Neunzig Meilen Einsamkeit
Meine ersten Drei Tage in Neuseeland verbrachte ich damit, durch Auckland zu spazieren. Eine faszinierende Stadt, mit dem Pazifischen Ozean im Osten, und der Tasmanischen See im Westen. Unabhängig davon, wo mensch sich in Auckland befindet: Es dauert nie mehr als 20 Minuten mit dem Auto, um an einen Strand zu kommen. Dazwischen kommt es einem vor, als befände mensch sich in einer gigantischen Kleingärtnerkolonie. Abgesehen vom unmittelbaren Stadtkern, gibt es selbst in den umliegenden Stadteilen kaum mehrstöckige Häuser. Die gesamte Stadt, mit über einer Millionen Einwohnern, besteht aus unzähligen Ein- und Mehrfamilienhäusern mit Garten. Dadurch erstreckt sich die "City of Sails" über eine riesige Fläche. Von Pukekohe im Norden bis nach Warkworth im Süden sind es über 150 Kilometer.
Obwohl meine Begeisterung sich immer noch stündlich steigerte, wollte ich mehr. Die Vorstellung, daß es sich bei diesem überdimensionalen Schrebergartenverein um die größte und am dichtesten besiedelte Stadt des Landes handelte, überstieg einfach meine Vorstellungskraft. Ich mußte einfach mehr sehen, mußte unbedingt am eigenen Leib spüren, wie es sich anfühlt; Soviel Raum zur Verfügung zu haben, gemeinsam mit der unbeschreiblich exotischen Natur der Landschaft und Tiere, erweckten in mir eine bisher nie dagewesene Abenteuerlust, einen unbändigen Drang zur Freiheit, zum Erforschen. So stand ich dann am Morgen des vierten Tages mit meinem Rucksack und damit meinem gesamten Hab' und Gut, auf der "State Highway 1" der Hauptverkehrsstraße Richtung Norden. Das Reiseziel war die Nordspitze des Landes, Cape Reinga. Dort befindet sich der "Ninety-Mile-Beach", ein 90 Kilometer langer Sandstrand - unbewohnt, nichts als Dünen, Sand und Meer. Das mußte ich einfach gesehen haben!
Es ging gar nicht gut los: Schon kurz nachdem mich mein Bekannter an der Autobahn abgesetzt hatte, fing es an, wie aus Eimern zu giessen. Es dauerte über 2 Stunden, bevor sich ein vom Mitleid geplagter Autofahrer erbarmte, mich völlig durchnäßt, und mit meinen inzwischen durchgeweichten und vom Regen triefenden Habseligkeiten, in sein Auto zu lassen. Nach einem dreiviertelstündigen Small-talk, in dem mir in allen Einzelheiten beschrieben wurde, wie der Vater meines barmherzigen Samariters den Deutschen in Griechenland das Fell versengt hatte, wurde ich dann am Ortseingang von Wellsford abgesetzt. Obwohl ich immer noch klatschnass war, hatte ich mich wenigstens ein wenig aufwärmen können und wanderte, mit einem als Rucksack verkleideten Schwamm auf dem Rücken, die 500 Meter ans Ende der winzigen Ortschaft - den Daumen vorwurfsvoll 'gen Himmel gestreckt, der immer größere und schwärzere Wolken zu produzieren vermochte. So stand ich nun da, wie die Bugfigur einer spanischen Galeere, mit deutscher Verbissenheit den feuchten Ergüssen des pazifischen Ozeans trotzend. Und ich trotzte Sechs Stunden lang, bis sich endlich jemand meiner frierenden Seele erbarmte. Doug war ein waschechter Kiwi in seinen späten Fünfzigern, der mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau und deren 12-jährigem Sohn einige Kilometer weiter nördlich am Rande der Schnellstraße lebten. Leider könne er mich nicht viel weiterbringen, aber er würde sich freuen, wenn ich auf eine Tasse Tee hereinkäme. Dann könne ich doch etwas aus Deutschland erzählen, und mich dabei ein wenig aufwärmen. Mehr als nur dankbar willigte ich ein.
Mit dem Temperaturschieberegler auf rot und dem Gebläse des uralten Morris auf volle Pulle, wurde es in wenigen Minuten so heiß in der Karre, daß mir nun der Schweiß anfing in ununterbrochenen kleinen Rinnsälen den Körper hinunterzulaufen. Noch vor dem Ziel unserer kurzen, gemeinsamen Fahrt, konnte ich den sich bildenden moderigen Geruch eines verwahrlosten Kartoffelkellers regelrecht sehen. Selbst wenn ich es nicht hätte spüren können, lies sich der Ursprung dieses strengen Aromas jedoch kaum verbergen: Ich dampfte wie ein nasses Tuch auf 'ner heißen Herdplatte.
Schon bevor Doug den Zündschlüssel abgezogen hatte, befand ich mich bereits wieder im immer noch ströhmenden Regen, um mich vor der sehnsüchtig erwarteten Tasse Tee schnell noch ein wenig abzukühlen. Als ich meinen bleischweren Rucksack endlich unsanft auf dem Holzfußboden im Flur niedersetzte, hinterließ das Spritzwasser zahllose dunkle Flecken auf der alten Blümchentapete. Meine höfliche Bitte um Verzeihung wurde mit einem breiten Grinsen und den Worten "No worries, mate" erwidert, und ich wurde freundlichst aufgefordert, mich ganz wie zu Hause zu fühlen. Das war mir durchaus recht, und ich fing sofort an, die triefenden Klamotten von mir zu schälen. Mann, war das gut. Aber selbt nachdem ich meine Schuhe ausgezogen hatte, hinterliessen meine bestrumpften Füße bei jedem Schritt kleinere Seen, in denen ganze Stichlingsfamilien ein Zuhause hätten finden können. Das dazugehörige, nahezu unanständig klingende Geräusch meiner Schritte war mir ebenso peinlich, wie die Tatsache, daß allein meine Gegenwart die halbe Küche unter Wasser setzte. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so naß gewesen.
Nachdem mir von seiner Frau Tony mit einem freundlichen Lächeln ein Stuhl angeboten wurde, machte sie sich sogleich daran, uns eine Tasse Tee aus einer auf dem etwas altertümlich aussehenden Herd bereitstehenden Kanne einzuschenken. Obwohl nicht schmutzig oder verwahrlost, machte das ganze Haus einen leicht unaufgeräumten Eindruck, was eine Gemütlichkeit ausstrahlte, die mir sehr zusagte. Bevor Doug sich zu uns an den Tisch setzte, holte er aus dem Küchenschrank eine prall gefüllte Plastiktüte, die er vor sich auf dem Tisch ablegte. Dann setzte er sich, entnahm der Tüte einige Blättchen Zigarettenpapier, eine kleine Handvoll Marihuana, und fing an, den größten Joint zu bauen, den ich in meinen jungen Jahren je gesehen hatte. Es war eine wahre Freude, die Behendigkeit zu beobachten, mit der Doug dieses Meisterwerk zustande brachte. Auch machte es den Eindruck einer wohl gepflegten Routine, denn während meine Kinnlade langsam auf meinen Brustkorb sank, hielt Tony bereits ein brennendes Streichholz bereit…
Wie ich bereits mehrfach erwähnte, wächst in Neuseeland so ziemlich alles. Darunter auch - oder ganz besonders - Hanf. Obwohl der Anbau und Genuß von Marihuana in Neuseeland unter Strafe stehen, erfreut sich beides großer Beliebtheit. Mit riesigen Wäldern, und großen, nur spärlich bewohnten Gebieten, ist eine wirksame polizeiliche Kontrolle nahezu unmöglich. Es wird von offizieller Seite geschätzt, daß die jährlichen Einnahmen durch den illegalen Verkauf von "Grass" nördlich von Auckland das Bruttoeinkommen der gesamten Milchindustrie im selben Gebiet bei weitem übertreffen (1997). Die Milchindustrie ist der größte (legale) Arbeitgeber Northlands.
Nach sechs Jahren der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den "sozialen Brennpunkten" einer deutschen Großstadt will ich gar nicht erst versuchen den Eindruck zu erwecken, ich hätte sowas vorher noch nicht gesehen. Ich hatte es wohl schon probiert, möchte aber aus juristischen Gründen ausdrücklichst darauf hinweisen, daß auch ich das Zeug niemals inhaliert habe!
