Aldavinur

Auf der Welt ereignen sich pausenlos Dramen. In den meisten Fällen haben wir keinerlei Einfluß darauf. Doch manchmal sind wir selbst davon betroffen. Wenn dann noch unsere Fellnasen daran beteiligt sind, kann man es nur noch als Katastrophe bezeichnen.

*****

Es ist Abend und ich denke, ich sollte mich schlafen legen. Schnell noch will ich die zwei Kartons und die Holzkiste überprüfen, die ich bereitgestellt habe. Es ist alles in Ordnung. Die beiden Kater lümmeln sich bereits faul auf dem Bett, Belle ist nirgends zu sehen.

Gerade was Belle betrifft, habe ich seit einiger Zeit einen Verdacht. Ganz Genaues weiß ich nicht, aber ihr Verhalten ist in letzter Zeit etwas seltsam. Und da keimt doch irgendwie ein Verdacht.
Denn ganz nüchtern betrachtet, lebt ja nicht nur Belle bei mir, sondern auch Edward und Tapsi, die beiden Kater. Der Verdacht besagt ganz einfach, daß Belle schwanger sein könnte. Deshalb habe ich vorsichtshalber mal die zwei Kartons und die Holzkiste mit dem Körbchen aufgestellt, innen schön warm und weich ausgepolstert, als Wurfnest.

Gemaunze mitten in der Nacht


Wie dem auch sei, jetzt werde ich schlafen gehen. Doch irgendwann, mitten in der Nacht werde ich durch intensives Treteln geweckt. Dann ein Maunzen, der Stimmen nach Edward. Kurz darauf noch ein Maunzen, eindeutig Tapsi. Meine Güte, ist es etwa schon 5 Uhr und die beiden haben Hunger? Doch irgendwie hört sich das Maunzen nicht nach Hunger an.

Also, ihr Kater, was ist los? Total schlaftrunken hieve ich mich aus dem Bett. Ein verschlafener Blick auf die Uhr zeigt, daß es kurz nach 0:30 Uhr ist. Sofort springen Edward und Tapsi in den Flur.
Aha, also doch Hunger, denn dort stehen die Futternäpfe. Doch diese werden von den beiden ignoriert. Statt dessen sitzen sie vor dem Bad und schauen mich mit undefinierbarer Miene an. Was zum Geier ist eigentlich los?

Die Kater huschen mir voraus ins Bad. Dort sitzen sie neben der Katzenkiste und starren unter ein hölzernes Regal, das daneben steht. Erst kann ich es nicht richtig erkennen, doch dann sehe ich Belle unter dem Regal kauern und mich anschauen.

Kätzchen, was ist los?
Vorsichtig ziehe ich sie unter dem Möbelstück hervor, was sie unter schwachem Protest geschehen läßt. Immer noch starren die Kater unter das Regal. Da muss irgend etwas sein. Und jetzt ist auch ein ganz leises Fiepen zu hören. Das lässt nur einen Schluß zu!

Ein Fiepen unter dem Regal


Oh, oh, jetzt heißt es, sofort handeln! Belle wird erst mal abgesetzt und so vorsichtig wie möglich taste ich unter das Regal. Erst finde ich nichts, doch das Fiepen ist da. Dann ist da etwas Kleines Felliges an meinen Fingerspitzen. Ganz langsam umfasse ich es und hole es hervor. Dann sehe ich es!
Ein winziges Kätzchen, viel kleiner als meine Hand. Ganz rot, Tapsi ist wohl der Vater.

Da liegt es, das kleine Wesen, die Augen geschlossen und fiept nach seiner Mutter. Es ist nicht nur wundeschön, sondern auch ein Wunder. Doch ganz ruhig, ich darf jetzt nichts unüberlegt machen. Das winzige Wesen wird auf die Decke gelegt, in einen Korb, der in der Holzkiste ist. Belle kommt mir nach, misstrauisch, aber sie kommt und klettert nach einigem Schnüffeln zu ihrem Baby in die Kiste.

Mädchen, was hast du dir bloß dabei gedacht, dein Erstgeborenes unter dem Regal im Bad auf den harten und kalten Fliesen zur Welt zu bringen?

Jetzt erst dämmert es mir, daß es ja nur eines ist. Da muss ich sofort alles untersuchen, nicht auszudenken, wenn das noch mehr sind und ich sie nicht finde. Belle ist derweil bei ihrem Kind, das begonnen hat bei ihr zu saugen, also ist es fürs Erste versorgt.

Die Taschenlampe, die Taschenlampe, wo ist diese verdammte Taschenlampe? Natürlich dort, wo sie immer ist, in der Schreibtischschublade. Ich muß mich beruhigen, sonst drehe ich durch. Jetzt wird nicht nur das Regal, sondern das gesamte Bad auf den Kopf gestellt. Aber es ist kein weiteres Junges zu finden. So langsam kann ich mich wieder beruhigen. Jetzt kann ich ganz ruhig nach Belle und ihrem Neugeborenen schauen. Es ist so klein und hilflos.

