Hallo, da bin ich wieder. Heute geht es um meine Erlebnisse auf der Zuchtschau unserer Dackelgruppe. Für meine Eltern bin ich natürlich sowieso der schönste Dackel, aber die anderen Vereinsmitglieder und auch meine Zweitmama, die Züchterin, überredeten sie, sich das amtlich bestätigen zu lassen: Eben durch die Vorstellung auf der Zuchtschau.
Mein Vater hatte sich vorher über die Anforderungen Informiert und mit mir Im-Kreis-laufen und "Maul auf!" geübt. "Maul auf!" deshalb, weil der Richter die Zähne kontrollieren will und wer den Richter beißt, wird disqualifiziert; so steht es in der Prüfungsordnung, aber durch das wöchentlich zweimalige Zähneputzen durch meine Mama war mir das sowieso nicht so neu. Das Im-Kreis-laufen bereitete mir auch keine Probleme, aber ich brauchte es gar nicht, wie wir später sehen werden.
Als der Sonntag, der Zuchtschau endlich herangekommen war, waren meine Eltern mindestens ebenso aufgeregt wie ich. Meine Zweiteltern hatten ihnen angeboten, uns mit dem Auto abzuholen, um mir die Straßenbahnfahrt zu ersparen, aber das war keine so gute Idee für meine Nerven. Im Auto war nämlich auch meine Cousine, die ebenfalls vorgestellt werden sollte, und darüber regte ich mich wahnsinnig auf. Mein Vater konnte mich kaum halten, weil ich auch noch ständig auf meine vor mir sitzende Zweitmama klettern wollte.
Als wir ankamen, mussten wir uns zuerst anmelden. 25 Dackel waren registriert. Ich war im Programm als die Nummer 8 aufgeführt und kam mir richtig stolz vor, als ich dort mit all meinen Daten stand. Auch mein Vater freute sich, als er seinen Namen als Besitzer las. Worüber freut man sich nicht alles? Das betrifft sowohl Hunde als Menschen.
Dann ging es los. Der erste Dackel wurde aufgerufen. Zuerst wurde er auf einen Tisch gesetzt und der Richter und seine Assistentin guckten ihm ins Maul und zählten die Zähne. Dann wurde das Fell befühlt und anschließend musste er mit seinem Frauchen im Kreis laufen, wobei der Richter den Gang beobachtete und der Assistentin, einer Richteranwärterin, Erläuterungen gab. Am Ende erklärte er laut die Vorzüge und Mängel des vorgestellten Hundes und gab die Bewertung bekannt: SEHR GUT! Mein Vater hatte mir erklärt, dass nur ein VORZÜGLICH oder höchstens SEHR GUT ein Grund zur Freude sei, GUT ist lediglich eine Genehmigung zur Zucht und befriedigend fast schon eine Diskriminierung. Das gilt aber nur für Teckel mit Ahnentafel. Ein "Straßen"-Dackel muss mindestens ein SEHR GUT bekommen, um als Teckel anerkannt zu werden. Mir wurde schon ganz bange; womit sich die Menschen nur das Leben schwer machen, statt sich mit uns zu freuen, dass ein schöner Tag ist und die Sonne scheint.
Auf dem abgesteckten Kreis wechselten inzwischen freudige und enttäuschte Gesichter der Hundebesitzer einander ab, je nach dem Ergebnis der Bewertung. Manche Dackel hatten zu dünnes Fell, andere "standen zu gut im Futter", wieder andere hatten ein unvorschriftsmäßigen Gang oder wackelten auf falsche Art mit dem Hinterteil.
Endlich war ich an der Reihe. Mein Vater hob mich auf den Tisch und ich öffnete auf "Maul auf"! gehorsam den Fang, während mich mein Vater beruhigend streichelte. Der Richter fing an, die Zähne zu zählen, stutzte, fing von vorn an, rief die Assistentin herbei und in diesem Moment wusste ich, dass etwas schiefging. Mein Vater wurde gefragt, ob er schon einmal die Zähne nachgezählt hätte, was er verneinte. Dann suchte der Richter in seinen mitgebrachten Akten, rief noch andere Experten herbei, um ihnen die Sensation mitzuteilen, dass zum erstenmal in seiner Richterlaufbahn die Zähne P 3 oben, rechts und links fehlten, was außerordentlich selten sei. Potz Blitz und Wackeldackel! Ich hatte zwar nichts dagegen, eine Sensation zu sein, aber nicht auf diese Art. Dann musste ich noch laufen, aber ich tat es schon ohne rechtes Interesse, weil ich fühlte, dass es darauf nun auch nicht mehr ankam. Dann verkündete der Richter das Ergebnis: MANGELHAFT! Zur Zucht untauglich - ein guter Gebrauchshund. Gut, meine Eltern wollten mit mir sowieso nicht züchten, aber die Enttäuschung stand ihnen im Gesicht geschrieben. Mein Vater ging ganz geknickt vom Platz und meine Mama konnte die Tränen kaum zurückhalten. Da halfen auch die trostreichen Worte von Bekannten nicht. Dann entspann sich unter den Unbeteiligten noch eine Diskussion, wer das vorher hätte merken müssen. Die Einen meinten, die Züchterin, die Anderen der Tierarzt. Meine Eltern hatten an diesen Diskussionen kein Interesse und mussten den Schock erst einmal verdauen, denn alle hatten ihnen Hoffnung auf eine gute Bewertung gemacht und mich als wunderschönes Exemplar bezeichnet, was ja auf mein Aussehen auch zutrifft; aber auf ein eventuelles Problem mit den Zähnen hatte uns niemand hingewiesen.
-
Mein Vater ging mit mir erst einmal eine Runde in den Wald spazieren. Dann waren wir alle soweit, dass wir wieder den irdischen Genüssen zusprechen konnten: ich einer Bratwurst und meine Eltern stärkten sich mit einem Schluck "Jägermeister"
Später musste noch meine Ahnentafel ans Zuchtbuchamt eingeschickt werden, um meine Zuchttuntauglichkeit einzutragen. Dabei ist die Bewertung von MANGELHAFT in DISQUALIFIZIERT WEGEN ZAHNFEHLER geändert worden, was ich auch gerechter finde, denn sonst klingt es so, als ob ich ein Krepel wäre und ich bin ja doch ein schöner Dackel; für meine Eltern sogar das allerschönste Dackelmädchen, das es auf der Welt gibt.