Carla Berling: Königstöchter. Kriminalroman

Carla Berling: Königstöchter. Kriminalroman, München 2018, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-41994-0, Klappenbroschur, 318 Seiten, Format: 12,1 x 3 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

 

Abbildung: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Das war grauenhaft. Unvorstellbar grauenhaft. (…) Ira hatte schon einiges erlebt und kannte viele Schicksale, das blieb bei ihrem Beruf nicht aus. Sie hatte ein durchaus dickes Fell, hatte lernen müssen, auch in erschütternden Situationen einigermaßen ruhig zu bleiben und ihre Emotionen hinten anzustellen, zumindest, solange sie mit den Betroffenen einer Tragödie sprach. Aber das hier war zu viel.“ (Seite 139)

Vor einem Jahr ist die Lokalreporterin Ira Wittekind, Jahrgang 1960, wieder in ihre alte Heimat Bad Oeynhausen in Ostwestfalen zurückgekehrt. Sie ist mit dem Koch Andreas Weyer liiert, den sie schon seit Kindertagen kennt und pendelt zwischen Eskendor – dem Hof seiner Familie – und der Wohnung, die sie noch in Bielefeld hat, hin und her.

Beruflich sucht sie immer die Geschichte hinter der Geschichte und findet sie meist auch, denn sie ist eine exzellente Beobachterin und Zuhörerin. Über gewaltsame Todesfälle mit vielen blutigen Details berichtet sie nicht so gern. Aber was will man machen, wenn einen der Chef zu einem solchen Vorfall schickt?

Grausiger Todesfall im Seniorenstift


Eine verwirrte 78-jährige Bewohnerin des Stifts Morgenstern hat in einem unbeobachteten Moment das Grundstück verlassen und ist unter eine Kehrmaschine geraten. Statt unappetitliche Fotos zu schießen, sieht Ira sich auf dem Gelände und im Gebäude um und spricht mit den Menschen dort. Man kennt sie und lässt sie gewähren.

Maria Klabunde hat die Verunglückte geheißen und ist bis zu ihrem Ruhestand Haushälterin bei der Geschäftsfrau Tilly Jacobsen, geborene König, gewesen. Frau Jacobsen hat zusammen mit ihren beiden Freundinnen – der Kaufhauserbin Ilsemarie Holle und der Ärztin Konstanze Deppendorf – in den 1970-er Jahren die Stiftung Morgenstern gegründet. Dort werden pflegebedürftige Seniorinnen betreut. Es ist gleichzeitig ein Mutter-und-Kind-Wohnheim, das den Frauen zudem die Möglichkeit bietet, sich beruflich zu qualifizieren.

War es Mord?


Eine der Seniorinnen nimmt Ira beiseite und erklärt, Marias Tod sei kein Unfall gewesen sondern ein „astreiner Mord“. Sie habe alles beobachtet. Doch mit dem Geisteszustand der alten Dame steht es nicht zum Besten und so weiß Ira nicht, was sie von dieser Aussage halten soll.

Damit man Maria Klabunde nicht nur als Opfer eines grausigen Unglücks in Erinnerung behält, sondern als einen Menschen, will Ira einen Nachruf auf sie schreiben. Annas nächste Verwandte sind nicht zu erreichen, also interviewt sie die Heimleitung und Annas ehemalige Chefin Tilly. Dabei stellt sich heraus, dass Anna und die drei Gründerinnen der Morgenstern-Stiftung seit ihrer Schulzeit befreundet waren.

Während der Evakuierung Bad Oeynhausens 1945 haben die Familien Klabunde und König auf Eskendor gelebt, in dem Haus, in dem jetzt Andreas’ hochbetagte Tanten Frieda und Sophie wohnen. Das bringt Ira auf eine Idee: Die zwei müssten sich doch eigentlich an Maria und Tilly erinnern können!

Die Tanten wissen und schweigen


Normalerweise sind die Tanten so lustig und redselig wie sie gastfreundlich und trinkfest sind. Doch als Ira auf die Freundinnenclique zu sprechen kommt, reagieren sie erstaunlich zugeknöpft. Irgendetwas war damals mit den Mädchen, das nicht einmal Frieda und Sophie thematisieren möchten. Und den beiden ist sonst nichts Menschliches fremd – sie kommentieren frei von der Leber weg einfach alles.

Jetzt ist Iras journalistische Neugier geweckt. Konstanze Deppendorf ist jedoch die einzige, die über die Ereignisse in der Nachkriegszeit reden will. Sie lässt Ira eine überaus schockierende Nachricht zukommen. Doch ehe die Journalistin nachhaken kann, ist Konstanze tot. Vergiftet.

