Diana Dreeßen: Du musst nicht verreisen, um bei dir anzukommen. Wege zu einem selbstbestimmten Leben

Diana Dreeßen: Du musst nicht verreisen, um bei dir anzukommen. Wege zu einem selbstbestimmten Leben, München 2017, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26176-0, Softcover, 328 Seiten, Format: 13,7 x 2,7 x 20,8 cm, Buch: EUR 14,90 (D), Kindle Edition: EUR 12,99, auch als Hörbuch lieferbar.

 

Abbildung: (c) dtv

Die Autorin ist Managementtrainerin und kennt das Problem von ihren SeminarteilnehmerInnen: Die kommen vor lauter Arbeit und sonstigen Verpflichtungen oft nicht mehr dazu, abzuschalten und sich zu regenerieren. Sie sind in einem selbstgebauten „Funktionskäfig“ gefangen. Das ist, laut Diana Dreeßen, „Ein innerer Käfig, der irgendwann aus den zu hohen Ansprüchen und Anforderungen, die man an sich selbst stellt, entstanden ist. Gegossen sind die scheinbar unzerstörbaren Gitterstäbe aus dem Gefühl, nie gut genug zu sein, immer perfekt funktionieren zu müssen, Gewehr bei Fuß zu stehen, wenn ein nahestehender Mensch um Hilfe bittet, sowie aus der unklugen Eigenschaft, seine persönlichen Bedürfnisse immer nach hinten zu stellen.“ (Seite 14/15)

Wege aus dem Funktionskäfig


Das kommt mir bekannt vor, dachte ich, und war gespannt, was die erfahrene Fachfrau als Gegenmittel empfiehlt.

Vielleicht wäre es klug gewesen, den Selbsttest im letzten Kapitel zuerst zu absolvieren. Denn nachdem ich mich mit Interesse und gelegentlichem Stirnrunzeln durch mehr als 220 Seiten gearbeitet hatte, musste ich erfahren, dass ich just zu jener Untergruppe der Motivationstypen – den leistungsgetriebenen Skeptikern – gehöre, dem dieses Buch nicht helfen kann. 😀

Das soll nicht heißen, dass die Lektüre für die Katz war. Es bestätigt nur, dass nicht alle Probleme im DIY-Verfahren mit Hilfe eines Sachbuchs gelöst werden können. Manchmal sind reale Gesprächspartner die bessere Wahl und manchmal braucht’s einen gestandenen Profi, der sich der Sache annimmt. Auch das beste Buch ersetzt keinen Therapeuten, wenn ein solcher nötig ist. Das gibt die Autorin auch klar zu verstehen und zitiert dazu ihre praktisch veranlagte Großmutter: „Und Menschen, die sich keine Hilfe bei Fachexperten holen, die wollen auch nicht wirklich Hilfe bekommen.“ (Seite 45)

Autorin mit Kompetenz und Erfahrung


Um zu erfahren, wie man selbst in seinen Funktionskäfig geraten ist und ob nicht vielleicht schon ein paar kleine Tricks und Kniffe ausreichen, um dort wieder herauszukommen, ist das Buch hilfreich. Frau Dreeßen versteht ihr Handwerk und hat reichlich Erfahrung. Das spürt man, auch wenn das Buch in einem freundlich-lockeren Plauderton gehalten ist. Und was sie sagt, leuchtet ein.

Wir funktionieren brav, weil wir anerkannt und geliebt werden wollen und uns davor fürchten, abgelehnt zu werden und allein zu sein, wenn wir ab und zu mal „nein“ sagen oder, Gott bewahre, einen Fehler machen. Die inneren Stimmen, die uns das einflüstern, begleiten uns oft schon von klein auf. Sie sind ein Mix aus verschiedenen Ratschlägen, Anweisungen, Bevormundungen, Werteübertragungen, Familientraditionen, Lehrregeln etc. – und sie haben eine zerstörerische Kraft.

Es ist möglich, diese eingefahrenen Verhaltensmuster, Ansichten, Bewertungen und Vermutungen zu identifizieren und zu korrigieren. Aber das geht nicht mit einem Fingerschnippen. Es dauert. Und ein Spaziergang ist es auch nicht.

Glücksverhinderungs- Programme überschreiben


Diana Dreeßen gibt uns Methoden an die Hand, mit deren Hilfe wir uns von negativem „inneren Datenmüll“ befreien und einen Perspektivwechsel vornehmen können. Wir überschreiben quasi die alten, schädlichen Glücksverhinderungs-Programme mit neuen Inhalten. Dafür kann es notwendig sein, sich intensiv mit der eigenen Vergangenheit zu befassen um zu verstehen, wie verborgene Verletzungen und Traumata noch heute fortwirken.

Hierbei stößt man als Laie unter Umständen an seine Grenzen und findet Dramatischeres als „nur“ Jahrzehnte alte Botschaften, familiäre Verpflichtungsschwüre oder sonstige Glücksblockaden. Wirklich belastende, als existenzbedrohend erlebte Situationen verkramt das Gehirn nicht umsonst irgendwo in den Katakomben des Unbewussten. Daran würde ich, je nach Familiengeschichte, nicht selbst herumdoktern wollen.

