Eva Berberich: Die Bücherkatze. Von Menschen, Katzen und Büchern. Erzählungen

Eva Berberich: Die Bücherkatze. Von Menschen, Katzen und Büchern. Erzählungen, München 2017, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21707-1 Flexcover, 282 Seiten mit s/w-Illustrationen, Format: 12,6 x 2,5 x 19,5 cm, Buch: EUR 12,00, Kindle Edition: EUR 9,99.

 

Abbildung: (c) dtv Verlagsgesellschaft

„Der Engel hat damals nicht nur die zwei Apfelklauer rausgeschmissen, sondern auch die Tiere. (…) Weshalb sie sauer waren und den Kopf hängen ließen. Nur die Katz hat immer geguckt und geguckt und sich den Weg gemerkt. (…) Deshalb sind Katzen die einzigen, die wissen, wie man ins Paradies kommt.(…) Und jede Katze weiß, warum ihr Menschen den Weg zurück ins Paradies nicht findet. Weil, als der Engel euch die Tür vor der Nas zugehauen hat, ihr euch den Weg nicht gemerkt habt. Darum lauft ihr dauernd in die falsche Richtung. (…) Weil ihr blöd seid.“ (Seite 178)

Das Tier, das der überraschten Autorin aus dem Altpapiercontainer entgegenspringt, ist nach eigenem Bekunden eine Musekatze allererster Güte. Und weil Musekatzen nicht mit dem Künstler, den sie inspiriert haben, in den Olymp dürfen, hat der Dichter, mit dem sie zusammengelebt hat, sie kurz vor seinem Tod in eines seiner Bücher einziehen lassen. Dort sei sie gut aufgehoben, hat er gemeint. Doch seine Nachfahren haben seine Bücher weggeworfen, und damit sie nicht mit dem Altpapier geschreddert wird, ist die Katze schnell aus dem Buch zurück in die Realität gesprungen.

Die Autorin hat Mitleid mit dem heimatlosen Tier, nimmt es mit nach Hause und will ihm neue Geschichten schreiben, in denen es wohnen kann. Die Katze ist skeptisch: „Kriegst du sowas hin?“ Aber sie kann nicht wählerisch sein. Und mit ihr als Muse wird das schon klappen.

Die Autorin legt los. Eine der 20 Erzählungen wird der kritischen Musekatze doch aber auch genehm sein! Die Katzen in den Geschichten sind ihr jedenfalls recht ähnlich: ungebunden, selbstbestimmt, skeptisch, von einer unverblümten Ehrlichkeit und bisweilen recht grantig. Respekt haben sie vor nichts und niemandem, weder vor hohen Herren, noch vor dem Papst, ja nicht einmal vorm lieben Gott. Die meisten Katzen scheinen atheistisch eingestellt zu sein. Und was die Menschen treiben, beindruckt sie wenig.

