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Dollys Dackel-Geschichten


Vorbemerkung: Dollys Dackel-Geschichten sind kein dokumentarischer Bericht, sondern ein literarisches Produkt, dem natürlich wirkliche Ereignisse und Personen als Vorlage gedient haben. Die Ausgestaltung erfolgte aber in dichterischer Freiheit, so dass NICHT aus den Geschichten auf den tatsächlichen Ablauf von Ereignissen und den Charakter von Personen geschlossen werden kann; insbesondere die Sicht des Hundes ist ein Fantasieprodukt und bedeutet keine Wertung des Autors.

Vorgeschichte: Wie wir auf den Hund kamen

Dreizehn Jahre hatten wir mit einem Kater zusammengelebt und Freude und Leid mit ihm geteilt; zuletzt mehr Leid als Freude, bevor wir ihn einschläfern lassen mussten.

Als ihn unsere Tochter am dritten Weihnachtsfeiertag 1985, einem kalten ungemütlichen Wintertag, mitbrachte, war er ein kleines, halbverhungertes Bündel Fell mit zwei wachen Augen in einem großen Kopf. Unsere Tochter war damals ein Teenager und es hatte einen der in diesem Lebensalter häufigen Auseinandersetzungen mit den Eltern gegeben. Sie war wütend weggerannt und kam nach einer Weile mit dem Kater wieder, der sich an sie schmiegte. Wie sich herausstellte hatte er unter der Eingangstreppe GEWOHNT, und sie hatte ihn schon eine ganze Weile mit dem Leberkäse, den sie nicht mochte, gefüttert. Nun waren wir erst einmal froh, dass sie wieder da war und wegen unseres Verhaltens vielleicht auch ein wenig schuldbewusst, so dass wir wegen der eingeschleppten Katze keine neue Auseinandersetzung vom Zaun brechen wollten.

Besonders meine Gefühle waren zwiespältig. Als Kind hätte ich gern ein Tier gehabt, aber meine Mutter hatte einen Abscheu vor Haustieren und ordnete sie in die Kategorie unnützes und schmutzbringendes Ungeziefer ein. Ihr Abneigung ging so weit, dass sie Menschen, die ein Tier besaßen, sofort ablehnte. Bis zu diesem Zeitpunkt war es mir noch nicht gelungen, mich von diesem Einfluss zu lösen. So stritten in mir die Erfüllung des Kinderwunsches und die vermittelte Abneigung miteinander, als unsere Tochter mit dem Kätzchen vor mir stand. Wie so oft im Leben, ging es erst einmal durch einen Kompromiss weiter. EINE Nacht darf es erst einmal dableiben und sich aufwärmen.

Aus der einen Nacht wurden dreizehn schöne Jahre. Als unsere Tochter auszog, um ihre eigene Familie zu gründen, ließ sie den mittlerweile stattlichen Riesenkater da und meine Frau hatte weiter etwas zu bemutteln. Der Kater hatte von der ganzen Wohnung Besitz ergriffen, die überall katzengerecht mit Kletter- und Kratzmöglichkeiten eingerichtet war. Nichts war vor ihm sicher, außer man SCHLOSS es weg, da er auch auf jeden Schrank hinaufkam. Die letzten Jahre plagte er sich im Winter mit Fellproblemen; teilweise sah er wie ein Punker aus, wenn er nur noch auf dem Rücken einen Kamm hatte. Doch mit Hormonspritzen erholte er sich immer wieder, bis es einmal doch zu Ende ging. Er wurde unsauber und wir suchten verzweifelt nach der Ursache in unserem Verhalten, denn Unsauberkeit eines ansonsten stubenreinen Tieres ist ja immer ein Signal. Auch der Tierarzt wusste keinen Rat. Der Kater wurde in ganz kurzer Zeit träge und lustlos, lag nur herum und wir versuchten ihn zu ÜBERREDEN, sich in sein Katzenklo zu entleeren. Hinterher ist uns klargeworden: Er fühlte sich schlecht und protestierte, das wir ihm nicht halfen, denn in seinem Katzenleben hatten wir ihm ja immer göttergleich bei allen Problemen geholfen. Dass es gegen den Tod keine Hilfe gibt, wusste er zum Glück nicht. Als wir ihn wieder zum Tierarzt brachten, war die Diagnose klar: Nierenversagen. Das zeigt schon der urämische Geruch. Der Körper versuchte verzweifelt, die Giftstoffe, die die Nieren nicht mehr herausfilterten, über die Haut auszuscheiden. Wir entschieden uns gleich, ihn nicht länger leiden zu lassen. Als er schon die Betäubungsspitze bekommen hatte, kroch er noch einmal zu uns und stupste jeden kurz mit der Nase an. Dann schlief er ein und wir gingen. Der Tierarzt gab ihm dann die zweite Spritze, die zum Herzstillstand führte. Den Körper ließen wir da.
Er symbolisierte für uns nicht das Lebewesen mit dem wir dreizehn Jahre unseres Lebens geteilt hatten. Dann schon eher die Fotos, bei deren Ansehen man dann oft sagt: "Weißt du noch, als ..." - - - Wir hätten gleich wieder einen übriggebliebenen Kater mitnehmen können, der beim Tierarzt nach einer Behandlung nicht abgeholt worden war, doch wir wollten erst einmal Abstand gewinnen.

