Die rechte Pfote funktioniert. Schon gehen seine kleinen Zähne und die spitze Schnauze mit der feuchten Nase zur nächsten Pfote über. Aber nur kurze Zeit ist diese neue Pfote für ihn wichtig, dann kullert er schon, gemeinsam mit einem verknoteten Taschentuch quer durch das Wohnzimmer. Wütend knurrt er das Knäuel an und versucht es so in sein Maul zu bekommen, dass die Backenzähne es zerkauen könnten. Es klappt offenbar nicht genau so wie er es wünscht. Nun wird gekläfft.
„Wau, wau, wau!“,
noch klingt sein Bellen so ganz und gar nicht bedrohlich. Na ja, Mobby ist erst 13 Wochen alt.
Der neue Familienhund bei uns.
„Ein Dackel wie er im Buche steht.“, würde mein Vater sagen. Seine Aktionen sind erwartungsgemäß und reichen von „Latschen-Ankauen“ bis zum morgendlichen „Zehen- von- Frauchen-Abknabbern“, als Aufforderung endlich auf zu stehen und gemeinsam mit ihm den Tag zu beginnen. Dabei hatte gerade Frauchen gegen ihre Tränen zu kämpfen, die mit der Eröffnung, dass heute Nachmittag ein neuer, kleiner Dackel unsere Familie bereichern wird, sofort ihre Augen füllte und dann die Wangen hinab rollten. Fast auf den Tag genau war es sieben Monate her, dass unser letzter Familienhund Mausi an den Folgen ihrer Erkrankung verstarb.
Mausi
Sie war kein Welpe mehr. An einer dicken eisernen Kette, draußen bei der Hundehütte im hohen Gras lag sie und schaute mich an. Der Züchter war ein neuer Hauskunde und auch mit siebzig Jahren noch agil genug, einen neuen Hausbau zu wagen. Er und seine Frau, eine ehemalige Lehrerin hatten unser kleines Büro aufgesucht und nach den preiswerten schwedischen Häusern gefragt, deren Vertretung durch uns erfolgte.
Uwe gab den sich anbahnenden Verkauf an mich ab. „Du kannst das den alten Herrschaften besser erklären, als ich.“, dann überließ er mir die nachfolgenden Gespräche und Besuche. Es war wohl mein erster Besuch bei dem alten Ehepaar. Erst auf ihrem Gehöft stellte ich fest, dass sie Hunde züchten. Aber es waren wohl die großen Polizeihunde, deren Erziehung er sich auf seine Fahnen geschrieben hatte. Mit eiserner Hand und klaren eindeutigen Gesten beherrschte er diese schwarzen und grauen wolfsähnlichen Schäferhunde.
Mausi war wohl eher zufällig in seiner Zucht gelandet und er hielt sie für nicht sehr wertvoll. Aber so ein Cavalier King Charles Spaniel ist nun einmal nicht und wird es auch nie sein, ein strammer Diensthund für die Polizei und Wachhund für einen Bauernhof. Um so mehr gefiel mir ihr Blick und ihre Art damit umzugehen, dass der Züchter sie nicht mochte und ringsum ihre Hundehütte mit der dicken Kette nur diese großen und lauten Schäferhunde wütend herum bellten und kläfften, weil gerade ein Fremder, also ich, auf dem Hof erschienen war. Mausi spielte bei dem anschließenden Gespräch auch eine Rolle, nicht ganz genauso wie ihre anderen Artgenossen auf dem Hof. Als mir klar wurde, dass Mausi der richtige Hund für unsere Familie war, bekam dieses Hausverkaufsgespräch eine entscheidende Wendung. Mausi wurde auf den Hauspreis angerechnet.
Als ich an diesem Tag, es war April wieder ins Auto stieg, saß eine kleine freundliche Hündin auf der Rückbank. Sie schaute mich mit ihren klugen, braunen Augen an, als wollte sie sagen: „Bin ich jetzt bei dir gelandet?“ und fuhr -so schien es mir - ohne jedes Bedauern von ihrer alten Heimstatt fort. Einer Zukunft entgegen, in der sie viel mehr gebraucht wurde, als auf dem hässlichen Hof, mit der hässlichen Hundehütte und der hässlichen Kette am Halsband.
