Der Fischreiher

Am Ufer eines Bachs ging
Ein Reiher auf und ab, auf langen dürren Beinen,
Mit langem Hals, woran ein langer Schnabel hing;
Des Baches Wasser floß auf harten Kieselsteinen,
Bergab mit angenehmen Schall,
Durchsichtig wie Kristall
Die Fische waren guter Dinge,
Vollbrachten tausend frohe Sprünge,
Und sonnten sich am warmen Sonnenstrahl!

Herr Reiher wie so faul? Schnappest du denn nicht einmal
Mit deinem langen Schnabel zu,
Und holst dir einen Hecht? Du Fauler, wartest du
Auf einen Karpfen? Ei, wie wird es dir gereu’n,
Wenn du wirst schnappen woll’n, dann wird kein Hecht mehr sein!

Wie ernsthaft stehet er da, wie still!
Wie drehet er den Hals, den er nicht brauchen will!
Bald aber hungert ihn, und nun sieht er sich um
Nach Karpfen oder Hecht.
Allein verschwunden ist das ganze Fischgeschlecht:
Nur Schleie schwimmen noch, allein er ist nicht dumm,
Er hat Geschmack! Schlei‘ ist zu schlechte Speise
Für einen Reiher! Alle läßt er ziehn!
Und immer mehr noch hungert ihn.

Er geht vom Ufer ab, und watet in den Bach;
Gründlinge trifft er an, fragt aber nichts darnach;
Er läßt sie all‘ in Frieden schwimmen, spricht:
„Gründlinge fressen Reiher nicht;
Nach ihnen nur einmal den Schnabel aufzutun,
Das wäre großer Schimpf für einen Leckermund!“

Er sag’s, indessen geht was Fisch ist, auf den Grund;
Nicht Einer läßt sich sehn! Ei, Leckermund, wie nun?

Nachdem er lang umsonst gesuchet und geschnappt,
Wird, mit genauer Not, ein Frosch von ihm ertappt.

 

Foto: (c) SarahC. / pixelio.de




Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803)




Fotograf/Künstler: © SarahC. / www.pixelio.de

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