Wie ein träger, erst halb von dem aufkommenden Massentourismus wachgeküsster Riese döste das Örtchen Lloret de Mar in der spanischen Sommersonne des Jahres 1965 dahin. Gelangweilte Wohlstandstouristen
schlenderten durch die schwülen Straßen, besahen sich mehr oder weniger interessiert die kleinen Andenkenbuden am endlosscheinenden Strand, deren Sortiment von schillernden Muscheln über Schildplatt besetzten Messern bis hin zur Postkarte der Region alles zu umfassen schienen.
Ein besonderer Höhepunkt bestand darin den Fischern, die ihre Boote nahe des Badestrandes zu liegen hatten, dabei zuzusehen wie sie ihren Fang an Land brachten oder ihre Netze ausbesserten.
Wen wundert es da, das sich die Nachricht über den seltenen Fang wie ein Lauffeuer über den Strand verteilte und von jedem Badegast gierig als eine willkommene Abwechslung aufgesogen wurde.
Eilig hasteten die Schaulustigen in ihren Latschen und Sandalen über den heißen Sand, ihre klobigen Kameras bereit machend um ja nicht die Möglichkeit eines ungewöhnlichen Schnappschusses zu verpassen, den man nach dem Urlaub den staunenden daheimgebliebenen präsentieren konnte.
So auch die kleine deutsche Familie, die eben noch an einer der Andenkenbuden darüber beratschlagte ob das Schildplattmesser oder lieber der einfache, aus Treibholz geschnitzte Fisch ein schöneres Souvenir darstellte.
Schnell drängten sie sich in die größer werdende Menschentraube, um ihrer kleinen, fünfjährigen Tochter noch einen Platz zu sichern, von dem aus sie die Fischer und ihren seltenen Fang gut sehen konnte.
Die Kleine schob sich frech bis in die erste Reihe durch, aber immer darauf bedacht die Hand ihrer Mama nicht loszulassen und dann entdeckte sie sie, die große Meeresschildkröte.
Bei dem Anblick breitete sich ein strahlendes, herzeroberndes Lächeln über das Sonnenmilch beschmierte Gesichtchen aus. Die braunen Äuglein wurden im Schatten ihres ausladenden Sonnenhuts riesig und schienen sich mit dem Glanz, der vom Meer reflektierten Sonne messen zu wollen.
Aufgeregt zupfte der kleine Blondschopf abwechselnd an der Hand ihrer Mutter und am offenen Hemd des Vaters herum, was es dem Vater wohl unmöglich machte auch nur einen brauchbaren Schnappschuss des hektischen Treibens der Fischer zu machen.
Diese hatten mittlerweile zu viert das große Tier an den Strand gewuchtet, die panisch umherschlagenden Flossen missachtend legte einer von ihnen ein Seil um den dessen Kopf und eine der Hinterflossen, während ein anderer sein Messer aus dem Gürtel zog und sich dem gefesselten Giganten nährte.
Beim Aufblitzen des scharfen Messers war das freudige Lächeln des kleinen Blondschopfs einem erschreckten Glucksen gewichen. Angstvoll drückte sie sich an die Hand ihrer Mutter, Tränen standen in den großen Augen. Auch der Vater, der nun endlich den begehrten Schnappschuss hätte machen könne, ließ die Kamera sinken und sah besorgt von den Fischern zu seiner Tochter herunter, die Hand jederzeit bereit, ihr die Augen zuzuhalten und so den befürchteten Anblick zu ersparen.
Doch zur Erleichterung aller floss kein Blut, der Fischer hockte sich auf die Schildkröte und ritzte ihr mit dem Messer seine Initialen MR, Miguel Ramoz, in den Panzer um sie so als seinen Fang zu kennzeichnen.
Danach banden sie das andere Ende des Seils, mit dem sie den sanften Titanen gefesselt hatten, um einen Pfahl und ließen sie zurück ins Meer kriechen.
