Ostern: Multikulti in unserer Wohnanlage

„Seit so viele Ausländer hier sind schaut es in unserer Anlage aus, unfassbar“. Herr und Frau Müller belagerten mich jetzt schon gefühlte Stunden im Hausflur um sich über die riesigen Müllberge in unserer Wohnanlage und das Flüchtlingsthema auszulassen. Ich entschuldigte mich wegen einem wichtigen Termin und huschte in meine Wohnung. Meine alten Nachbarn waren wirklich gute Menschen aber ihre Ansichten deckten sich nicht wirklich mit meinen. Sicher, es lungerten immer öfters Jugendliche jeder Herkunft in unserem Viertel rum und meistens ließen ihre Flaschen und Fastfood Kartons einfach liegen.
Umweltschutz sollte eigentlich jeder kapiert haben egal woher er kam.

Eigentlich hatte ich gerade aktuell andere Sorgen. Mein Kater Felix, Freigänger in unserer Wohnanlage war immer öfters abgängig. Ich vermutete einen Zweitplatz, bei Katzen durchaus beliebt. Felix schlüpfte nach seinem Ausbleiben gut gelaunt und ohne schlechtes Gewissen durch seine Klappe und fraß wohl mir zuliebe noch etwas von seinem Futter. Danach sprang er auf das Sofa und kuschelte sich zu mir. Eigentlich alles wie gehabt aber das lange Ausbleiben und das wenige Fressen machte mir Sorgen. Wo trieb er sich solange rum? Ich musste es herausfinden.

Der Kater hat einen Zweitwohnsitz!


In der Karwoche hatte ich bereits Ferien als Lehrerin und als Felix nach seiner Morgenschüssel durch die Klappe nach draußen schlich, lief ich rasch aus meiner Wohnung und huschte durch die Einfahrt zu meinem kleinen Garten zurück. Mein Kater lief zielstrebig durch die Blumenrabatten unserer Anlage und verschwand durch ein Gebüsch hinter dem sich ein anderes Haus befand, ebenfalls mit Gartenwohnungen. Ich spähte über die Hecke und sah meinen Treulosen vor einer Terrassentüre sitzen und miauen. Prompt öffnete sich die Türe und Felix stolzierte mit hoch erhobenem S c h w a n z hinein.

Ich fasste es nicht. Das ist ja die Höhe. Ich lief um das gesamte Haus herum zu der Eingangstüre. Das Haus hatte zwei Gartenwohnungen, es musste die linke sein. Auf dem Türschild stand „Pawlow“. Ich atmete tief durch und klingelte. Der Summer ertönte und ich stieß die Türe auf und ging durch den kleinen dunklen Flur. Eine Türe öffnete sich. Vor mir stand eine große wunderschöne Frau mit blonden hoch toupierten Haaren.
Sie trug enge Leopardenleggins und einen grellpinken Pullover.
„Ja bitte, kann ich helfen?“ sprach sie mit starken Ostblock Akzent.
„Hallo, ich heiße Susanne Weber und wohne im Haus gegenüber. Kann es sein, dass mein Kater Felix bei ihnen ist?“

„Oh Felix ist Name von Mietzekatz, bitte komm rein, bitte“ Sie zog mich in ihre Wohnung und dirigierte mich in das Wohnzimmer. Da saß auch schon Felix wie ein Prinz auf dem goldenen Brokatsofa und sah mich verwundert an. Ich wurde daneben gesetzt und Frau Pawlow ließ sich in den Sessel gegenüber fallen. Sie strahlte uns beide an.

Ein gern gesehener Gast


„So schön, dass ich gleich noch Frauchen von Katze kennenlerne. Katze saß immer so hungrig in meine Garten und ich nicht wusste wo kommt her? Also ein bisschen Fisch gegeben und Katze ist durch Wohnung gegangen und so lieb und hat geschmust mit mir. Aber bitte, ich nicht habe festgehalten, ist immer gegangen wann wollte. Aber so schön das Besuch gekommen und ich habe immer so gefreut. Bitte nicht böse sein“.

