I. L. Callis: Das Alphabet der Schöpfung. Thriller

I. L. Callis: Das Alphabet der Schöpfung. Thriller, Köln 2018, Emons Verlag, ISBN 978-3-7408-0416-9, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 464 Seiten, Format: 13,9 x 4,3 x 22,1 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle Edition: EUR 9,49.

Abbildung: (c) Emons-Verlag

Wer immer noch glaubt, der Emons-Verlag hätte nur Regionalkrimis im Programm, dem sei versichert: Das ist nicht wahr! Sie haben auch rasante Thriller mit einem leichten Science-Fiction-Touch. So fasziniert vom Grauen des vielleicht Machbaren war ich zuletzt, als mir jemand vor fast 30 Jahren Michael Crichtons Roman JURASSIC PARK in die Hand drückte.

PR für ein Gentechnik-Unternehmen? Warum nicht?


Dabei fängt alles so harmlos an: Journalist Alexander Lindahl – 35, Vater Schwede, Mutter Marokkanerin -, ist nicht zum Befehlsempfänger geschaffen und in seinem Job beim Hamburger MAGAZIN todunglücklich. Da kommt ihm eine Anfrage eines Kumpels aus Schulzeiten gerade recht: Max van Damme, mit dem er vor 20 Jahren auf einem Schüleraustauschprogramm in Palo Alto/USA war, ist mittlerweile Chef des Gentechnik-Unternehmens Phoenix, das unter anderem Impfstoffe entwickelt. Er will Alexander für eine PR-Aktion anheuern. Ein Buch soll er schreiben über die Firma und die Philosophie, die dahintersteht. So hofft Max, weitere Investoren zu gewinnen. Dass Alex kein Naturwissenschaftler ist, stört den Unternehmer nicht. Die notwendigen Informationen bekommt der Journalist von den Fachleuten. Er muss sie „nur noch“ so aufbereiten, dass Laien sie verstehen.

Alex fackelt nicht lange, schmeißt seinen Job beim Hamburger MAGAZIN hin und geht nach Berlin zu Phoenix. Dort wimmelt es vor ehrgeizigen jungen MitarbeiterInnen. Die Firmenkultur hat etwas amerikanisch-Lockeres. WissenschaftlerInnen aus aller Welt arbeiten engagiert und friedlich miteinander an herausfordernden Projekten. Man könnte glatt meinen, das STAR-TREK-Ideal IDIC ( = Infinite Diversity in Infinite Combinations) sei Wirklichkeit geworden.

Bei „Phoenix“ ist manches nicht ganz koscher


Doch bald merkt Alex, dass es in der Firma gar nicht so nett und menschenfreundlich zugeht, wie es zunächst den Anschein hat. Und auch so manches Forschungsprojekt ist wohl ein bisschen dubios. Zwischen den WissenschaftlerInnen toben zum Teil heftige Konkurrenzkämpfe, die mit harten Bandagen ausgetragen werden. Und wenn jemand Anstalten macht, sein Insiderwissen aus welchen Gründen auch immer nach außen zu tragen, ist er von einem Augenblick zum anderen verschwunden und taucht nie wieder auf. Zumindest nicht lebend.

Alexander Lindahls Ansprechpartner Maik entpuppt sich als sein Aufpasser. Die Phoenix-Mitarbeiter werden auf Schritt und Tritt überwacht. Und die hauseigene Securitymannschaft unter der Leitung des Ex-Fremdenlegionärs Faber ist alles andere als zimperlich. Und von wegen, Alex erhält Zugang zu allen Abteilungen! Was, bitte, ist so geheim an der Hybrid-Forschung? Hybrid-Saatgut gibt’s doch schon ewig! Und warum will niemand ihm verraten, worum es bei dem Projekt „Lazarus“ geht? Hinter dessen Ergebnissen sind nicht nur Journalisten und andere Unternehmen her, sondern auch kriminelle Elemente, die vor nichts zurückschrecken.

