Hollywood im Wasserglas

Die Medien sind heutzutage omnipräsent, man kann ihnen schwerlich entgehen. Um jedoch ein mediales Produkt entstehen zu lassen, sind mancherlei Persönlichkeiten erforderlich. Doch total abgedreht wird es, wenn eine dieser Persönlichkeiten der feliden Sippschaft angehört. Dann spielt meine Wenigkeit dabei nur eine Statistenrolle …

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Manche Dinge bauen sich langsam aus und entwickeln sich mit der Zeit zu ausgewachsenen Hyperstürmen. Doch der Reihe nach: Es begann eigentlich alles ganz harmlos und es begann schon vor Monaten. Genauer gesagt, im Dezember.

Der Dezember ist ja, wie allgemein bekannt ist, ein Monat der Glühweinkonsumenten, der Lichter und vor allem der Weihnachtsmärkte. So auch hier in der Stadt. Und was Meinereinen betrifft, so bin ich einem Glas Glühwein auf eben jenem Weihnachtsmarkt nicht abgeneigt, natürlich immer in Begleitung einer meiner feliden Mitbewohner. Diesmal ist Edward mit von der Partie. Und diejenigen meiner samtpfötigen Teppichtorpedos, die nicht mit dürfen, können dann ganz schön sauer werden und mich drei Tage mit dem A r s c h nicht mehr anschauen, wenn ich sie nicht hinterher umgehend mit Leckerlies besänftige.

Der Schwarzbepelzte lässt sich jedoch von dem ganzen Trubel nicht stören und schaut eher interessiert auf die vielen blinkenden Lichter, frei nach dem Motto: „Will haben, will spielen!“ Es ist mir schon klar, daß ich mit einer solchen Begleitung auf der Schulter des öfteren darauf angesprochen werde. Aber man gewöhnt sich an alles.

Jedenfalls genießt Edward die von allen möglichen Leuten erhaltene Aufmerksamkeit und schaut neugierig auf all die bunten blinkenden Lichter. Selbst als von dem neben dem Weihnachtsmarkt stehenden Kirchturm die Glocken erklingen, richtet er nur kurz seine Ohren nach dem neuen Geräusch aus.

Genug des weihnachtlichen Trubels, man soll’s nicht übertreiben. Denn es ist jetzt sowieso Zeit, nach Hause zu gehen. Da werde ich von einem jüngeren Paar angesprochen. Erst stelle ich mich auf das übliche Frage- und Antwortspiel ein, doch dann nimmt das Gespräch eine unerwartete Wendung.
Denn es stellt sich heraus, daß der Mann Student ist und an der HKDM, der „Hochschule für Kunst, Design und populäre Musik“ studiert.

Einen Film will er drehen – mit Katze


Am Anfang ist mir nicht so recht klar, auf was er hinaus will. Doch so wie ich das dann realisiere, produzieren sie immer wieder im Zuge ihres Studiums Videoclips und hätten jetzt ein Projekt für die VAG, den städtischen Verkehrsbetrieb in der Planung. Ja, und dann lässt er im wahrsten Sinne des Wortes die Katze aus dem Sack. Also, es wäre es doch durchaus interessant, wenn jemand aus dem Katzenvolk bei diesem Projekt mitwirken würde.

Nun, ich für meinen Teil bin nicht ganz unbedarft, was die Mitwirkung bei Filmprojekten betrifft, aber ob einer meiner krallenbewehrten Hausterroristen Ambitionen hat, dasselbe zu tun, sei mal dahingestellt. Wie dem auch sei, der langen Rede kurzer Sinn, ich habe ihm meine Handynummer und Emailadresse gegeben. Jetzt ist es sowieso an der Zeit, nach Hause zu gehen, einige der Stände auf dem Weihnachtsmarkt schließen bereits.

Die nächsten Tage sind ohne besondere Ereignisse. Dann kommt ein Anruf von eben jenem Studenten. Er wolle sich nur vergewissern, ob die Handynummer korrekt ist, er würde sich wieder melden.

In den folgenden Wochen habe ich das Ganze fast vergessen. Doch dann, Ende Januar kommt wieder ein Anruf. Ob ich am kommenden Sonntag Zeit hätte, für ein paar Probeaufnahmen und Fotos. Er gibt mir die Adresse und irgendwie kommt mir die bekannt vor, doch ich komme nicht drauf, in welchem Zusammenhang.

Na klar, werde ich kommen, aber ich bin nicht sicher, ob ich Edward mitnehme oder nicht doch lieber Tapsi. Denn wie erwähnt, bin ich filmtechnisch nicht ganz unbedarft und der Rotbepelzte wäre eventuell besser abzulichten als der schwarze Edward und außerdem pennt er schon mal in meiner alten Videotasche.

