Elisabeth Frank, Christian Homma: Nie zu alt für Casablanca, V.I.E.R. auf Kreuzfahrt, Kriminalroman

Elisabeth Frank, Christian Homma: Nie zu alt für Casablanca, V.I.E.R. auf Kreuzfahrt, Kriminalroman, Dortmund 2018, Grafit-Verlag, ISBN 978-3-89425-583-1, Softcover, 347 Seiten, Format: 11,3 x 3,2 x 18,8 cm, Buch: EUR 12,00, Kindle Edition: EUR 4,99.

Abbildung: (c) Grafit-Verlag

„(…) Wir haben uns unbefugt Zugang zu einem Computer verschafft, sind in einen Schreibtisch und ins Schiffslager eingebrochen und haben überall Wanzen und Kameras verteilt. Da fällt ein kleiner Diebstahl doch gar nicht mehr auf …“ Rüdiger lächelte schief. (Seite 240)

Sind wir nicht alle mit Büchern oder Hörbüchern von Detektiv spielenden Kindercliquen aufgewachsen? Ich denke da an FÜNF FREUNDE, DIE DREI ??? oder TKKG. Wahrscheinlich haben wir uns nie gefragt, was aus denen geworden ist, nachdem sie erwachsen waren. Sind sie brav und spießig geworden oder haben sie das unbefugte Herumschnüffeln niemals wirklich lassen können? Das Autorenduo Elisabeth Frank und Christian Homma hat sich dieser Frage angenommen.

Die Kinderclique, 40 Jahre später


Die Münchner Freundesclique in diesem Roman hat sich schon im Kindesalter in lokale Kriminalfälle eingemischt und führte damals den Slogan „V.I.E.R. für alle Fälle“. Das ist jetzt rund 40 Jahre her. Ihre Wege haben sich längst getrennt, doch ein bisschen etwas von den alten Vorlieben und Fähigkeiten ist hängen geblieben.

Das sind die vier Helden heute:

  • V./Valerius: Gero Valerius Fichtinger, Exsoldat in Frühpension, 55, geschieden, keine Kinder, Ordnungsfanatiker, der am liebsten seiner Logik folgt.
  • I./Ina: Katharina „Ina“ von Treuenfeld, Journalistin, 54, Single, kinderlos, kennt durch ihre Recherchen die halbe Welt.
  • E./Elli: Eleonora „Elli“ Baumgärtner-Däubler, Erzieherin, 55, verheiratet, ein Sohn, ein Enkel, Verkleidungs-Expertin.
  • R./Rüdiger: Rüdiger „Kwalle“ Kwalkowski, Elektroinstallateur mit einem Faible für technisches Spielzeug, 56, frisch verwitwet, zwei Töchter, kreativer Querdenker.

Diese Informationen habe ich dem Pressematerial des Verlags entnommen, und es wäre außerordentlich hilfreich für die LeserInnen, wenn sie auch im Buch stünden. Dann müsste man sich die Lebensläufe nicht mühsam selbst zusammenreimen.

Als Journalistin Ina erfährt, dass ihr alter Kumpel Rüdiger gerade seine Frau verloren hat, spürt sie die Freunde von damals auf, schreibt sie an und bestellt sie zum geheimen Treffpunkt ihrer Kinderzeit. Tatsächlich tauchen alle V.I.E.R. auf. Die Wiedersehensfreude ist groß und sie können schnell wieder an ihre gemeinsame Jugendzeit anknüpfen. Denn auch wenn sie älter und reifer geworden sind: Vom Charakter her haben sie sich nicht verändert.

Journalistin Ina reaktiviert die V.I.E.R.


Was als Kondolenzbesuch und Aufmunterungsprogramm für den Witwer gedacht war, wächst sich im Handumdrehen zu einem gefährlichen Abenteuer aus, denn Ina kommt auf die schräge Idee, die V.I.E.R. zu reaktivieren und für ihre Recherchen einzuspannen. Sie ist nämlich gerade einem handfesten Skandal auf der Spur: Elfenbeinschmuggel auf einem Kreuzfahrtschiff von Afrika nach Spanien! Es gab sogar schon einen Toten: ein Kunstsammler, der Skulpturen aus Elfenbein besessen hat, ist unter nicht ganz geklärten Umständen ums Leben gekommen. Kurz vor seinem überraschenden Ableben hatte er an einer Mittelmeer-Kreuzfahrt auf der MS Aurora teilgenommen.

Damit ist klar, was die V.I.E.R. nun tun müssen: eine Kreuzfahrt auf der Aurora buchen und Augen und Ohren offenhalten. Elli und Rüdiger geben sich als Ehepaar aus und tun so, als würden sie die beiden anderen nicht kennen. Eigenbrötler Gero mimt den Alleinreisenden und Ina heuert undercover als Reiseleiterin an. Dass die japanische Großfamilie, die sie betreuen soll, so anspruchsvoll und anstrengend ist, dass sie kaum zum Recherchieren und Ermitteln kommt, hätte sie allerdings nicht gedacht.

