Jürgen Seidel: Die Rettung einer ganzen Welt. Roman

Jürgen Seidel: Die Rettung einer ganzen Welt. Roman, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26166-1, Klappenbroschur, 477 Seiten, Format: 13,5 x 4 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle Edition: EUR 13,99.

Abbildung: (c) dtv

„Was ist bloß aus diesen Familientreffen geworden?“, fügte Bella hinzu. (…) „Kränkungen, Ohrfeigen, Pistolenkugeln, das Lüften von Geheimnissen, das FBI ist uns auf den Fersen. Und irgendwie scheine ich die Hauptschuld daran zu tragen mit meiner Altersquengelei.“ (Seite 341)

New York City, 1998: Beim traditionellen Treffen der jüdischen Familie Servos ist in diesem Jahr nichts wie sonst. Familienoberhaupt Bella, 73, eine pensionierte Ärztin, hadert mit dem Alter und dem Alleinsein. Ihr Mann, der Jurist Oswald Servos, ist vor 30 Jahren gestorben. Bella hat ihre Töchter alleine großgezogen und nie wieder geheiratet. Was durchaus erstaunlich ist, wenn man tiefer in die Geschichte einsteigt.

Jetzt sieht mit wachsendem Unbehagen, wie wenig Zukunft ihr noch bleibt und dass sich für ihre Vergangenheit kein Mensch mehr interessiert.

Nach dem Krieg von Berlin nach New York


Nach dem Krieg ist sie mit einem Teil ihrer Familie von Berlin nach New York gekommen. Nicht als Holocaust-Überlebende, wie sie betont, sondern als „Davongekommene“. Der ägyptische Arzt Dr. Kamal Fareed, seine deutsche Lebensgefährtin und deren „verschworene Gemeinschaft“ von Freunden und Schicksalsgenossen hatten Bella und ihre Familie versteckt und dadurch gerettet.

Bellas Versteck war das augenfälligste von allen: Sie arbeitete als angeblich muslimische Arzthelferin in Dr. Fareeds Praxis. Als Ausländer stand er zwar auch unter Beobachtung der Nazis, vor allem, weil man ihn verdächtigte, heimlich untergetauchte Personen ärztlich zu behandeln, aber man konnte ihm nie etwas nachweisen. Auf die Idee, dass seine Mitarbeiterin eine Jüdin sein könnte, ist kein Mensch gekommen.

Zum Schein verheiratet war Bella mit dem muslimischen Fahrer Hasib, aber ihr Herz gehörte dem christlichen Deutschen Joost Gattermann, einem jungen Elektriker, der manchmal in der Praxis Apparate reparierte. Die beiden konnten sich nur heimlich treffen, und das unter enormen Risiken.

Diese Vergangenheit ist für Bella immer präsent. Doch ihre Töchter samt Anhang können das alles nicht mehr hören. „Hätte es damals in Berlin Dr. Fareed nicht gegeben, dieser kleine Saal wäre jetzt menschenleer“, sagt Bella auch in diesem Jahr beim Familientreffen in dem immer gleichen kleinen Hotel (Seite 7). Und alle verdrehen genervt die Augen. Diese ollen Kamellen schon wieder! Bella ist beleidigt. Offenbar nimmt man sie nicht mehr für voll. Sie fühlt sich nicht mehr wie das Zentrum ihrer Familie, sondern wie eine belächelte Randerscheinung, die die anderen schon abgeschrieben haben.

Der Schwiegersohn redet Bellas Retter schlecht


Ihre Laune wird nicht besser, als ihr verhasster Schwiegersohn Nigel Jesperson, ein Historiker mit deutscher Mutter und afroamerikanischen Vater, ihr mit diebischer Freude unliebsame Wahrheiten über ihre arabischen Retter und ihren verstorbenen Ehemann aufs Butterbrot schmiert. Nigel war immer und überall ein Außenseiter, auch in dieser Familie, und dafür rächt er sich mit gehässiger Besserwisserei. Bella kennt das schon. Doch dieses Mal wird sie so wütend, dass sie ihm zwei schallende Ohrfeigen verpasst.

Im Lauf des Abends kommen noch eine Reihe unerfreulicher Familiengeheimnisse ans Licht, von denen offenbar ein Großteil der Verwandtschaft schon wusste. Nur vor Bella hat man alles verheimlicht. Sie nehmen sie einfach nicht mehr ernst!

Der Alkohol fließt, die Emotionen kochen hoch, die Streitigkeiten eskalieren – und auf einmal steht die Polizei auf der Matte. Es kommt zu einem fatalen Missverständnis und danach ist nichts mehr wie es war.

Auf einmal sind Be- und Empfindlichkeiten, Beziehungsprobleme, Schuldgefühle und Alterserscheinungen sekundär. Im Zuge der dramatischen Ereignisse in der Hotelbar ist die Familie Servos nun vor die Entscheidung gestellt: Schweigen und kassieren oder Gegenwehr leisten und sich eine Menge Ärger einhandeln? Und die Frage steht im Raum, ob man seine Seele dem Teufel verkaufen darf, wenn man dadurch den Unterhalt der schwerbehinderten Enkelin absichern kann. Oder muss man immer das moralisch Richtige tun, um jeden Preis?