Foto: (c) Evi

Also, wenn das kein gutes Omen ist …
Ja, das wäre schon in Ordnung, wenn der auch so gechillt wäre wie Edward. Ist er, ist er, sogar noch viel mehr. So, dann wäre auch das geklärt.

Der Sonntag kommt, und ich mache mich mit Tapsi auf der Schulter auf den Weg. Evi kommt auch mit, allerdings nur als Beobachterin, sie will auf keinen Fall vor die Kamera. Zuerst geht’s mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Den Rest gehen wir zu Fuß, Tapsi auf der Schulter. Dann sind wir vor dem Gebäude und jetzt wird mir auch klar, woher ich die Adresse kenne. Da ist im Erdgeschoss eine sehr gute Kleinbühne. Vor Jahre habe ich dort mal eine satirische Komödie angeschaut.

Die Begrüßung fällt sehr herzlich aus, was aber auf Tapsi keinerlei Eindruck macht. Eher genießt er die vielen Streichler, die er von allen Seiten erhält. Dann aber runter von der Schulter, hier gibt es ja soviel zu entdecken und zu erschnüffeln. Nun, soll er, ich werde sowieso als erstes besprechen, was zu tun ist.

Generalprobe mit Tapsi


Das Motto des Clips soll heißen: “Vielfalt in unserer Stadt“. Viele Ideen für eine Szene sind da, aber zum Schluss sind wir uns einig, daß Tapsi eine Hauptrolle einnehmen soll. Der hat die Erkundung des Studios inzwischen abgeschlossen und maunzt mich an, weil er wieder auf meine Schulter will.
Ist recht, wir wollen sowieso einen Testdurchlauf starten. Es ist ja so, daß meine Miezen in der Stadt einiges Erstaunen hervorrufen und eben dieses soll auch in dem Video zum Ausdruck kommen. Und Tapsi spielt mit wie ein Profi, obwohl das ja nur ein Testlauf ist.

Die Erstellung eines endgültigen Skripts obliegt dann der Studentengruppen und braucht außerdem den Segen der VAG. Der eigentliche Drehtermin steht noch nicht fest und ich glaube kaum, daß der meinen feliden Begleiter sonderlich interessiert.So vergeht der Sonntagnachmittag im Flug.

Einige Wochen vergehen wieder ereignislos. Dann kommt wieder ein Anruf. Am kommenden Sonntag würde man drehen, auf dem Gelände der VAG. Nun denn, mir soll’s recht sein und so, wie das aussieht hat auch Tapsi nichts dagegen. Jedenfalls antwortetet er auf meine entsprechende Frage mit einem lauten, zustimmenden „Miau!“

Der Sonntag kommt und wir machen uns auf den Weg. Direkt vor dem Betriebsgelände ist eine Haltestelle, also alles kein Problem. Das Gelände ist ziemlich weitläufig, doch ungefähr weiß ich, wo wir hin müssen. Uns schließt sich ein Vater mit zwei Töchtern an. Offensichtlich sind sie auch zum Dreh eingeladen. Er erzählt, daß er gefragt hätte, wo innerhalb des Geländes sie hin müssten und hätten die Auskunft bekommen: „Immer dem Mann mit der Katze nach.“ Die schultersitzende Fellnase versetzt sie schon in Erstaunen. Doch lässt sich die erwähnte Fellnase in keinster Weise stören und schaut sich nur neugierig um, was ja vom erhöhtem Schultersitzplatz kein Problem ist. Möglicherweise sucht er den Hollywood-Schriftzug. Doch der ist hier nicht zu finden, so sehr er auch sucht.

Eine der neueren URBOS-Bahnen ist auf einem Gleis abgestellt, mit einer Menge filmtechnischen Equipment davor. Darin ist wohl der Dreh geplant. Von meiner Schulter aus schaut sich Tapsi neugierig um.

Wir werden in eine der Werkshallen gebeten, wo einige Biertische aufgestellt sind, sozusagen ein provisorischer Aufenthaltsraum. Tapsi will sofort runter und die neue Location erkunden, doch das könnte kontraproduktiv enden, denn immerhin ist das ja eine Werkshalle, wo er, neugierig wie der Kater ist, eine Menge Unfug anstellen kann. Also bleibt er liebe erst mal an der Leine. Dann gibt’s auf dem Hof Proben und jetzt ist der Rotbepelzte zum ersten Mal richtig gefragt. Doch der ist gechillt und meistert die Sache, als hätte er schon in Dutzenden von Hollywood-Blockbustern mitgewirkt.

Foto: (c) Evi

Nun, Hollywood ist da hier ja nicht, eher ein Sturm im Wasserglas oder vielmehr Hollywood im Wasserglas. Jedenfalls ist die Regie und die Kamera vollauf zufrieden. Nur Evi, die wieder dabei ist, will trotz mehrmaliger Aufforderung auf gar keinen Fall vor die Kamera.

