Jessica Kremser: Frau Maier wirbelt Staub auf. Chiemgau-Krimi

Jessica Kremser: Frau Maier wirbelt Staub auf, Bielefeld 2018, Pendragon-Verlag, ISBN 978-3-86532-610-2, Softcover, 314 Seiten, Format: 11,3 x 2,5 x 19 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle Editon: EUR 10,99.

 

Abbildung: (c) Pendragon-Verlag

Auch im vierten Band der Reihe erfahren wir nicht den Vornamen der Heldin, was eine Menge über Frau Maier aussagt: Es gibt niemanden in ihrem Leben, der ihr so nahesteht, dass er sie duzen würde. Dabei ist sie schon als Kleinkind mit ihren Eltern von Schlesien nach Kauzing am Chiemsee gekommen. Sie ist aber stets eine Fremde geblieben.

Zum einen ist sie sicher von Haus aus introvertiert und eigenbrötlerisch und empfindet Sozialkontakte als anstrengend. Zum anderen hat sie nicht viel Glück gehabt im Leben. In jungen Jahren hat sie ihr Bräutigam, der Fischer Karli, sitzen gelassen und lieber eine vermögende Einheimische geheiratet. Frau Maier ist dann allein geblieben. Berufsausbildung hat sie keine, sie hat sich immer mit diversen Putzstellen durchgeschlagen. Das macht sie jetzt, im Rentenalter, auch noch so.

Eigenbrötlerin mit Ermittlungseifer


Mit ihrer namenlosen Katze lebt Frau Maier in einem Häuschen am See. Sie liebt die Musik von Elvis, sie liest und sie kocht gern. Und sie legt viel Wert auf Ordnung. Unübersichtliche Situationen und unerklärliches menschliches Verhalten lassen ihr keine Ruhe. Diese Dinge muss sie klären, sie kann nicht anders. Das ist sicher ein Grund dafür, dass sie sich immer wieder in Kriminalfälle einmischt, sehr zum Ärger von Kriminalkommissar Franz Brandner, der ihr schon wiederholt damit gedroht hat, sie als verwirrte Alte in die Psychiatrie einweisen zu lassen, sollte sie ihm noch einmal in die Quere kommen. Das schüchtert Frau Maier ein, dabei ist sie alles andere als irre. Sie ist hochintelligent und glasklar im Kopf. Aber wenn sie der Ermittlungseifer packt, rennt sie schon mal im Bademantel und in Gummistiefeln durchs Dorf, und ganz schnell etwas zu überprüfen. Da könnte man schon meinen, dass sie ein kleines bisschen verrückt sei.

Kopfschuss auf dem Parkplatz


Frau Maier würde sich ja gerne aus allem heraushalten. Es gelingt ihr nur nicht. Als sie zu einem Banktermin geht, fällt ihr ein Mann auf, der auf einem einsamen Parkplatz im Auto ein Schläfchen hält. So richtig komisch kommt ihr die Sache erst vor, als er auf ihrem Heimweg immer noch so dasitzt. Und richtig: Er schläft nicht – er hat eine Schusswunde im Hinterkopf!

Der Ermordete ist Ferdinand Seitzinger, ein angesehener Landwirt, Landrat und Vereinsvorsitzender. Und er ist der Vater des Bürgermeisterkandidaten Ferdinand Seitzinger jr. Das könnte Frau Maier herzlich egal sein. Sie kümmert sich nicht um das Geschehen am Ort. Kontakt hat sie nur zu der Bankangestellten Elfriede Gruber, dem Psychologen Frank Schön und dessen Frau und zu Seppi, der im Supermarkt arbeitet. Und gelegentlich zu ihrer Jugendliebe, dem Fischer Karli. Seit er Witwer ist, redet er wieder mit ihr. Doch Frau Maier kann den Ereignissen nicht entkommen. Jemand schleicht bei ihr ums Haus und hinterlässt offensichtliche Spuren. Ist es der Fremde vom Fahndungsplakat, der sich seit kurzem in der Gegend herumtreibt? Warum eigentlich verdächtigt man immer zuerst die Fremden? Sind nicht die meisten Taten Beziehungstaten?