  • DER BEWEIS: Kater Hubble versteht nicht, warum sein Mensch, ein Forscher, so ausflippt, nur weil er herausgefunden haben will, was die Welt zusammenhält. Das weiß der Kater schon lange!
  • SCHIRM UND SCHILD: Die Katzengeschwister Herr und Frau Ebner sollen die Maus im Kartoffelkeller fangen. Doch sie haben Besseres vor. Frau Ebner, zum Beispiel, hat ein Date mit dem Nachbarskater Ottl, der eigentlich Othello heißt. – Zum Piepen!
  • DIE STERNENKATZE: Warum gibt’s eigentlich kein offizielles Sternbild der Katze? In der Silvesternacht begegnet Madame Heloise einem Zeitreisenden, der diese Frage beantworten kann. Und weil ich den dezenten Hinweis auf einen Kostümball überlesen hatte, habe ich mich 13 Seiten lang gefragt, warum Madame Hasenohren hat.
  • NÄCHTLICHER BESUCH: Eine alte Dame muss ins Seniorenheim ziehen, in dem Haustiere nicht erlaubt sind. Wenn sie nur davon träumt, dass ihre Katze sie nachts besucht, woher kommen dann die Katzenhaare auf ihrer Bettdecke?
  • DIE GÖTTLICHE KATZE spricht im Museum plötzlich zu einem Skeptiker, der sich gerne über seine spirituell veranlagte Freundin lustig macht – und jagt ihm Todesangst ein.
  • ES GIBT EINE ZEIT …: Ein Mann trauert um seine Katze und lässt sich deswegen Psychopharmaka verschreiben. Ist das der richtige Weg?
  • KETZER UND KATZE: Nach seinem Tod erinnert sich ein wegen Ketzerei hingerichteter Geistlicher an eine Begegnung mit einer Hure und ihrer Katze – die eine so frei, kritisch und unabhängig wie die andere. Waren das überhaupt zwei verschiedene Wesen?
  • DIE FRIEDHOFSKATZE kann unmöglich die sein, die der Mittfünfziger schon als Kind am Grab seiner Großeltern gefüttert hat! Sie behauptet es aber – und hat darüber hinaus noch ein paar unbequeme Wahrheiten für den Mann parat.
  • DIE PAPSTKATZE ist das einzige Lebewesen, mit dem der Heilige Vater ungestraft schmusen darf. Und sie sagt ihm ohne Umschweife, was sie denkt. Das verändert den Mann, sehr zum Ärger seines Umfelds.
  • LUTHERS KÄTHCHEN ist die Katze, die Katharina von Bora aus dem Kloster mitgebracht hat. Und sie ist mindestens so freiheitsliebend, willensstark und zielstrebig wie ihr Frauchen. Den wortgewaltigen Reformator Martin Luther wickeln die beiden spielend um den Finger.
  • AUF DEM REGENBOGEN sitzt der verstorbene Kater des Schriftstellers Frido Knab-Eckermann und unterhält sich mit Gott. Das geschieht nur in Fridos Träumen, doch als Atheist verbittet er sich das. Vielleicht gelingt es ihm ja, im nächsten Traum Gott davon zu überzeugen, dass er gar nicht existiert? Wenn nur der Kater nicht dauernd dazwischenfunken würde …!
  • WO GEHT’S ZUM PARADIES? Das will Priester Moritz von seiner Katze Muzz wissen. Die behauptet nämlich, dort ein und aus zu gehen. Die Gespräche der beiden sind herrlich! Hätten Sie gewusst, dass Engel zu den Tieren zählen, weil sie Flügel haben? Dass sie von Flöhen geplagt werden, war mir ebenfalls neu. Die sitzen in den Federn, sagt Muzz. Und warum wir den Weg ins Paradies nicht finden, sagt sie uns auch.
  • ZWEI ALTE DAMEN, EINE ZIMTKATZE: Während eine der beiden betagten Freundinnen von ihrem handelsüblichen Hauskater erzählt, bekommt die andere Besuch von einer magischen Katze vom Zimtstern. Die steht auf Senf und Gewürzgurken.
  • FRITZ UND JOCKEL sind die Kater von Friedrich Schiller bzw. Johann Wolfgang von Goethe – und getreue tierische Abbilder ihrer Herren. Natürlich sollen auch sie auf dem Denkmal der beiden Dichterfürsten verewigt werden. Nur wie genau, darüber gibt’s jede Menge Zoff.
  • EINE KLEINE ABENDMUSIK: Was hat der Maler Tonio zu einem Bild inspiriert, auf dem ein winziger Cellist vor einer riesigen Katze musiziert? Die Geschichte, die er der Autorin erzählt, ist ziemlich … phantastisch.
  • PFOTENSPIEL: Der Journalist Eberhard Kaesdorf will einen Artikel über den Philosophen Michel Eyquem de Montaigne schreiben und trifft bei seinen Recherchen auf den Geist von dessen Katze. Was sie erzählt, kann er unmöglich schreiben.
  • DIE GESCHENKE DER HEILIGENDREIKÖNIGE – meine Lieblingsgeschichte in dem Buch, der absolute Oberbrüller: Ein phantasiebegabtes Kind malt für seine Oma ein Bild von den Heiligen drei Königen. Seine Mutter, so eine hundertfuffzigprozentige Superpädagogin, will, dass auf dem Bild alles so ist wie in der Bibel beschrieben. Doch das Kind hat eigene Ideen. Warum bringt nicht jeder König dem kleinen Jesus eine Katze zum Spielen und Schmusen mit, statt sich z.B. mit schwerem Gold abzuschleppen, mit dem ein Baby sowieso nichts anfangen kann? Den duftenden Weihrauch hält das Kind für eine Art Klospray. Und was, zum Geier, ist eigenlich „Mürre“?
  • DAS KLEINE UND DAS GROSSE UNIVERSUM: Der erste Mann im All könnte Weltruhm erlangen. Aber es kommt ihm etwas Wichtiges dazwischen: Sein Kater ist krank.
  • SCHATTENSPIEL: Daniel hat nur Pech mit den Frauen: Sportskanone Kristin hat ihn genauso genervt wie Medienjunkie Chantal und die Rätselfanatikerin Beatrice. Seine neueste Flamme ist da ganz anders. Aber, bei aller Liebe, irgendwas stimmt nicht mit ihr …
  • DAS GLÜCK IST EINE KATZE behauptet der exzentrische Mann, der kleine blaue Glaskatzen an Passanten verschenkt. Schriftstellerin Konstanze Nägele will wissen, was dahintersteckt.
  • NEIN, NICHT ALLE! – Ein Autorenpaar schreibt Geschichten über die Familienkatze Schlumpel. Doch wenn die Inspiration beim einen ist, fehlt sie dem anderen. Es beginnt ein Gezerre um die vierbeinige Muse fast wie beim kaukasischen Kreidekreis.

Köstliche Dialoge, exquisite Bosheiten und phantasievolle Szenarien: Hier hat die „Musekatze“ vom Anfang des Buchs eine große Auswahl an Geschichten, in denen sie wohnen kann. Sie kann sogar öfter mal umziehen, wenn ihr der Sinn nach Abwechslung steht. Ob komisch, phantastisch, mystisch, historisch, künstlerisch oder (religions-)kritisch – es ist alles vertreten. Mir waren die Erzählungen mit den witzigen Dialogen am liebsten. Ich liebe diesen knochentrockenen Humor!

Die Autorin hat ihren menschlichen und tierischen Helden sehr genau zugehört. Es ist so manche umgangssprachliche Wendung zu finden, die insbesondere LeserInnen aus Baden-Württemberg vertraut vorkommen wird. Da kann die Geschichte noch so surreal sein: Die Götter, Geister und Gelehrten reden (schwätzen) wie im richtigen Leben. Und das hat einen besonderen Charme.

Wiewohl mir der Name der Autorin ein Begriff war, hatte ich bislang noch nichts von ihr gelesen. Ich wusste also nicht, welche Art von Geschichten mich in diesem Buch erwarten würden. Die klugen und humorvollen Erzählungen, die ich hier vorgefunden habe, kann ich guten Gewissens weiterempfehlen.

Die Autorin
Eva Berberich, geboren in Karlsruhe, lebt mit Katze und Ehemann, dem Schriftsteller Armin Ayren, im Schwarzwald. Mit ihren Büchern schrieb sie sich in die Herzen unzähliger Katzenfreunde.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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