Im Jahr 1997 verbrachten wir einen Urlaub auf den Bahamas. Wir besuchten dort ein befreundetes Ehepaar. Da ja Fisch und Besuch bekanntlich nach drei Tagen stinken, haben wir wie "ganz normale Touristen" in einem Hotel gewohnt. So konnten wir uns ganz nach Bedarf verabreden und fielen niemandem lästig. Hier ein paar Auszüge aus unserem Reisebericht:
Für Samstag Vormittag um halb elf haben wir uns verabredet. Tina und Mark wollen uns am Hotel abholen und uns die Gegend zeigen. "Bringt Badeklamotten mit. Und die Kameras nicht vergessen!", hatte Tina am Telefon gesagt. "Wenn ihr wieder abfliegt, werdet ihr die schönsten Plätze auf dieser Insel kennen!"
Mark wartet draußen am Wagen - im Parkverbot. Wir verstauen unsere Taschen im Kofferraum des schwarzen Camaro - und sind bei dieser schwülen Hitze unendlich dankbar dafür, daß dieses Auto mit einer Klimaanlage ausgestattet ist!
Unser Ziel ist das Hotel Atlantis. "Kann man da denn einfach so reinlatschen?", will ich wissen. "Klar. Wir sind hier nicht in Deutschland! Und außerdem kennen wir den Manager. Er ist ein Kunde von Mark." Als personal trainer weiht Mark seine Klienten in Geheimnisse des Bodybuilding ein. Er gibt Einzelunterricht.
Wir kommen uns in dieser Hotelanlage vor wie in Disneyland. Oder auf dem Set eines Hollywood-Films. So stellen sich die Hotelarchitekten also Atlantis vor! Künstliche Seen und Wasserfälle, Wachtürme, eine Hängebrücke ... Und das Restaurant ist ein "Tempel" mit Säulen, farbigen Deckengemälden und einer dezent grauenvollen Muschel- und-Seeschlangen-Dekoration auf dem Dach. Wir füttern die riesigen Wasserschildkröten im Bassin mit Blättern der Seetraube. Es dauert eine Weile, bis die Viecher kapieren, aber dann verschwinden die Blätter mit wenigen Bissen im Maul.
Der absolute Gipfel dieser Anlage ist ein gigantisches Aquarium, unter dem man durchgehen kann! Ohne Witz! Die Haie und die kleinen Fische schwimmen über uns hinweg! Was es nicht alles gibt! Würden wir jetzt 80 Dollar pro Person zahlen, könnten wir den ganzen Tag hierbleiben und auch die Pools benutzen. Gerhard und ich schauen uns an. Nein, das muß dann doch nicht sein. Es ist hier phantastisch zum Anschauen, Bewundern und auch ein bißchen zum Gruseln, aber bleiben oder gar wohnen wollten wir hier nicht. Überall geht es zu wie auf dem Jahrmarkt. Musik und Geschrei, daß einem die Ohren abfallen. "Wer, zur Hölle, kann sich einen Urlaub hier überhaupt leisten?" frage ich. "Amerikaner", meinen unsere Freunde. "Für die ist der Flug ja nicht so teuer."
Am Strand von Pirate's Cove erholen wir uns vom Sightseeing. Tina und Mark gehen schnorcheln. Mich bringt ja nichts und niemand dazu, mit dem Kopf unter Wasser zu gehen. Und Gerhard kann ohne Brille fast nichts sehen. Damit hat sich das Schnorcheln für uns erledigt. Wir füttern statt dessen Fische mit Keksen. Die fressen uns buchstäblich aus der Hand! Ein besonders gieriges Exemplar beißt mich sogar in den Finger. "Sergeant-Major-Fische" nennt Mark sie, wegen der vielen Streifen. Diese zutraulichen Fische sind ja wirklich unglaublich! "Hey", rufe ich an den Strand, "das ist das erste Mal, daß mir ein Sergeant-Major aus der Hand frißt - und dabei hatten wir die Army Base daheim in Spuckweite!"