Was weiß der Heimatforscher?


Und was will der Heimatforscher Andreas Haller von ihr? Er hat das Hobby und die Unterlagen von seinem verstorbenen Vater übernommen. Eigentlich ist er ja ein Netter, aber seine Ausreden, um mit ihr Kontakt aufzunehmen, sind ein bisschen sehr fadenscheinig. Weiß er etwas über den Ermordeten, das er offiziell nicht sagen darf? Möglich wär’s. Sein Vater war seit Kindertagen ein Freund vom alten Seitzinger. Und es gab noch einen Dritten im Bunde, Ludwig Mailinger, dessen Familie allerdings nicht mehr in Kauzing ansässig ist. Soll Frau Maier jetzt das, was er weiß, ans Licht bringen, damit er nicht als Verräter dasteht? Irgendeine versteckte Agenda hat der Haller, und das steht zwischen den beiden.

Nicht nur der Fischer Karli sieht es ungern, dass Frau Maier so häufig mit Andreas Haller zusammenhockt. Das stört auch noch andere. Erst wird Frau Maier subtil bedroht, dann massiv. Offenbar befürchtet jemand, dass ihr heller Kopf in Verbindung mit Hallers umfangreichem Archiv auf etwas Schlimmes aus der Vergangenheit stoßen könnte. Das kann mit dem Mord an Seitzinger zu tun haben, muss aber nicht.

Dann geschieht ein zweiter Mord und Frau Maier wird klar, dass der Spaß jetzt vorbei ist. Haller und sie sind auf der richtigen Spur – und in Gefahr …!

Parallelen zu einem alten Tagebuch


Der Leser weiß ein bisschen mehr als Frau Maier, denn in die Handlung von heute sind Tagebucheinträge von 1945 eingestreut. Jemand tut da offenbar etwas Barmherziges, woraus ihm ein anderer einen Strick drehen will. Erst spät wird klar, wer dieses Tagebuch geführt hat und wie die Ereignisse von damals in die Gegenwart hineinwirken. Es ergeben sich gewissen Parallelen zu den aktuellen Ereignissen, und manchmal ist man einen Moment lang unsicher, ob eine Szene nun heute spielt oder gegen Kriegsende. Diese leichte Verwirrung des Lesers ist Absicht.

Frau Maier ist schon eine besondere Heldin. So leutscheue und schroffe Protagonistinnen wie sie hat man selten. Wir Leser wissen wenigstens, was sie denkt und merken, dass ihr unfreundliches Benehmen meist ihrer Unsicherheit geschuldet ist.

Das Motto der Heldin: „Zusammenreißen!“


„Zusammenreißen“ ist ihr Mantra. Sie will sich auf keinen Fall in die Karten sehen lassen, und sie will schon gar keine persönliche Nähe zulassen. Ein bisschen aufgetaut ist sie ja inzwischen. Die Bankerin Elfriede ist fast sowas wie eine Freundin für sie geworden. Sie blickt hinter Frau Maiers Maske und steckt ihre Grobheiten locker weg.

Richtig gesellig wird Frau Maier sicher nie werden. Aber man wünscht ihr, dass sie wenigstens so sicher im Umgang mit anderen Menschen wird, dass sie nicht die vergrätzt, die ihr am Herzen liegen. Ein bisschen spröde darf sie gerne bleiben.

Der Kriminalfall ist mit diesem Band abgeschlossen, aber es ist durchaus denkbar, dass sich Frau Maier auch in Zukunft genötigt sieht, irgendwelchen Ungereimtheiten auf den Grund zu gehen. Und eines Tages sieht vielleicht auch Kommissar Brandner ein, dass Frau Maiers Spürsinn keine Konkurrenz für ihn ist, sondern eine wertvolle Hilfe.

Die Autorin
Jessica Kremser wurde 1976 in Traunstein geboren und wuchs am Chiemsee auf. Zum Studium der englischen und italienischen Literatur und der Theaterwissenschaften zog es sie nach München, wo sie als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften schreibt.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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