Max
Vor Mausi und Mobby hatten wir schon einmal einen Dackel. Es war Max, der seine erste Autofahrt, es war die Fahrt von seinem Geburtshof in unsere Stadtwohnung, die er im zarten Alter von nur 7 Wochen auf dem Schoß von Mathias absolvierte.
Er fiel besonders dadurch auf, dass er bei der Auswahl aus einer Dackelgroßfamilie sofort seinen eigenen Weg suchte und ausbüxen wollte. Mathias hatte sofort auf ihn gezeigt. Der Welpe sollte es sein! Auf der Rückfahrt passierte es dann. Ängstlich hatte sich der kleine Max auf dem Schoß von Mathias zusammen gerollt, als die Reise im PKW los ging. Das laute Brummen des Motors, der fremde Geruch der insgesamt drei Menschen im Auto, Benzin und schaukelnde Bewegungen und sicher die Angst vor einer ungewissen Zukunft hat es dann bewirkt. Und während sich auf seiner Hose langsam ein dunkler Fleck weiter und weiter ausbreitet, ertönt eine glückliche Jungenstimme:
„Ist der süüüsss!“
Das war er und wie wir heute manchmal lachend feststellen müssen: Jeder Dackel ist süüüsss!
Max wollte an den ersten drei Tagen nichts futtern. Wasser trank er und das war wohl auch ausreichend. Ich arbeitete damals, es war 1992 im Büro, das direkt an unserer Wohnung angrenzte. Für Max hatte ich einen Korb ins Büro gestellt, so dass ich ihn ständig betreuen konnte. Ängstlich hatte er in dem Korb gekauert und nur vorsichtig über den Rand geschaut, nur wenige Stunden später konnten ihn auch meine Mitarbeiter beobachten. Neugierig und schon ungenierter kroch er in allen Ecken und Winkeln herum. Zerfetzte kleine Papierschnipsel zu noch kleineren Papierschnipsel und machte fröhliche Pfützen ins Büro. Am dritten Tag rief ich dann Christel in ihrer Abteilung des Klinikums an:
„Max hat gerade gefressen, die Portion ist aufgefuttert!“.
Von diesem Tag an war der Bann für Max und uns gebrochen. Max hatte seine neue Familie akzeptiert und sich in die Veränderung gefügt. Seine Aktionen waren nunmehr Aktionen der Familie.
Mobby
Er ist auf dem Dorf geboren und seine Verwandtschaft wohnt genau auf der anderen Seite des Dorfes. Auf dem neuen Hof erschien erstemal alles sehr bedrohlich. Aber keck schaute er schon zwischen den Beinen von Christel hervor. Nur wenn ein Windhauch eines der inzwischen zahllosen Blätter der Kastanie und der Linden ringsum von einer Stelle auf eine andere bewegte, dann zuckte er blitzartig zurück. Auch wenn Nora, die Schäferhündin unseres Nachbarn laut bellte, verharrte er ängstlich auf der obersten Stufe des Hauseinganges und wollte überhaupt keinen Schritt mehr weiter laufen. Das jedenfalls, bis ihm klar wurde, dass zwischen Nora und ihm mindestens ein Zaun stand, der Nora daran hinderte ihm irgendein Leid an zu tun. Nun bellte er gar zurück, als ob er erklären wolle, dass auch sein Hof inzwischen von ihm verteidigt wird.
Dass ein Dackel inzwischen die Herrschaft über unseren Hof übernommen hat, bekam auch Charli mit.
Charli
lief uns nur wenige Tage vor dem Dackeljüngling zu. Sein struppiges Fell, eine Unzahl von Zecken und sein unbeherrscht gieriges Aufschlecken der verdünnten Milch, die ihm Anne und Christel in einem Schälchen serviert hatten, zeigten seinen schlechten Zustand an. Er hatte wohl, obwohl nicht älter als vielleicht drei oder vier Monate, schon sehr viel schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Nur wenn wir drei an einem der wunderbar warmen frühen Herbsttage draußen in den Campingstühlen saßen, Kaffee tranken und einfach die Ruhe genossen, konnten wir Charli auch schon einmal streicheln. Er genoss es sehr, wir konnten es an seinem Schnurren erkennen, das laut ertönte. Auch sein Kopf streckte uns ständig entgegen, so als würde er sagen: „He! Nicht aufhören, ja da noch einmal, am besten richtig kratzen!“.