Inzwischen war es schon später Nachmittag, und von meinem geplanten Abenteuerausflug von über 500 Kilometern hatte ich am Ende des ersten Tages kaum mehr als 120 Kilometer hinter mir. Die Vorstellung, als Zombi die Nacht mit ausgestrecktem Daumen an einer Hauptstraße inmitten des subtropischen Regenwaldes zu verbringen, sagte mir ganz und gar nicht zu. Meine darauf begründete Ablehnung des Joints wurde von beiden mit einem herzlichen Lachen quittiert. Auf keinen Fall würden sie mich in meinem durchnäßten Zustand wieder zurück auf die Straße lassen. Selbstverständlich würde ich die Nacht bei ihnen verbringen. Ihr Sohn sei über Nacht bei Freunden, und morgen früh wäre mit Sicherheit auch der Regen wieder vorbei. Obwohl mir anfangs nicht ganz wohl bei dem Gedanken war mich hier als Fremder derartig aufzudrängen, wurden meine Einwände mit einem knappen aber doch kräftigen "Bullshit" und einer entsprechenden Handbewegung abgelehnt. Schon nach dem zweiten Zug an der Riesentüte merkte ich, wie sich meine Glieder entspannten, und meine Zunge sich löste. Für den Rest des Abends erzählte ich also meine Lebensgeschichte, und versuchte so wenig wie möglich dabei auszulassen.
Am nächsten Morgen begrüßte mich ein wunderschöner Tag. Die Sonne strahlte durch die leicht gräulichen Gardinen, und meine zurechtgelegte Kleidung war fast vollständig getrocknet. In der Küche wartete bereits ein kräftiger Tee und Toast zum Frühstück. Als ich mich endlich wieder auf den kurzen Weg zur Hauptstraße machte, drückte mir Doug mit einem breiten Lächeln eine kleine Plastiktüte in die Hand - "für den langen Weg…". Als ich mich für die Gastfreundschaft und alles weitere bedankte, winkte Doug nur ab. Die Freude wäre einzig und allein auf ihrer Seite gewesen, und ich wäre jederzeit bei ihnen Willkommen. Zum Abschied sagte ich beiden noch einmal, wieviel Spaß mir unsere abendliche Unterhaltung gemacht hatte, als Tony beifällig bemerkte, daß ich ihnen das Ganze dann beim nächsten Mal ja auf englisch erzählen könne…
Ich hatte die Hauptsraße kaum erreicht, als der erste Wagen bereits anhielt, und mich etwas über Zwei Stunden später 50 Kilometer nördlich von Whangarei absetzte. Obwohl es sich bei dem Handelsvertreter um einen sehr annehmlichen Typen hielt, wurde kaum gesprochen. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, die Eindrücke der vorüberziehenden Landschaft auf mich einwirken zu lassen, als daß ich mich einer halbwegs vernünftigen Unterhaltung hätte widmen können.
Ich fühlte mich wie ein dreijähriger vor seinem ersten geschmückten Weihnachtsbaum. Die sehr gut ausgebaute Straße schlängelte sich Kilometer über Kilometer durch tiefsten
subtropischen Regenwald. Zwar hatte ich bereits kleinere subtropische Wälder um Auckland herum gesehen, aber was sich mir zwischen Wellsford und Whangarei bot, überstieg meine Erwartungen und Vortsellungskraft. Riesige Farne, Palmen, Sträucher, Büsche, Bäume in einer Dichte, die teilweise das Licht der strahlenden Sonne völlig absorbierten. So manches Mal trafen sich die Wipfel größerer Gewächse von beiden Seiten der Straße, um einen völlig geschlossenen grünen Tunnel zu bilden. Obwohl die Folgen des vorabendlichen Joints längst vergangen waren, fühlte ich mich allein von den Eindrücken der vorbeifliegenden Wälder schon völlig berauscht. Als ich mich während einer kurzen Strullerpause für etwa 5 Meter in das dichte Unterholz hineinzwängte, verschwand der strahlend blaue Himmel augenblicklich unter einer dichten Decke von Wipfeln, das helle Tageslicht in ein mysteriöses Grau verwandelnd. In mir stieg sofort eine innere Panik auf, und nur durch das Geräusch vorbeifahrender Autos fand ich meinen Weg zurück zur Straße. Mir wurde erstmals bewußt wie leicht es wäre, sich in diesen Wäldern für immer zu verlieren.
Als wir Whangarei weit hinter uns gelassen hatten, änderte sich das Landschaftsbild, und wurde nun von hügeligen Feldern und Wiesen bestimmt. Der Boden schien trockener zu werden, und auch der Verkehr auf der Straße wurde deutlich weniger, was dazu führte, daß ich mich ein wenig verlassen fühlte, als an meinem nächsten Stop für eine Viertelstunde kein Fahrzeug zu sehen war.
Etwa vier Autos und eine gute Stunde später hörte ich aus der Ferne das maskuline Röhren eines Achtzylinders wie ihn nur ein durchlöchertes (oder nicht vorhandenes) Auspuffrohr zustande bringt. Minuten später konnte ich das zerfallende Geschoß endlich aus südlicher Richtung auf mich zunieten sehen. Der Lärm war ohrenbetäubend, und ich atmete erleichtert aus, als es ganz den Anschein machte, an mir vorbeizubrettern. Als der dröhnende Kamikazeschlitten sich bei etwa 160 Stundenkilometern genau neben mir befand, gesellte sich zu dem rauhen Geknatter ein schrilles Gekreische. Der Fahrer hatte mich offensichtlich bemerkt, und sein ganzes Körpergewicht auf das Bremspedal geworfen. Eine fette Gummischicht markierte die nächsten 200 Meter, bis der uralte Ford Taunus endlich zum Stillstand gekommen war. Während ich mir noch unschlüssig überlegte, ob ich wirklich die ganze Strecke mit meinem schweren Rucksack joggen wollte, hörte ich bereits das erschrockene Knirschen eines widerwillig in den Rückwärtsgang gezwungenen Getriebes, Röhren und Gekreische wurden wieder lauter, und eine neue Gummischicht gesellte sich zu der bereits vorhandenen. Das hatte mir gerade noch gefehlt...
"Gidday mate, how is it? Park your carcass in here, dude, I'm goin' all the way up!" Etwas zögernd öffnete ich die hintere Tür, die nur widerwillig und mit einem lauten Knarren nachgab. Wenn sich bereits vom Äußeren dieses völlig vom Rost zerfressenden ehemaligen Autos Sicherheitsbedenken in mir regten, so fürchtete ich beim ersten Blick in das Innere der Kutsche um meine Gesundheit. Zwischen einem völlig verdreckten Paar alter Gummistiefel, etwa zwanzig leeren Bierdosen, einigen vertrockneten Früchten unbekannter Gattung, und mehreren leeren Zigarettenschachteln, wuchs ein Pizzabaum. Die Anchovis sahen schon etwas älter aus, ungekämmte graue Haare wuchsen in alle Richtungen. Einige fette Insekten von einer Art, die mir bis dahin gänzlich unbekannt war, gaben dem Ganzen einen recht lebendigen Eindruck. Vorsichtig plazierte ich meinen Rucksack auf dem Rücksitz, nachdem ich mit dem Fuß ein wenig Platz gemacht hatte. Als ich die Beifahrertür öffnete, wurden vom Fahrer in einer einladenden Geste einige zur Unkenntlichkeit vergilbten Papiere vom Sitz gewischt. Unwillkürlich schossen mir Bilder aus alten Gruselfilmen mit menschenfressenden Insekten und schleimigen Ungeheuern durch den Kopf. Aber was sollte ich machen? Mein Rucksack war auf dem Rücksitz bereits den probenden Angriffen der Killerbakterien zum Fraß vorgeworfen worden, und ich wollte ja auch nicht unhöflich sein - weiß der Teufel, zu was so ein Typ fähig wäre…
Kaum hatte ich mich mit der Behutsamkeit einer brütenden Glucke auf dem Sitz niedergelassen, wurde mir eine Zehndollarnote vor die Nase gehalten, dann das leicht zerknitterte Zahlungsmittel auf einem bereits vorhandenen Kaugummiüberbleibsel an die Windschutzscheibe vor mir geheftet. "Wenn Du den Schein in den nächsten 10 Sekunden greifen kannst, dann gehört er dir" wurde mir mit einem breiten gelblichen Grinsen mitgeteilt. Ich überlegte etwa knappe zwei Sekunden, was es damit wohl auf sich habe, als sich mein rechter Arm automatisch in Richtung zehn Dollar bewegte. Im selben Augenblick explodierte meine Umgebung in einem Konzert von Gedröhne, Gekreische, und Zentrifugalkraft. Mein ganzer Körper wurde mit aller Macht in den schmuddeligen Sitz geworfen, während ich das Gefühl hatte, auf dem Flügel eines durchstartenden Jumbo Jets festgeschnallt zu sein. Trotz aller Anstrengungen konnte ich meine Arme nicht einen Millimeter nach vorn bewegen, spürte stattdessen, wie meine Wangen sich Richtung Ohren auf den Weg machten. Ohne meinen Kopf bewegen zu können, wanderten meine Augen nach rechts, die langsam steigende Tachonadel verfolgend. Bei 120 war dann Schluß. Es kam mir viel schneller vor.
