Als kleines Mädchen kam ich das erste Mal mit einem Hund in Kontakt. Es war Lucky,
der Hund meiner Tante, der Schwester meiner Mutter, und ihres Mannes in der ehemaligen DDR. Die haben wir zweimal besucht, einmal im Sommer und einmal an Weihnachten.
Lucky war ein Spitz, zumindest sah er so aus, mit seinem hoch über dem Rücken getragenen "Nudelschwanz". Sie war ein Kettenhund, ihr zuhause war ein Teil des Hühnerstalles. Das hört sich für heutige Verhältnisse natürlich nach Tierquälerei an, doch in der damaligen Zeit hatte man wohl ein ganz anderes Verständnis davon. Luckys Futter waren die Reste vom essen der Zweibeiner.
Luckys Reich war ein kleiner Bauernhof in der Nähe von Lutherstadt-Wittenberg. Zum Hof gehörten auch noch andere Tiere, Hühner, Kaninchen, Tauben. Außerdem ein großer Gemüsegarten mit einer Pumpe zum Wasserholen. Ich dürfte dem Onkel immer helfen beim Füttern der Tiere, dafür gab er mir sogar etwas DDR-Geld. Na ja, dafür konnte man nicht viel kaufen, aber ich brachte trotzdem noch ein paar schöne Sachen mit nach Hause. Wir gingen Pilze suchen im Wald, der Onkel wusste genau, welche essbar waren.
Im Februar 1980 starb der Onkel. Der Überlieferung nach war er mit dem Motorrad unterwegs auf einem Feldweg am Haus, als er einen Schlaganfall erlitt und starb. Lucky war bei ihm. Sie blieb neben ihrem Herrchen sitzen, bis er gefunden wurde. Zwei Jahre später starb auch die Tante. Das Anwesen erbte wohl der Sohn, mein etwas muffeliger Vetter.
Im Sommer 1989, noch bevor die Mauer fiel, war ich wieder in der DDR, diesmal bei einem weiteren Onkel in Thüringen und seiner Frau. Diese machten mit mir einen Wochenend-Abstecher zu einem anderen Onkel, der in der Nähe von Luckys Heim lebt. Eines Abends ging ich ganz allein die Straße herunter und suchte das Haus und fand es auch. Es war alles ziemlich verändert, keine Tiere mehr, Garage statt Hühnerstall, kein Gemüsegarten mehr. Aber Lucky war noch da, sie bellte, als sie mich sah. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich erkannt hatte, oder einfach bellte, weil Hunde das eben machen. Jemand im Haus öffnete ein Fenster und guckte raus, es war wohl mein Vetter, aber er erkannte mich wohl nicht und knallte das Fenster wieder zu.
Einige Monate später, kurz nachdem die Mauer gefallen war, kamen meine Onkels das erste Mal zu Besuch, diesmal ganz ohne jede Einreise-Formalitäten. Da erzählte Onkel Günter, dass Lucky vor kurzem gestorben sei.
Vor einigen Jahre war ich mit meiner Mutter noch einmal dort. Das Haus war noch immer da und der Vetter darin. Es gab auch wieder einen Gemüse- und Blumengarten und es gab auch einen Hund und mehrere Katzen, die nach meines Vetters Aussage aber dort ohne seinen Willen leben würden, er hätte sie sich gar nichts ins Haus geholt. Ungerührt erzählte er, dass er die jungen Katzen, die des öfteren geboren würden, in der Regentonne ertränkt hätte! Und so was lebt dann auf dem Land... ! Ich frag mich nur, warum in seiner Mülltonne leere Katzen- und Hundefutterpackungen waren. Meiner Meinung nach gehören Tiere auf dem Land zum Leben einfach dazu.