Aber auch mitten im wohligen Gestreichelt- Werden war er ständig bereit die Flucht zu ergreifen und im nahen Wald zu verschwinden. Dieser Wald war seine Wohnung. Er schien ihn gut zu kennen. Zum Wald hatte er unbedingtes Vertrauen. Aber inzwischen kam er jeden Morgen aus dem Wald auf unseren Hof. Während den vier Hühnern und dem bunten Hahn am Morgen die Klappe zum Hof geöffnet wurde und der Hahn seine ersten morgendlichen Krähereien anstimmte, während die Hennen bereits auf der Suche nach Korn und Wurm über den Platz liefen und dabei viel leisere Töne anschlugen, mischte sich immer öfter auch Charlis aufforderndes „Miau!“ dazwischen. Das hieß soviel wie: „Los mach jetzt mal schnell meine Schale mit Milch voll und vergiss ja nicht dieses Katzenfutter, das mir schon gestern so gut geschmeckt hat.“
Der Aufforderung kamen wir natürlich nach und wurden nach und nach und manchmal auch wieder nicht Vertraute von Charli, dem Kater. Er hatte sich auf unserem Hof eine Ecke gesucht, die ihm Schutz vor Regen und Wetter bietet. Sein Verhältnis zu den Menschen auf dem Hof war locker, aber nicht zu vertraulich. In die Wohnung wollte er nicht so gerne, eher kam er morgens etwas abgekämpft und mit Löchern im Fell auf den Hof. Liebte er seine Freiheit oder wollte er nur vermeiden erneut von Menschen enttäuscht zu werden?
Nun musste er ein neues Problem bewältigen. Der Umgang mit diesem nervigen kleinen Dackel. Der hatte inzwischen damit begonnen, alles - Hof und Haus - als sein Eigentum zu betrachten. Alles was dieses Eigentum zu bedrohen schien, wurde mit zahllosen Scheinangriffen und lautem Gebell bekämpft. Schnell hatte er erkannt, dass Charli mit zum Hof gehört, also wurde Charli nicht mehr direkt bekämpft. Vielleicht aber konnte man mit Charli spielen? Das musste sofort ausprobiert werden! Im rasenden Lauf quer über den Hof dackelte Mobby auf Charli zu. Sein kleiner Schwanz wedelte wie verrückt, während sein fröhliches Kläffen bis zu den Nachbarn schallte. Jeder musste doch erkennen, dass er nur zum Spielen aufforderte.
Vor Charli bog sich der kleine Dackelbauch bis auf den Erdboden, die beiden Vorderpfoten fest auf den Boden gestemmt für den Schwung den Mobby brauchte, um direkt vor Charli´s Pfoten zu landen. Charli reagierte auf den ersten Spielversuch mit schneller Flucht.
„Kleines, aber sehr lautes Tier will mich fressen! Schnell verschwinden!“.
Ein paar Tage später war Charli wohl klar, dass Mobby nur ein Dackelwelpe ist, der unerträglich laut und angeberisch durch die Gegend rennt aber nicht, in keiner Weise direkt gefährlich ist.
Mausi
Im Auto saß sie dann ohne Angst und schaute mich nur an. Ja, Mausi war das Autofahren offenbar gewöhnt, denn sie war stets bereit mit einem kühnen Schwung hinein zu springen, um irgendwo anders, am liebsten an einem See oder einem Fluss wieder auszusteigen und zu schwimmen. Mausi hatte mich sofort als ihren neuen Freund angenommen. Obwohl schon vier Jahre alt, und an andere Menschen gewöhnt, genoss sie den Wechsel der Verhältnisse. Streichel- Einheiten schien sie nicht gewöhnt zu sein. Sie war korrupt.
Für jedes Streicheln rutschte sie auf ihrem Bauch ein Stück näher heran. Sie bekam reichlich davon. Eine flauschige Decke diente ihr als Orientierungshilfe und Schlafstatt. Die Decke lag in der Nacht gleich an meinem Bett und am nächsten Tag im Büro auf dem Boden. Mausi erkannte die Symbole und wich nicht mehr von der Decke. Auch deswegen nicht, weil meine beiden schwedischen Geschäftspartner am ersten Tag und auch später ständig wie die Moslems vor der Decke knieten, freundlich lockende Töne von sich gaben und in der Hand immer irgendwelche Hundeleckereien hielten, die kurze Zeit später verschwunden waren. Unsere Spaziergänge am Tage wurden immer ausgedehnter. Mausi lief neben, hinter und vor mir. Die Entfernungen wurden größer, je öfter wir diese Spaziergänge machten und die Ergebnisse ständig interessanter. Den Namen Mausi machte sie zum Beispiel alle Ehre, indem sie Mäuse, die in der Umgebung des Bürohauses wohl reichlich vorhanden waren, fing und mir zum Ende des Spazierganges präsentierte.