Nach und nach entwickelte sich bei uns der Gedanke, es doch einmal mit einem Hund zu versuchen, denn ein Tier wollten wir wieder. Zu ungemütlich war die Wohnung, wenn niemand herumraschelte und mitatmete. Eine Katze fesselt einen aber an die Wohnung. Man strebt möglichst schnell wieder nach Hause, um sie nicht solange allein zu lassen. Nun sind wir sowieso sehr häuslich und reisen nicht. Das wollten wir mit zunehmenden Alter nicht noch unterstützen. Ein Hund dagegen ZWINGT einen zum Spaziergang, da er naturgegeben mehrmals täglich hinaus muss. Nur wegen der zeitlichen Organisation hatten wir es auf unsere Rentnerzeit verschoben. Doch wie es ist, wenn wir Menschen planen: Das Schicksal richtet sich nicht danach, weder im Guten noch im Bösen - und die Rentnerzeit kam durch eine chronische Krankheit von mir schneller als gedacht. Als ich nun auf einmal den ganzen Tag zu Hause war, galt es dem Tagesablauf - und damit dem ganzen Leben - wieder Struktur und Sinn zu geben. Nun war es soweit: Ein Hund sollte her!

Das war leichter gesagt, als getan. Wie kommt man zu einem Hund? An einschlägiger Literatur ist kein Mangel, aber die Entscheidung muss man schließlich selbst treffen. Unserer Mietwohnung entsprechend sollte er nicht zu groß sein und vor allem pflegeleicht; also nicht langhaarig. Da unsere Tochter als Kind einmal einen Beagle regelmäßig ausgeführt hatte, kamen wir auf diesen lustigen, bunten Gesellen. Die Hürde der Einwilligung des Vermieters bewältigten wir unkompliziert, solange es kein "Kampfhund" sei. Im Genehmigungsschreiben wurde uns sogar "viel Erfolg bei der richtigen Auswahl Ihres künftigen Hausgenossen" und viel Spaß gewünscht.

Nun brauchten wir nur noch einen Züchter in unserer Nähe, da wir kein Auto haben. Über die Welpenvermittlung des Beagle-Klubs fanden wir auch eine Züchterin, meldeten uns an und fuhren mit dem Zug hin, um uns die Tiere anzusehen. Leider entsprach der Empfang nicht unseren Vorstellungen. Sie hatte die Verabredung vergessen, betonte ständig dass sie keine Zeit habe und das ZEIGEN der Tiere bestand darin, dass sie auf den Hof wies, wo sich zirka zehn Hunde tummelten und sagte: "Das sind die Hunde." Das hätten wir uns natürlich auch so denken können; wir waren auf detaillierte Erklärungen eingestellt. Durch die Gesprächssituation "zwischen Tür und Angel" kam aber überhaupt keine Atmospäre auf: Nur die Mitteilung über den Preis, wobei uns 1700 Mark doch etwas schockierten und das es im Frühjahr wieder Welpen gäbe. Am meisten schreckte uns jedoch ein angekündigtes Kontrollrecht zum Aufenthalt des Tieres ab. Der Hund sollte unser sein und die Vorstellung, dass immer wieder jemand unverhofft vor der Tür stand und den Zustand des Hundes kontrollieren wolle, stieß uns ab. Unser Gedanke war, dass man bei einem guten Verhältnis zum Züchter, diesen sowieso ab und zu über das Wohlergehen des Tieres Informiert und ihm ein paar Fotos schickt, aber an ein gutes zukünftiges Verhältnis glaubten wir schon nicht mehr. Nach kurzer Zeit wurden wir verabschiedet und mussten nun noch zwei Stunden auf dem Bahnhof des kleinen Ortes verbringen, ehe wir zurückfahren konnten. Dabei war uns schon klar, dass das Vorhaben BEAGLE gescheitert war.

