankt Immen
Eines Tages ist es dann soweit, Krümel kommt mit seinen Menschen zu Besuch. Ein Schnupperkurs im Kindergarten könnte man es auch nennen.
Mich erkennt er als die aus dem Blechteil wieder, seine Nase hatte ja bald drei Stunden Zeit, mich einzulesen, die funktioniert prima, denn der ganze Hund wackelt vor Freude, mehr wackeln geht nicht, man kann nur noch vor Freude kullern, wenn man so viele Artgenossen trifft, die signalisieren, klasse dass du hier bist, wer bist du denn?
Als das geruchlich alles abgeklärt ist, muss man dem Neuen zeigen, was hier Sache ist, kann er ja nicht wissen. Ein Glück, das ist kein geistiger Tiefflieger, der kommt aus sozialisiertem Haus, da hatten auch nicht die Krümel das Sagen. Das kann der Beginn einer langen Freundschaft werden. So ziehen sich die Rudelhunde zurück, vorerst ist alles besprochen.
Oh, eine ist noch da, die knickt immer so mit den Vorderläufen ein, will sie, was ich auch will, spielen? Klar will Ginny spielen, sie ist doch nur eine Woche älter als Krümel.
Ein ungleiches Paar von den Proportionen her und von der Kraft stelle ich fest und freue mich auf den Kindergartenkrümel und die Beobachtungen, die ich durch ihn in meinem Rudel geschenkt bekommen werde.
Ein Hundeunfall in Sankt Immen
In der Anfangszeit kommen die Kinder täglich kurz mit Krümel vorbei, auch wenn es keine Notwendigkeit gibt, so bekommen er und auch das Rudel die Chance, die Situation als völlig normal zu empfinden, die Kinder fahren einkaufen und Krümel bleibt im Rudel. Er braucht den Schlaf noch wie Ginny, aber wehe, sie sind wach.
Ginny ist sehr bemüht, durch Wendigkeit und Intelligenz seiner Kraft zu begegnen. Aus all meinen Beobachtungen kann ich sagen, dass Krümel ein Kavalier ist, und sobald er grob zum Cavaliermädel wird und dieses quietscht, nimmt er sich sofort zurück, und ich sage VORSICHT wenn er das tut.
Das wird für später ein wichtiges Signalwort.
Jetzt, wo ich denke, Ginny wird im Spiel mit ihm kaum verletzt, erledige ich auch mal eine Arbeit, wenn die beiden nicht schlafen, ich höre die fröhlichen Bellaute des Spiels, plötzlich werden daraus Schreie, die ich nie vergessen werde.
Ich weiß sofort, da ist etwas Schreckliches geschehen, renne los nach draußen. Dort finde ich folgendes Bild vor.
Eine Gartenschaukel am Boden liegend, eine Traube aus Cavalieren, die aufgeregt wedeln und zu trösten versuchen, mittendrin meinen Mann, der Krümel in der Luft dreht, einhändig, mit der anderen Hand die Feder haltend ,die aus der Sitzfläche der Schaukel in der Hundenase steckt. Es kann eine schlimme Verletzung entstehen, wenn der Hund sich losreißt.
Noch immer diese gellenden Schreie! Ich weiß, ohne meinen Mann gäbe es keine Chance, den Hund unverletzt von der Feder zu befreien. So kann er eine haben, zumindest erstmal körperlich, wie tief der Schock sitzt, weiß man nicht.
Stille.
Krümel ist befreit, rennt ins Haus, alle Hunde und wir auch. Er geht an den Wassernapf säuft und taucht die Nase tief ins Wasser. Mein Mann säubert die Nase mit verdünnter Kamillosanlösung. Krümel schläft völlig erschöpft ein. Eine sichtbare Verletzung gibt es nicht, die Feder ist angerostet, in die Nase rein können wir nicht sehen, so heißt es beobachten und der Weg zum Tierarzt bleibt offen.