Christel war damals noch in der Reha- Klinik in Wandlitz und schloss schon beim ersten Besuch Mausi tief in ihr Herz. Mausi war in den darauf folgenden Jahren ihr tierischer Ansprechpartner in allen Fragen. Selbst meine Mutter erinnert sich noch an Mausi, die freundlich mit dem buschigen Schwanz wedelnd jeden begrüßte, der sich den Fensterscheiben des Autos näherte.
Mobby
Autofahren war für Mobby kein Vergnügen. Jedenfalls nicht sofort. Die erste Ausfahrt quittiert er mit dem Erbrechen seines Mageninhaltes auf die Rückbank des Autos sowie der Hosen von Anne und Mathias, zwischen die er sich gekuschelt hatte. Nun, alle haben ihm verziehen und wären am liebsten die noch verbleibenden zehn Kilometer von Penkun bis Radekow zu Fuß gelaufen. Er hat es dennoch geschafft, die Rückfahrt ohne weitere Zwischenfälle dieser unappetitlichen Art zu überstehen. Dafür machte Mobby aber Fortschritte bei der Unterstützung der Familie im und um den Haushalt. Einmal abgesehen vom Stibitzen oder Erbetteln der Essensreste, so ein Hund braucht ja eigentlich dieses wissenschaftlich zusammen gestellte Welpenfutter, aber so ein Hund möchte schließlich das essen, was die Familie isst!, machte er sich bei den abendlichen Ritualen dieses Hofes wirklich nützlich.
Ist es die Auswirkung der Dackelgene, jagdlicher Instinkt? Jeden Abend gehen Anne und ich auf die Jagd. Nein, nicht mit Fernglas und Flinte! Auf den Hühnerhof geht es. Obwohl unsere Hühner relativ schnell begriffen haben, wohin sie von ganz alleine jeden Abend gehen müssen, nämlich über die von Anne handgefertigte Hühnerleiter in ihren Hühnerstall, lassen unsere zwei Karnickel in dieser Hinsicht jede Hoffnung sausen. Die weiße Zippe und der graue Rammler scheinen sich darauf zu freuen jeden Abend noch eine sportliche Veranstaltung zu erleben und selbst gestalten zu können. Wendig und schnell entkommen sie immer wieder den Fangversuchen. Hast du sie mal in einer Ecke, entkommen sie flugs auch durch deine Beine. Es ist jedes Mal ein großes Jagen und der Beweis menschlicher Unzulänglichkeit.
Erst nach mindestens drei Versuchen, alle begleitet vom auffordernden Klopfen der Karnickelpfoten auf dem Erdboden, gelingt es die beiden freiheitsliebenden Karnickel an den langen Löffeln und dem weichen Fell zu erwischen. Seit dem Mobby dabei hilft, die Karnickel in die Enge zu treiben, hat sich die Zahl der Fehlversuche wesentlich reduziert. Mobby scheint am besten zu wissen, wie man die Fluchtwege von Karnickeln im Voraus berechnet. Auch bei dem Wieder-auf-den-Hühnerhof-Treiben der Hühner, die ihre Flugversuche immer wieder auf das Gelände außerhalb des Hühnerhofes verlegen, sind seine Einsätze hilfreich. Ein dickes Lob am Ende des Abends ist ihm genauso gewiss wie die rohe Kartoffelschale aus dem Futtervorrat der Karnickel, die er mit sehr viel Genuss zerschnurpst.
Kriegst du einen Hund sauber oder erzieht er dich?