"Gar nicht schlecht für so ‚ne alte Kiste, wie?" Sein Grinsen war noch breiter geworden, und er schrie aus voller Kehle, damit ich auch ja an seinem Stolz teilhaben konnte. "Nicht schlecht!" Schrie ich zurück, "aber bist du dir sicher, daß das wirklich nur 120 Stundenkilometer sind?" Die Landschaft flog nur an mir vorbei, und ich konnte mich des Gedanken nicht erwehren, daß sein Tacho ebenfalls einen kleinen Knacks weg hatte. Automatisch umklammerte meine rechte Hand die abgewetzte Halteschlaufe, die wohl als Sonderzubehör am oberen Türpfosten montiert war. "Ne, Alter, das sind Meilen, MEILEN, Alter!" In meinem Hirn fing es schlagartig an zu rechnen: Meilen, Meilen, wie war das noch, ach ja: Mal 1,6. 1,6 mal 120 sind 120 plus 50% (60) plus 10% (12). 120 plus 60 plus 12 sind 192. HUNDERTZWEIUNDNEUNZIG!!! Ich wollte schlucken, aber meine Kehle war mit einem Mal so trocken wie die Sahara im Sommer. Mit diesem Verrückten am Steuer dieses Höllengefährtes mit fast 200 Sachen über die Landstraße zu nageln ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. "Er schafft lässig 140, ich hab' den Fuß gar nicht ganz drauf…" gröhlte mir der Halbverrückte rüber. Ich spürte, wie mein Kopf anfing sich von selbst zu schütteln wie ein nasser Hund. Aber der Typ schien ganz so gemein nicht zu sein. Mit einem Blick in mein angstverzerrtes Gesicht fing er an zu Lachen, und die Tachonadel wanderte lngsam zurück auf die 100. Selbst das schien mir etwa 80 zuviel für diese klappernde Pizzakiste. Aber nach dem gerade Durchlebten kamen mir die 100 vor, wie ein Erholungsurlaub. Nach etwa 10 Minuten hatte ich mich so ziemlich an den Lärm und die Geschwindigkeit gewöhnt. Nach etwa 20 Minuten war ich heiser.
Sein Name war George, und er war auf dem Weg zurück nach Hause - etwa 50 Km nördlich von Kaitaia, und knappe 20 Km südlich des Ninety Mile Beach. Er war ein dürrer Typ um die mitte zwanzig, mit ziemlich abgewetzen Jeans, langen verwahrlosten roten Haaren, einem ungepflegten Bart, und gelben Zähnen. George zufolge spielte das Äußere keine Rolle. "Was Du im Herzen hast, das allein zählt!" schrie er mir zu. "Das ist genau wie mit meinem Auto", rief er: "Von außen eine alte Schleuder, aber unter der Haube ein frisierter V8 mit über 300PS!" Obwohl ich inzwischen rasende Kopfschmerzen vom Lärm bekommen hatte, und auch von der Landschaft nicht mehr viel mitbekam, würde ich zumindest sehr viel früher an meinem Ziel kommen - das war ja auch was wert.
Als sich aufgrund des Getöses und meiner damit verbundenen Heiserkeit eine längere Unterhaltung nicht entwickeln wollte, fingerte George am Handschuhfach herum, brachte eine kleine, prall gefüllte Plastiktüte zum Vorschein, und ließ sie lässig in meinen Schoß plumpsen. "Hau rein, Mann, da hörste den Motor nicht mehr so von." Als ich wieder zu mir kam befanden wir uns bereits in Georges' Garage...
Die Garage - sowie auch das Haus - waren nur unwesentlich von seinem Auto zu unterscheiden. Beide waren derartig verwahrlost, daß es jeder Beschreibung spotten würde. Im Gegensatz zu seinem Auto befand sich allerdings kein frisierter V8 unter dem Haus oder der Garage, und weder das Eine noch das Andere hatte Breitreifen. Und auch hier hatten im Laufe der vergangenen Monate einige Pizzabäume eine gesunde Entwicklung genossen. Was sich im Auto noch im Stadium der weißen Haare befand, hatte sich hier zu einer dem Sofa überziehenden biologischen Decke entwickelt. Und ich rede hier nicht, von einnem dünnen Hertielaken: Mit angehaltenem Atem schätzte ich die flauschige Dichte dieser grau-grün-rosa Masse an einigen Stellen auf etwa fünf Zentimeter. Auch die Insekten erschienen hier wesentlich zahlreicher und wohlgenährter als im Auto.
"Komm rein, Alter, fühl' Dich wie zu Hause..."
Die Bedeutung dieses in betont lässiger Art gesprochenen Satzes, holte mich mit einem gänsehautbildenden Schrecken in die Grausamkeit meiner ausweglosen Situation zurück. Allein bei dem Gedanken auch nur in die Nähe dieses nicht gerade einladend aussehenden Biotops zu kommen, spürte ich wie sich meine Nackenhaare aufrichteten. Jeden Schritt vorsichtig berechnend, bewegt ich mich bis in die Mitte der guten Wohnstube. Es dauerte einige Minuten, bis ich einen gemütlichen Sessel ausgemacht hatte, der gegenwärtig unbewohnt zu sein schien. Kaum hatte ich mich jedoch dort niedergelassen, hörte ich George: "Oh ne, Alter: Da kannste nicht sitzen, da wird Jack tierisch sauer."
Im Türrahmen zur Küche stand Jack und sah mich an wie einen offenen Kühlschrank. Ich schätzte die Schulterhöhe des verhalten knurrenden Rottweilers auf über einen Meter und breit genug, um einen Mercedes mit angezogener Handbremse über einen Parkplatz zu zerren. Bevor mein Verstand dazu in der Lage war, den notwendigen Bewegungsbefehl an meine Muskelpartien weiterzuleiten, hatte sich Jack bereits auf den kurzen Weg zu mir gemacht. Während er - immer noch verhalten knurrend - den Geruch meiner sich im Verborgenen zurückziehenden Männlichkeit tief in sich einsog, versuchte ich seinem Blick standzuhalten, ohne dabei die Kontrolle über meine Darmfunktionen zu verlieren. Immer noch knurrend, und tief in meine Augen schauend, legte Jack erst seine Vorderpfoten in meinen Schoß, um dann auch langsam seine Hinterbeine dort zu parken. Der Geruch von vier Tage altem Pansen brachte meine Augen zum tränen, der Sauerstoffmangel fing an, leichte Schwindelgefühle zu erzeugen. Es half alles nichts, ich mußte wieder atmen, und kämpfte jetzt nicht nur mit der Kontrolle der unteren Abteilung, sondern war inzwischen auch bereit, die Speisen der letzten Tage wieder zurückgehen zu lassen. Wie durch einen Schleier hörte ich Georges' leicht besorgte Stimme: "Ich hab' Dich ja gewarnt, Alter! Mit Jack leg' Dich bloß nicht an, der ist zum Wildschweinjagen abgerichtet. Seinen Namen hat er von Jack The Ripper: Der kann 'nem Eber mit einem Biss die Halsschlagader zerfetzen." Bei diesen Worten spürte ich Jacks' kalte Nase meinen Adamsapfel inspizieren. Ich hatte selbst nach einer Stunde Sauna noch nie so geschwitzt. Während ich fühlte, wie mir die Kilos nur so von meinem nassen Nacken in die Hose liefen, entwickelte sich in mir erstmals in meinem Leben eine tiefe Sympathie für Vegetarier. Aber Jack hatte nach einem bösen Blick von George mitbekommen, daß ich nicht zum Verzehr freigegeben worden war, entspannte sich, und machte es sich endlich bequem, in dem er sich auf meinem Schoß niederließ. Aber trotz seiner augenscheinlichen Entspanntheit, quittierte er jede meiner Versuche mich zu bewegen mit einem sofortigen, tiefen Grollen. Da der riesige Köter auf beiden Seiten meiner Beine um einiges Überhing, war die ganze Angelegenheit ein ziemlicher Balanceakt. Es wurde also viel geknurrt. Es sollte über drei Stunden dauern, bevor ein natürliches Bedürfnis Jacks' Gegenwart andernorts erforderlich machte. Ich will's mal so sagen: Wenn's wirklich 'ne Hölle gibt, ich war schon mal da - ganze 10.800 lange Sekunden!