Mein Mann repariert die Schaukel, schaut die zweite auch nach losen Federn nach. Ginny hat sich im Spiel unter der Schaukel versteckt, Krümel viel größer als sie jagt auch unter die Sitzfläche, eine Feder ist ausgehakt und genau die bohrt sich in das linke Nasenloch. Die Schaukel legt mein Mann auf die Seite, damit er überhaupt etwas bewirken kann.
Und ich behaupte immer, Sankt Immen ist sicher für die Hunde, nur Welpen zeigen immer wieder Gefahrenpunkte auf, an die der Mensch nicht denkt.
Krümel wird wach, wir sitzen auf der Schaukel, wollen sehen, ob er einen Bogen macht.
Er kommt freudig zu uns, leckt meinem Mann die Hand, macht Spielaufforderung bei Ginny, und los geht die Hatz als wäre nichts geschehen. Wieder denke ich, was für ein Hund!
Kühe haben schöne Augen aber…
Krümel ist mit 7 Monaten schon größer als die Bernermädel mit 3 Jahren. Endlich nehmen sie so richtig Notiz von dem Jüngling, sie fordern ihn zum Spielen auf und weisen ihn gleichzeitig in die Schranken. Das Kräfteverhältnis ist schon ein besseres als mit Ginny. Mit den Bernermädels finden weniger Laufspiele statt, es sind eher die Ringerladys, die Krümel stets auf den Rücken legen, ihm dann eine Pfote auf die Brust stellen, herausfordernd gucken, hast Du genug oder brauchst Du Nachschlag.
Krümel hat nie genug von den Damen und akzeptiert sie voll. Eines findet er schade, keine von beiden ist dazu zu bewegen mal mit auf einen Spaziergang zu gehen mit ihm und seinen Menschen. Sie gehen mit dem ganzen Rudel oder gar nicht, sie sind da auch nicht bestechlich.
So schreitet Krümel an der Seite seines Frauchens durch die Wiesen hinüber zu den Kühen mit den wunderbaren großen Augen, und Stimmen haben sie, faszinierende Töne geben sie von sich, nur einmal anriechen und Krümel wird schneller, so schnell, dass er ihn übersieht, den Stromzaun und diesmal hört meine Schwiegertochter diese überwältigenden Schreie eines Hundes, die mit keinem anderen seiner Laute vergleichbar sind. Bevor meine Schwiegertochter begreift, was vor ihren Augen passiert, ist Krümel in langen Sätzen schon weit von ihr entfernt, er rennt um sein Leben sein Urinstinkt treibt ihn zu unseren Hunden, sie sind auch sein Rudel. Unser Telefon klingelt, die Schwiegertochter klang ganz aufgeregt als sie sagt , macht mal das Tor auf , ich glaube mein Hund rennt zu Euch, er ist an den Stromzaun gekommen, er schreit so furchtbar.
Wir laufen raus und Krümel kommt nicht mehr schreiend, er hört schon die Rudelhunde, sieht uns und er freut sich, auch diesmal schläft er bis sein Frauchen hier ankommt, das kann ja nicht in solchen Sätzen springen wie Krümel braucht schon eine halbe Stunde für den ungekürzten Weg.
Die Cavaliere scheinen noch die Aufregung in Krümel zu spüren, sie trösten ihn wieder ganz ausgeprägt, das können Cavaliere besonders gut finde ich. Krümel hat auch den Stromzaun ohne Schaden überstanden. Ich denke, meine Schwiegertochter wird niemals auf die Idee kommen, ihren Hund mit Elektroschocker erziehen zu wollen!
Cavalierkinderonkel Krümel
Es ist Dezember, Krümel ist dem Kindergartenalter entwachsen.
Er bleibt schon gut vier Stunden allein zu Hause. Wir schenken ihm ein Kudde Hundebett, weil er das bei uns sehr gern hat. Allein gelassen mit dem Haus ist er der Boss. Das Kuddebett muss warten.