Obwohl Mobby unser dritter Hund und zweiter Dackel ist, hat er es wieder einmal geschafft heimlich eine kleine Pfütze im Schlafzimmer zu hinterlassen. Die Aktion muss schon im Laufe des Tages erledigt worden sein, so hilft keine laute Stimme mit deutlichem Bezug auf die Pfütze. Für ihn ist die Sache längst erledigt und er versteht auch nicht warum sich Herrchen hier jetzt so künstlich aufregt. Und obwohl alle Signale darauf deuten, dass Frauchen und Herrchen nun ins Bett gehen und es für Mobby damit Zeit wird auch in diese Betten zu kommen, zieht sich der Mensch noch einmal alle Sachen an, die er am Tage auch an hatte und nimmt sich den kleinen, zum Schlaf und nicht zum Spaziergang bereiten Mobby und geht mit ihm nach draußen. Hinaus in die Kälte statt in die erwartete Bettwärme, Kuschelwärme einmal von Herrchen und einmal von Frauchen.
Was will der Alte? Kommen soll ich? Über die nassen, kalten Blätter auf dem Hof? Mit all den komischen Geräuschen? Ja ist der noch bei Verstand? Gnadenlos setzt er mich auf den Boden. Da bekommt man ja kalte Füße! Pfote für Pfote möchte Mobby am liebsten sofort wieder hoch nehmen. Wie macht man das, ohne auf den Bauch zu fallen? Diese Frage kann auch ein 14 Wochen alter Dackelrüde nicht beantworten.
Max
Max erging es ähnlich. Seinen ersten Winterspaziergang werden wir nicht vergessen. Auch in der Stadt, in der die verlegten Fernwärmerohre deutliche Bahnen durch das frostige Morgenantlitz gezogen haben, hat schließlich der erste Schneefall ausreichende Mengen der weißen Pracht eine geschlossene Decke besorgt.
Neugierig und sehr interessiert ist Max vor uns her gelaufen. Noch keine Spur störte das Weiß der glitzernden Schneedecke, ja selbst der Hausmeister schien vom Schneefall überrascht worden zu sein, denn sonst hätte lautes Geknatter die meisten Mieter in den umstehenden Neubauten geweckt und einer breite, schneefreie Spur für die morgendlichen Fußgänger den Bürgersteig geziert. Da dem nicht so war stakste also Max seine Spuren in den Schnee. Begeistert einerseits aber immer deutlicher spürend, dass Schnee kalt und nass ist. Schon nach wenigen Metern erschöpfte sich bei ihm der Teil der Begeisterung und machte einem Unbehagen immer mehr Platz.
Woran wir, die hinter ihm die Spaziergängergruppe beschlossen, es erkennen konnten? Max konnte seinem Unbehagen in Abstufungen immer deutlicher zeigen. Es begann damit, dass er alle Pfoten in den Schnee stemmte. Dann zuckte er mit seiner rechten aus dem Schnee gehobenen Vorderpfote, er schüttelte sie als wäre sie nass und müsste getrocknet werden. Das Gleiche wiederholte er mit der linken Vorderpfote nur wenige Meter später. Wir waren erstaunt. So etwas wie das Schütteln der Pfoten kennt man doch nur von Katzen? Max jedenfalls hielt das für die richtige Art uns zu signalisieren, dass er nun auf den Arm genommen werden möchte, denn Schnee an den Pfoten ist unangenehm kalt und nass.
Half das nicht, setzte er weitere Mittel ein. Als nächstes hinkte er mit dem rechten Vorderlauf. Dann mit dem linken. Dann mit dem rechten Hinterlauf und da es dann noch immer keine Rettungsversuche der beiden Menschen gab, auch noch mit dem linken Hinterlauf. Wir Menschen durchschauten natürlich sofort diesen Simulanten, auch als er sogar versuchte mit allen vier Pfoten gleichzeitig zu hinken. Unser lautes Gelächter ertönte hinter einem jungen, richtig auf seine Schnauze gefallenen Dackelwelpen. Folgerichtig ignorierte uns Max in den nächsten zehn Minuten. Beleidigt zeigte er uns seine Rückseite und verzichtete auf weitere artistische Einlagen.
Mausi
war auch eine artistische Begabung. Anders als Max war sie die Härten des Lebens schon gewohnt und verzichtete auf schauspielerische Einlagen. Bis auf eine Ausnahme. Sie geriet außer Rand und Band wenn es darum ging, ein Stöckchen zu jagen, zu zerbeißen, zu zerfetzen, wieder heran zu bringen, wenn es von Frauchen oder Herrchen weit entfernt geschleudert wurde, am liebsten in einen Kanal oder einen See.