Nebenbei lernte ich in dieser Zeit, daß alter Pansen eine ähnliche Wirkung bei Rottweilern hervorruft, wie es bei Menschen bekanntlich nach dem Genuß einer unmenge Bohnen der Fall ist - obwohl sich die Qualität der Duftnote keinesfalls vergleichen läßt. Wahrscheinlich unnötig zu bemerken, daß ich die Gelegenheit wahrnahm, und es vorzug, den Rest des Abends stehend vor dem Fernseher zu verbringen…
Nach einer Nacht eng eingerollt in meinem Schlafsack, auf dem Teppich der lebendigen guten Stube, war ich überglücklich, als die ersten Sonnenstrahlen den neuen Tag ankündigten. Ich hatte meine Schlafstätte mit einer Armee von winzigen bis riesigen Insekten teilen müssen, die unentwegt versucht hatten, Unterschlupf in meinem warmen und einladenden Bett zu finden. War ja eigentlich auch deren Territorium. Als wenn das an sich noch nicht genug gewesen wäre, hatte mich Jack bereits am Vorabend in sein Herz eingeschlossen, und war folglich auch nachts nicht von meiner Seite gewichen. Als mir schließlich vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung doch endlich die Augen zufielen, erwachte ich wenig später leicht durchgeschüttelt in einer Pansenwolke. Jack war offensichtlich nicht imstande gewesen, seine starken Gefühle für mich zu unterdrücken, und hatte sich in rüdem Eifer rittlings über meinen Schlafsack hergemacht. Daß ich da auch noch drinlag schien ihn nicht im Geringsten zu Beeindrucken. Wie eine Schraubzwinge hatte er meine Hüfte zwischen seine Vorderläufe geklemmt, und war nun dabei mir seinen für Rottweilerdamen wahrscheinlich durchaus anregenden Atem der Marke "Rindertot" stoßweise ins Gesicht zu hecheln. Jeder meiner verzweifelten Versuche, mich aus dieser hilflosen Lage zu befreien schien ihn nur noch weiter anzustacheln, was dazu führte, daß er's mir dann erst so richtig besorgte. Als er sich endlich ausgejuckelt hatte, leckte er noch einmal dankbar quer über mein Gesicht, um sich schließlich neben mir einzurollen und zu schlafen. Ich fühlte mich benutzt, gänzlich unbefriedigt, und erst nach einer Zigarrette wieder einigermaßen menschlich.
Dann waren da noch die ständig nagenden kleineren Geräusche, die entstehen, wenn riesige Insekten im Dunkeln 'ne fast leere Dose Spagetthi durch's Haus zerren. Das passierte immer ausgerechnet dann, wenn ich schon halbwegs eingeschlafen war. Halbwegs, wie gesagt. Zuerst ist es ein starkes, kratzendes Geräusch - so richtig schlaf- und markerschütternd. Grad laut genug, um mich kerzengrade stehend in meinem Schlafsack wiederzufinden. Bis sich dann der erste und entscheidende Adrenalinstoß so langsam abgebaut hat, vergehen doch immer so einige Minuten. Die fehlen mir hinterher dann immer. Ich hab' mal ausgerechnet, daß mein Leben zu etwa 25% aus Erlebnissen besteht, die ich entweder versäumt oder vergessen habe, oder von denen ich nichts mehr wissen will. Da gibts riesige Lücken.
Na, jedenfalls steh' ich da, Sinne auf 200 prozent, bewegungslos, Atem anhaltend. Wo kam das jetzt her? Aber die Insekten haben sich natürlich auch erschreckt, und tun ganz genau dasselbe. Die Ähnlichkeiten in der Verhaltensweise von Kakerlaken und Menschen ist erstaunlich: Jedesmal, wenn ich mich wieder einigermaßen beruhigt, mich warm und selig wieder eingeschnürt hatte, dann hatten auch die Insekten wieder genügend Mut gesammelt, um das Abendessen einen weiteren Meter zu schleppen (DIESMAL war's BESTIMMT ganz dicht am Kopf...), und das Ganze ging wieder von vorne los. Ich hatte also nicht viel geschlafen und einige nur schwer erklärbare Flecken auf meinem nagelneuen Schlafsack.
George war ein Frühaufsteher. Bereits am Vorabend hatte er mir davon erzählt, daß er heute mit Jack Wildschweine jagen wollte. Seine Bitte ihnen dabei Gesellschaft zu leisten, hatte ich jedoch dankend abgelehnt. Gegen 6:30 wurden mir zwei Scheiben Toast mit Käse und eine Dose Bier zum Frühstück angeboten. Wer einmal neuseeländischen Cheddar Käse gegessen hat, der weiß, warum Alkohol dazugehört: Beim ersten Biß zog sich mein Mund zusammen, als hätte ich Batteriesäure getrunken. Ein Gefühl, das sich erst nach dem vollständigen Entleeren der Dose Bier langsam legte. Jacks Verdauungsorgane waren offensichtlich schlimmeres gewohnt, und ich konnte mich meines Brotbelages entledigen, ohne weiteres Aufsehen zu erregen.
Etwa eine Stunde später setzte George mich an einer Lichting inmitten eines riesigen Fichtenwaldes ab, die entlang des gesamten 90-Mile-Beach wachsen. George zeigte in die Richtung einer kleinen Abzweigung und erklärte, daß mich dieser Weg direkt an den Strand bringen würde. Es wären allerdings einige Stunden Fußmarsch. Mit gemischten Gefühlen sah ich den alten Ford in der Ferne verschwinden, bis er nach weiteren 10 Minuten auch nicht mehr zu hören war. Hier war ich jetzt also. Vor knapp 10 Tagen hatte ich mich noch durch den engen Hamburger Stadtverkehr gedrängt, jetzt war ich ganz allein. Nichts als endloser Fichtenwald, kilometerlange Wege und Pfade, sowie die immer wiederkehrende Hoffnung, daß sich hinter der nächsten Biegung der herbeigesehnte 90-Mile-Beach befinden würde.
Aber gerade das sollte so schnell nicht passieren. Was in meinem Kopf bisher nur als eine romantische Idee, als abstraktes Konzept von Freiheit existierte, stellte sich in der Realität als eine schweißtreibende Angelegenheit dar, für die ich weder ausgerüstet noch vorbereitet war. Bereits seit Stunden hing mein Rucksack wie Blei an meinen Schultern. Füße und Oberschenkel schmerzten stärker bei jedem Schritt, und mein Magen meldete sich mit nagendem Hunger. Aber ich hatte nicht einmal etwas zu trinken dabei. Mein Konzept der Einsamkeit und die Realität (die Tatsache, daß es innerhalb von endlosen Kilometern nicht ein einziges Geschäft gab und keine menschliche Seele zu finden war) paßten so ganz und gar nicht zusammen. Aus einem übertriebenen Sicherheitsdenken hatte ich meinen gesamten Besitzt mitgeschleppt. Auch meine Füße waren mit einem Paar Turnschuhen nicht gerade optimal versorgt. Ich hatte weder an Lebensmittel, noch an Wasser gedacht. Eigentlich hatte ich mir das Ganze etwas mehr wie im Kino vorgestellt: Hinsetzen, entspannen, anschauen, sich etwas einsam fühlen, Happy End, weiterempfehlen. Stattdessen war ich den ganzen Tag stramm marschiert, als der sich langsam graufärbende Himmel den nahenden Abend ankündigte. Völlig am Ende meiner Kräfte und mit Krämpfen in der Magengegend machte sich langsam Panik in mir breit.