Skeptisch beobachtete der kleine Blondschopf die Fischer, die keinen Anstand machten das Tier aufzuhalten. Stattdessen schoben sich zwei von ihnen durch die Schaulustigen und rannten in Richtung der Strandpromenade, wo die Hotels und Restaurants ihren Sitz hatten.
Fragend sah sie zu ihrem Vater empor, der allerdings auch nur verständnislos die Schultern heben konnte.
Die Schildkröte war mittlerweile wieder in ihrem Element verschwunden, nur das hin und wieder Zuckende Seil am Pfahl bewies das sie noch dort draußen war. Die meisten der sensationsgierigen Gaffer hatten ihre begehrten Schnappschüsse bekommen und da hier für den Moment nichts interessanteres geschah wie im übrigen Lloret de Mar, zerstreute sich der größte Teil der Menge wieder am Strand um weiterhin an ihrer gepflegten Sonnenbräune zu arbeiten. Einige zeigten sich sichtlich enttäuscht über das zu kurze Spektakel, das dennoch einen Höhepunkt ihres Urlaubs darstellen würde.
Auch die Mutter der kleinen deutschen Familie wollte sich wieder ihrem Problem des schönsten Souvenirs widmen, doch der kleine Blondschopf an ihrer Hand blieb wie angewurzelt stehen und ließ sich auch nicht mit allen Versicherungen, das es dem Tier gut gehe oder dem Versprechen einer extragroßen Portion Eis von der Stelle locken.
Fragend blickte sie erst ihre Mutter, dann ihren Vater an, schließlich drängte sich ein halbersticktes, flehendes "Papa?" zwischen ihren Lippen hervor.
Geschlagen vom Blick seiner Tochter winkte er Miguel zu sich heran.
Der leidlich deutschsprechende Fischer erklärte auf Nachfrage welch seltenen Fang er gemacht habe und das seine Brüder sich auf den Weg gemacht hatten um in den Hotels und Restaurants nachzufragen, wer den besten Preis für diese Beute bezahlen würde. Solange dies nicht geklärt war, sollte die Schildkröte weiterhin im Meer bleiben, damit die Suppe aus schönem, frischen Fleisch gemacht werden konnte, wie er sich ausdrückte.
Bei dem Wort Suppe brachen bei dem kleinen Blondschopf alle Dämme.
Dicke, salzige Tränen, wohl genug um einen eigenen Ozean zu füllen, hinterließen deutlich sichtbare Kanäle in dem Sonnenmilchbeschmierten Gesicht.
Ein jammern und schluchzen, wimmern und heulen brach aus der kleinen Kinderseele empor, das es zum Steinerweichen war. Alle Versuche die Kleine wieder zu beruhigen oder endlich von den Fischern weg zu bringen zeigten ebensoviel Erfolg, wie der Versuch das Mittelmeer mit einem Fingerhut leer zu schöpfen. Sobald ihre Eltern sie hochnahmen um auch nur einen Schritt von dort wegzumachen, brach der kleine Wasserfall in einem beinahe hysterischen Geschrei aus. Der kleine Blondschopf hatte sich entschlossen seiner Trauer und seiner Empörung solange an diesem Fleck Luft zu machen, bis eine für sie und die Schildkröte zufriedenstellende Lösung gefunden wurde.
Belustigte wie anklagende Blicke der verbliebenden Schaulustigen und der Fischer, brachten die armen, hilflosen Eltern langsam in eine peinliche Situation. Während die Mutter dieses kleine, heulende etwas mit einer besonders liebevollen Umarmung zu trösten versuchte, machte der Vater sich mit einem besorgtem aber entschlossenem Blick möglichst unauffällig vom Ort des Geschehens davon.