Hell quietschte ihre Stimme wenn sie wild ihren dringlichen Wunsch heraus schrie: „Los! Schmeiß endlich den Stock! Oder gib ihn mir! Ich will ihn jetzt! Sofort! Los schmeiß!“ In solchen Momenten tanzte und sprang sie wild vor dem Stockhalter herum. Wie ein Pfeil schoss sie dann in die Richtung in der der Stock geschleudert wurde. Nicht immer brachte sie dann den gleichen Stock zurück, aber das war ja auch nicht wichtig. Wichtig war nur das tierische Vergnügen in ihren Augen zu sehen.
Ihr größtes Vergnügen allerdings war das Schwimmen. Gleichgültig ob kalte oder warme Jahreszeit, stets war Mausi bereit ein Bad zu nehmen. Hinaus auf den See, eine große Runde, die Kehre mit dem Schwanz deutlich einschlagend und dann wieder an das Ufer zurück, schnaufend, prustend aber zufrieden, so jedenfalls deuteten wir ihre Mimik und Körpersprache. Wenn dann noch jemand am Ufer einen Stock in der Hand hielt, war die Bereitschaft aber sofort wieder in das Wasser zu springen und wie ein kleiner Dampfer direkt oder vielleicht auch daneben zielend los zu flitzen besonders ausgeprägt. War ihr schwarz- weiß geflecktes Fell mit den braunen Punkten im trockenen Zustand recht voluminös, ja fast ein wenig zu dick wirkte der Hund, klatschte es im nassen Zustand auf ihren Körper und ihre Gestalt veränderte sich dramatisch in Richtung verhungertes Hundeexemplar. Aber ihre Augen und ihr Körper signalisierten deutlich: „Jetzt nicht aufhören. Sofort wirfst du wieder einen Stock in das Wasser!"
Max
mochte das Wasser nicht so besonders. Ging die Familie in einem See baden, dann stand ein einsamer Dackel am Ufer. Erst still und traurig, dann immer lauter rufend: „Rettet meine Familie, alle sind im See und weit hinaus geschwommen, die werden ersaufen, wenn sie keiner zurück holt!“, sein Gejaule war so schön wie eine Sirene, die im Falle eines Brandes die Feuerwehrleute zusammen ruft. Nein, das Wasser war es nicht, was Max besondere Freude bereite, aber der Wald.
Unser erster Ausflug in den Wald galt der Jagd. Der Jagd nach Pilzen. Zwei Jungen, ein Mädchen und die Eltern der Familie gingen auf die Pilzpirsch. Max musste mit, wollte mit, sollte er auch.
Nach einiger Zeit ließen wir Max von der Leine und er blieb treu und brav immer bei einem von uns. Beruhigt suchten wir weiter nach den Pilzen und fanden auch ausreichende Mengen. Nach einer Zeit der erfolgreichen Pilzsuche fällt auf, dass Max verschwunden ist. Lauts Max- Gerufe ertönt durch den Wald, alle Waldbewohner werden alarmiert. Die einen nehmen Reißaus, andere kommen näher , um sich die lärmenden Menschen an zu sehen. Die sind immer mehr besorgt, denn von Max fehlt jede Spur. Betroffen schauen wir uns immer öfter an:
„Sollte Max verloren gegangen sein! Für immer verschwunden?“
Nein, wieder wird in alle Richtungen des Waldes ausgeschwärmt. Max kann doch nicht für immer verloren sein! Der nächste Treff der Familie bringt wieder kein Erfolgserlebnis. Sogar bei den Jungs kann der geübte Beobachter Tränen der Verzweiflung erkennen. Wir verlassen diesen Wald nicht eher, bis wir Max gefunden haben, so steht es in klaren großen Lettern auf der Stirn jedes Familienmitgliedes. Rufend und suchend durchstreifen wir den Wald zum wiederholten Male. Wo ist bloß der kleine Max geblieben?
Wenn er doch wenigstens antwortend kläffen würde. Nach sechs Stunden intensivster Suche erreicht uns eine freudige Nachricht und ein nasser, vollkommen aus der Puste geratener kleiner glücklicher Dackel. Seine Flanken fliegen und sein Kopf trägt Spuren von kratzenden Zweigen, wieder getrockneter Schweiß und Erdresten. Glücklich wieder vereint gehen drei Kinder, zwei Erwachsene und ein Dackel zurück zum Auto. Für diesen Tag haben wir die Pilze im Wald vergessen.
