Alfred Bodenheimer: Im Tal der Gebeine: Rabbi Kleins fünfter Fall

Alfred Bodenheimer: Im Tal der Gebeine: Rabbi Kleins fünfter Fall, München 2018, Nagel & Kimche in der MG Medien Verlags GmbH, ISBN 978-3-312-01085-1, Hardcover mit Schutzumschlag, 206 Seiten, Format: 13,1 x 2,5 x 21,1 cm, Buch: EUR 20,–, Kindle: EUR 15,99.

Abbildung: (c) Nagel & Kimche Verlag

„Sagen Sie mal, Herr Rabbiner, gibt es zufällt auch Momente, in denen Ihnen klar ist, dass die Zürcher Stadtpolizei ermittelt und nicht das Rabbinat der Cultusgemeinde?“ (Seite 187)

Bianca Himmelfarb, geborene Kugel, 88, ist zwar „nur“ eine Cousine dritten Grades von Rabbi Gabriel Kleins Vater, aber sie war immer die Verwandte, die Vater und Sohn besonders nahestand. Auch wenn sie fast ihr gesamtes Erwachsenenleben in Kanada verbracht hat und nur ihren Urlaub in Zürich verbringt, ist der Kontakt recht eng.

1939 sind Bianca und ihre Schwester Ruth mit Hilfe der Familie Klein aus Frankfurt über die Schweiz nach England geflüchtet. Ruth ist dort geblieben, hat einen christlichen Briten geheiratet und in Birmingham eine Apotheke betrieben. Bianca wurde die Ehefrau eines deutlich älteren kanadischen Unternehmers, hat nach dessen Tod seine Firma erfolgreich weitergeführt und sich als Kunstsammlerin einen Namen gemacht.

Rabbi Kleins Tante wird ermordet


Gerade erst hat Rabbi Klein seine „Tante Himmelfarb“ in ihrer Zürcher Wohnung besucht, froh, den heimischen Pessach-Vorbereitungen zu entgehen. (Das muss man sich wie eine verschärfte Art des Frühjahrsputzes vorstellen.) Die Tante war munter und guter Dinge – und am nächsten Tag steht Kriminalkommissarin Bänziger in Kleins Küche und eröffnet ihm, dass Bianca Himmelfarb ermordet worden sei.

Klein ist erschüttert. Und es wundert ihn, dass die Kommissarin überhaupt von der Verwandtschaft weiß. Zwar kennen sie einander schon ein paar Jahre, weil er sich immer wieder in ihre Kriminalfälle einmischt, aber so gut bekannt sind sie auch wieder nicht. Vorsichtshalber lässt er unerwähnt, dass die Tante ihn wahrscheinlich in ihrem Testament bedacht hat. Wer weiß, ob das wirklich der Fall ist? Er will sich ja nicht unnötig verdächtig machen. Ein Fehler!

Die Kommissarin möchte, dass Rabbi Klein die Ausgabe der „Jerusalem Post“ durchsieht, die am Tattag in Frau Himmelfarbs Wohnung lag. Der Mörder muss sie mitgebracht haben. Doch aus welchem Grund? Klein findet aber nichts darin, was in Bezug zu seiner Tante stehen könnte.

Jetzt gerät der Rabbi in Stress: Er müsste der Sache nachgehen, auch wenn Kommissarin Bänziger sich seine Einmischung verbittet. Er müsste sich aber auch um dringende Gemeinde-Angelegenheiten kümmern. Er sollte nach Birmingham zu Tante Ruth fliegen – und er müsste Biancas Haushälterin, Filomena Haas, helfen. Sie vermisst „Donna Biancas“ Wohnungsschlüssel und fürchtet, ihr Ehemann Zeno habe ihn an sich genommen und sei Bianca Himmelfarb um Geld angegangen. Das Gespräch könnte aus dem Ruder gelaufen sein, denn Zeno hat Bianca für seine finanzielle Schieflage verantwortlich gemacht.

Reicht langjähriger Groll als Mordmotiv?


Mit diesem Gedankengang ist Zeno Haas in diesem Roman nicht allen. So wie er denken noch andere: „Weil X so und so gehandelt hat, wurde mein ganzes Leben ruiniert.“ Das stimmt meines Erachtens nur in wenigen drastischen Fällen. Es gibt keine Lebens-Ideallinie, die alles, was davon abweicht, zur Zweiten Wahl oder zur Katastrophe degradiert. Es gibt –zig denkbare Abzweigungen und damit unendlich viele Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Nur, weil man etwas nicht bekommen hat, das man hat haben wollen, ist noch lange nicht alles aus. Wer weiß, ob man durch die Erfüllung seiner Träume wirklich glücklich geworden wäre? Oft ist es so wie in dem Zitat von Eugen Roth:
„Ein Mensch schaut in der Zeit zurück
Und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“

In diesem nachhaltigen Groll wegen lange zurückliegender und nicht mehr zu ändernden Ereignisse sehe ich das Leitmotiv dieses Romans.