Der Himmel allein mag ahnen, ob eine der größer werdenden Versprechungen die verzweifelte Mutter ihrer Tochter gegenüber sie letztlich nach einer guten Viertelstunde zum Schweigen brachte, oder ob die Kleine einfach keine Tränen mehr produzieren konnte, jedenfalls verwandelte sich der Heulkrampf langsam in ein trockenes Schluchzen.
Erschöpft drückte die Kleine ihr Hochrotes Gesicht an den Busen ihrer Mutter, ihr krampfhaftes Japsen schien sich langsam zu beruhigen.
Vielleicht wäre dies ein günstiger Zeitpunkt gewesen, den Blondschopf vorsichtig an einen weniger aufregenden Ort zu bringen, doch zögerte die Mutter als sie bemerkte das ihr Mann weit und breit nicht zu sehen war.
Leider zögerte sie einen Moment zu lange, den nun erschienen die beiden Fischer, die sich auf die Suche nach einem zahlungskräftigen Abnehmer gemacht hatten, wieder am Strand, begleitet von einem dicken Spanier in der weißen Kleidung eines Kochs.
Eifrig machten sich die Fischer daran, das Seil, das ihren Wertvollen Schatz hielt, wieder einzuholen.
Die kritischen Blicke, die die Fischer ob des geringen Wiederstands des Seils untereinander austauschten, bemerkte das blonde Mädchen wohl nicht, den schon begannen sich ihre Augen erneut auf eine wahre Sintflut an Tränen vorzubereiten.
Doch bevor es dazu kam, tauchte unerwartet ihr Vater wieder neben ihr auf und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Den Vernichtenden Blick der Mutter, als sie sein nasses, blondes Haar, die feuchte Badehose und die verräterischen Salzspuren von frisch verdunstetem Meerwasser auf seiner braunen Haut entdeckte, nahm er ohne ein Wimpernzucken hin.
Gespannt beobachtete die Kleine nun das Seil, das langsam aus dem Wasser gezogen wurde.
Jeder Tourist, der sich in Hörweite befand, lernte in dem Moment, als die Fischer das abgeschnittene Tauende an Land zogen, schlagartig eine ungeahnte Vielfalt an spanischen Schimpfwörtern und Flüchen.
Proportional zur steigenden Wut der Fischer, begann der kleine Blondschopf wieder ihr herzeroberndes Lächeln ihrem Vater zu schenken.
Er nahm sein strahlendes Töchterchen auf den Arm und gab seiner Frau einen Wink ihm zu folgen, denn er hatte es plötzlich sehr Eilig von den wütenden Fischern fortzukommen.
Einige Schritte von den Fischern entfernt, blieb die Mutter stehen, anscheinend eine Erklärung wegen seines plötzlichen Verschwindens erwartenet, betrachtete sie ihren nassen Mann eingehend und entdeckte unter seinem Hemd den Schildplattgriff eines Souvenirmessers, das locker in seiner Badehose steckte.
Nach einem ungläubigen Blick von ihrem schelmisch dreinschauenden Mann zu den tobenden Fischern, die mit ihren Flüchen anscheinend Poseidons Zorn auf den Übeltäter beschwören wollten, brach sie in herzhaftes Lachen aus.
Schnell nahm sie ihm den Fotoaperrat vom Hals, schob ihren Mann mit der strahlenden Tochter auf dem Arm so zurecht, das die wütenden Fischer im Hintergrund gut zu sehen waren und machte das Foto, das wohl das schönste Souvenir von allen werden sollte.
Heute ist das kleine Mädchen erwachsen und ich darf sie stolz meine Frau nennen.
Ich habe lange Zeit nicht an diese Geschichte gedacht, bis ich vor kurzem im Internet über den oben erwähnten Pressebericht gestolpert bin.
Obwohl die Kleinstadt Vera weiter südlich von Lloret de Mar liegt und ich die Schildkröte nicht persönlich gesehen habe, finde ich es doch einen schönen Gedanken mir Vorzustellen, das in ihrem Panzer vielleicht die Buchstaben MR eingeritzt waren.