Henry

Eigentlich sogar „Sir Henry von und zu Wolkenstein“, denn so steht es im meinem offiziellen Stammbaum. Mein Vater war Harro von und zu Wolkenstein und meine Mutter die seinerzeit berühmte Gundula von Rattenfang. Meine Eltern entstammen beide uralten Hundegeschlechtern, und unser Stammbaum ist umfangreicher als der meiner Menschenfamilie. Deshalb gibt es nicht nur von den Vorfahren des Fürsten eine Ahnengalerie, sondern auch von den Hunden der Familie. Alle sagen, ich wäre das Ebenbild meiner Mutter, so sind unsere Portraits, die nebeneinander hängen, fast identisch. Deshalb habe ich, als Gentleman alter Schule, hier ihrem Bild den Vortritt gelassen – war sie nicht eine wahre Schönheit? Wir alle wohnen seit Generationen in diesem schönen, großen Schloss.

Sir Henry wohnt im Schloss


„Ein zugiger alter Kasten, der uns zudem ein Vermögen kostet ihn zu erhalten“, nennt mein Herrchen unser Zuhause. Deshalb schleust er am Wochenende immer Touristen durch die noch erhaltenen Prunkräume. Die bewundern dann gebührend das alte Mobiliar, die mottenzerfressenen Vorhänge, die Familienbilder in der Ahnengalerie, das Silber und natürlich die Porzellansammlung seiner Vorfahren. Und alle zahlen gut dafür, dass sie sich diesen Teil des Hauses anschauen dürfen.

Wir bewohnen im Schloss nur einen Flügel, der ist allerdings privat, da dürfen die Fremden nicht rein. Etwas anderes ist das mit dem Schlosspark, der ist an allen Tagen öffentlich zugänglich, weil unser Zuhause mitten im Ort liegt. Zwar sind Park und Schloss von einer hohen Mauer umgeben, aber das große Tor steht immer offen, deshalb sind fast immer Menschen in unserem Garten, und ich treffe dort auch viele Hunde, wenn ich raus darf. Einige von denen kommen ziemlich regelmäßig hierher.

Natürlich gehe ich immer brav an der Leine, und nur mit Frauchen oder Herrchen zusammen, man muss ja schließlich mit gutem Beispiel vorangehen. Außerdem weiß ich genau, was ich dem guten Ruf der Familie schuldig bin. Im Park stehen viele alte und hohe Bäume, da kann ich mir jeden Tag einen anderen aussuchen, um daran mein Geschäft zu verrichten oder eine Nachricht für die anderen Kumpel zu hinterlassen. Man muss seine Kontakte doch pflegen, und schließlich sind Beziehungen das A und O im Leben, so sagt Herrchen immer!

Ein reinrassiger Basset mit Schlappohren


Weil mein eigentlicher Name viel zu lang ist, werde ich Henry gerufen, und das reicht völlig. Herrchen und Frauchen lassen sich ja auch nicht mit ihrem Titel anreden, nur, wenn es mal hochoffiziell wird. Ach ja, das hatte ich ja noch gar nicht erwähnt, ich bin natürlich ein reinrassiger Basset mit sehr langen, dunkelbraunen Schlappohren und hellem, seidigem Fell mit braunen und schwarzen Flecken darin. Außerdem habe ich melancholische „Triefaugen“, wie mein Frauchen es ausdrückt. Das hat unsere Rasse eben so an sich. Gutmütig und kinderlieb bin ich natürlich auch.

Bei uns Rassehunden mit edlem Stammbaum kommt es auch sehr auf den Charakter an, so sagt Frauchen, vor allem, wenn man die Familienlinie weiterführen soll. Das ist bei uns Tradition, schon seit vielen Generationen. Deshalb darf ich ab und zu auch immer noch die eine oder andere Hündin beglücken. Bei weitem nicht mehr so oft wie früher, weil ich inzwischen ja nicht mehr der Jüngste bin, aber es macht immer noch Spaß! Außerdem müssen sie ja auch passende Partnerinnen für mich finden, denn für die Zucht kommt längst nicht jede Hundedame in Frage. Ich denke aber, ich habe schon so oft meine Pflicht getan, das es auf jeden Fall genug Abkömmlinge von mir gibt. Die von und zu Wolkensteins sterben also noch lange nicht aus, und das ist gut so!

Hundeausstellungen? Mehr was für Menschen!


Wir gehen auch immer noch zu Ausstellungen. Da treffen sich ganz viele Hunde, manchmal auch welche verschiedener Rassen. Wir alle werden vorher so lange gebürstet, bis unser Fell glänzt, unsere Krallen werden gesäubert und notfalls gestutzt, und überhaupt unternehmen unsere Menschen an solchen Tagen alles, um ihre Lieblinge in einem ganz besonders hellen Licht erstrahlen zu lassen. Alle wollen natürlich die begehrte Siegesschleife mit nach Hause nehmen, weil das unseren Wert, vor allem zur Zucht, beträchtlich erhöht. Einige Male ist mir das auch gelungen und Frauchen und Herrchen waren ganz stolz auf mich, und haben mich sehr dafür gelobt!

Wie schön, wenn der Spuk vorbei ist!


War ja auch ein schönes Gefühl, aber das ganze Theater bis es endlich soweit ist, das mag ich gar nicht. An solchen Tagen sind alle immer ganz aufgedreht, und es geht überall laut und hektisch zu. Dann muss ich für den Transport zu den Ausstellungsorten immer in die blöde Hundebox, und wenn wir endlich dort angekommen sind, dann darf ich noch lange nicht raus, sondern muss mich erst mal wieder schön machen und von der Jury begutachten lassen. Ab und zu müssen wir sogar zeigen, wie gut wir gehorchen können und noch einiges mehr. Ich bin jedenfalls immer froh, wenn der ganze Spuk wieder vorbei ist, und es endlich wieder nach Hause geht. Dieses Spektakel mag für die Menschen wichtig sein, wir Hunde brauchen diese Bestätigung ganz sicher nicht!

Im Gegenteil, manchmal wünschte ich mir sogar, ich hätte keinen Stammbaum, den ich repräsentieren und verteidigen muss! Aber, wenn man von Adel ist, dann hat man eben so seine Pflichten, sagt Frauchen, und Herrchen nickt dazu, also wird es wohl stimmen, denke ich.

Illustration: © Ragna van Felten

Die Geschichte ist Brigitta Rudolfs Buch KATZENTRÄUME entnommen, in dem es, wie man sieht, auch um andere Tiere geht:




Autor: Brigitta Rudolf

www.brigittarudolf.jimdo.com
brigitta-rudolf@gmx.de


Fotograf/Künstler: © Ragna van Felten / Rudolf/Felten

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