Manchmal muss der Profi ran


Dasselbe gilt auch für das Aufspüren und Loslassen verdrängter Gefühle. Da sind „harmlose“ Übungen dabei wie sich die Erlaubnis zu geben, das Leben zu genießen oder dankbar für das zu sein, was man hat, aber auch andere, die sehr ans Eingemachte gehen.

Was wir auf jeden Fall tun können: uns selbst auf die Prioritätenliste setzen und uns Pausen gönnen. Wer dafür einen guten Grund braucht: Neurowissenschaftler sind sich darin einig, dass das Gehirn auch mal zur Ruhe kommen muss und ausgiebigen Schlaf benötigt, um gesund zu bleiben. Das mit dem Delegieren/Tauschen ungeliebter Aufgaben ist auch eine gute Idee. Und dass man sich von Mitmenschen verabschieden soll, die einem schaden, statt sich von ihnen auf der Nase herumtanzen zu lassen, kann man nicht oft genug sagen.

Es stimmt schon: Das Leben ist zu kurz, um es aus der Hand zu geben. Das 7. Kapitel präsentiert uns eine Auswahl von Techniken, die uns ein selbstbestimmtes Leben erleichtern sollen. Die Laudatio auf das Leben und das Zirkeltraining für den Verstand sind für mich neue Konzepte und definitiv einen Versuch wert. In diesem Kapitel erfährt man auch anhand des eingangs erwähnten Tests, zu welchem Motivationstyp man selbst gehört und welche Vorgehensweisen sich daher besonders empfehlen.

Für mich bitte ohne Magie und Wunder


Nur mit dem 5. Kapitel hatte ich Probleme. Ich gehöre, wie gesagt, zu den Skeptikern und kann mit Magie, Wundern, Vorsehung und Bestimmung wenig anfangen. Manches im Leben sieht in der Rückschau tatsächlich aus, als hätte es sich genau so fügen müssen. Aber das hätte wahrscheinlich auch so gewirkt, wenn wir Hans statt Franz geheiratet und eine ganz andere berufliche Laufbahn eingeschlagen hätten.

Was hier als Wunder bezeichnet wird, würde ich als die Fähigkeit ansehen, glückliche Zufälle erkennen und für sich nutzen zu können. Ich glaube auch nicht, dass jedes Problem seine Lösung schon mitbringt, sondern dass man wahrscheinlich Lösungen findet, wenn man die Augen offen hält und gezielt danach sucht.

Kritisch finde ich die Behauptung, dass im Leben alles so kommt, wie es für uns richtig ist. Wer sollte das veranlassen? Und zählen dazu auch Gewalt, Hausbrand, unheilbare Krankheiten, der frühe Tod eines Partners oder Kindes, Krieg und Flucht? Das sind Schicksalsschläge, mit denen man bei entsprechender Resilienz irgendwie klarkommt. Aber dass das gut für uns ist, wage ich zu bezweifeln. Das geht für mich schon bedenklich in die Richtung „Eso-Bullsh*t“.

Eigenverantwortung übernehmen


Zum Glück kam beim Punkt „Eigenverantwortung“ gerade noch rechtzeitig die Anmerkung, dass man diese natürlich erst ab einem bestimmten Alter übernehmen könne. Bei dem Satz „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass Sie sich bei jedem notierten Fall daran erinnern, welchen Beitrag Sie selbst dazu geleistet haben [, dass Ihnen jemand ein Unrecht angetan hat].“ (Seite 202) hab ich schon gezuckt und gedacht, jetzt müsse man auch noch die Schuld auf sich nehmen, wenn man als Kind missbraucht oder misshandelt worden ist. Das dann doch nicht!

Auch wenn ich nicht in allen Punkten mit der Autorin übereinstimme: Dieses Buch liefert uns Informationen und Strategien, mit deren Hilfe wir dafür sorgen können, dass uns alte, ungeeignete Überlebensmechanismen nicht schnurstracks in den Burnout führen.

Die Autorin
Diana Dreeßen-Wösten arbeitete achtzehn Jahre als Börsenhändlerin an der Frankfurter Börse, bevor sie sich 2002 als Managementtrainerin selbstständig machte. Sie gibt regelmäßig Workshops und Trainings für Unternehmen, Verbände und Privatleute. Außerdem hält sie Vorträge und initiiert Kongresse. Sie ist Mitglied im BPW Deutschland (Business and Professional Women Germany e.V.), einem der größten deutschen Frauennetzwerke.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2018/03/01/diana-dreessen-du-musst-nicht-verreisen-um-bei-dir-anzukommen-wege-zu-einem-selbstbestimmten-leben/

2 Kommentare

  1. Im Leben kommt ganz bestimmt nicht alles so, wie es für uns richtig ist – man muss sich ja nur die täglichen Katastrophen und Schicksale anschauen, um diesen Satz ad absurdum zu führen ! Das Leben kommt, wie es kommt — und wir müssen uns immer wieder neu darauf einstellen und Lösungen suchen.

  2. Genau so sehe ich das auch.

    Bei manchen Ereignissen kann man vielleicht im Nachhinein den Eindruck gewinnen, die Katastrophe sei in Wahrheit ein Segen gewesen. (Was weiß ich: Job verloren, besseren gefunden.) Aber das nur, weil man entweder Glück gehabt oder das Beste daraus gemacht hat. Absicht steht meines Erachtens keine dahinter.

    Anderes, was einem widerfährt, kann man sich einfach nicht schön reden, egal, wie man es auch anstellt.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.