Ich wußte damals bereits, daß es in Neuseeland keinerlei gefährliches Getier gibt, wie z.B. in Australien. Es gibt zwar eine winzige Spinne (Katapu Spider), deren Biß angeblich tödlich sein soll, sie soll jedoch inzwischen vom Aussterben bedroht sein. Ich würde sie nicht vermissen, genausowenig wie ich Krokodile, Schlangen und riesige Spinnen vermißte. Trotzdem kam mir der Gedanke (Inmitten dieses unendlichen und fremden Waldes), die Nacht nur durch meinen Schlafsack geschützt verbringen zu müssen, alles andere als romantisch vor. Als wenn das allein noch nicht genug Grund zur Beunruhigung gewesen wäre, fing es urplötzlich an, in Strömen zu gießen. Es wurde bereits dunkel, als ich hinter einer Biegung endlich den Strand vor mir sehen konnte.
Aber was nun? Am Ziel meiner Reise angelangt, hatte ich nicht den geringsten Schimmer, wie ich die folgende Nacht verbringen sollte, ohne ernsthaften Schaden an meiner Gesundheit zu nehmen. Ich war naß bis auf die Knochen, und auch in meinem Rucksack würde sich nichts Trockenes finden lassen. Ich schätzte die Temperatur auf etwa 8° Celsius, und der Regen machte nicht die geringsten Anstalten, über kurz oder lang etwas nachzulassen. Am Ende meiner Kraft und ohne einen Schimmer Hoffnung sah ich auf die Weite des Pazifischen Ozeans hinaus.
Ich hatte die Einsamkeit gesucht. Was ich in dem kurzen Augenblick am Strand in Neuseeland empfand, war ein Schmerz, der mir das Herz zuschnürte. Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so isoliert, so abgeschnitten, so verlassen gefühlt. Aber ich war dabei, eine der wohl tiefgehendsten Erfahrungen meines Lebens zu machen: Einsamkeit hat nichts Romantisches.
Mit dieser Erkenntnis im Kopf wurde mir klar, daß ich mich nur durch Anpassung in diesem Land würde zurechtfinden und wohlfühlen können. Ich wollte ja kein "Außenseiter" bleiben, nicht nur als unbeteiligter und unbetroffener Beobacher in der Zuschauergalerie sitzen, nicht ewig "the guy from Germany" bleiben. Am Neunzig-Meilen-Strand beschloß ich am 26. August 1986, von nun an ein Neuseeländer zu sein. Langsam und müde machte ich mich auf den Weg vom Strand zurück zum schützenden Wald, um mir dort für die Nacht ein warmes Plätzchen zu suchen, als sich auf der Spitze der ersten Düne die Silhouette eines Gebäudes abzeichnete.
Nach näherer Inspektion stellte ich fest, daß ich mir für die Nacht kaum etwas Besseres hätte wünschen können. Es handelte sich um eine völlig in sich abgeschlossene, zweistöckige hölzerne Aussichtsplattform. Die sich in der unteren Etage befindende Holztür war verschlossen, und ich stieg die sich am äußeren des Gebäudes' befindenden Stufen hinauf. Die obere Etage war völlig von großen Glasfenstern umgeben, von denen die meisten jedoch zerbrochen waren. Inzwischen hatte sich zu dem immer noch starken Regen auch ein Sturm gesellt. Es war naß, eiskalt, und der Wind spielte die kleine Hütte wie eine Orgelpfeife. Zwischen Glasscherben konnte ich zwei hölzerne Stühle und mehrere armdicke Äste entdecken, welche für die zerbrochenen Scheiben verantwortlich zu sein schienen. Was muß das für ein Sturm gewesen sein, der diese schweren Teile etwa 200 Meter vor sich her getrieben hatte, nur um ein paar Fenster einzuwerfen und mir ein wenig Respekt einzuflößen? Nie zuvor hatte ich die Natur als etwas derart Bedrohliches empfunden.
Der kleine Raum unter dem Aussichtsturm war sehr viel einladender, obwohl es dort recht feucht und nahezu völlig dunkel war. Die schwere Holztür war von außen durch eine Kette gesichert und der Raum nur durch eine Treppe vom Obergeschoß zu betreten. Außer einem Tisch mit zerbrochenem Bein befand sich dort lediglich eine hölzerne Bahre. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals mehr gefreut zu haben als beim Anblick dieses klapprigen alten Bettgestells. Als ich seit dem Morgen das erste Mal erleichtert meinen Rucksack absetzte, fühlte ich mich leicht wie eine Feder. Ich hatte meine Schulter schon seit Stunden nicht mehr fühlen können.
Erlöst setzte ich mich auf die Bahre, um mir mit nassen und vor Kälte zitternden Fingern eine Zigarette zu drehen. Mit ein wenig Entspannung kamen dann die Schüttelanfälle. Völlig hilflos wurde ich in Minutenabständen von plötzlichen Krämpfen heimgesucht, die mich für kurze Zeit wie eine elektrische Kaffeemühle rüttelten. Ich mußte unbedingt etwas gegen die Kälte tun.
Es muß über eine Stunde gedauert haben, bis ich endlich genug Willenskraft gesammelt hatte, um mich wieder zu erheben. Zuerst fing ich mit ein paar langsamen Kniebeugen an und war nach einer kurzen Weile am Herumhüpfen. Als mir etwas wärmer wurde, zog ich mich im Dunkeln bis auf meine Unterhose aus und rieb mich mit einem halbwegs trockenen T-Shirt aus der Mitte des Rucksacks so gut es ging trocken. Dann versuchte ich erfolglos, meinen wärmsten Pullover einigermaßen trocken zu bekommen, und quetschte meine schmerzenden Oberschenkel zurück in die nassen Jeans. Auch mein Schlafsack war völlig durchnäßt. So konnte ich die Nacht nicht verbringen - ich brauchte ein Feuer.
Inzwischen war es in der Hütte pechschwarz und ich benötigte für jede größere Aktion das Feuerzeug. Beim Herumtasten im Dunkeln war ich auf etwas Papierartiges gestoßen, was sich nach näherer Inspektion als eine fast trockene alte Zeitung entpuppte. Inzwischen wieder frierend, sammelte ich mühsam so viel Holz, wie ich finden konnte. Leider war das meiste zu naß zum Verbrennen, die Stühle mußten also dran glauben. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich endlich ein kleines Feuer entfacht hatte. Aber es qualmte fürchterlich und innerhalb weniger Minuten war es unten nicht mehr auszuhalten. Eine Weile verbrachte ich damit, mich für kurze Zeit an den Flammen zu wärmen, um im letzten Augenblick zum Luftholen nach oben auf die Aussichtsplattform zu rennen. Das hielt zwar einen Augenblick warm, ließ sich aber nicht unbegrenzt weiterführen. Außerdem tränten und brannten meine Augen wie nach einem Zwiebelschneidewettbewerb. Als ich mich endlich geschlagen sah, wollte ich weningstens meine Niederlage gebührend würdigen: Zitternd wie Espenlaub rauchte ich in der oberen Etage einen dicken Joint, während sich unten langsam der Rauch legte.
Als ich in den späten Abendstunden - eng in meinen nassen Schlafsack gerollt - endlich etwas Ruhe fand, erschienen mir die Geister alter Maori Krieger, die laut Mythologie über den Norden dieses Landes Wacht halten. Leider sprachen die weder englisch noch deutsch und ich frage mich heute noch oft, was die mir wohl hatten erzählen wollen.
Am frühen Morgen erwachte ich vom Geräusch des Windes, der unablässig durch die Aussichtsplattform pfiff. Obwohl Kleidung und Schlafsack noch klamm waren, fühlte ich mich warm und ein wenig ausgeruht. Bei der ersten Bewegung stellte ich fest, daß ich einen äußerst schmerzhaften Muskelkater in beiden Oberschenkeln hatte. Ich empfand keine Eile, aus meinem warmen Nest herauszukriechen, und rauchte eine Zigarette, während ich im Halbdunkel der kleinen Hütte meine Gedanken ordnete. Eigentlich ging es mir - den Umständen entsprechend - recht gut. Ich schien weder Fieber zu haben, noch hatte mir der lange Gewaltmarsch und die Nacht in nassen Klamotten irgend einen anderen Schaden zugefügt. Das mit dem Muskelkater war ja kein wirkliches Problem. Wenn bloß der Hunger nicht gewesen wäre. Nach den letzten gierigen Zügen an meiner Selbstgedrehten schälte ich mich langsam aus meinem feuchten Bett, um von der Aussichtsplattform den Wetterbericht abzurufen.