Bei unserem nächsten Treffen am Sonntag regnet es. Wir gehen in den Ardastra-Zoo. Am Eingang sehen wir, daß wir noch viel lernen müssen: Das Couponing, beispielsweise. Tina war so schlau, die Lokalzeitung nach Coupons zu durchforsten. Den Eintritt kriegen wir zwar nicht billiger, aber immerhin gibt's für jeden ein Getränk gratis! Wir stellen sehr schnell fest: Hier kommt man an die Tiere viel näher ran als in den heimischen Zoos. Tina, die sich vor keinem Tier fürchtet, krault einen Ozelot. Der läßt sich das gerne gefallen. Auf einmal schnappt er nach ihrem Regenschirm und hält hartnäckig die Trageschlaufe im Maul. Als sie ihm das Bändchen wieder abjagen will, stemmt er sich mit voller Kraft gegen die Umzäunung seines Geheges und knurrt, als wäre er mindestens ein Löwe. Es bleibt Tina nichts anderes übrig, als ihm den Regenschirm zu überlassen - und ihn auf dem Rückweg wieder abzuholen.
Wir sehen Papageien und Jaguare, Warane und Krokodile, Pfauen und Affen. Einem Kapuzineräffchen gibt Mark ein Stück bagel. Der Affe nimmt es artig in die Hand und schnuppert dran. 'Was - nur ein trockenes Brötchen?" scheint er zu denken, und weicht das Gebäck erst mal gründlich in seinem Trinkwasser ein, bevor er davon abbeißt.
Attraktion des Tierparks ist eine Flamingoshow. Die Tiere "exerzieren" wie auf einem Kasernenhof. Linksrum und "halt" und rechtsrum rennen sie auf Kommando ihres Trainers durch die Arena. Zwei Jahre dauert es, bis die Vögel das beherrschen, erklärt uns der Trainer. "Denn, wissen Sie, Flamingos sind nicht gerade Raketenwissenschaftler". Dann tritt der Trainer mit einer Schlange vor das Publikum. Wer sie denn mal streicheln möchte, fragt er. "Hier, ich!" ruft Tina. Uns wundert so langsam nichts mehr. "Ich war schon so oft hier, ich kenne alle Tiere persönlich", lacht Tina - und legt sich die Schlange elegant um den Hals!
Der Donnerstag steht wieder ganz im Zeichen der Tiernarren. Wir besuchen den Crystal Cay Marine Park - dessen 30 m hohen Beobachtungsturm wir von unserem Hotel-Balkon aus sehen können. Hier gibt's Seesterne, Muscheln und Seegurken zum Anfassen. Carmen, eine der Angestellten, nimmt sogar einen der kleinen Nurse-Sharks aus dem Becken, damit wir feststellen können, wie sich seine Haut anfühlt. Wir Schmirgelpapier! Schnell kommt der kleine Hai wieder ins Becken zurück, damit er keinen Schaden nimmt. Durch die Glasfenster des Aquariums sehen wir, wie ein Taucher die Rochen, Haie und sonstigen Meeresbewohner füttert. Schon komisch: Da schwebt der Taucher im Wasser, Auge in Auge mit einem glotzäuigen Riesenfisch, der einfach nicht glauben kann, daß der Behälter nun leer und die Mahlzeit beendet ist!
"Gleich kommt eine besondere Attraktion", verkündet Tina. "Die Fütterung der Rochen! Mark und ich hatten mal eine Jahreskarte. Da waren wir so oft es ging da, um die Rochen zu füttern!" - "Ja wie? Füttern wir die etwa selber?" - "Na klar! Die Rochen kommen am Beckenrand hoch. Dann nimmst du so einen glitschigen Tintenfisch, drückst die Nase von dem Rochen ein bißchen vom Beckenrand weg, und dann gibst du ihm den Fisch. Unterhalb von seiner Nase hat er die Mundöffnung. Der Fisch muß immer zwischen Rochen und Wand 'eingeklemmt' sein, damit er ihn auch kriegt."
