Florian Werner: Die Weisheit der Trottellumme: Was wir von Tieren lernen können

Florian Werner: Die Weisheit der Trottellumme: Was wir von Tieren lernen können, München 2018, Karl Blessing Verlag, ISBN 978-3-89667-619-1, Hardcover mit Schutzumschlag, 200 Seiten mit 31 s/w Illustrationen von Andreas Töpfer, Format: 13,1 x 2,2 x 20,5 cm, Buch: EUR 18,–, Kindle Edition: EUR 13,99.

 

Abbildung: (c) Karl Blessing Verlag

Manchmal ist es hilfreich, wenn man schon etwas über die Entstehungsgeschichte eines Buchs weiß, ehe man mit dem Lesen anfängt. Man bekommt dann bereits einen Eindruck von dem, was einen erwartet. In der Danksagung des vorliegenden Bands erfahren wir: „Dieses Buch verbrachte sein Larvenstadium in der Zeitschrift ‚Philosophie Magazin’. Etwa zwei Drittel der hier versammelten Texte erschienen dort unter dem Titel ‚Von Tieren lernen’, sie wurden für die Buchveröffentlichung überarbeitet und teilweise erweitert.“ (Seite 193)

Den Dankesworten schließt sich ein fünfseitiges Literaturverzeichnis an, das dem Leser das beruhigende Gefühl vermittelt, der Autor habe sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt und wisse genau, wovon er spricht.

31 tierphilosophische Betrachtungen


Was also können wir von Tieren lernen? Florian Werner erzählt es uns in 31 tierphilosophischen Betrachtungen. Das Augenzwinkern dabei fällt mal mehr, mal weniger heftig aus.

Singt die Amsel tatsächlich ein Violinkonzert von Ludwig van Beethoven, wie man dem Autor als Kind weiszumachen versuchte? Seit er weiß, dass der Vogelgesang viele Bedeutungen umfasst, die Menschensprache jedoch auf eine Bedeutung beschränkt ist, hält er das für absurd. Wird vielleicht andersrum ein Schuh draus?

Faszinierendes weiß er über das Leben der Nacktmulle zu erzählen, z.B., dass die Mitglieder einer Kolonie ein Leben lang mit mehreren Hundert Verwandten in einem engen, schlecht belüfteten Bau zusammengepfercht sind. Wie sie das aushalten und was das für unseren Umgang mit der Familie bedeuten kann, erzählt er uns auch.

Die titelgebenden Trottellummen haben garantiert noch nie etwas von Søren Kierkegaards „Sprung in den Glauben“ gehört, stürzen sich aber doch als 3 Wochen alte Nestlinge aus bis zu 40 Metern Fallhöhe von ihrer „Kinderstube“ in die eiskalte Nordsee. Das ist jetzt keine Aufforderung an uns Menschen, uns über eine Klippe ins Meer fallen zu lassen, aber einen neuen Lebensabschnitt können wir oft nur durch den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser beginnen.

Gepflegtes Chillen im Gewusel


Dass es unter den bekanntermaßen fleißigen Ameisen welche gibt, die sich offenbar aufs Nichtstun spezialisiert haben, ist erstaunlich. Noch verwunderlicher ist, dass sie damit durchkommen. Und es ist ein gutes Beispiel dafür, wie man angesichts geschäftigen Gewusels um einen herum ruhig und gelassen bleiben kann.

Wir lernen, was ein Elefant mit der Wirklichkeit gemein hat, wie die Dickhornschafe sich vom Dogma des unbegrenzten Wachstums befreit haben und warum ein Axolotl keine Lust hat, sich zu einem erwachsenen Querzahnmolch zu entwickeln. Manchmal ist die Vorstellung von den Möglichkeiten, die man hat, einfach attraktiver als die reale Veränderung der Lebensumstände. Und warum gelten Löwenmännchen als mutig, wo sie doch den Großteil ihres Lebens verschlafen? Liegt etwa genau darin ihr Mut begründet? Geht’s vielleicht in ihren Träumen viel gefährlicher zu als in ihrem realen Leben?

Meditiert der Specht beim Hämmern?