Hybridforschung der besonderen Art


Vollends misstrauisch wird Alex, als er in seinem Phoenix-Quartier eine vom Vormieter sorgsam versteckte SIM-Karte findet. Die Informationen darauf führen ihn ins Sumpfgebiet Teufelsbruch. Er folgt der Spur und findet das, was im Phoenix-Jargon euphemistisch „Außenstelle“ genannt wird. Jetzt begreift er, was das Unternehmen unter dem Begriff „Hybrid-Forschung “ versteht. Er ist schockiert. Was „Lazarus“ ist, weiß er noch immer nicht. Der Leser auch nicht. Aber was immer es ist, es wird sich wahrscheinlich ebenfalls draußen im Moor befinden, denn nach und nach schleichen alle dort herum, die an dem Ding Interesse haben. Für manch einen geht das nicht gut aus.

Selbst für Leute, die noch nie etwas von der Firma Phoenix und „Lazarus“ gehört haben, ist das Moor lebensgefährlich. Rechtsmedizinerin Miriam Kern sucht dort nach einem vermissten Zwölfjährigen. Oder nach dem, was ihn verletzt, wenn nicht gar getötet hat. An seiner blutdurchtränkten Jacke wurden DNA-Spuren gefunden, die theoretisch gar nicht existieren dürften …

Inzwischen ist Alexander Lindahl klar, dass die Phoenix-Leute zum Schutz ihrer Geheimnisse über Leichen gehen – und dass sie längst herausgefunden haben, dass er viel zu viel weiß. Ist er cleverer und schneller als Max und seine Schergen? Kann er das Leben von ein paar Unschuldigen retten, ehe bei Phoenix das große Aufräumen beginnt? Dazu muss er es erst einmal schaffen, selbst lebend aus der Sache herauszukommen.

Unheimlich, spannend und beklemmend


DAS ALPHABET DER SCHÖPFUNG ist unheimlich, spannend und beklemmend – und gar nicht so weit von der Realität entfernt. Wenn man schon mal etwas von Epigenetik gehört hat, ist das für das Verständnis des Romans von Vorteil.

Was es für den Artenschutz bedeuten würde, wenn wirklich jemand das Lazarus-Projekt zum Laufen brächte, wird im Roman sehr anschaulich beschrieben. Dass Firmen daraus Profit schlagen würden, ist zynisch, aber noch nicht das Schlimmste daran. Die Folgen für die Natur wären meines Erachtens unabsehbar. Schon das Einschleppen gebietsfremder Lebewesen (Neobiota) hat oft verheerende Folgen für ein Biotop. „Lazarus“ legt da noch eine Schippe drauf.

Und das Hybrid-Projekt erst! Ganz schwer einzuschätzen. Vielleicht passiert gar nichts und der Homo sapiens steckt diese Entwicklung locker weg. Wenn nicht, wäre für unsere Spezies hier schneller Schluss als wir es in unseren schlimmsten Albträumen ausmalen könnten.

Natürlich ist man als LeserIn auf der Seite des Journalisten Alexander Lindahl, der stets aufklären, retten und helfen will. Aber ist nicht er es, der schließlich in allerbester Absicht sämtliche Geister aus der Flasche lässt? Wir sollten also auf der Hut sein vor durchgeknallten Forschern, die Gott spielen – und vor Menschen, die es gut meinen.

Die Autorin
I. L. Callis, gebürtige Italienerin, wuchs in Berlin und Paris auf und studierte in Salzburg Jura. Journalistische Erfahrungen sammelte sie beim Aktuellen Dienst des ORF, ehe sie am Institut für Europäische Rechtsgeschichte zur Zeitgeschichte und zur nationalsozialistischen Gesetzgebung forschte. Für ‚Das Alphabet der Schöpfung‘ hat I.L. Callis zwei Jahre lang mit Forensikern, Molekularbiologen und Medizinern gesprochen und sich mit Ethikern beraten. Unter www.dasalphabetderschoepfung.com schreibt Autorin I.L. Callis schon jetzt über Wissenschafts- und Zukunftsthemen.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese Rezension und die interessanten Gedanken, die Sie sich zu meinem Buch gemacht haben. Es hat mir besonders gefallen, dass Sie am Ende Alexander als denjenigen erkannt haben, der in bester Absicht die Geister aus der Flasche lässt. Sind wir Menschen nicht alle so?

    Herzlich, I.L.Callis

  2. Ja, is‘ wohl so. Man meint’s oft gut – aber verschlimmert das Ganze.

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