Erst langsam wird mir klar, daß ich ohne die Aktion der beiden Kater das winzige Katzenbaby vielleicht gar nicht entdeckt hätte. Nicht auszudenken, was hätte passieren können! Die beiden schauen in die Kiste, trauen sich aber nicht näher. Jetzt sage noch einer, Kater würden sich nicht um ihren Nachwuchs kümmern!

Seit wann lag das Baby auf den Fliesen?


Die Kater haben natürlich nicht sofort reagiert, als das Kleine geboren wurde. Daher möchte ich lieber nicht wissen, wie lange es dort auf den kalten Fliesen gelegen hat. Ich denke, schon einige Zeit, denn es war trocken, also hat Belle Zeit gefunden, es trocken zu lecken.

Jedenfalls weiß ich, was ich als nächstes zu tun habe. Da ist diese Rotlichtlampe, die ich mir vor Jahren gekauft habe und die mir damals Miezka immer streitig gemacht hat. Die hat so eine Klemme, mit der ich sie am Holz festklemmen kann. Das funktioniert prächtig und in der Kiste wird es warm. Irgendwo ist auch ein mobiler Thermostat, wahrscheinlich in der Werkzeugkiste im Keller. Nun, das dürfte bis zum nächsten Tag Zeit haben.

Das Kleine hat ein ganz rotes Fell, also dürfte zum einen Tapsi der Vater sein und zum anderen ist es deshalb nach Lage der Dinge ein Katerchen. Miezka war ja auch rot, aber so etwas ist selten.
So, jetzt sind wir also zu fünft.

Irgendwie fällt mir ganz spontan ein Name ein: Aldavinur. Dieser Name stammt aus der alten Wikingersprache und bedeutet in etwa „Freund“ oder besser „vertrauter Freund“. Es ist der Name eines Katers aus meiner Geschichte „Die Reise der sanften Riesen“.

Ein freier Tag fürs Katzenkind


Daß hier eine Katzengeburt stattfindet ist das erste Mal und ich kann mich an dem Kleinen nicht satt sehen. Den möchte ich nicht mehr hergeben. Der Beschluss steht fest: Ich werde zumindest am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen. Zum Glück kann ich mir meine Arbeit so einteilen wie ich möchte, also werde ich am Morgen einige Telefonate führen, und die Leute müssen eben zusehen, wie sie eine zeitlang ohne mich klarkommen.

Irgendwann schlafe ich restlos übermüdet ein. Das Rotlicht habe ich vorher ausgeschaltet, damit die Kiste nicht überhitzt. Am nächsten Morgen, nach einem gemütlichen Aufwachen wird Aldavinur erst mal gewogen. 85 Gramm. Ich muss mich erkundigen, ob das viel oder wenig ist. Jedenfalls trinkt er.

Belle verlässt immer wieder die Holzkiste, nicht nur um etwas zu fressen, sondern auch, um mit mir zu schmusen, allerdings nur kurz, dann kehrt sie wieder zurück. So vergeht der Tag. Natürlich schläft der Kleine die meiste Zeit. Und da er ja dem Anschein nach trinkt, brauche ich nicht zufüttern, obwohl auch das kein Problem wäre. Denn Katzenmilch für Neugeborene und Pipetten habe ich hier, seit ich vermutete, daß Belle schwanger sein könnte. Ich freue mich schon darauf, wenn er in einer oder zwei Wochen die Augen öffnet. Schon jetzt habe ich einige Fotos gemacht.

Die nächste Nacht kommt, sie verläuft im Großen und Ganzen ereignislos.

Sollte der Kleine nicht zunehmen?


Doch am Morgen darauf werde ich etwas misstrauisch. Denn bei der Wiegeaktion wiegt Aldavinur nur noch 82 Gramm. Normalerweise nehmen Neugeborene doch ziemlich schnell zu, oder? Egal, jetzt müssen Pippette und Ersatzmilch zum Einsatz kommen. Und er trinkt dann auch, wenig zwar, aber er trinkt. Er trinkt auch bei Belle, also war das wohl blinder Alarm.

Die Nächste Nacht vergeht wieder ereignislos.

Am nächsten Morgen finde ich Aldavinur an seine Mutter gekuschelt schlafend vor. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich die beiden in Ruhe lasse.

Im Laufe des Tages schaue ich immer wieder nach Mutter und Kind, auch ein paar Fotos werden geschossen.

So um 19:30 Uhr wieder, da hat er sich an Belle’s Bauch gedrückt. Eine halbe Stunde später schaue ich wieder in die Kiste. Aldavinur liegt da, auf der Seite und völlig bewegungslos. Belle hat sich halb um ihn gewickelt Vielleicht schläft er nur sehr tief. Aber es ist schon seltsam, wie er daliegt ohne sich zu rühren. Irgend etwas ist passiert.

Atmet Belles Söhnchen noch?


Als ich ihn vorsichtig ein wenig hochheben will, liegt er leblos auf meiner Hand. Ist er, aus welchem Grund auch immer, bewusstlos? Ich weiß nicht, was ich tun soll und habe keine Erklärung dafür. Als ich an dem kleinen Körper horche, kann ich nichts hören. Gut, menschliche Ohren sind nicht so empfindlich, aber ich gerate zusehends in Panik.