Muss man immer das moralisch Richtige tun?


Für Dr. Fareed und Bellas Ehemann wäre das gar keine Frage gewesen. Sie hätten das unmoralische Angebot rundheraus abgelehnt. Davon wäre Bella bis vor kurzem zumindest vollkommen überzeugt gewesen – bevor ihr Schwiegersohn ihre Idole mit angeblichen Beweisen schlecht geredet hat. Jetzt steht sie genauso ratlos vor dem Dilemma wie der Rest der Familie.

Wie soll man auch vernünftige Entscheidungen für eine ungewisse Zukunft treffen, wenn die Gegenwart völlig aus dem Lot geraten ist – und die Vergangenheit ebenfalls?

Die Handlung springt zwischen dem Berlin während des Zweiten Weltkriegs und New York City in den späten 90er Jahren hin und her. Die Frage ist hier nicht, ob Bella den Krieg überlebt, denn sie ist es ja, die uns in Rückblicken ihre Geschichte erzählt. Auch das „Wie“ ist schnell klar. Es geht allenfalls um Details der Umsetzung. Und um die Frage, wie die Beteiligten damit umgehen, vor allem Bella selbst.

Eine Überlebende zweiter Klasse?


Nur ein Teil von ihr scheint in den USA angekommen zu sein, der Rest steckt immer noch in Berlin fest und beschäftigt sich mit dem, was war und was hätte sein können … vor allem mit Joost. Und weil niemand mehr da ist, der ihre Erinnerungen teilt, fühlt Bellas sich unverstanden und hat das Gefühl, eine Art Fossil zu sein, über das das Leben hinweggerollt ist. Dazu kommen Zweifel ob wirklich alles so war, wie sie es empfunden und wahrgenommen hat, und ob sie sich überhaupt richtig erinnert. Schuldgefühle hat sie auch. Sie sieht sich als Überlebende zweiter Klasse: Während die „richtigen“ Überlebenden in den Lagern gelitten haben, hat sie sich quasi bequem außen herum gemogelt. Sie kann ihre Geschichte eigentlich niemandem guten Gewissens erzählen. Außer ihren Nachkommen, und die interessiert das nicht. Ihre „arabische Rettung“, auch wenn sie ihr damals wie ein Wunder erschienen ist, hat nur für sie selbst Bedeutung. Und dann kommt auch noch ihr Schwiegersohn daher und redet ihre Kriegserlebnisse klein. Das ist frustrierend.

Selbst im Streit sehr reflektiert


Selbst wenn die Fetzen fliegen, sind hier alle wahnsinnig reflektiert. Dass die Töchter ihre Mutter Bella als hart, gefühllos und unsensibel empfunden haben, drängt sich dem Leser nicht unbedingt auf. Sicher ist Bella eine taffe Frau, die viel erlebt und jung auf sich selbst gestellt war. Aber der klassische harte Brocken, der sich aufgrund traumatischer Erfahrungen allen Gefühlen gegenüber verschließt und auch seinen Mitmenschen keine zugesteht, ist sie nicht. Da wäre sie wie eine Dampfwalze über die Befindlichkeiten ihrer Angehörigen hinweggerollt. Tut sie aber nicht. Sie versucht doch immer, zu verstehen was die anderen umtreibt.

Basiert auf einer wahren Geschichte


Mir war das alles ein bisschen zu viel Nabelschau. Es hat mich natürlich interessiert, wie Dr. Fareed und seine Getreuen Bellas Tarnidentität konstruiert und aufrecht erhalten haben und wie das funktionieren konnte, wo es doch jede Menge Mitwisser gegeben haben muss. Ich wollte auch wissen, warum Bella Oswald geheiratet hat und nicht Joost, selbst als die Möglichkeit dazu bestanden hätte. Dieser Teil der Geschichte basiert auch auf dem Leben von Anna Boros und Dr. Mohamed „Mod“ Helmy. Kann man unter anderem bei Wikipedia nachlesen. Annas Tochter Carla Gutman Greenspan hat dem Autor Dokumente und Informationen zur Lebensgeschichte ihrer Mutter zugänglich gemacht. Die New Yorker Familie dagegen ist fiktional. Dieser Teil war mir dann ein bisschen zu konstruiert (Nigel!) und wird auch erst so richtig spannend, als die Polizei ins Spiel kommt. Das Familiengedöns, das Bellas Verwandte davor verhandeln, ist jetzt nicht so mega-aufregend. Deswegen hat mich die Lektüre nur bedingt gefesselt.

Ach ja: Der Buchtitel bezieht sich auf den Talmud-Spruch „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte”. Er steht im babylonischen Talmud Traktat Sanhedrin.

Der Autor
Jürgen Seidel wurde 1948 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Anglistik und war lange Jahre als Lehrbeauftragter an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf tätig. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor und hat bereits mehrere erfolgreiche Jugendbücher veröffentlicht. Jürgen Seidel lebt mit seiner Familie in Neuss.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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