Die Anzahl der Reptilien und Amphibien in Deutschland, hat in den vergangenen Jahren dramatisch abgenommen. Um einer totalen Ausrottung vorzubeugen, musste man alle bedrohten Spezies einem strengen Artenschutz unterstellen.
Vor einigen Jahrzehnten spielte die Arterhaltung in unseren Regionen noch keine Rolle, denn Echsen, Frösche und Molche waren weit verbreitet. Hierzulande war sogar eine Schildkrötenart beheimatet: die Europäische Sumpfschildkröte. Heutzutage muss in der Regel zuerst lange gesucht werden, wenn man Echsen und Lurche auf freier Wildbahn antreffen will.
Gerne denkt Hubert an die Zeit zurück, als er die Möglichkeit hatte seine kindliche Neugier bei Erkundungsgängen an Teichufern, in Wäldern und Feldern zu stillen. Mit wachen Sinnen beobachtete er die Tiere, die ihm in ihrer natürlichen Umgebung begegneten. Die zahlreichen großen und kleinen Frösche an den Ufern des Neuhofener Altrheins, der damals fast vollständig mit hohem Schilf umwachsen war, erweckten seine Wissbegierde in demselben Maße, wie die Eidechsen, die an den steilen Hängen eines alten Verbindungsgrabens ihren Lebensraum hatten, der zum sogenannten "Kief´schen Weiher" führte. Stundenlang saß der kleine Hubert zwischen den wilden Brombeersträuchern und sah den Zauneidechsen bei ihrem Treiben zu. Die bräunlich gefärbten Weibchen wirkten eher unauffällig, im Gegensatz zu den Männchen, die zur Paarungszeit im Frühsommer ihre leuchtend smaragdgrünen Flanken präsentierten. Fasziniert von den Tieren erwachte in dem Knaben der Wunsch, ein solches Geschöpf zu fangen und nach Hause mitzunehmen. Grundsätzlich hatten seine Eltern keine Einwände gegen eine Tierhaltung, aber Frösche und Eidechsen in der Hosentasche waren in jedem Falle nicht nach ihrem Geschmack, und den Tieren war der widernatürliche Transport sicherlich nicht zuträglich. Das kleine Hubertchen hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung von artgerechter Tierhaltung, denn die gefangenen Kreaturen mussten in Einmachgläsern und Pappschachteln ihr weiteres, oftmals nur sehr kurzes Dasein fristen.
An einem Sommertag, vor vielen Jahren, war Hubert mit seinen Eltern an den Neuhofener Altrhein gefahren um den herrlichen Sonnenschein und die überwiegend unberührte Natur zu genießen. Kaum dort angekommen, strolchte der Junge im hohen Schilf des Uferbewuchses herum. Behutsam schlich er durch das Röhricht um den Tiere, die er beobachten wollte, keinen Schrecken einzujagen. Nach einiger Zeit hatte er den Schilfgürtel hinter sich gelassen und stand vor einem sandigen Erdaufwurf, der von der prallen Sonne erwärmt wurde. Eine kurze und ruckartige Bewegung, die Hubert auf dem Hügel wahrnahm, erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Blitzschnell flüchtete eine große Eidechse in ihr Versteck. Der Junge setzte sich in den warmen Sand, denn er war sich sicher, dass das Reptil schon bald wieder zum Vorschein kommen würde. Geduldig wartete er, bis die Echse argwöhnisch den Kopf aus dem Erdloch schob und die Umgebung beäugte. Langsam und sehr wachsam kroch das Reptil immer weiter aus dem Unterschlupf heraus, ohne ihren Beobachter zu bemerken. Mit einer raschen Bewegung packte Hubert zu. Durch verzweifelte Bisse und ruckartig zappelnd, versuchte das Tier aus der Hand seines Widersachers zu entkommen. Doch schließlich wurde es in die Hosentasche gesteckt und die Öffnung zugehalten, sodass es kein Entrinnen mehr gab.
Eine Eidechse sorgt für Aufregung
Huberts Eltern merkten nicht das mindeste von ihrem neuen Gast, der von ihrem Sohn heimlich in die Wohnung geschmuggelt worden war, bis er die Hand aus der Hosentasche nahm. Die Eidechse nutzte die Gunst des Augenblicks und sprang aus ihrem Gefängnis. Erschrocken wich Huberts Mutter zurück, als sie das Reptil mit flinken Bewegungen auf dem Küchenboden rennen sah. Der Vater erkannte nur noch, wie das Tier unter dem Schrank verschwand. Die strafenden Blicke der Eltern zeigten Hubert, dass ihm schnell etwas sinnvolles einfallen musste. "Ich locke die Eidechse mit Futter aus ihrem Versteck", sagte der Junge und ging los, um in der nahen Zoohandlung für ein paar Groschen "Mehlwürmer" zu kaufen. Wieder Zuhause angekommen, stellte er einen kleinen, flachen Teller neben den Küchenschrank auf den Fußboden und schüttete die lebenden Mehlkäferlarven darauf. Dann hieß es geduldig sein, bis die Eidechse Hunger bekam. Nach einiger Zeit warf Hubert einen Blick in die Küche. Verblüfft stellte er fest, dass das Lockfutter immer weniger wurde, von der Zauneidechse aber nach wie vor jede Spur fehlte. Dann sah er woher der Schwund rührte. Nicht die Echse fraß von den Mehlwürmern, sondern die Krabbeltiere machten sich eigenmächtig aus dem Staub. Jetzt wurde Huberts Mutter richtig böse, denn in allen möglichen Ecken wimmelte das Gewürm herum, die Eidechse jedoch blieb verschwunden. Nachdem der Junge die Futtertiere wieder eingesammelt hatte, musste er seiner Mutter versprechen, nie mehr Tiere in die Hosentasche zu stecken und heimlich in die Wohnung zu bringen. Damit war der Vorfall fürs erste erledigt.
Ein paar Tage später fand der Vater die Echse im Wäschekorb, der seinen Platz im Badezimmer hatte. Das Reptil war in gutem Zustand, deshalb bekam Hubert die Aufgabe zugewiesen, es an seinem angestammten Platz auf dem Erdhügel am Neuhofener Altrhein auszusetzen.
Der Junge hat aus diesem Erlebnis gelernt und seit dieser Zeit viel Wissen über die Tiere in seiner Umgebung gesammelt. Heute ist Hubert ein großer Naturliebhaber und ein Kenner der einheimischen Fauna. Wenn er, wie in früherer Zeit, durch die naturbelassenen Gegenden seiner Heimat wandert, sieht man ihn oft lächeln, denn dann denkt er an die Frösche und die Reptilien in seiner Hosentasche.
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© 1998, Vision Bird Medien Text: Adrian Pfeiffer Bild: Martin Schreider
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