Am Abend sitzen alle zufrieden im Wohnzimmer und tauschen ihre Gedanken über diesen Tag und ihre Gedanken während der Suche nach Max noch einmal aus. Und während den Menschen in der Familie klar wird, wie wichtig inzwischen dieser kleine Hund für unsere Familie geworden ist, kuschelt sich dieses neue Familienmitglied zufrieden zwischen den Kindern auf dem Sofa und schläft tief und fest. Nur manchmal wird sein Schlaf unterbrochen. Dann zuckt es durch den kleinen Hundekörper, dieses kaum als solches erkennbare Bellen und die Pfoten wollen wieder laufen.
Mobby
ist nun 14 Wochen alt. Schnee hat er noch nicht erlebt, auf seine Reaktionen können wir also noch gespannt sein. Er erkundet inzwischen immer intensiver den Hof, sein Herrschaftsgebiet. Weil am Rande des Hofes der Park mit den vielen Linden, Kastanien und Ahorn beginnt, liegen dort auch die meisten Blätter. Einerseits weil wir es nicht unterlassen den herbstlichen Blätterfall durch emsiges und immer wieder wiederholendes Harken auf andere Räume zu verteilen, als ausgerechnet auf dem bisschen Rasen und anderseits fallen die Blätter ja auch direkt herab. Mobby erforscht zu gerne diese laut raschelnden Laubmassen. Insbesondere am Abend, wenn die herbstliche Dunkelheit schon fast in die Nacht übergegangen ist. Oft schreckt er vor dem Rascheln zurück. Angst und Neugier scheinen sich fast die Waage zu halten. Da , es hat schon wieder geraschelt, vielleicht ein Mäuschen? Oder vielleicht doch etwas gefährliches? Wie ein Hund wächst, wissen wir schon. Es geht sozusagen wie beim Menschen immer nur Millimeter für Millimeter. Wenn einen Dackel die Neugier packt und er gleichzeitig fürchtet, dass ihm etwas passieren könnte, dann wächst er in Sekundenbruchteilen um mindestens 25 Prozent seiner bisherigen Körperlänge beim Beschnuppern der so wahnsinnig interessanten Sache, da vor ihm. Aber nur um in der gleichen Zeit, nur wenig später auf 50 Prozent seiner ursprünglichen Länge wieder zu schrumpfen, weil sich etwas bewegt oder etwas zu hören ist, was nicht, jedenfalls nicht sofort für den Dackel erklärbar ist.
Dann wird erstemal ein größerer Kreis gelaufen.
Aber schon wieder ist die Neugierde erwacht und erneut beginnt das Spiel mit dem schnellen Wachstum und dem genauso schnellen Wieder- schrumpfen der Dackelkörperlänge.
Da war Mausi ganz anders. Sie kannte das Leben. Ihre Lieblingsbeschäftigung war neben den Wasserspielen und dem Futtern das Schlafen, gleich bei Frauchen auf dem Sofa Körperkontakt gesucht, Streicheleinheiten bei Christel abgerufen und selig entschlummern. Ihre Körperhaltung während des Schlafes verriet, wie sehr sie sich bei uns wohl und geborgen fühlte. Als Wachhund allerdings war sie völlig ungeeignet. Klingelte es an der Tür und Christel musste das Sofa verlassen, um den Besucher zu empfangen, hob Mausi allenfalls den Kopf um kurz nach zu sehen, warum Christel wohl aufgestanden sei und ob sie bald wieder kehren würde. Wer oder was da in die Wohnung kam, interessierte sie nicht. Deutliches Signal war das sofortige Fallenlassen ihres Kopfes in die bisherige Schlafhaltung. Und auch das war ein wesentliches Kennzeichen von Mausi. Sie pflegte die Nächte meist in unserem Schlafzimmer - nicht aber in den Betten- zu verbringen. Auf einem kleine Teppich hatte sie ihren Platz für die Nacht gefunden. Ein lautes Schnarch-Duett ertönte aus dem Schlafzimmer und keiner von denen, die es hörten konnten die Töne dem Verursacher eindeutig zu ordnen. Nur ich und der Hund hätten es können, aber wer schnarcht, der schläft.
Nur wenige Wochen später „fühlt“ sich Mobby in der Lage, mindestens zum Teil selber die Verhältnisse auf unserem Hof zu schildern ...