Wie passt das religiöse Thema zum Fall?


Dieses Mal erschließt sich mir allerdings nicht, was das religiöse Thema, mit dem der Rabbi sich derzeit beschäftigt, mit der Aufklärung des Falls zu tun hat. Diese beiden Handlungs- beziehungsweise Gedankenstränge befruchten sich in den Rabbi-Klein-Krimis ja immer gegenseitig, Aber die Vision des Propheten Ezechiel von Gottes Wiederbelebung der Gebeine? Wie passt die hier ins Bild? Vielleicht ist diese Stelle der Knackpunkt: „Aber unser Leben ist nur dann ein Leben, wenn es sich seines Werts bewusst ist, nicht nur unseres eigenen Lebens, sondern des Lebens allgemein. Wir selbst sind doch nur diese toten Gebeine, von denen der Prophet spricht, wenn wir nicht angefüllt sind vom göttlichen Geist, der uns anspornt, diese Welt besser zu machen.“ (Seite 55)

In dieser Geschichte sind nämlich verflixt viele Hardcore-Egoisten unterwegs, angefangen bei Bianca Himmelfarb. Die Medien stürzen sich auf ihre interessante Biographie, die Polizei fördert so einiges ans Tageslicht und die Verwandten kommen mit alten Geschichten daher. Bald zeigt sich, dass die geschäftstüchtige Tante ausgesprochen selbstsüchtig und rücksichtslos sein konnte. Der Rabbi staunt. Davon hat er nichts geahnt.

Unversöhnliche Egoisten


Die Menschen in ihrem Umfeld sind auch nicht besser: Haushälterin Filomena hält ängstlich ihre wackelige Existenz beisammen. Ihr Mann scheut jede Eigenverantwortung. Biancas Anlageberater sind die Folgen seines Tuns sch***egal, und ihr Haupterbe versucht nicht einmal, ihre Beweggründe zu verstehen. Er sieht alles nur aus seiner Perspektive. Die Verwandtschaft in Birmingham grollt wenigstens nicht ohne Grund, hätte aber auch irgendwann mal das Ruder in die eigenen Hände nehmen können.

Nur wenige sind so lernfähig wie der Geschäftsmann, der zähneknirschend einsieht, dass Bianca gewonnen hat und mit dem Verlust abschließt. Und der Rabbi, für den’s hier auch ziemlich bescheiden läuft, stellt irgendwann fest, dass ihn der negative Verlauf der Ereignisse weder ärmer noch kränker macht und hakt die Sache schulterzuckend ab. Was er nicht abhaken kann, ist die Frage, wer seine Tante ermordet hat. Doch je mehr er über ihr Leben erfährt, desto höher steigt die Zahl der Verdächtigen …

Es ist spannend zu sehen, wie hier ein ganzes Leben auseinandergenommen wird. Dass der Rabbi den Fall aktiv aufgeklärt hätte, kann man aber nicht sagen. Die Lösung wird ihm mehr oder weniger serviert. Er zieht nur am Ende die richtigen Schlüsse.

Trotz allem mit Humor


Trotz der Verknüpfung tragischer Einzelschicksale kommt der Humor nicht zu kurz. Bissig, wenn Kleins verstorbener Vater zitiert wird, fein, wenn es um die Beobachtungen kleiner Alltagszenen geht: „Die meisten saßen in lockerem Kreis auf Sofas und Stühlen, und wäre es Rabbinern erlaubt gewesen zu tratschen, dann hätten sie getratscht. Natürlich gab es das strenge Gebot von Laschon Harah, man soll seine Zunge hüten – aber das eine oder andere wollte doch gesagt sein.“ (Seite 149/150) Das macht die Rabbi-Klein-Reihe so amüsant.

Wer mit den Riten des Judentums nicht so vertraut ist, bekommt hier einen Einblick. Ein Glossar am Schluss erklärt die wichtigsten Begriffe.

Und ich laboriere immer noch an dem Ezechiel-Text herum. Wer oder was wurde hier wiederbelebt? Die Lebensgeschichte der Bianca Himmelfarb? Aber sie hat ganz sicher nicht versucht, die Welt besser zu machen. Sie ist wie eine Dampfwalze über alles hinweggerollt, was sich ihr in den Weg stellte. Offenbar bin ich nicht so klug wie Rabbi Klein und sein Schöpfer Alfred Bodenheimer. Vielleicht erschließt sich ja anderen Lesern dieser Zusammenhang.

Der Autor
Alfred Bodenheimer, geboren am 1965 in Basel, studierte Germanistik und Geschichte. Seit 2003 ist er Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel. Bei Nagel & Kimche erschienen bereits vier Krimis mit Rabbi Klein, „Kains Opfer“, „Das Ende vom Lied“, „Der Messias kommt nicht“ und „Ihr sollt den Fremden lieben“.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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