Der Rabe und die Pfauen

Auf eines Fürsten Hof ging eine Herde Pfauen;
Ein Aufzug, welchen anzuschauen
Kein Auge müde ward; denn, jeder trug sein Rad
Mit Farben, wie sie nur der Regenbogen hat.

Aus den empor getragnen Rädern
Entfielen wunderschöne Federn;
Ein Rabe las sie auf, und schmückte sich damit,
Und ging mit abgemessnem Schritt
In die Versammlung rechter Pfauen,
Und brüstete sich auch, und ließ sich auch beschauen.
Allein, man kannt‘ ihn alsobald;
Nahm ihm den fremden Zierrat ab,
Biß ihn gelinde, gab
Dem armen Schelm die vorige Gestalt.

So leicht gestraft ging er mit Freuden wieder
In die Gesellschaft seiner Brüder.
In dieser kam er noch übler an;
Denn sein Vergehen ward den Raben kund getan.

Sie stehn umher um ihn, sie lachen, spotteten, schrein:
„Herr Pfau! Herr Pfau! Herr Pfau! sie hauen auf ihn ein,
Und raufen ihm, einmütig mit Gewalt,
Die eignen und die fremden Federn aus.
Der arme Schelm entflieht in eines Dichters Haus,
Und rettet sich, allein in kläglicher Gestalt.

 

Foto: (c) Margit Völtz / pixelio.de




Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803)




Fotograf/Künstler: © Margit Völtz / www.pixelio.de

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1 Kommentar

  1. *kicher* Na sowas – ausgerechnet hier hab ich durch einen falschen Mausklick eine Autorin mit fremden Federn geschmückt. 😀

    Der Herr Gleim war’s, der über Pfau und Rabe schrieb. Jetzt hab ich den Fehler korrigiert.

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