Eine lange zurückliegende Tragödie
Hat man nun schon zwei der Freundinnen ermordet? Wer tötet schwer kranke Seniorinnen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt hätten? Und warum? Wegen unfassbar schrecklicher Vorfälle in ihrer Jugend, für die man niemanden mehr zur Verantwortung ziehen kann, weil die Täter längst tot und die Straftaten verjährt sind? Wer hätte heute noch einen Nachteil davon, wenn Maria und Konstanze über einen 70 Jahre alten Skandal ausgepackt hätten? Die Leute hätten kurz „igitt!“ und „o Gott!“ gerufen und wären dann wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Hat der Tod von Maria und Konstanze am Ende gar nichts mit dem alten Skandal im Stadtpalais zu tun? Vielleicht sollte Ira lieber den Spuren des Geldes folgen. Geht diesbezüglich bei der Stiftung alles mit rechten Dingen zu? Wie ist zum Beispiel die Nachfolge geregelt, wenn eine der Gründerinnen ausscheidet? Und wer profitiert finanziell vom Tod Maria Klabundes? Ihr Sohn? Der hat viele Träume aber wenig Tatkraft – und noch weniger Geld.

Da gibt’s im Umfeld der Stiftung einen dritten gewaltsamen Todesfall. Wieder ist nicht klar, ob es ein Unfall oder ein Mord war. Doch Ira begreift jetzt so langsam, dass hinter der Tragödie von damals noch eine weitere Geschichte steckt. Und die ist noch nicht zu Ende …

Die Geschichte hinter der Geschichte


Wenn wir mit Ira Wittekind „die Geschichte hinter der Geschichte“ suchen gehen, ist es schwer, die Welt in schwarz und weiß einzuteilen. Klar, ein paar böse M*stkerle gibt’s schon, die haargenau wissen, dass das, was sie tun, falsch ist und die und aus purem Egoismus anderer Menschen Leben zerstören. Aber es gibt hier, wie im richtigen Leben, auch eine breite Palette von Grautönen … Menschen, die sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als sich und ihre Lieben durch ein Unrecht aus einer Notlage zu befreien. Und wie schon in anderen Ira-Wittekind-Krimis zeigt sich auch in KÖNIGSTÖCHTER, welche weitreichenden Konsequenzen es hat, wenn ein Mensch einem anderen etwas antut. Die Folgen ziehen sich über Generationen hin und betreffen nicht nur einzelne Personen, sondern auch deren Familien und Freunde.

Zum Glück hat die Heldin nur beruflich mit solchen entsetzlichen Geschichten zu tun. Daheim ist alles im grünen Bereich. Zwar hätte ihr Andreas gerne, dass sie bei ihm einzieht, während sie sich mit ihrer eigenen Wohnung ein Stück Unabhängigkeit und Sicherheit bewahren möchte, doch größere private Dramen gibt’s erfreulicherweise keine. Okay: Iras Mutter scheint eine narzisstische Giftspritze zu sein, aber sie spielt aus genau diesem Grund im Leben der Tochter auch kaum eine Rolle. Diese private Normalität ist erholsam. Nicht nur der Romanheld braucht eine Pause von Schrecken und Tragödien – der Leser auch!

Schlimme Fälle, normales Privatleben


Für die befreiende Komik sind die beiden alten Tanten zuständig, die ihre Gäste bewirten, Stumpen rauchen, Schnäpschen trinken und in ungebremstem Dialekt über Gott und die Welt reden. Und weil sie ihr ganzes Leben in der Gegend verbracht haben, haben sie ein enormes Hintergrundwissen über die Menschen und ihre Geschichte. Eine Informationsquelle, die für eine Journalistin natürlich unbezahlbar ist. Inzwischen habe ich mich auch daran gewöhnt, dass „Tante Erna“ keine weitere Verwandte ist, sondern Iras Hund.

Einen rasanten Thriller sollte man hier nicht erwarten. Wir begleiten eine Journalistin auf ihrer akribischen Spurensuche. Die möglichen Motive der Personen werden sorgfältig erwogen und genau ausgeleuchtet. Immer wieder einmal fasst Ira in Gedanken für sich oder als Information für eine andere Person den Stand der Erkenntnisse zusammen. So behält auch der Leser in dem komplexen Personengeflecht den Überblick. Aber das nimmt natürlich Tempo aus der Geschichte. Das ist kein Fehler. Ich sag’s nur, damit hier keiner mit falschen Erwartungen an die Lektüre rangeht.

Ein wenig verwirrend ist, dass der Heyne-Verlag die Ira-Wittekind-Krimis nicht in chronologischer Reihenfolge herausbringt. KÖNIGSTÖCHTER ist der dritte bei Heyne erschienene Band, spielt aber zeitlich zwischen dem zweiten und dem ersten. Ich bin gespannt, wo dann Band vier weitermacht.
Zeitliche Reihenfolge: SONNTAGS TOD, KÖNIGSTÖCHTER, MORDKAPELLE
Reihenfolge der Erscheinung: MORDKAPELLE, SONNTAGS TOD, KÖNIGSTÖCHTER.

Ach ja … und was hat es denn mit diesen eigenwilligen Personennamen für eine Bewandtnis? Ein Zeit- und Regionalding? Willibernd, Ilsemarie und Friedgerd … das sind ja ganz ungewöhnliche Kombinationen! Ich kenn’ halt das Übliche: Lieselotte, Rosemarie, Annegret. Für mich ist „Hansjörg“ schon eine ganz unerhörte Schreibweise. 😉

Die Autorin
Carla Berling, unverbesserliche Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie 2013 auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. MORDKAPELLE war ihr erster Wittekind-Roman bei Heyne, es folgte SONNTAGS TOD. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihrer Comedyreihe Jesses Maria durch große und kleine Städte.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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