Felix fixierte mich mit seinen grünen Augen. Siehst du, alles in Ordnung, ich pflege hier Nachbarschaft, schien er mir zu sagen.
„ Na, dann bin ich ja beruhigt und weiß wo sich mein kleiner Streuner rumtreibt“. Ich konnte der sympathischen Frau nicht böse sein.
„Ich bin Nadja“ stellte sich Frau Pawlow vor.
„Susanne“ sagte ich und hatte schon einen Prosecco in der Hand.

Osterbrunch mit Felix’ Zweitfamilie


Es war fast Mittag als Felix und ich zu unserer Wohnung zurück gingen. Nadja musste zur Arbeit. Sie war Altenpflegerin, lebte seit 3 Jahren in unserer Anlage und kam aus Russland. Ihr Mann war Fernfahrer und sie war viel allein. Wir waren uns noch nie begegnet. Oder ich hätte sie nicht beachtet, dachte ich erschrocken über meinen bornierten Gedanken. Wenn Felix zu Besuch kam fühlte sich Nadja ein bisschen weniger einsam. Sie hatte kaum Anschluss mit anderen Nachbarn und am liebsten sah sie russisches Fernsehen nach der anstrengenden Arbeit, immer wieder mal mit Felix auf dem Schoss.

Ich lud sie und ihren Mann zum Osterbrunch ein. Sie umarmte mich herzlich und wir tauschten unsere Handynummern.

Am Ostersonntag kamen meine zwei Freundinnen und das alte Ehepaar Müller zu mir. Ich kündigte ihnen die Pawlow‘s an und allein der Name ließ die beiden schon verstummen.
Felix saß mittendrin und schnupperte freudig Richtung Osterbuffet. Da fiel sicher ein kleiner Happen für ihn ab.

Es klingelte und Nadja kam mit ihrem Mann Josef, ein Russe wie im Bilderbuch. Groß und laut wie ein Bär. Die beiden brachten russische Köstlichkeiten und Krim Sekt mit.

Nadja erobert alle Herzen im Sturm


Was soll ich sagen? Nadja, die sich mit alten Menschen auskannte, eroberte die Herzen der Müllers im Sturm und als Josef seine Fernfahrergeschichten und Nadja über das Altersheim erzählten, mussten wir lachen, staunen und auch ein paar Tränchen verdrücken. Großen Respekt vor diesen Berufen und mehr Wertschätzung, dachte wohl nicht nur ich in dem Moment.
Es war ein wunderbarer Ostersonntag. Es eröffnete uns allen ein wenig die Kultur des anderen und wir fühlten uns auch durch das gemeinsame Essen angenehm verbunden.

Ich war stolz auf meinen Kater. Er hatte wohl das richtige Gespür, sein Instinkt trieb ihn zu einer guten Seele und diese kam zurück zu mir. Ich freute mich über die neue Nachbarbekanntschaft und wusste Felix dort in guten Händen wenn ich im Urlaub oder dienstlich weg fahren musste. Die Müllers versorgten Felix gern, aber dass Kuscheln kam immer etwas zu kurz und es war eine zusätzliche Belastung, die ich ihnen nicht immer mit guten Gewissen aufgehalst hatte.

Als alle gegangen waren, räumte ich auf und setzte mich auf mein Sofa. Nadja hatte mir wunderschön bemalte Ostereier geschenkt. Ich betrachtete sie und Felix hüpfte zu mir und schmiegte sich mit seinem warmen Bauch an meinen Oberschenkel.
Da saßen wir beide, einträchtig zusammen und mit neuen Freunden in der Nachbarschaft.
Wir verbrachten Ostern Multikulti. So einfach können Vorurteile abgebaut werden.
Manchmal reicht da schon der offene Blick in der eigene Wohnanlage oder ein neugieriger Kater.

 

Foto: Buntysmum / CC0 Creative Commons / pixabay.com




Autor: Barbara Pronnet

barbarapronnet@web.de
www.online-roman.de


Fotograf/Künstler: © Buntysmum / CC0 Creative Commons / www.pixabay.com

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2018/03/26/ostern-multikulti-in-unserer-wohnanlage/

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.