Betrachtet der Specht sein Hämmern womöglich als „Samu“, also als eine repetitive Tätigkeit, die im Zen-Buddhismus im Idealfall zur Erleuchtung führt? Um von diesem Vogel zu lernen, müssen wir nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Fegen, wischen oder Gemüse schnippeln tut’s auch. Hauptsache stetig, rhythmisch, konzentriert und ohne den Sinn der Aufgabe zu hinterfragen.

Wer hätte gedacht, dass der Vogel Strauß, wenn er den Kopf in den Sand steckt, nach den Grundsätzen des radikalen Sensualismus verfährt? Was nicht wahrgenommen wird, existiert nicht. Was hier nach naiver Verdrängung klingt, kann in manchen Situationen durchaus sinnvoll sein. Auch für uns Menschen.

Der Geist ist wie ein Schlangenschlund


Selbst vom Wiederkäuen der Rindviecher kann man etwas lernen. Nur mit Gras hat das nichts zu tun. Der Pacú, ein tropischer Fisch, zeigt uns, dass es für Veränderungen nie zu spät ist: Er wandelt sich im Erwachsenenalter vom Fleischfresser zum Vegetarier. Wenn so ein Fisch das hinkriegt, dürfte das für den Homo sapiens doch kein Problem sein! Und dass der menschliche Geist, genau wie ein AnakondaSchlund, nur dann funktioniert, wenn er offen ist, klingt durchaus einleuchtend.

Was hat eine Ohrenqualle wohl mit dem Aufbau des Universums zu tun? Nun, die eine besteht fast ausschließlich aus Wasser und das andere fast ausschließlich aus Nichts. – Wie kann man nach Orca-Art mit scheinbar überlegenen Gegnern fertigwerden? –Wer erzieht beim Mensch-Hund-Gespann eigentlich wen? – Und müssten wir auf die Schnecken nicht neidisch sein, anstatt uns vor ihnen zu ekeln? – Von der Freiheit der Störche können wir nur träumen. – Von den Igeln können wir uns den gewaltlosen Widerstand abgucken und von den Zitterrochen die Balance zwischen Spannung und Entspannung.

Der Vorschlag, vom Tiger das Markieren des beanspruchten Raums zu übernehmen, sollte vielleicht nicht allzu wörtlich genommen werden. Erfahrene KatzenhalterInnen werden mir da sicher beipflichten. Und was hat das Hähnchen uns zu sagen, das sich auf dem Spieß dreht? Dass wir uns auf unser Menschsein nicht allzu viel einbilden sollten. Gerade, wenn wir uns unseren Mitgeschöpfen so haushoch überlegen fühlen, zeigen wir oft unsere bestialische Seite. Dabei sind wir im Grunde nichts weiter als ein paar spärlich behaarte Trockennasenaffen.

Für Überheblichkeit gibt’s keinen Grund


Die Tiere haben natürlich leicht reden: Sie machen das alles instinktiv, was wir Menschen uns erst mühevoll an- oder abgewöhnen müssten, wenn wir denn eine Veränderung anstrebten. Was ja nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann.

DIE WEISHEIT DER TROTTELLUMME ist mehr als nur eine Ansammlung unterhaltsamer Gedankenspiele. Gerade das, was einem zunächst ein Kichern entlockt – die Sache mit dem Specht, dem Nacktmull oder dem Tiger – liefert Stoff zum Nachdenken und zeigt uns, dass für die Überheblichkeit unserer Art bei Lichte betrachtet gar kein Grund besteht.

Der Autor
Florian Werner, 1971 in Berlin geboren, ist promovierter Literaturwissenschaftler sowie Texter und Musiker in der Gruppe Fön. Seine Bücher, darunter Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung (2009) und Schnecken. Ein Portrait (2015), wurden ins Englische, Spanische und Japanische übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, etwa als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ und mit dem „Literaturpreis Umwelt“ des Landes Brandenburg. Florian Werner lebt mit seiner Familie in Berlin. http://www.florianwerner.net

Der Illustrator
Andreas Töpfer ist freier Grafikdesigner, Illustrator und Zeichner. Er ist Mitbegründer des Verlags kookbooks und visueller Redakteur für das norwegische Literatur- und Kulturmagazin Vagant. Er arbeitet im Milchhof: Atelier in Berlin und mit buchgut, Berlin. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. www.andreastoepfer.de




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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