Der Ziegenbock und der Wolf

Ein junger Ziegenbock mit ellenlangem Bart
Und spitzem, festem Horn, ein Held nach seiner Art,
Ein Eisenfresser, stand auf einem hohen Dache,
Sich umzusehn. Ein Wolf erschien.
Der Ziegenbock, der Held, sah ihn,
Ward mutig, schäumte Rache,
Und rief ihn an, und schalt auf ihn:

„Du Mörder du! Du Dieb!
Komm‘ mir nur nicht herauf, ist dir dein Leben lieb!
Du bist’s, Tyrann, — die Mutter weinet noch —
Du bist’s, o Freveltat,
Der mir mein Lamm geraubt und aufgefressen hat!“

„Herr Bock, bemühen sie sich doch
Zu mir herunter,“ sprach der Wolf.
„Zwar haben sie erhabenen Geist,
Und Herz im Leibe, das beweist
Ihr langer Bart, und ihres Horns Gestalt
Ist fürchterlich, und ich bin alt;
Doch solchen Schimpf zu rächen, wird man munter,
Und scheut nicht Bart, nicht Horn, sie kommen nur herunter!“

Was tat der Bock, der Held? Er schnob gerechten Zorn,
Und schüttelte den Bart; sein Horn
Gebraucht er aber nicht, genug, er ließ es sehn,
Und sagte: „Räuber“ willst du gehn!“

Und was der Wolf? „Herr Bock,“ sprach er,
„Ich rächte mich, und wären sie ein Bär!
Was aber hindert meine Rache?
Sie nicht; das Dach! — Herunter von dem Dache!“

 

Foto: (c) Thorsten Mayer / pixelio.de




Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803)




Fotograf/Künstler: © Thorsten Mayer / www.pixelio.de

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