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Anuk, der Schlittenhund


Frostiger Polarwind fegt über die endlos erscheinende Eiswüste. Soweit das Auge reicht erstreckt sich die glitzernde und kalte Welt der schneebedeckten Ebene. Das ganze Gelände scheint im Dauerfrost erstarrt zu sein, doch dieser Eindruck ist trügerisch. Der scheinbar feste Boden besteht aus zusammengefrorenem Packeis, das an manchen Stellen breite Risse und Klüfte hat. Die Menschen, die in diesem Teil der Welt ihr Dasein fristen, leben ständig mit der Gefahr, durch das schneebeladene Eis zu brechen und in den bitterkalten Fluten des Polarmeeres zu ertrinken. Die einheimischen Jäger, die weitab jeglicher Zivilisation ihre Netze und Fallen kontrollieren, wissen von der Unberechenbarkeit des Eises in ihrem Revier. Aus den Überlieferungen ihrer Ahnen haben sie gelernt, in dieser unwirtlichen Umgebung zu überleben und ihre Bedürfnisse aus den wenigen natürlichen Quellen zu decken, die ihnen zur Verfügung stehen. Als Hilfe bei der beschwerlichen Arbeit und um die langen Wegstrecken durch die unüberschaubaren Jagdgründe zurücklegen zu können, züchteten die Vorfahren der heutigen Bewohner dieser kargen Landschaft eine Hunderasse, die den enormen Anforderungen der lebensfeindlichen Umgebung gewachsen ist. Das Ergebnis der langwierigen Selektion ist der Schlittenhund. Der Husky trotzt dem Schnee, dem Eis, der Kälte und ist ein ausdauernder Läufer. Zusammen mit anderen Artgenossen wird das Tier vor einen Schlitten gespannt, um Menschen und Lasten zu transportieren. Unter den extremen Lebensumständen, die in seiner angestammten Heimat vorzufinden sind, fühlt sich der Husky wohl. Vor vielen Jahren wurde er auch bei uns als Haushund eingeführt. Wie viele von den ursprünglich angezüchteten Eigenschaften in unserem gemäßigten Klima verloren gegangen sind ist ungewiss, doch der ungezügelte Bewegungsdrang ist nach wie vor erhalten geblieben. Diese Erfahrung musste auch eine junge Huskybesitzerin machen, deren Hund durch eine komische "Einlage" für allgemeine Erheiterung und viel Gelächter sorgte.

"Anuk" ist eine imposante Erscheinung. Sein dichtes, schwarzes Fell hat große, helle Flecken. Die mandelförmigen Augen geben dem Hundegesicht einen exotischen Charakterzug, und die wuchtige Statur unterstreicht das kraftvolle Aussehen des Tieres. Frauchen ist mit Recht stolz auf ihren Weggefährten, denn bei den ausgedehnten Spaziergängen, in der nahen Parkanlage, drehen die Leute bewundernd die Köpfe nach dem Tier und sehen ihm anerkennend hinterher. Anuk scheint sich seiner Schönheit bewusst zu sein. Mit erhobenem Kopf schreitet er neben seiner Besitzerin her und lässt sich gern bestaunen. Kaum einer der Passanten ahnt, welcher Aufwand betrieben werden muss, um die Fasson des Huskypelzes zu bewahren. Mehrmals am Tag muss gestriegelt und gebürstet werden, bis das Fell seidig glänzt. Das Ergebnis dieser mühevollen Arbeit spricht für sich selbst.

Der Winter brachte ergiebige Schneefälle, was Anuk sichtliches Wohlbehagen bereitete. Mit viel Wonne wälzte er sich in der weißen Pracht, bis sein Fell kaum noch zu erkennen war. Frauchen hatte Verständnis für die Anwandlungen des Tieres, denn der Schnee war sein ursprüngliches Element. Die Frau beschloss, gemeinsam mit Anuk einen Tag in einer der städtischen Parkanlagen, dem Maudacher Bruch, zu verbringen. Dort wollten beide die Freuden des Winters nach Herzenslust genießen.

An einem kalten, aber sonnigen Tag, machte sich die Frau auf den Weg. Auf der einen Seite führte sie den Hund an der Leine, auf der anderen zog sie einen Schlitten hinter sich her. Schon bald war der höchste Berg der Gegend erreicht, der von den Bürgern "Monte Scherbelino" genannt wird. Der volkstümliche Name dieser Erhebung hat einen ernsten Hintergrund. Unter einer dicken Schicht aus gutem Mutterboden verbirgt sich der Müll vieler Jahre, der zu einer Halde aufgeschichtet worden war. Den vielen großen und kleinen Wintersportlern war diese Tatsache egal, sie tummelten sich im Schnee. Anuk und sein Frauchen erklommen den "Gipfel", wo der Hund von der Leine gelassen wurde, Frauchen auf dem Schlitten Platz nahm und sich den Talfahrern anschloss. Der Husky tobte neben seiner Herrin her, den Hügel hinunter. Das er dabei vor Vergnügen laut bellte, störte keinen. Immer wieder zog die junge Frau den Schlitten auf die Kuppe. Wieder einmal oben angekommen ging ihr die Puste aus und sie wollte sich am Rand der belebten Piste ausruhen. Rittlings auf dem hölzernen Sportgerät sitzend sah sie dem Treiben der anderen zu. Plötzlich fuhr der Schlitten los. Die Frau wusste nicht wie ihr geschah, denn sie hatte keinen Anlass zur Abfahrt gegeben. Sie spürte nur, wie etwas an ihren Schultern drückte. Anuk hatte das Warten zu lange gedauert. Die Vorderpfoten in Frauchens Rücken gestemmt und auf den Hinterbeinen laufend, schob er sie samt ihrem Gefährt den Hang hinunter. Der "Monte Scherbelino" wackelte unter dem Johlen und Lachen der Umstehenden, die sich über das seltsame Schauspiel amüsierten.

Anuk, Frauchens Stolz

Der jungen Frau war diese Situation sehr peinlich und sie währe am liebsten in der nächsten Schneewehe versunken. Anuk sah nur verdutzt in die Runde und konnte sich keinen Reim auf die laute Fröhlichkeit der Menschen machen. Erst wollte die Frau schimpfen, doch dann besann sie sich eines Besseren, denn schließlich hatte sie versäumt ihrem Husky beizubringen, dass Schlittenhunde ihre Last nicht drücken sondern ziehen.

Autor: © 1998, Vision Bird Medien  Adrian Pfeiffer  Bild: Claudia Breit           http://www.tieralbum.de/home





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