Als wir an das Rochen-Becken kommen, scheinen die Tiere schon zu wissen, daß nun die Fütterungszeit naht. Sie flattern aufgeregt am Beckenrand entlang und strecken dabei die Flossen aus dem Wasser, daß es nur so spritzt. Wie sich so ein Rochen wohl anfühlte? Ich greife ins Becken und berühre vorsichtig eine Flosse. "Huch - das ist ja wie nasses Fensterleder!" Schon kommt die Tierpflegerin mit einem Eimer voller Squids. Ein bißchen Überwindung kostet es mich schon, die schlüpfrigen Tintenfische anzufassen. Aber die Fütterung der "Stingrays" - die ich bislang allenfalls aus dem Fernsehen gekannt habe - macht wirklich tierischen Spaß. Danach sind wir klatschnaß und stinken mörderisch nach Fisch. Und noch eine ganze Weile nach der Fütterung kommen die Rochen an den Beckenrand und schauen nach, ob's nicht doch noch einen Nachschlag gibt.
Bei einem Bummel über den Fischmarkt sehen wir, wie die berühmten bahamischen Conch-Muscheln gleich am Strand zu leckerem Salat verarbeitet werden. Doch Mark hat uns gewarnt: "Lieber nicht essen! Du weißt nie, wie sauber das Wasser ist, mit dem sie die Muscheln spülen. Oder wie lang die Viecher schon tot am Marktstand liegen!" Und er zählt uns ein halbes Dutzend seiner Bekannten auf, die nach Genuß eines solchen Salats vom Fischmarkt an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt sind.
Aus Briefen und von Fotos wußten wir, daß Tina und Mark eine zeitlang im örtlichen Tierheim, der Bahamas Humane Society ausgeholfen hatten. Tiere füttern und Gehege saubermachen. Sie haben immer noch gute Kontakte zu den Mitarbeitern im Heim, und können wir am Freitag nachmittag mal einen Blick ins Katzenhaus werfen, obwohl Besucher eigentlich nur samstags Zugang haben. "Damit ihr euch wieder mal richtig anmaunzen lassen könnt", meint Mark. "Ihr vermißt doch sicher eure Katzen daheim!". Wir schließen die Tür des Katzenhauses hinter uns und dürfen die Tiere sogar für einen Moment aus ihren "Käfigen" lassen, sie streicheln, auf den Arm nehmen und mit ihren spielen. Sie genießen die Aufmerksamkeit sichtlich und wollen mit dem Schnurren gar nicht mehr aufhören. Am liebsten würden wir gleich welche mit nach Hause nehme!
Das Tierheim ist zwar einfach ausgestattet, aber den Tieren scheint es gut zu gehen. Das Heim nimmt nicht nur Notfälle, sondern auch Pflegetiere auf, und es hat eine eigene Tierklinik. Man bemüht sich, die Leute dazu zu bewegen, ihre Hunde und Katzen kastrieren zu lassen. Das ist ja auch sinnvoll. Verwilderte Katzen, wie in vielen südeuropäischen Ländern, haben wir zwar nirgends gesehen, aber streunende Hunde gibt es jede Menge!
Am Dienstag besuchen wir Coral Harbor im Süden der Insel. Den Ort, am unsere Freunde wohnen. Als Tierfreunde kommen wir natürlich nicht an einem Reitstall vorbei. Auf dem Anwesen der blonden Sue kommt man sich vor wie im Paradies. Pudel, Dobermänner, Hühner, Katzen und Pferde scheinen sich dort problemlos miteinander zu vertragen. Ein Leben auf so einem Reiterhof könnte ich mir auch vorstellen. Auch wenn manche Kunden nicht ganz einfach zu nehmen sind, wie Sues amüsanten Anekdoten zu entnehmen
Auf jeder Reise bleiben unerledigte Posten zurück. So auch hier: An unserem letzten Abend fahren wir noch einmal an der Prince George Wharf vorbei. Wir hätten so gerne ein paar der riesigen Kreuzfahrtschiffe bei Nacht gesehen. Eindrucksvoll beleuchtet kennen wir sie bislang nur von Postkarten. Aber wir haben leider Pech. Gerade an unserem letzten Abend ist kein einziges Schiff im Hafen. Da werden wir wohl wiederkommen müssen ...!