Im Obergeschoß bekam ich den ersten großen Schrecken des noch jungen Tages. Beim Anblick einer auf dem Fußboden schwimmenden Unterhose kam auch die Erinnerung wieder zurück. Nachdem ich am Vorabend den Joint geraucht hatte, war mir die ausgezeichnete Idee gekommen, meine naßen Klamotten zum Trocknen an den zerbrochenen Scheiben aufzuhängen. Nach einem kurzen prüfenden Blick stellte ich fest, daß meine gesamte verbleibende Garderobe aus dem bestand, das ich grade trug, plus einer Jeansjacke und zweier Unterhosen. Letztere trieben wie Quallen vor mir hin und her. Der Rest war vom Winde verweht.
Wenigstens das Wetter hatte es etwas besser mit mir gemeint. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, und auch der gestrige Wolkenbruch war inzwischen nur noch ein stetiger Nieselregen. Gegen Mittag hatte ich dann nach stundenlangem Gesuche die magere Auswahl an Kleidung um eine Winterjacke, eine Lederjacke, drei T-Shirts und eine Jeans erweitern können. Die Strümpfe befanden sich meiner Vermutung nach bereits auf halbem Wege nach Australien, ich würde also ohne laufen müssen. Jedenfalls war der Backpack jetzt wesentlich leichter.
Die Sache mit dem Hunger fing langsam an, mir Bauchschmerzen zu bereiten. Der halbe Tag war inzwischen vergangen, und an den Rückweg nicht zu denken. Um nicht in der Nacht im Wald schlafen zu müssen, würde ich den langen Gewaltmarsch zurück in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages antreten müssen. Es mußte sich doch irgend etwas Eßbares finden lassen.
Kurz vor meiner Abreise aus Deutschland hatte mir mein Bruder ein Jagdmesser geschenkt, das in seinem hohlen Griff eine Angelschnur mit Haken beherbergte. Gerade jetzt wußte ich das sehr zu schätzen. Damit bewaffnet, und mit nackten Füßen in nassen Turnschuhen machte ich mich auf den Weg zum Strand. Dort bot sich mir ein eindrucksvolles Bild: Nach Norden sowie auch nach Süden erstreckte sich der weiße feine Sandstrand, bis er sich in der Ferne meiner Sicht entzog. Eine einsame Möwe unterstrich die traurige Atmosphäre dieses einsamen Ortes. Der Pazifik rollte mit ohrenbetäubendem Rauschen unablässig über drei Meter hohe Wellen in Richtung Strand. Angesichts meines wurmlosen Hakens und fünf Meter dünner Nylonschnur verwarf ich den Gedanken an Angeln. Nach vielem Hin und Her und einem kurzen, aber intensiven Zwiegespräch mit meinem knurrenden Magen blieb nur noch die Möwe. Ich hatte ein Messer, reichlich Holz, Feuer und Hunger. Ich kann gar nicht beschreiben, wie schmackhaft so eine Möwe aussehen kann, wenn die Phantasie von einem riesigen Loch in der Bauchgegend stimuliert wird. Aber der Braten schien meine Gedanken lesen zu können und machte sich laut schreiend und mit einigen kräftigen Flügelschlägen in die Lüfte. Zu meinem Erstaunen flog das Tier jedoch geradewegs auf mich zu. Als ich dem angreifenden Tiefflieger nur durch einen schnellen Bauchklatscher ausweichen konnte, war mir bereits klar, daß es sich hier nicht um eine gewöhnliche Möwe handelte. Erstens war dieses Gerät gut vier Mal größer als die Vögelchen, die ich vom Hamburger Hafen her kannte, zweitens hatte es nicht die geringste Angst vor Touristen, und drittens schien es genau so hungrig zu sein wie ich.
Als ich die Krallen des überdrehten Fliegers beim dritten Angriff in meinem Nacken spüren konnte, wurde ich mit einem Mal richtig sauer. Jetzt langte es mir! Mit meinem Überlebensmesser in der Faust hockte ich mich hin und wartete auf die nächste Attacke. Als der riesige Vogel etwa zwei Meter entfernt war, sprang ich plötzlich auf und lief ihm mit dem Messer im ausgestreckten Arm entgegen. Aber der Strandgeier war gar nicht so doof. Fast augenblicklich stoppte er seinen Angriff mitten im Flug und machte eine 90°-Wende. Ich war so wütend, ich mußte mich einfach rächen, wollte diesem Vieh ein wenig Anstand beibringen. Außerdem hatte ich ja auch immer noch Hunger. Wir spielten diese Routine wohl etwa zehn Mal durch, bis sich die Möwe endlich enschloß ihren Stammplatz etwa zwei Kilometer nach Norden zu verlegen. Ich fühlte mich um ein Abendessen betrogen, hatte ich doch bereits zweimal ein saftiges Vogelbein fast in der Hand gehabt.
Im Laufe meiner stürmischen Bekanntschaft mit der widerspenstigen Geflügelkeule hatte ich mich einige hundert Meter von meinem Ausgangspunkt entfernt, und konnte jetzt einen neuen Weg in den Wald sehen. Da mir nichts Besseres zu tun einfiel, entschloß ich mich zu einer kleinen Expedition. Anders als der breite Weg auf dem ich gekommen war, handelte es sich hier nur um einen schmalen Pfad, der jedoch ebenfalls tief in den dichten Fichtenwald hineinzuführen schien. Nach etwa zehn Minuten überkam mich ein dringendes Bedürfnis. Da ich keine Besucher erwartete, machte ich es mir in der Mitte des kleinen Pfades bequem, als es plötzlich anfing, laut im Unterholz zu knacken, zu rascheln und zu knirschen.
Völlig unerwartet schallte ein Schuß. Der Lautstärke des Knalls nach vermutete ich den Schützen weniger als 50 Meter entfernt. Gott sei Dank hatte ich meine Hose bereits heruntergelassen… Als ich mich erschrocken in die Richtung der sich nahenden Geräusche wandte, sah ich mit einem Mal einen riesigen Eber aus dem Gebüsch brechen. An seinem Nacken hing festgebissen Jack, der offensichtlich Mühe hatte, mit diesem riesigen Schwein Schritt zu halten. Er wurde mehr mitgeschleift, als daß er selbst am Laufen war. Das groteske Paar bewegte sich mit atemberaubendem Tempo in meine Richtung. Mein Verstand setzte gänzlich aus, instinktiv fing ich an zu rennen. Das war in der gegenwärtigen Situation allerdings leichter gesagt, als getan und trotz erheblicher Anstrengungen hatte ich erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als sich Schwein samt Jack auf dem engen Pfad an mir vorbeigezwängt hatte, um etwas weiter wieder im Unterholz zu verschwinden. Meinen rasenden Puls im Kopf spürend hielt ich an, um wieder zu Atem zu kommen.
"Hättest Du Dich nicht wenigstens in den Weg stellen können?" Die Jeans eng um meine Fersen gewickelt, drehte ich mich langsam um. Lässig die Flinte über den Arm gelegt schaute George mich mit einem breiten Grinsen an. "Ich wollte doch Deinem Hund den Spaß nicht nehmen", antwortete ich, während ich - jetzt ebenfalls mit einem breiten Grinsen - nach einem großen Blatt Ausschau hielt. Die Zivilisation hatte mich wieder.
Es stellte sich heraus, daß George sich ernsthaft Sorgen um mich gemacht hatte. So ein deutscher Tourist, offensichtlich ohne Lebensmittel und etwas zu trinken allein in den Weiten dieser unüberschaubaren Wälder, hatte ihm zu denken gegeben. Da er selbst es gewesen war, der mich an der Weggabelung zu dem einsamen Strand abgesetzt hatte, hatte er sich verantwortlich gefühlt und beschlossen, das Nützliche mit dem Sinnvollen zu verbinden. Das "Nützliche" war in diesem Falle eine Wildschweinjagd, das "Sinnvolle" meine Rettung aus der Wildnis. Da er sich in der Gegend ausgezeichnet auskannte, hatte er bereits vermutet, daß ich in der kleinen Hütte der Strandwacht Unterschlupf suchen würde.