Wenn man eine Aufgabe übertragen bekommt, lässt man sich bei deren Erfüllung nicht lumpen, als Boss gehört man einfach auf das Sofa, später übergibt man es dann mit der allgemeinen Verantwortung wieder. Für Kater Tommi Verantwortung zu tragen, ist gar nicht leicht, der springt immer auf den Kleiderschrank, und sein Dosenfutter stinkt so vor sich hin. Dabei kommt keine Hundenase zum Schlafen, die Konsequenz ist, das Futter wird entsorgt, ein Boss muss Opfer bringen.
Tommis Geschnurre da auf dem Schrank ist wirklich eine Einladung ins Land der Träume. Dahin zieht sich Krümel zurück.
Es wird spannend, das ist das Geräusch von Herrchens Blechkiste, ein Hundeohr kann das fein unterscheiden. Gebe ich ihm das Sofa jetzt oder später? Später reicht auch, man muss ja erst seine Knochen zurechtrücken, macht ein Hund, der was auf sich hält, nach jedem längeren Schläfchen, weil es gut tut.
Menschen haben vergessen, was ihnen gut tut, sie haben für alles jemanden, der es ihnen dann sagt, für das Strecken, der heißt Krankengymnast.
So mancher Hund wundert sich, dass ein Mensch als Boss über ihm steht, weil er alle Schwächen der Zweibeiner wahrnimmt, wenn das Versagen des Zweibeiners so groß wird, dass das Rudel in Gefahr gerät, kann kein Hund zusehen, dann wird der Boss abgelöst, so sind die Rudelgesetze die das Überleben sichern eine völlig normale Geschichte!
Der Schlüssel dreht sich im Schloss, hurra, ich muss nicht länger Boss sein, Herrchen ist da.
Stimmt, er war auf der Arbeit, sie riecht immer gleich wenn Herrchen sofort zu mir fährt, meine Nase kann man nicht austricksen. Knuddeln, umziehen, keinen Kaffee, gutes Zeichen, dann geht’s auf zum Rudel, da gibt’s Kaffee für ihn, habe ich alles herausgefunden, freue mich.
Auf dem Weg zum Rudel werde ich immer schneller, das scheint meinem Herrn nicht zu gefallen, plötzlich geht er den anderen Weg, was mach ich nur, mit Verzögerung und wenig erfreut folge ich ihm , er ist doch der Boss, seufze ich noch vor mich hin, als er doch den Weg zum Rudel nimmt, Krümel, ganz ruhig bleiben sage ich mir, sonst spielt er wieder das Erziehungsspiel. Geschafft, wir sind am Tor!
In Sankt Immen hat sich was verändert. Dima ist sehr streng zu allen auch zu mir, sie hat etwas im Bellen, das mich warnt.
Dann durchdringt das Wort VORSICHT meinen Hundekörper, ich mache ganz merkwürdige Bewegungen mit meinen langen Beinen, hoffentlich sieht das nie ein Ballett Agent, der könnte falsche Schlüsse ziehen!
Da laufen Hundezwerge um meine Beine, als wären sie Slalomstangen, da muss man ja tanzen, denn wenn man sie tritt, verletzt es den Rüdenstolz, so winzig sind sie aus der Bärenhundperspektive, jetzt weiß ich Vorsicht heißt, die Winzlinge sind unter mir, hängen an meiner Rute oder besteigen mich wie einen Berg. Ich lasse es über mich ergehen, bin ja gar nicht so, lege mich mal hin. Meine Güte, die stechen ja wie Mücken in meine Nase, die wasch ich erst mal sauber, ein Zungenschlag von mir, und sie haben ein Ganzkörperbad. Jetzt scheint es Dima zu reichen, sie lockt sie alle ins andere Zimmer.
Ich tolle dann noch ein wenig mit den Großen, damit ich diesen Tanzschritt loswerde, ob die morgen auch noch da sind? Sie riechen so interessant.
So vollzieht sich der Übergang vom Kindergarten Krümel zum Onkel Krümel im Rudel von Sankt Immen. Das ist eine echte Aufgabe für einen Germanischen Bärenhund.