Will Cuppy: Wie man ausstirbt

Will Cuppy: Wie man ausstirbt und weitere nützliche Tipps aus der Tierwelt. OT: How to Become Extinct (1941), aus dem amerikanischen Englisch von Lutz-W. Wolff, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-28150-8, Hardcover mit Lesebändchen, 171 Seiten mit zweifarbigen Illustrationen von Wolf J. Gruber, Format: 12,1 x 2 x 17,5 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle Edition: EUR 11,99.

 

Abbildung: (c) dtv

„Andere Länder haben dieses und jenes, aber bei den Giftschlangen sind die Vereinigten Staaten unübertroffen. Wir haben ungefähr zwanzig Arten, die meisten sind tödlich. Europa hat nur fünf oder sechs, die alle nichts taugen. (…) Klapperschlangen bewohnen jeden Staat unseres Landes außer Maine, Vermont und New Hampshire, aber die sind sowieso ein bisschen komisch.“ (Seite 95/96)

Was sich ein bisschen so anhört wie eine von Donald Trumps angeberischen Reden, ist ein Auszug aus einer der tierischen Kolumnen, die William Jacob Cuppy (* 1884, + 1949) für den NEW YORKER geschrieben hat.

Ich hatte davon gelesen, und ich hab’s mir witziger vorgestellt. Das Buch ist ein bisschen „fischlastig“. 40 % der Beiträge befassen sich mit Fischen, der Rest mit Reptilien und ausgestorbenen Tierarten. Wer sich mit den Bewohnern der Süß- und Salzwasserwelten nicht besonders gut auskennt, wird sich 60 Seiten lang fragen, was diese Geschichten eigentlich für ein Konzept haben. Gibt es die Arten, über die er hier schreibt, die Experten, die er anführt und deren zum Teil skurrile Zitate tatsächlich? Präsentiert er uns in launigem Plauderton kuriose biologische Fakten oder denkt er sich das alles nur aus?

Kuriose Fakten oder phantasievoller Unfug?


Man müsste schon googeln … nach der Devon-Elritze, der Glubschäugigen Bastardmakrele, dem Killifisch und dem Mummichog (gibt’s!) … nach Georges Léopold Chrétien Frédéric Dagobert Baron de Cuvier (kann man sich nicht ausdenken!), Mr. H. Cholmondeley-Pennell (dito), Monsieur Gonan aus Montpellier, Dr. Raymond Lee Ditmars und all den anderen, die in dem Buch Erwähnung finden. Die meisten Namen findet man. Märchen erzählt Cuppy uns hier also keine. Sollte er allerdings aus Unterhaltungsgründen den einen oder anderen Bullsh*t dazwischengemogelt haben, hätte ich es nicht gemerkt. Auch nicht bei den Reptilien, von denen ich ein bisschen mehr Ahnung habe als von Fischen.

Ein bisschen dumm bin ich mir beim Lesen schon vorgekommen. Was soll ich anfangen mit Fußnoten wie: „Boulenger betrachtet die Iniomi und die Haplomi als Angehörige derselben Ordnung. Ich nicht so.“ (Seite 54). Schätze, um das zu verstehen, fehlt mir ein Diplomi. Oder sollen wir das gar nicht kapieren und der Autor hat nur Spaß an den lustig klingenden Fachbegriffen?

Null Respekt vor den Gelehrten!


Auf Aristoteles hat Cuppy sich irgendwie eingeschossen. Gut, das ist jetzt wenigstens einer, den er definitiv nicht erfunden hat. Aber ob der alte Junge ganz krause Ideen“ (Seite 85) zum Thema Natur hatte, beziehungsweise, ob die Zitate echt sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist auf jeden Fall witzig, wie Cuppy sich am „Vater der Wissenschaft“ abarbeitet:
„Ich bezweifle nicht, dass Aristoteles insgesamt mehr gedacht hat als jeder andere in seinem Alter. Ich sage ja nur, dass er damit allenfalls einen Preis für die Menge des Gedachten verdient hat, nicht für die Qualität, denn ein großer Teil davon war Spinat.“ (Seite 108/109)

Mit anderen Experten macht er weniger Federlesen: „Helbigius (Johann Otto von Hellwig, 1634 – 1698) behauptet, die Schildkrötenmütter würden die Jungen selbst fressen. Helbigius war ein Depp.“ (Seite 127). So, das wäre nun auch geklärt! 😀

Ganz fair ist es ja nicht, die Gelehrten der Vergangenheit zu demontieren.

  1. Haben sie sich nach dem Stand der damaligen Erkenntnisse geäußert. Sie wussten es nicht besser.
  2. Können sie sich nicht mehr dagegen wehren.

Unterhaltsam ist es trotzdem.

Wie man ausstirbt kann man schließlich im letzten Kapitel lernen:

  • Indem man sich beispielsweise nicht an veränderte Umweltbedingungen anpasst.
  • Indem man zu wenig Nachwuchs in die Welt setzt.
  • Oder indem man dem jagdlüsternen Homo sapiens zutraulich begegnet und ihn nicht rechtzeitig als Feind erkennt.

Insekten an die Macht?


Was passiert eigentlich, nachdem wir Menschen eines Tages ausgestorben sind? Übernehmen dann die Insekten die Weltherrschaft? Nun, die einen sagen so und die anderen sagen so. Und was meinen die Insekten dazu? Will Cuppy hat da so seine Vermutungen …

Um den Witz der Beiträge in vollem Umfang würdigen zu können, müsste man mehr über die beschriebenen Tierarten wissen als das beim durchschnittlich informierten Leser der Fall sein dürfte. So verpufft so mancher kluge Gag. Wenn man die Hälfte der Zeit denkt: „Wovon, zum Geier, redet er?“, ist das Buch nur eben nur das halbe Vergnügen. Wer’s trotzdem versuchen will, der soll auf jeden Fall die Fußnoten mitlesen. Das ist zwar ein bisschen anstrengend, weil es den Lesefluss hemmt, aber die fiesesten Bosheiten versteckt der Autor oft dort.

Der Autor
Will Cuppy (1884-1949) war ein amerikanischer Humorist und Literaturkritiker und gehörte zum legendären ersten Redaktionsteam des NEW YORKER. Bekannt wurde Cuppy insbesondere mit seinen Büchern über die Natur.

Der Illustrator
Wolf Gruber, 1990 geboren, lebt und arbeitet als freier Illustrator und ist Träger des Kunstförderpreises der Stadt Senden.

Der Übersetzer
Lutz-W. Wolff, geboren am 17. Juli 1943 in Berlin, schloss sein Studium in Frankfurt am Main, Bonn und Tübingen 1969 mit der Promotion über Heimito von Doderer ab. Neben seiner Tätigkeit als Lektor übersetzte er unter anderem Werke von Madison Smartt Bell, Jasper Fforde, Tama Janowitz, Robert Littell, Leo Rosten, Kurt Vonnegut, Fay Weldon, F. Scott Fitzgerald und Jack London.




Autor: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Fotograf/Künstler: © /

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