Die verschwundenen Weihnachtskugeln

Es war eine Herzensangelegenheit meiner Gattin, zu Beginn der Adventszeit aus unserem Garten ein glitzerndes Kleinod zu machen, bei dem die meisten der zuvor liebevoll gepflanzten Sträucher und Bäumchen unfreiwillig zur Teilnahme verpflichtet waren. Wo man hinschaute, begegnete man hübschen Weihnachtsfiguren, die mit ihrer freundlichen Ausstrahlung so manchen Spaziergänger am Rande unseres Gartens zum Anhalten veranlassten.

Es war aber eine kleine Tanne in der Mitte all dieser vorweihnachtlichen Pracht, die ganz besonders in Erscheinung trat. Nicht nur der goldglänzende Stern auf den Spitzen ihrer wohlgeformten Äste war es, der diesen Baum so sehenswert machte, nein, vielmehr zogen die buntschimmernden Weihnachtskugeln, die eine besonders romantische Weihnachtsstimmung erzeugten, die Blicke der vorbei schlendernden Menschen auf sich.

Ich wusste von der Wirkung auf ihre Umgebung und achtete darauf, dass die Kugeln auch nach kräftigeren Windböen immer schön an ihrem Platz blieben. Das war auch der Grund dafür, dass ich mir völlig sicher war, dass exakt zehn dieser herrlich verzierten Kunstwerke an dem Baum befestigt waren.

Plötzlich fehlt eine Kugel am Baum


Und eines Tages waren es nur noch Neun. Nun bin ich zwar kein allzu pedantischer Mensch, aber irgendwie ist mir nach dem Verschwinden der Kugel am Gesamtbild des schmucken Weihnachtsbaumes sofort eine Veränderung aufgefallen. Mir kam das jedenfalls sehr merkwürdig vor. Na ja, man kann sich schon mal täuschen. Vielleicht hatte ich mich ja doch verzählt? Aber gut, über eine beginnende Demenz wollte ich nicht weiter nachdenken, und dass jemand Weihnachtskugeln klauen könnte, das schien mir jetzt doch ziemlich unwahrscheinlich zu sein.

Aber am nächsten Tag fehlte schon wieder eine Kugel. Nachdem meine Gattin jede Beschuldigung, die Verursacherin für den Kugelschwund zu sein, empört von sich wies, begann ich mir ernsthaft Gedanken um meinen Geisteszustand zu machen. Wir zählten die verbleibenden Kugeln gemeinsam nach und wollten den Weihnachtsbaum ab sofort unter verschärfte Beobachtung stellen.

Klaut Nachbars Katze Weihnachtsschmuck?


Aber wer immer die Kugeln stibitzte, er war schlauer als wir gedacht hatten. Schon einen Tag später, hatten wir einen weiteren Verlust zu beklagen. Nur diesmal sollten wir der Angelegenheit auf die Spur kommen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es hatte in der Nacht zuvor geschneit und die Spuren am Fuße des Weihnachtsbaumes schienen eine deutliche Sprache zu sprechen. Das waren Katzenspuren. Nachbars Katze. So irre dieser Gedanke auch zu sein schien, die Spurenlage war eindeutig. Aber je mehr wir uns mit dieser Möglichkeit befassten, umso mehr drängten sich Zweifel auf. Waren das wirklich die Spuren einer Katze? Meine Gattin schaute mir tief in die Augen, und dann hatten wir fast gleichzeitig die Erleuchtung. Unser Blick wanderte fast synchron zu dem stattlichen Thuja-Baum in Nachbars Garten, der sich unmittelbar hinter dem kleinen Mäuerchen am Rande der Gartengrenze erhob.

Der Baum hatte einen immergrünen Laubbewuchs, und folglich waren mögliche Bewohner im dunklen aber auch schützenden Geäst nicht so ohne Weiteres auszumachen.

Aber an jenem späten Nachmittag kamen uns ein paar Sonnenstrahlen zu Hilfe, die in diesen düsteren Tagen gar nicht mehr so selbstverständlich waren. Einige wenige davon durchdrangen das dichte Geäst, und wir konnten in etwa fünf Metern Höhe mehrere seltsame Lichtspiegelungen im Inneren des prächtigen Baumes erkennen.

Dem Täter auf der Spur


Als wir uns die Ursache dieser ungewöhnlichen Lichterscheinung näher ansahen, wollten wir einfach nicht glauben, was wir zu sehen bekamen. Aber es war keine Halluzination. Zuerst konnten wir nur das Nest in einer Astgabelung erkennen. Bei näherem Hinsehen war aber klar, dass die Christbaumkugeln lediglich den Baum gewechselt hatten. Sie lagen fein säuberlich inmitten einer ordentlich errichteten Ästesammlung, aus der uns zwei munter herab blickende Augen beobachteten. Es gab keinen Zweifel mehr. Der Dieb war ein Eichhörnchen. Es hatte sich seinen Nestbau, auch Kobel genannt, weihnachtlich eingerichtet und offenbar beschlossen, dass die schmucken Baumverzierungen zu viel mehr taugten, als eine Etage tiefer ein Tannenbäumchen zu schmücken. Als meine Frau und ich die Überraschung verdaut hatten, freuten wir uns mit dem kleinen Kerlchen und wir weinten dem Verlust unserer Weihnachtskugeln keine weiteren Tränen nach.

 

Abbildung: (c) Gerhard P. Steil




Autor: Gerhard P. Steil

gerhardsteil@t-online.de


Fotograf/Künstler: © Gerhard P. Steil / privat

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2017/12/21/die-verschwundenen-weihnachtskugeln/

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.