Nachdem ich einige wilde Blätter zweckentfremdet hatte, fühlte ich mich wie neugeboren. Ich war dem schmuddeligen, aber sympatischen Schweinejäger dankbar. Nicht, daß ich mir hätte vorstellen können auf irgendwelche ernsthaften Schwierigkeiten zu stoßen, es schien mir einfach wesentlich gemütlicher in Georges' versifftem V8. Während ich mich auf den Weg zurück zur Hütte machte, um meine Sachen zusammenzusuchen, verschwand mein neuseeländischer Überlebenskünstler wieder in den Dichten des Waldes, um nach dem Verbleib des Ebers und seines Anhängsels zu suchen.
Etwa vier Stunden später hörte ich das wald- und wiesenerschütternde Röhren des alten Fords. Während der langen Wartezeit hatte ich noch kurz zuvor ein Bad in den kalten Wellen des Pazifiks in Erwägung gezogen, das aber verworfen, als ich die halbzerfressene Leiche eines etwa drei Meter langen Hammerhais am Strand entdeckte. Ich werde es mir ausnahmsweise verkneifen, auf den ekelerregenden Gestank und das weitere Aussehen dieses Monsters näher einzugehen, nur soviel sei gesagt: Nie wieder Haifischsuppe!
Beim Einladen meines ultra-leichten Backbacks wurde mir schon wieder ganz anders. George hatte die Rücksitze heruntergeklappt. Inmitten der vertrauten leeren Bierdosen und Zigarrettenschachteln lag neben anderen lebenden und toten Dingen ein riesiges Schwein. Jack hatte ganze Arbeit geleistet. Die Ausmaße des gigantischen Ebers füllten fast die gesamte verfügbare Ladefläche des Autos. George hatte das Tier offensichtlich bereits vor Ort ausgenommen, was dem Fahrzeug das Erscheinungsbild einer Kulisse für den Film "The Texas Chainsaw Massaker" gab. Das Wageninnere war völlig mit halbgetrocknetem Blut beschmiert, einige alte Plastiktüten waren mit immer noch dampfenden Innereien vollgestopft. Ich stand für einige Zeit wie angewurzelt, als ich endlich einen unschlüssigen Blick zurück in Richtung Hütte warf. Aber es gab keine Alternative: Ich hatte seit vier Tagen außer erbarmungslosem Regen kein Wasser mehr auf meiner Haut gehabt und stank wie eine biologische Waffe. Seit zwei Tagen hatte ich nichts mehr gegessen und nichts getrunken. Mein Magen knurrte selbst angesichts dieser gruseligen Szene. Vorsichtig fing ich an, mit den Fingerspitzen die schweren Plastiktüten zur Seite zu räumen, um etwas Platz für meinen Rucksack zu schaffen, während George auf dem Fahrersitz einen Joint drehte. Als ich mit viel Geduld und einem herumliegenden alten Lappen endlich eine kleine Ecke freigeräumt und gewischt hatte, roch die ganze Karre bereits nach Dope. Sorgfältig platzierte ich meinen tragbaren Kleiderschrank auf der sauberen Stelle, und öffnete die Beifahrertür.
Knurrend, mit blutverklebtem Kopf und einem auf der linken Seite gerade noch dranhängenden Ohr sah Jack mir aus dem Fußraum des Beifahrersitzes entgegen. "Tut mir leid, Alter", grinste George mich über einer riesigen Tüte an, "aber ihr beide werdet Euch den Sitz teilen müssen. Wenn ich Jack nach hinten setze, dann ist zu Hause nichts mehr vom Schwein übrig." Etwas unschlüssig schaute ich von Jack zu George zum Schwein zu Jack zu George. "Es sei denn, Du willst Dich hinten breit machen…" hörte ich George. "Ne, ne, das kriegen wir schon hin", sagte ich schnell, "wir beide kennen uns jetzt ja schon ganz gut." Jederzeit bereit, einen lebensrettenden Sprung zur Seite zu machen, schob ich mein rechtes Bein Zentimeter für Zentimeter an Jacks' grollendem Kopf vorbei. Als das dreiviertel an ihm vorbei war, mußte ich eine Entscheidung treffen: Ein kleines Stück weiter, und ich würde das Gleichgewicht verlieren und mit einem Plumps auf dem Sitz landen. Gerade, als ich das Gefühl hatte, mich weiterwagen zu können, hörte ich ein lautes Knurren aus meiner Magengegend. Jacks eineinhalb Ohren standen kerzengrade, seine Lefzen zogen sich zurück und entblößten zwei Reihen strahlend weißer Mordinstrumente, die dem weißen Hai zur Ehre gereicht hätten. "Sei bloß vorsichtig, Alter, der Hund ist noch ganz aufgedreht." Ich warf einen schnellen Blick zu George, der sich mit seinem Superjoint im Sitz zurückgelehnt hatte und sich das ganze Schauspiel mit dem abwesenden Lächeln aus den Tiefen eines parallelen Universums ansah. Während ich mich mit beiden Händen am Dach festhielt, ließ ich mich behutsam in den Sitz gleiten. Augenblicklich hatte ich den Kopf des blutverschmierten Rottweilers auf meinen Weichteilen. Das Vibrieren meines gesamten Unterleibes sagte mir, daß er immer noch nicht ganz mit meiner Anwesenheit einverstanden war. Ich hörte das rasende Pochen meines Herzens, der Schweiß lief mir in Rinnsälen von der Stirn in die Augen. "Wenn jetzt bloß mein Magen nicht wieder knurrt", dachte ich nur. "Mann, Alter, du siehst ganz blaß aus! Zieh' mal hier dran, damit dir das Blut wieder in den Kopf schießt." Dankbar nahm ich den verbliebenen Stumpen dieses einst riesigen Joints in Empfang. George startete den alten Ford mit einem ohrenbetäubenden Röhren, preßte den rechten Fuß aufs Gaspedal und riß im selben Augenblick den linken von der Kupplung. Im Bruchteil einer Sekunde hatte ich Jacks Nase an meinem Kinn. Als ich meinen Kopf instinktiv zur Seite drehte, konnte ich gerade noch sehen wie mein gepflegter Rucksack versuchte, sich einen Weg in das hohle Innere des toten Ebers zu bohren…
Während der Fahrt war der Rottweiler dermaßen damit beschäftigt gewesen, nicht durch das ganze Auto zu rutschen, daß zumindest das Knurren aufgehört hatte. Aber auch das wollte mir nicht gefallen. Als lebendige Mauer zwischen dem Fußraum und dem Rest des Autos hatte ich ständig irgend ein mehr oder weniger scharfes Körperteil des Köters entweder auf meiner Brust, oder in meinem Gesicht. Da ich mich anhand Georges' Fahrstil selbst mit beiden Händen festhalten mußte, blieb mir wenig anderes übrig, als meinen Kopf ständig von der einen zur anderen Seite zu drehen. Als wir endlich ankamen, sah ich aus, als hätte ich selbst den Eber mit bloßen Händen erlegt.
Nachdem ich geholfen hatte das Schwein an einem im Garten speziell für diesen Zweck aufgestellten Kreuz anzuhängen, fragte ich höflich nach der Möglichkeit für ein Bad und nach einer Waschmaschine. George musterte mich von oben bis unten. "Du siehst wirklich nicht gut aus, Mann. Die Seeluft scheint dir gar nicht zu bekommen…" Wenig später war ich dabei seine Wanne mit Waschpulver zu schrubben, während er damit beschäftigt war, seine Beute in gefrierschrankgroße Stücke zu zerhacken. Ich hatte bereits den Boden des Badezimmers mit meinen schmutzigen Sachen bedeckt, um zu vermeiden, das, was einst Kacheln waren, mit meinen nackten Füßen betreten zu müssen. Auch hatte ich für längere Zeit ratlos überlegt, ob ich das gesamte Badezimmer erst einmal kräftig scheuern und desinfizieren sollte, mich aber aus zeitlichen Gründen dagegen entschieden. Eine gute Stunde später strahlte die Wanne inmitten des schmutzigen Badezimmers wie der Vollmond am Nachthimmel. Eine weitere Stunde später war ich gebadet, meine Sachen gewaschen und das Fleisch in der Gefriertruhe.
