Die Hitzeschlacht

Endlich. Dieser Sommer nimmt Fahrt auf. Seit Tagen hängen wir vor der Spielkonsole herum und kommen nicht aus der Wohnung heraus. Tom, Niklas und ich haben uns das anders vorgestellt. Die Jungs vom „Dicken Busch“ halten sich inzwischen für unschlagbar. Nur weil wir seit drei Wochen keine Lust mehr haben, unseren Titel zu verteidigen. Für Schlammschlachten sind wir eben nicht geschaffen. 5:1 haben wir sie bei unserem letzten Aufeinandertreffen vom Rasen gefegt. Wir kriegen eigentlich immer genug Spieler zusammen, um auf dem Behelfssportplatz im zentral gelegenen Ostpark, spannende Fußballspiele zu veranstalten. Und heute soll es endlich zum lang ersehnten Rückkampf kommen.

Ein heißer Kampf bei 30 Grad


30 Grad zeigt inzwischen das Thermometer, als wir jeder mit zwei frisch gefüllten Wasserflaschen bewaffnet auf dem Sportgelände ankommen. Es steht uns also ein heißer Kampf bevor. Die Seiten werden ausgelost, die Torhüter müssen noch die Maulwurfhügel zwischen ihren Pfosten platt treten, und dann kann es schon los gehen. Es dauert höchstens zwei Minuten, bis unserem Kalle ein Traumtor gelingt, das nur deshalb nicht Tor des Monats werden kann, weil keine Kameras in der Nähe sind. Aber in der Euphorie des schnellen Erfolges werden wir nachlässig und kassieren prompt den Ausgleich. Das Spiel wird zusehends kampfbetonter und kurz vor dem Halbzeitpfiff gelingt dem Kevin ein unwiderstehlicher Flankenlauf, der in einem scharf herein gegebenen Pass endet, was letztlich mit einem trocken abgeschlossenen Heber unter die Latte endet. Es steht also 2:1 für uns, und wir werden uns diesen Erfolg nicht mehr nehmen lassen.

Dann ist Pause. Und die ist auch bitter nötig. Ein Fußballer nach dem anderen versucht sich in ein schattiges Plätzchen zu vergraben und lässt sich einen Teil seiner Wasservorräte über den Kopf laufen. 20 Minuten lang haben wir Gelegenheit uns zu sammeln, um den Gegner mit neu gewonnener Energie endgültig in seine Grenzen zu verweisen. Aber dummerweise müssen unsere Gegner ganz ähnliche Gedanken gehabt haben. Ein katastrophaler Abwehrfehler vor unserem Tor führt zum 2:2 und der Alex im Tor macht dabei keine gute Figur. Inzwischen hat die spätnachmittägliche Sommerhitze einen Höhepunkt erreicht.

Die letzten Reserven werden mobilisiert


Der Spielausgang ist offen, und es kann jetzt nur darum gehen, letzte Reserven aus jedem einzelnen heraus zu kitzeln. Ein Schwächeanfall unseres Mittelstürmers bringt uns erneut auf die Siegesstraße. Ein Schwächeanfall muss es gewesen sein, denn bei allem Siegeswillen … dass das ein elfmeterreifes Faul gewesen ist, das bleibt dann doch eher eine sehr exklusive Einschätzung des Schiedsrichters. Tom und Niklas grinsen sich an, weil ihnen der Maulwurfhügel wenige Meter vor dem Tor schon länger ein Dorn im Auge ist. Jetzt scheint er der Grund dafür zu sein, dass sich das Spiel zu unseren Gunsten wendet.

Aber mit dem unbedingten Siegeswillen ist das so eine Sache, wenn die unerträgliche Hitze die Regie über das Spielgeschehen übernimmt. Unsere Gegner werfen plötzlich alles nach vorne, und sie haben Erfolg mit dieser Strategie. Erneut können sie den Ausgleich erzielen. Und jetzt spricht viel dafür, dass das Spiel unentschieden enden könnte. Es sind nur noch wenige Sekunden zu spielen, als wir noch einen letzten Versuch wagen. Mit zwei, drei schnellen Pässen nehmen wir die Abwehr auseinander, und wir haben die endgültige Entscheidung auf dem Fuß. Doch wir lassen diesen Hochkaräter leichtfertig liegen.

Der Torwart planiert Maulwurfshügel


Aber wie sagte schon Sepp Herberger: Ein Spiel dauert 60 Minuten. Gut, er sagte 90 Minuten, aber unser Spiel ist eben nach 60 Minuten zu Ende. Und den letzten Gegenangriff haben wir nicht mehr auf der Rechnung. Am wenigsten unser Torwart, der schon wieder damit beschäftigt ist, einen Maulwurfhügel zu planieren. Während der Gegner lawinengleich auf sein Tor zu gerannt kommt, kann der Alex den Blick nicht von diesem Erdhaufen wenden, weil der ganz offensichtlich dabei ist, ständig seine Form zu verändern. Die halbe Mannschaft brüllt ihm Warnungen zu, aber es ist bereits zu spät. Mit einem bundesligareifen Satz fliegt dieser Idiot (pardon, aber diesen Kosenamen wurde er so schnell nicht mehr los) quer durch den Torraum und packt durchaus erfolgreich zu. Es ist nicht zu fassen. Was jetzt passiert ist noch lange Zeit Gesprächsstoff unter allen Fußballern in unserer Gegend.

Ein überraschter Wühler


Der neugierige Maulwurf ist völlig überrascht, als er unter dem tosenden Beifall von mindestens zwei Zuschauern am Kragen gepackt wird und somit eine spielentscheidende Rolle übernimmt. Denn genau das passiert. Während der Alex triumphierend den kleinen Wühler schnappt und sich feiern lässt, rollt der nicht einmal allzu scharf geschossene Ball gemächlich am anderen Torpfosten vorbei zum 3:4 und besiegelt damit unsere Niederlage. Aus. Das war’s. Der Schiedsrichter pfeift gar nicht mehr an. Dass der Maulwurf noch einmal kräftig zugebissen hat und unserem Torwart noch einen kräftigen Denkzettel verpasst hat, dass kann uns jetzt auch nicht mehr trösten. Nur die unbarmherzig vom Himmel knallende Sonne hält uns davon ab, unserem Sportsfreund noch eine Tracht Prügel zu verabreichen.

Abbildung: (c) Gerhard P. Steil

Diese und weitere unterhaltsame Sommergeschichten kann man in der Anthologie MIT HEITERKEIT DURCH DEN SOMMER lesen:




Autor: Gerhard P. Steil

gerhardsteil@t-online.de


Fotograf/Künstler: © Gerhard P. Steil / privat

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1 Kommentar

  1. Das ist eine sehr schöne Geschichte, die neben weiteren guten Geschichten und Gedichten ebenfalls in der Anthologie „Mit Heiterkeit durch den Sommer“ zu finden ist. Daumen hoch und weiter so.

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