Was tun? Erst mal wird Aldavinur mit zittrigen Fingern unter den Bauch seiner Mutter geschoben, die ihm kurz über das Fell leckt.

Ich muss jetzt klar werden. Also, die kleine Box mit dem feinmechanischen Werkzeug ist nicht im Keller, sondern immer hier in der Wohnung. Darin befindet sich ein hochsensibles Mikrofon, samt kleinem Verstärker und Kopfhörer, eigentlich für technische Zwecke. Als das Ganze zusammengestöpselt ist, versuche ich, damit etwas an dem kleinen Aldavinur zu hören. Doch selbst auf der höchsten Stufe sind weder Herztöne noch Atemgeräusche zu hören. Mir wird ganz flau und es beginnen Tränen zu rollen. Doch vielleicht ist es ja wirklich eine tiefe Bewusstlosigkeit, daher wird er wieder ganz, ganz vorsichtig unter Belle’s Bauch geschoben.

Ich weiß nicht, wie lange ich neben der Kiste gesessen bin, und erst als Belle herausklettert und zum Futternapf schleicht, ist zu sehen, daß Aldavinur immer noch so da liegt, wie ich ihn hingeschoben habe. Ich glaub das jetzt einfach nicht! Ist das kleine Leben wirklich erloschen? Warum, warum nur, warum durfte er nur so kurz auf der Welt sein? Belle kommt wieder zurück, legt sich aber nicht mehr auf ihr Junges.

Haben wir alles richtig gemacht?

Nach einer gefühlten Ewigkeit streichle ich ihm über das Fell. Dabei ist unverkennbar, daß der kleine Körper beginnt auszukühlen. Jetzt brechen bei mir alle Dämme und ich heule Rotz und Wasser.
Alles mögliche geht mir durch den Kopf, die seltsamen Umstände seiner Geburt, es waren doch Wurfkisten verteilt, die Belle auch angenommen hat. Immer wieder versuche ich, das Geschehene zu verarbeiten.

Das Regal steht ungefähr 30 cm von der Katzenkiste entfernt. Vielleicht wollte Belle nur ein Geschäft erledigen und es kam zu einer so genannten Sturzgeburt. Möglicherweise war es so, dann war unter dem Regal das nächste Versteck. Doch das sind verstandesmäßige Erklärungen mit denen ich mich zu beruhigen versuche, gefühlsmäßig sieht’s da anders aus, nämlich ziemlich übel.

Wie lange lag er schon auf den harten und kalten Fliesen? Ich glaube, schon eine ziemliche Weile, denn jetzt fällt mir ein, daß ich ja Reste der Nachgeburt gefunden habe, die aber schon ein wenig angetrocknet waren. Was ist da nur schiefgelaufen?

Und wieder geht mein Blick zu Edward und Tapsi, denn ohne die beiden Kater… Ich will lieber nicht daran denken. Warum, warum nur? Warum musste diese Handvoll Katze schon nach so kurzer Zeit gehen?

Ich wollte ihn aufwachsen sehen, ein langes glückliches Katzenleben lang. Kleiner Aldavinur, jetzt bist Du bei Miezka und Mowgli, warte auf mich an der Regenbogenbrücke. Denn eines ist ganz sicher, kleiner Aldavinur, vertrauter Freund: Ich werde Dich nie vergessen.

 

Foto: (c) Mike




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Mike / privat

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3 Kommentare

  1. Oh, ist das traurig!

    Wenn Belle seit Jahren mit zwei Katern in einem Haushalt lebt und keiner von den dreien „neutralisiert“ ist, wundert mich, dass sie nicht schon öfter Kitten gehabt hat. Pille?

  2. Nein, keine „Pille“ Ich habe mir eigentlich schon seit Jahren gewünscht, daß es Nachwuchs gäbe. Warum es nicht funktioniert hat, kann ich nur vermuten. Beobachtet habe ich des öfteren, wenn Belle rollig war, daß die beiden Kater sich gegenseitig daran gehindert haben, sich mit Belle zu beschäftigen. Aber seit 1 Jahr ist Edward kastriert und siehe da, es hat mit Tapsi funktioniert. Es war zwar ihre erste Schwangerschaft, aber trotzdem habe ich mich gewundert, daß es nur ein Junges war. Doch darauf hat man zum Glück ja keinen Einfluß.

  3. Eine traurige Geschichte, aber für eine Katze ist es wirklich besser sie wird kastriert. Sie kann ernsthaft krank werden. Oft gibt es Gesäugekrebs und auch die Rolligkeit ist kein Vergnügen für eine Katze. Kater hingegen können anfangen zu markieren, würde ich auch nicht gerade witzig finden. Es gibt in unseren Tierheimen und im Tierschutz so viele Babys, die gerne ein schönes zu Hause haben wollen. Bitte nicht falsch verstehen, aber ich beschäftige mich schon seit meiner Kindheit mit Katzen und möchte nur helfen.

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