George hatte einen Holzkohlegrill angeworfen und vier riesige Koteletts brutzelten vor sich hin und verbreiteten einen Geruch, bei dem mir das Wasser im Mund zusammenlief. Jack hatte sich die größte der mit Innereien gefüllten Plastiktüten geschnappt und war 50 Meter weiter entfernt damit beschäftigt Inhalt samt Tüte in sich hineinzuschlingen. Mit einem Bier in der Einen und einem knusprig braun gegrillten Stück Wildschwein in der anderen lehnte ich mich auf der alten Holzbank zurück und registrierte erstmals den Nachthimmel. Es war eine völlig klare Nacht, und um einen leuchtenden Halbmond hatten sich Millionen von funkelnden Sternen versammelt. So etwas hatte ich selbst in den wundervollen Augustnächten in Griechenland noch nicht erlebt. Ich konnte es gar nicht fassen, daß es tatsächlich so viele Sterne gab. Fasziniert beobachtete ich, wie der Schweif einer Sternschnuppe die Nacht über mir halbierte, als mir der süßliche Geruch brennenden Marihuanas erneut um die Nase blies. So ließ' ich mir das Leben durchaus gefallen.
George hatte mich freundlicherweise bis nach Kaitaia gefahren, nachdem er mich an der wöchentlichen Inspektion einer seiner "Dopetrockenanlagen" hatte teilhaben lassen. Diese "Anlage", wie er sie nannte, bestand aus einer kleinen, notdürftig zusammengenagelten Holzhütte inmitten des tiefen Nordlandwaldes.
Um seine versteckten Marihuanaplantagen und Trockenhäuser regelmäßig versorgen zu können, benutzte er eine alte 500'er Yamaha, die ansonsten achtlos in seinem Garten herumlag. Ich durfte auf dem für das spätere Einbringen der Ernte angebrachten Gepäckträger Platz nehmen, der jedoch nicht ganz meinen körperlichen Konturen entsprach. Ich hatte den Dreh jedoch schnell raus: Ich mußte mich nur wie ein prall mit Marihuana gefüllter Jutesack verhalten, um den geringstmöglichen Druck auf meinen Beckenknochen zu verspüren. Trotzdem konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß George es darauf angelegt hatte, mir meinen Aufenthalt im Norden des Landes so ungemütlich wie irgendmöglich zu machen. Er peitschte die 500'er mit derselben Todesverachtung durch den dichten Fichtenwald, mit der er den V8 über Wege und Straßen jagte. Besonders der Umstand, daß er meiner Frage nach einem Helm mit einem herzhaften Lachen und den Worten "Nu mach' aber keine Witze Alter, die sind doch nur für alte Omis..." begegnet war, machte mir jetzt besonders zu schaffen. Während mir bei 80 Sachen auf dem ungefederten Gepäckträger dieses Hobels die Fichtenäste nur so ins Gesicht knallten kam ich zu dem Entschluß, daß diese Art der Fortbewegung nicht unbedingt meinen Wunschvorstellungen entsprach. Auch der Versuch mich wie ein unbeteiligter Jutesack zu verhalten scheiterte nach fünf Minuten bereits kläglich. Bei dieser Geschwindigkeit auf dem unebenen Waldboden übernahmen meine Weichteile ungefragt die Funktion der ansonsten fehlenden Federung zwischen dem Rest meines Körpers und dem Gepäckträgers. Als wir endlich bei der Hütte ankamen, mußte George mich vom Motorrad heben. Ich hatte mich derartig im Schutzblech verkrallt, daß der Hinterreifen mir beim Aufprall nach jedem größeren Sprung regelrecht die Fingernägel kürzer gefeilt hatte.
Nachdem George die schwere Holztür von einer riesigen Eisenkette befreit hatte, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, in einen alten "Cheech und Chong" - Film geraten zu sein. In der 20qm großen Hütte hingen über 100 mehr als zwei Meter hohe buschige Hanfpflanzen mit der Wurzel nach oben an den fensterlosen Wänden. Die Mitte des Raumes wurde von einem aus ungehobelten Brettern zusammengenagelten Tisch eigenommen, der völlig mit halbgetrockneten Marihuanablüten bedeckt war. Mit herunterhängendem Unterkiefer stellte ich einige schnelle Kalkulationen an: Das getrocknete Gewicht der sich in dieser Hütte befindlichen Pflanzen schätzte ich auf weit über 5Kg. Bei einem Preis von etwa DM10,00/Gramm (Amsterdam 1985) kam ich auf die stattliche Summe von DM50.000 ohne Mehrwertsteuer. Für deutsche Verhältnisse war mein freundlicher Busch-Kiwi eine durchaus gute Partie.
Während er die hängenden Pflanzen inspizierte und die Blüten auf dem Tisch umdrehte, gab er mir einen detaillierten Einblick in die neuseeländische Dopekultur. Obwohl der Besitz kleinerer Mengen von Gras von der Polizei als eine Bagatelle behandelt wurde, bedeutete der kommerzielle Anbau ein ernstes kriminelles Vergehen. Jedes Jahr kurz vor der Erntezeit flog die Polizei mit Hubschraubern die Fichten- und Regenwälder ab. Sobald sie ein Feld entdeckt hatten, wurde ein Beamter abgeseilt, der über Funk die Bodentruppe benachrichtigte. Die Pflanzen würden abgeschnitten und gebündelt aus dem Wald geschafft, um meist unmittelbar danach an Ort und Stelle verbrannt zu werden. Ein Job, bei dem sich laut George die Beamten grundsätzlich um den besten Platz (gegen den Wind) stritten. Sollte die Spurensicherung in der Lage sein, aufgrund irgendwelcher am Tatort befindlicher Gegenstände den Anbauer ausfindig zu machen, würde dieser sein gesamtes Hab und Gut verlieren, und könnte bis zu 10 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt werden. "Man muß schon ganz schön blöde sein, um sich erwischen zu lassen", erklärte George, "die meisten der zahlreichen Anbauer von 'Northland Gold' sind sehr vorsichtig und haben mehrere Felder von 10 - 50 Pflanzen tief im Wald verborgen. Die sind aus der Luft kaum zu erkennen und in vielen Fällen außerdem noch unter Tarnnetzen versteckt. Jedes Jahr fallen Cops aus Hubschraubern, weil sie sich bei der Suche zu weit hinauslehnen." Mit einem breiten Grinsen steckte er mir eine handvoll trockener Blüten in die Hosentasche und schob mich aus der Hütte. Ohne mit der Wimper zu zucken warf ich mich wieder auf den Gepäckträger. Mein gesamter Unterleib war völlig taub, und irgendwie mußte ich ja schließlich auch wieder zurück.
Gegen elf Uhr stand ich wieder an der State Highway 1, diesmal Richtung Norden. In den wenigen Tagen meiner Reise zum Ninety- Mile-Beach hatte ich mehr als genug gesehen und erlebt. Obwohl mir der einsame Lebensstil so fern der Städte nicht unbedingt zusagte, war eines mir inzwischen klar: Neuseeland hatte zumindest landschaftlich wesentlich mehr zu bieten, als ich mir in meinen wildesten Vorstellungen erträumt hatte, und mein Wunsch, mein weiteres Leben hier zu verbringen, war noch stärker geworden. Jetzt war es an der Zeit, mich zu etablieren. Ich brauchte also einen Platz zum Wohnen und einen Job. Auckland schien dazu der ideale Ort zu sein. Voller Energie und Tatendrang stand ich mit meinem Rucksack und gestrecktem Daumen an der Hauptstraße in Kaitaia. Unglücklicherweise hatte Jack mir während der kurzen Autofahrt vom Strand zu Georges' Haus einen unübersehbaren Flecken aus Schweineblut auf meiner Hose hinterlassen, den ich nicht hatte entfernen können. Und das ausgerechnet an einer Stelle, an der es - besonders für Männer - nur schwer zu erklären war. Aus dem Grunde trug ich meine Jeansjacke trotz des kühlen Wetters lässig über den linken Unterarm gehängt vor mir her, als ein uralter englischer Wagen neben mir anhielt. "Hallo, wir fahren nach Auckland." [...]