Tiergeschichten.de - eine Erfolgsstory


Wenn ich gewusst hätte, dass das ein historischer Moment ist, hätte ich einen Screenshot gemacht oder mir wenigstens das Datum gemerkt. So weiß ich nur, dass es irgendwann Mitte Januar 2003 gewesen sein muss: Ich besuchte das damals noch recht einfach strukturierte Diskussionsforum der Zeitschrift "Ein Herz für Tiere". Dort suchte ein gewisser Dietmar Nächilla verschiedenes Textmaterial für eine neue Online-Tiergeschichten-Sammlung. Prima, dachte ich, da kannst du ja deinen ollen Kram hinschicken! Über unsere Katzen habe ich in den vergangenen Jahren ja einiges geschrieben. Und schon brachte ich eine E-Mail mit Anhang auf den Weg.

Tja, und heute, gut ein Jahr später, kratzen wir an der 500-Story-Marke, haben einen begehrten internationalen Web-Award und behaupten ganz frech von uns, die weltgrößte Tiergeschichtensammlung ins Leben gerufen zu haben. Ich sage "wir", denn vom Autor bin ich ratzfatz zum Mitarbeiter avanciert, der an zweiter Stelle im Impressum steht.

Hinter Tiergeschichten.de stecken zwei gestandene Leute: Dietmar ist 50, verheiratet und lebt in Worms. Ich bin 43 und lebe mit meinem Partner in der Nähe von Stuttgart. Uns ist auch nichts Tierisches fremd: Dietmar hat einen Zwergpudel und bei uns daheim haben drei Katzen das Sagen.

Wie kommt man auf das außergewöhnliche Hobby, für eine interessierte Leserschaft Tiergeschichten zu sammeln? Dietmar sagt dazu: "Schon als Kind hatte ich ein besonders herzliches Verhältnis zu Tieren. Das begann mit einem Wellensittich und setzte sich über die Jahrzehnte mit vielen Katzen fort. Heute sind wir auf den Hund gekommen. Tiergeschichten las ich schon immer sehr gerne, und mit dem Internet tat sich eine neue Quelle auf. Die Sucherei war manchmal schon etwas mühsam, es gab keine richtige Anlaufstelle. Da mir die Webseitenerstellung viel Freude macht, kam ich auf die Idee, selbst etwas aufzubauen. Die Domain war schnell registriert, doch zum richtigen Anfang kam es vorerst nicht. Ende 2002 erhielt ich durch den Kontakt über eine andere Seite zwei Hundegeschichten, "Waldi" und "Blacky". Der Anfang war gemacht..."

Und ich hielt das für eine viel versprechende Idee und bin spontan mit eingestiegen.

Die Idee gefiel nicht nur Dietmar und mir, sondern auch zahlreichen Lesern und Autoren. Anscheinend bedienen wir ein Bedürfnis, das seither nicht ausreichend bedient worden ist: Das Bedürfnis der Tierfreunde, der Welt von ihren Lieblingen zu erzählen. Und die Welt nimmt die Geschichten erfreut zur Kenntnis.

Dietmar und ich sind ein gutes Team, auch wenn wir uns noch nie getroffen und nur einmal kurz telefoniert haben. Die Verständigung läuft über E-Mail, und das klappt tadellos. Das mag daran liegen, dass wir eine "Gewaltenteilung" haben, ganz ähnlich, wie ich das von meinem Job als Werbetexterin gewöhnt bin. Dietmar als IT-Experte ist der Fachmann für Technik und Gestaltung, und ich bin zuständig für Text und Kommunikation. Wir verständigen uns darüber, was wir vor haben, und danach macht jeder das, wovon er am meisten versteht. Genau so läuft es in meinem Job.

Wilde Ideen haben wir beide. Ob's um Kooperationen, Pressearbeit, Werbung, die Anmeldung für Awards oder das Guinnessbuch der Rekorde geht, um Gewinnspiele, Newsletters oder irgendwelche Zusatzfeatures für die Seite - irgendwann steht eine Idee im Raum und wird gnadenlos umgesetzt. Und ich darf das dann den Leuten erklären ...

Ein ungeplanter Nebeneffekt meiner Tätigkeit als "Sprecher" der Seite ist, dass Autoren und sonstige Gesprächspartner überwiegend mich mit Tiergeschichten.de identifizieren und es oft gar nicht mitkriegen, dass wir ein Zweierteam sind - und dass der Initiator der Seite Dietmar ist. Ich bemühe mich, dem entgegenzuwirken, aber es ist nicht einfach.

