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Gefangen


Es könnten sich bei dieser Geschichte gleich eingangs viele Fragen nach dem Wo, Wie und Wann auftun, deren Beantwortung aber den Rahmen sprengen würde. Daher stelle ich einfach lapidar fest, dass ich vor Jahren eine Gruppe von acht Affen in Pflege hatte.

In der warmen Jahreszeit konnten die Javaaffen in einem Freigehege laufen, springen, turnen und auch gelegentlich einen allzu neugierigen Besucher beißen. Im Winter dagegen wurden sie in Innenkäfigen untergebracht. Wie der Name schon sagt, in einem Haus. In einem Schulhaus. In der großen Pausenhalle. Dass in diesem Umfeld die Käfige zumindest wöchentlich einmal einer peinlichen Generalreinigung unterzogen werden mussten, versteht sich von selbst.

Dieser Putzeinsatz erfolgte immer am Sonntag und da wiederum jeweils am Vormittag. Um in den Käfigen hantieren zu können und um den Tieren etwas Bewegung zu verschaffen, ließ ich sie während der Reinigungsarbeiten frei in der Halle laufen. Unter meinem wachsamen Auge funktionierte das ganz gut. Bis es eines Sonntags, ja, bis es eben eines Sonntags nicht mehr so gut funktionierte.

Die Äffin Susi hatte vor kurzem einem Sprössling das Leben geschenkt, ihrem Sohn Fritz, der sich fest an ihren Bauch klammerte. Fritz kannte mich nicht, wie sollte er das auch im zarten Alter von sechs Tagen. Kein Wunder, dass er sich mächtig ängstigte, als seine Mutter so plötzlich aus dem Käfig und auf den Hallenboden sprang, gefolgt vom Rest der Gruppe.

Seiner Angst verlieh Fritz durch ein kurzes, eher schwächliches Gewimmer Ausdruck. Dieses Gepiepse genügte aber, um die Horde in Alarm zu versetzen. Drohend und kreischend kamen der Vater, Mutter und Kind sowie die Tanten auf mich zu und ließen keinen Zweifel offen, dass sie mich augenblicklich angreifen würden. Ich wollte sie mit einem "Ja, was ist denn los mit euch Schlankln?" besänftigen. Davon hielt aber Max, der Boss und Fritzens Vater, gar nichts, sondern entblößte sein mächtiges Gebiss, um mir zu zeigen, was mir unmittelbar bevor stand.

Ich musste mich in Sicherheit bringen, Affenbisse sind nun einmal keine Kleinigkeit. Der einzige Fluchtweg, der mir offen blieb, war der in den Affenkäfig. Schneller als ich es mir zugetraut hatte, saß ich hinter Gittern, griff durch die Stäbe, drehte den Schlüssel um und zog ihn vorsichtshalber ab. Schon hingen die Affen an der Käfigtür, rüttelten, schimpften aufgebracht und bedeuteten mir so, dass ich als respektierter Oberaffe ausgedient hatte.

So hockte ich im sicheren Käfig und beobachtete das weitere Geschehen mit wachsender Sorge. Meine mir nicht mehr so wohlgesonnenen Freunde ließen von mir ab und begannen äußerst interessiert die Halle zu inspizieren. Was es da nicht alles zu entdecken gab! Volle Milchpackungen, die von den Schülern nicht abgeholt worden waren, ein Karton mit Eiern, Kreide, vor allem aber eine Anzahl von liebevoll gehätschelten Zimmerpflanzen waren da zu beschnuppern, zu bezupfen und von den Fenstersimsen zu werfen. Was für eine Party! Besonders die überaus gleitfähige Mischung aus Erde, Eiern und Milch, die alsbald den ganzen Hallenboden bedeckte, hatte es der lustigen Gesellschaft angetan. Die Affen sprangen von den Käfigen und Fensterbrettern immer wieder in das Gemenge, wischten sich die beklecksten Händchen an den weiß getünchten Wänden und frisch geputzten Fensterscheiben sauber und verwandelten so das halbe Schulhaus in kürzester Zeit in eine vergleichsweise vergammelte Hütte. Und ich saß im Affenkäfig, nicht in der Lage irgend etwas zu unternehmen.

Etwa zu diesem Zeitpunkt erörterte ich für mich die Frage, ob ich, sollte ich jemals diesem Gefängnis entfliehen können, nicht dem allgemeinen Gespött ausgeliefert werden würde. Ich wurde. Vorerst aber musste ich noch einige Stunden in der eher ungewohnten Umgebung ausharren, bis sich die Aufregung wie auf ein Kommando gelegt hatte.

An diesem Sonntag putze ich auch am Nachmittag.

Autor: Ingo Baumgartner      





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