Von Gran Canaria geht es über Casablanca nach Cadiz und von dort weiter über Malaga und Valencia nach Mallorca. Verdächtig sind zunächst alle, die schon länger an Bord der Aurora arbeiten. Die vier Hobbydetektive schleichen hinter den Kulissen herum und kämpfen mit der Überwachungstechnik, die sie an Bord gebracht haben, und die deutlich professioneller ist als sie selbst. 😉 Sie beschatten mehr oder weniger laienhaft verschiedene Crewmitglieder auf Landgängen und sitzen so mancher falschen Fährte auf.

Was geht vor an Bord der Aurora?


Nebenbei versucht Elli hartnäckig, der Kreuzfahrt auch ein bisschen Urlaubsspaß abzutrotzen. Ina tut ihr Bestes, sich nicht vollkommen von der japanischen Reisegruppe vereinnahmen zu lassen. Ex-Militär Gero kapiert nicht, dass er seine alten Freunde nicht wie Soldaten herumkommandieren kann (eine Berufskrankheit!), während Technikfreak Rüdiger mit seiner Trauer und verschiedenen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.

Ein bisschen „Wettkrähen auf dem Misthaufen“ ist auch angesagt: Gero und Rüdiger lassen keine Gelegenheit aus, aufeinander herumzuhacken und den anderen dumm dastehen zu lassen. Das wird schon zu Schulzeiten so gewesen sein. Ein wenig pubertär ist dieses Verhalten durchaus, aber plausibel.

So frotzeln und dilettieren sie herum, sehr zum Amüsement der Leserschaft. Dabei passiert eigentlich nicht viel. Die Geschichte geht über weite Strecken in gemütlichem Kreuzfahrttempo voran. Richtig Spannung und Action kommt erst auf, als den Hobbydetektiven klar wird, dass hier nicht nur ein paar Figürchen geschmuggelt und gegen das Washingtoner Artenschutzübereinkommen verstoßen wird, sondern dass an Bord der Aurora noch ganz andere Schweinereien laufen.

Die V.I.E.R. haben es nicht nur mit ein paar korrupten kleinen Handlangern zu tun, die Schmuggelware irgendwo im Frachtraum verstecken. Mit denen wären sie vermutlich fertig geworden. Als sie merken, dass sie die Situation und ihre Gegner gewaltig unterschätzt haben, ist es fast schon zu spät …

Einstiegsband zu einer Serie


TKKG 50+ an Bord des TRAUMSCHIFFS. Die Idee hat was. Doch dann hat sich das Team für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr in kleinen Aktiönchen verzettelt, die für sich genommen durchaus amüsant waren, aber eben nicht allzu spannend. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass der vorliegende Band der Einstieg zu einer Serie ist und erst einmal das Stammpersonal eingeführt werden muss. Dadurch verliert eine Geschichte zwangsläufig an Tempo. Erst ab Tag 4 der Reise, als sie in Cadiz ankommen (so ungefähr ab Seite 250) geht’s richtig rund.

Ich könnte mir vorstellen, dass das im nächsten Band besser wird, weil nicht mehr so viel erklärt werden muss. Und noch etwas anderes könnte ich mir gut vorstellen: die sympathischen und erfreulich normalen V.I.ER. als (Fernseh-)Film. Aber bitte nicht mit den üblichen hektisch hampelnden und wild grimassierenden Ulknudeln, sondern mit Schauspielern, die den feinen Humor der Freundesclique adäquat rüberbringen können. Bei der Szene, in der Inas japanische Gäste sich von einer Plage in ein wahres Gottesgeschenk verwandeln, höre ich im Geist das Publikum vor Vergnügen johlen. Die Situation mag ein bisschen klischeehaft sein, wie die ganze Japaner-Geschichte, aber sie ist sooo klasse!
„Ascha, ascha, olé!“ (Seite 308)

Die Autoren
Elisabeth Frank, Jahrgang 1978, ist promovierte Neurobiologin und Bioinformatikerin. Sie hat fünf Jahre in Australien gelebt und gearbeitet. Neben ihrer Tätigkeit in der Softwarebranche reist sie leidenschaftlich gern und verschlingt Abenteuer- und Fantasyliteratur.

Christian Homma, geboren 1974, schreibt aus Leidenschaft seit seiner Kindheit Kurzgeschichten, die auch bereits veröffentlicht wurden. Er ist promovierter Physiker und Coach und arbeitet derzeit bei einem großen internationalen Konzern. Homma liebt es, Musik zu machen und zu hören, er fotografiert und reist gerne.

Gemeinsam haben die beiden das Ermittlerquartett V.I.E.R. ins Leben gerufen.

Mehr dazu hier: www.hommaundfrank.de
Auf der Seite erzählen uns die Autoren auch ein bisschen etwas über ihre Recherchen: „Im April 2016 stachen wir (…) in See zu einer einwöchige Kreuzfahrt von Mallorca nach Gran Canaria. (…) Unsere V.I.E.R. Helden treten aus dramaturgischen Gründen die Reise in umgekehrter Richtung an, also von Gran Canaria nach Mallorca. Schaut euch unsere anderen Posts an, um mehr über die Schauplätze auf der Strecke zu erfahren.“




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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