Die Ameise und die Fliege

Hitzig, aber nur mit Worten,
Stritt die Ameise und die Fliege
Miteinander.

„Schweig! ich siege,“
Sprach die Fliege; „an allen Orten
Bin ich, oder kann ich sein,
Kannst du das mit deinem Bein?
Kriechen kannst du; von der Erde
Kommst du nicht; mit viel Beschwerde,
Sorge, Kummer, Angst und Not
Suchst du dir dein schlechtes Brot!
Ich hingegen sorg‘ und faste
Nie; denn ich bin stets zu Gaste!
Seh‘ ich Widder, oder Stier,
Schön bekränzt, als Opfertier,
Dann erheb‘ ich mein Gefieder
In die Luft und senk‘ es nieder
Auf den priesterlichen Greis,
Der dabei steht, es betrachtet,
Und besprengt; und wenn ich weiß,
Daß er fertig ist, und Zeus
Vom Olympus niederfährt,
Es zu speisen; dann kost‘ ich
Es zuerst, und setze mich
Auf des Donnergottes Herd! —
Ist im hohen Göttersaal,
Offne Tafel, Freudenmahl,
Allsobald bin ich auch da,
Und mein Elefantenrüssel
Holt aus mancher goldnen Schüssel
Nektar und Ambrosia! —
Eins nur laß mich noch erwähnen!
Auf den Busen einer Schönen
Setz‘ ich mich gar oft auch hin,
Und verschönre ihn, und bin,
So wie du auf dürrem Grase,
Herr auf eines Kaisers Nase,
Wo ich, wenn er mir den Sitz
Streitig macht, zu Kriege blase;
Und geschwinder wie der Blitz,
Überwindet den ein Stich,
Den kein Säbel überwindet! —
Solche Heldin, sieh! bin ich!“

Still, von keinem Zorn entzündet,
Hört die fleißige, die weise
Philosophin, die Ameise,
Ruhig alles; endlich spricht
Sie mit lachendem Gesicht:
„Ei, du bist, wie ich im Grase,
Herr auf eines Kaisers Nase?
Mag’s doch sein! Allein du bist
Öfter es ja doch auf Mist!
Und, mich dünkt, es ist bekannt,
Daß die Schönen in der Hand
Ungeheure Fächer tragen,
Grobe Fliegen zu verjagen.
Bei der Götter fetten Schmäusen
An der Tafel mit zu speisen,
Ist was Artig’s, das ist wahr;
Aber angstvoll, mit Gefahr,
Tust du es! Die Fliegenklappe
Wartet, daß sie dich ertappe,
Wo du sitzest, und dein Tod
Steht bei jedem Bissen Brot!
Freundin, ach, an deiner Stelle
Sei mein Feind! — In meiner Zelle
Fürcht‘ ich nichts; ich lebe still;
Esse, trinke, wann ich will!
Mit Gefahr und Tod umgeben,
Lebst du kümmerlich dein Leben
Einen Sommer, und du stirbst
Halb vor Hunger, weil du dir
Auf den Winter nichts erwirbst,
Und dann bettelst du bei mir!“

„Betteln! ich?“ sprach die stolze Fliege,
Warf den Rüssel, blies zum Kriege,
Ging mit zornerfülltem Blick
Auf die Feindin, sie zu fassen;

Aber diese ging gelassen
In ihr Magazin zurück

 

Foto: (c) BirgitH / pixelio.de




Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803)




Fotograf/Künstler: © BirgitH / www.pixelio.de

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