Vor dem Erfolg von Tiergeschichten.de stand zunächst einmal viel Informationsarbeit. Dass es uns gibt und was genau wir tun, musste ja erst im Internet bekannt gemacht werden. Als erstes haben wir Autoren aus unserem Bekanntenkreis um Beiträge aus ihrem Fundus gebeten, damit wir alle unsere Rubriken zumindest mit einer Grundausstattung an Stories bestücken konnten. Wenn einmal ein Anfang gemacht ist, tun sich die Leute leichter, uns ihr Material zu überlassen. Dann wissen sie ungefähr, was wir suchen.

Und dann ging's auf Schnorrtour kreuz und quer durch das Internet - wir haben schlichtweg wildfremden Leuten ihre Tiergeschichten von deren privater Homepage heruntergebettelt. Ich habe die Erfolgsquote nie gemessen, aber die allermeisten reagieren auf unsere Anfrage, und nur ganz selten hat uns jemand abschlägig beschieden. Und das, obwohl wir außer ein bisschen Werbung und Anerkennung für den Verfasser nichts bieten können. Das heißt, es fließt kein Honorar.

Gleichzeitig machten wir uns daran, diverse Foren mit unserer Botschaft zu infiltrieren. In Internetforen, in denen wir uns üblicherweise herumtreiben und in solchen, in denen wir interessierte Personengruppen vermuteten, hinterließen wir die Information, dass es Tiergeschichten.de gibt und dass wir ständig Material suchen. Ich habe alle Varianten ausgetestet, von dezent und subtil bis so aggressiv, dass man mich aus dem Forum rausgeschmissen hat. Dass man dieses Vorgehen "virales Marketing" nennt, haben wir erst viel später erfahren. Da waren wir schon längst ausgefuchste Experten auf diesem Gebiet.

Bald fluteten die Geschichten auch "automatisch" in unsere Mailboxen. Und in mein Snailmail-Postfach. Wenn es Texte nur als Papierausdruck und nicht als Daten gibt, tippe ich nämlich auch selber. Oder wenn der Autor so raffiniert war, die Texte als Bild auf seiner Homepage zu verewigen ... Es gibt nix, was es nicht gibt!

Wir übernehmen eine Geschichte prinzipiell nur, wenn wir das Okay des Verfassers haben. Raubkopien machen wir keine. Zwei oder drei "Wandersagen", die seit Jahren -zigfach im Internet kursieren und deren Urheber beim besten Willen nicht mehr aufzuspüren sind, haben wir allerdings schon auf unserer Seite, jedoch mit entsprechendem Vermerk.

Manchmal ist das Einholen der "Nachdruckerlaubnis" beinahe so unterhaltsam wie die Geschichte selbst. Ich denke da zum Beispiel an unser "freches Kaninchen": Auf einer englischsprachigen Homepage hat Dietmar eines Tages eine ulkige Bildergeschichte mit dem Titel "A Naughty Bunny" entdeckt. Nur war weit und breit keine E-Mail-Adresse des Verfassers angegeben. Alles Gegoogle half nichts, der Kerl war nicht zu finden. Erst Wochen später gelang es Dietmar, die Homepage des Autors ausfindig zu machen - seine E-Mail-Adresse hat er dann aufgespürt, indem er Teile der Webadresse in Newsgoups suchte.

Wir staunten nicht schlecht: Unser Wunsch-Autor saß am anderen Ende der Welt, in Australien! Und ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, ihm die Genehmigung für eine Übersetzung und Veröffentlichung aus dem Kreuz zu leiern. Ich schrieb ihn also an. Minuten später mailte Dietmar: "Der Australier ist gerade auf unserer Homepage!" Und dann ging es Schlag auf Schlag: Der Autor meldete sich und vergewisserte sich, dass unsere Seite nichtkommerzieller Natur ist. Ich könne seine Geschichte ruhig ins Deutsche übersetzen, meinte er. Er habe aber deutsche Kollegen, die das Ergebnis kontrollieren würden. Das war kein Problem für mich - ich hatte ja nichts Unlauteres mit seinem Text vor, ich wollte ihn nur möglichst gut übersetzen. Zur Sicherheit ließ ich die technischen Begriffe noch von Experten der Seite http://www.wer-weiss-was.de überprüfen. Und dann ging die deutsche Version der lustigen Nagergeschichte online. Als "Ein freches Kaninchen" kann man sie heute auf Tiergeschichten.de lesen.