So, und nun geht’s ans Eingemachte, will heißen, umziehen und in die Maske. Bei Tapsi ist das nicht notwendig, denn der ist auch so fotogen. Außerdem hätte er sowieso etwas gegen Puder und ähnliches und würde sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehren. Anschließend bräuchte man wahrscheinlich ein Aufräumkommando um die Trümmer der Werkshalle zu beseitigen. Also keine Maske für den Kater.

Dann geht’s in die bereitgestellte Bahn. Auch hier werden wider einige Einstellungen getestet, was aufgrund der beengten Platzverhältnisse nicht ganz einfach ist.

Foto: (c) Evi

Jeder wundert sich, daß der Rotbepelzte das kommentarlos mitmacht. Doch er ist eben ein Gemütskater. Evi versucht derweil, so gut es eben geht, einige Fotos zu schießen.

Foto: (c) Evi

So vergeht die Zeit im Flug und ehe wir uns versehen, sind wir fertig und die Szene im Kasten, wie man so schön sagt. Auf meine Frage, wann denn der Clip zur Verfügung stehen würde, bekomme ich zur Antwort: „Ja nun, wegen der Postproduktion kann das Ende April werden.“ Ok, ich wollts ja nur wissen.

Nach Hause wollen wir aber noch nicht, ich möchte mit Evi noch in den „Schwarzen Kater“ und etwas trinken. Und hier will Tapsi von der Schulter und seinen eigenen Sitzplatz. Oh, oh, fangen jetzt die Starallüren an? Sieht fast danach aus. Jedenfalls machen wir uns dann anschließend wirklich auf den Heimweg.

Einige Wochen vergehen, durchaus nicht ereignislos, denn da ist ja das Drama mit Aldavinur. Deshalb tritt das Filmprojekt bei mir völlig in den Hintergrund. Einige Zeit später kommt eine Mail, daß man mit dem Ergebnis sehr, sehr zufrieden und vor allem erstaunt über Tapsi sei, der das Ganze absolut souverän gemeistert habe. Erst in der Letzten Aprilwoche kommt mir der Gedanke, daß ich mich mal erkundigen könnte, wie weit es gediehen ist.

Tapsi wird zum Youtube-Star


Erst wird der Student, mit dem ich als erstes Kontakt hatte, angerufen. Und da ist Erstaunliches zu erfahren. Ich bin davon ausgegangen, daß der Clip gelegentlich in einem der Monitore in einer Straßenbahn gezeigt wird. Jetzt erfahre ich daß er in allen Bahnen jeden Tag ziemlich oft im Rahmen der Kampagne „Vielfalt verbindet unsere Stadt“ läuft, sowie auf Youtube und auf Facebook.
Meine Güte das kann ja was werden! Jedenfalls beschließe ich, die VAG anzurufen, um nähere Informationen dazu zu bekommen.

Das Katzenvolk bleibt von alledem völlig unbeeindruckt. Dosi, was hast du eigentlich? Ist doch für fellnäsische Verhältnisse ein völlig normaler Zustand, rück lieber mal die Leckerlies raus! Jedenfalls bekomme ich von der zuständigen Dame bei der VAG alles bestätigt und dazu den Youtube-Link: https://youtu.be/TLrSzEqkyY0

Auf jeden Fall soll der Clip ab Mai in den Bahnen zu sehen sein. Man wird sehen.

Der Mai kommt und schon am ersten Tag kann ich den Clip auf einem Monitor in der Bahn bewundern. Ich kenne ihn ja schon, denn ich habe ihn von Facebook heruntergeladen und er ist wirklich gelungen.

Soweit so gut, man kann wieder zur Tagesordnung übergehen. Das Katzenvolk ist derselben Meinung.
Nur, wie könnte es anders sein, haben wir offensichtlich die Rechnung ohne die Fahrgäste der VAG gemacht. Jedenfalls werde ich am nächsten Tag zweimal auf den Clip angesprochen. Nun, das war zu erwarten, aber es geschieht immer häufiger. Allerdings so häufig, daß ich zwei Wochen später für meine Einkäufe auf dem Wochenmarkt fast zwei Stunden brauche, weil ich immer wieder angesprochen werde und Tapsi jede Menge Streichler kassiert. Der genießt sichtlich das Rampenlicht und benimmt sich wirklich wie ein professioneller Star. Womöglich wird er noch verlangen, daß seine Pfotenabdrücke in der Fußgängerzone verewigt werden!

Ich hab’s ja gewusst, das ist kein Sturm im Wasserglas, das ist Hollywood im Wasserglas!




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Evi / privat

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1 Kommentar

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 23. Mai 2018 at 15:54
    • Antworten

    Klasse ! Gibt es schon Autogrammkarten ? (Schmunzel)
    Jedenfalls eine tolle Geschichte und ein schöner Clip !

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