Aber wie nun weiter. Das Theoretisieren und Lesen von Hundeliteratur hatten wir nun nach einem halben Jahr Vorbereitung auf die Anschaffung des neuen Hausgenossen satt und wollten in die Praxis gehen. Auch eine Hundeecke war schon in der Küche eingerichtet. Nun hatte ich schon immer gesagt, dass ich bei meiner Körpergröße von 1,95 m keinen Dackel wolle, da das zu komisch aussähe, aber irgendwie kamen wir über diese Gedankenverbindung auf den Rauhhaardackel, kleiner als ein Beagle, aber für meine Frau von 50 kg Körpergewicht auch besser handhabbar und man kann ihn sich auch einmal unter den Arm klemmen. So richteten wir nun unser Interesse auf einen Rauhhaardackel.

Der Zeitpunkt sollte kurz nach einem meiner Krankenhausaufenthalte liegen, damit genügend Zeit zum Eingewöhnen bliebe. So gab ich, zurück aus dem Krankenhaus, im Januar 2000 folgende Anzeige auf: Beagle oder Rauhhaardackel, bis 1 J., aus Raum ***, von älterem Ehepaar zu kaufen ges. Tel. ***
Als erstes meldete sich eine Frau, die nicht richtig lesen konnte und einen Hund kaufen wollte, dann wollte uns ein Mann zu einem Cocker Spaniel überreden. Ich las inzwischen in der Zeitung den TIERMARKT und da stand es:

Sehr schöne Rauhaardackelwelpen m. Pap. gei., entw. Tel. ***
Ich gleich ans Telefon und mit der Züchterin einen Termin für kommenden Samstag vereinbart. Nach zehn Minuten noch einmal angerufen, ob man bei Einigwerden gleich einen Welpen mitnehmen kann? Ja, sie sind schon fünfzehn Wochen. Nach weiteren zehn Minuten klingelt das Telefon. Eine Frau bietet mir Rauhhaardackelwelpen an, die Stimme kommt mir bekannt vor. Haben wir nicht schon vor zehn Minuten zusammen gesprochen und den Termin für Samstag vereinbart? Ja, es war die gleiche Züchterin. Sie hatte nun MEINE Anzeige gelesen und wir hatten uns sozusagen über Kreuz angerufen. Das nahm ich als ein gutes Zeichen, dass wir bald zu UNSEREM Hund kommen würden. Die Züchterin wollte nur noch das Alter des ÄLTEREN EHEPAARES wissen und war über die Auskunft 55/50 beruhigt. Sie hatte bei der Formulierung mit 75/70 gerechnet und hätte dann keinen Welpen verkauft.

Am Samstag fuhren wir dann beizeiten los; mit der Straßenbahn. Vorher hatten wir noch Welpenfutter gekauft und einen Tragekorb mit Decke und Halsband mitgenommen. Als wir ankamen, kehrte die Züchterin gerade vor ihrem Laden die Straße. Wir kamen schnell ins Gespräch und waren uns sofort sympathisch. Drinnen bekamen wir dann erst einmal einen Kaffee angeboten und wir berichteten über unsere Vorstellungen und Gründe des Hundekaufs. Dann ging es zu den Hunden. Das ganze kleine Haus schien voller Dackel zu stecken. Zwei auf den Hof ausgesperrte protestierten lautstark und verlangten eingelassen zu werden, um zu erfahren, was es Interessantes gäbe, dass ihnen die Artgenossen durch ihr Bellen mitgeteilt hatten.
Wir bekamen zuerst eine kleine braune Hündin gezeigt, die wegen einem Zahnfehler billiger war, aber der Funke sprang nicht über und so holte die Züchterin dann ihr Prachtstück hervor: Dolly von der Parthenaue. Wir wussten sofort: Die ist es.

So kamen wir auf den Hund und nun beginnen Dollys Dackel-Geschichten, Episoden aus einem (Hunde)-Leben, ihrem Vater diktiert.

Autor: © Martin Eberhard Kamprad    http://www.kamprad-online.de



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