Die Überraschung ihres Lebens habe ich mit meiner Anfrage anscheinend einer Schriftstellerin aus den USA bereitet. In einem Internetforum hatte ich eine anonym veröffentlichte rührende Katzengeschichte gelesen, die offensichtlich eine Übersetzung aus dem Englischen war. Diesen Text hätte ich wahnsinnig gerne auf unserer Seite gehabt! Ein bisschen Google-Quälerei und ich hatte das US-amerikanische Original samt Name der Verfasserin auf dem Bildschirm. Noch ein paar Klicks mehr und ich war auf der Homepage der Autorin.

Ich schrieb sie an. Sie fiel aus allen Wolken, dass ich diese Katzengeschichte kannte. Das sei doch gar nicht möglich, meinte sie, weil sie diese Story noch nie jemandem gegeben habe! Die Erlaubnis, eine Übersetzung davon zu veröffentlichen, könne sie mir leider nicht erteilen, da sie die Story in ihrem neuen Buch bringen wolle, und da dürfe sie vorher noch nirgendwo veröffentlicht sein.

Ich schrieb zurück: "Vielen Dank, liebe Anne, dafür habe ich natürlich vollstes Verständnis. Aber haben Sie schon einmal nachgesehen, auf wie vielen Internetseiten Ihre Geschichte inzwischen kursiert? Ich habe allein 40 Links auf Deutsch und über 100 auf Englisch gefunden. In anderen Sprachen habe ich nicht gesucht ..."

Irgendwo in Annes Freundeskreis muss es wohl eine undichte Stelle geben.

Pleiten, Pech und Pannen passieren natürlich auch uns. Zweimal habe ich Geschichten falsche Bilder zugeordnet. Einmal wollte ich besonders schlau sein und habe, statt das Manuskript, das mir die Autorin geschickt hatte, brav abzutippen, die entsprechenden Texte aus dem Internet heruntergeladen. Da standen die Stories ja schon. Und ich bin doch nicht blöd und mache mir unnötige Arbeit! Dumm nur, dass das im Internet redaktionell gekürzte Fassungen waren und nicht die von der Autorin gewünschten Originale. Junge, Junge! Das gab vielleicht Ärger! Gelegentlich kommt es auch vor, dass Leute uns Texte einreichen, deren Copyright bei ganz jemand anderem liegt. Da muss man Fuchs und Hase sein und beim geringsten Verdacht gründlich recherchieren ...

Wenn ich unsere Autoren beschreiben soll, komme ich ins Schwimmen. Außer "Tierfreunde" fällt mir kein gemeinsamer Nenner ein. Schulkinder und RentnerInnen, Hausfrauen, Doktoren und Professoren, Geistliche und Journalisten ... es gibt sie in allen Altersklassen und Berufen. Seit ich auf einem Seminar mein privates Engagement für Tiergeschichte.de erwähnt habe, gehört sogar mein Chef zu unseren Autoren. Die Leser lieben seine humorvollen Hundegeschichten.

Unsere Autoren kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus Luxemburg, England, Griechenland, Israel und Australien. Sie schreiben über alles nur erdenkliche Getier, verfassen Lustiges und Trauriges, Ernsthaftes und Albernes, Prosa und Gedichte, Selbsterlebtes und Erfundenes ... Kurz und gut: die Tiergeschichten sind so vielfältig und abwechslungsreich wie das Leben selbst.

Auch die Arbeit an Tiergeschichten.de bleibt spannend und interessant. Immer noch fluten die Geschichten, Gedichte und Bilder herein, und immer noch gibt es neue Stories und Autoren in den unendlichen Weiten des Internet zu entdecken. Dietmar optimiert ständig die Gestaltung und den Nutzwert der Seite, und die steigenden Besucherzahlen geben uns Recht. Irgendwann wird vielleicht auch mein Traum wahr, und die Tiersendung "hundkatzemaus" auf VOX erwähnt unsere Seite in ihrer Nachrichtenrubrik ...


Edith Nebel

13.02.2004









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