Der Weihnachtsgewinn

„Bin gleich wieder da Schatz, ich hol nur schnell die Fernsehzeitung und wünsche den Lehmanns schöne Feiertage“. Ich winkte meinem Mann in der Küche zu, der schon den Lachs für heute Abend zubereitete. Ich schnappte mir meinen Mantel und die Hundeleine und schnalzte unserer Mischlingshündin Lara zu. Sie lief schwanzwedelnd vor mir ins Treppenhaus und wir verließen gemeinsam das Haus.

Ich liebte diese Stimmung. Es war Heiliger Abend, früher Nachmittag und es war alles erledigt. Wohnung geputzt, der Baum geschmückt. Mein Mann und ich würden mit Lara einen gemütlichen Weihnachtsabend und ruhige Feiertage verbringen. Vielleicht ein paar Freunde treffen, aber sonst hatten wir Urlaub und nichts vor bis Silvester.

Es hatte etwas geschneit und es lag ein wunderbarer Zauber in der Luft.

Nur noch schnell die Zeitung holen


Ich wollte noch schnell in das kleine Schreibwarengeschäft gehen und ein wenig mit dem alten Ehepaar Lehmann plaudern. Die beiden standen seit Jahrzenten in ihrem kleinen Laden und waren mittlerweile Treffpunkt für jung und alt in unserem Viertel. Eigentlich eine Rarität heutzutage.

Ich befahl Lara schön brav draußen zu warten und drückte die kleine Ladentüre auf. Mich umfing gleich der bekannte Geruch nach Papier, Süßigkeiten und Zimtaroma.

„Grüße sie Frau Beck, schön dass sie noch vorbei kommen.“ freute sich Frau Lehmann und strahlte mich an. Sie war eine kleine rundliche Frau mit grauen Haaren, Brille und einem herzlichen Lächeln im faltigen Gesicht. Ihr Mann saß hinter der Theke auf einen Stuhl. Hr. Lehmann war dünn, groß und sein krummer Rücken machte ihm ständig zu schaffen und er wurde immer mehr dement. Eine große Hilfe war er seiner Frau schon lange nicht mehr und er sprach auch kaum mehr ein Wort. Es war einfach nur traurig.

Zwei alte Menschen die schon längst im Ruhestand sein sollten, es sich aber nicht leisten konnten obwohl sie mehr als vierzig Jahre geschuftet hatten, ging mir durch den Kopf. Mein Mann und ich, alle in der Umgebung wussten, dass die beiden von ihrer kleinen Rente nicht leben konnten und deshalb das Geschäft nicht aufgaben. Ich hatte die beiden schon lange in mein Herz geschlossen.

Glück im Spiel an Weihnachten?


Ich lächelte zurück: „Ich wünsche ihnen beiden wunderbare Weihnachten und hoffentlich geruhsame Feiertage“ sagte ich fröhlich. Frau Lehmann drückte mir schon meine Fernsehzeitung in die Hand. „Das wünschen wir ihnen auch und genießen sie ihre Feiertage, gell Klaus?“ rief die alte Dame ihrem Mann zu. Der nickte und winkte zu mir rüber. Ich zahlte meine Zeitung und da sah ich eine kleine Lostrommel auf dem Tresen stehen. Ein paar Lose waren noch drin. „Ich nehm mir noch eins, vielleicht ist ja noch eine Weihnachtsüberraschung drin.“ Ich zog ein Los raus.“Ich mache es heute unter dem Christbaum auf, dann hab ich noch ein Geschenk auf was ich mich freuen kann“. Ich wollte zahlen, aber Frau Lehmann legte ihre kleine Hand auf meine. „Das ist mein Geschenk für ihre Treue alle die Jahre und viel Glück“. Sie freute sich so, dass ich dankend annahm. Wir umarmten uns noch und ich verließ mit vielen Winken den kleinen Laden.

Schnell liefen Lara und ich nach Hause und dann wurde es doch noch etwas hektisch mit Kochen, Umziehen und Kerzen anzünden. Nach einem wunderbaren Mahl setzten wir uns zum Christbaum und bescherten uns. Ralf und ich schenkten uns nur Kleinigkeiten und Lara bekam einen herrlichen Beißknochen. Plötzlich fiel mir das Los ein. Ich lief in die Garderobe und zog es aus der Manteltasche.

Eine besondere Überraschung zum Fest


Das hat mir Frau Lehmann heute geschenkt. Sie sah so glücklich aus, dass ich nicht nein sagen konnte.“ erzählte ich Ralf. „Dann mach es auf, deine Niete“ lachte er. Ich riss es auf und starrte auf den Beleg.
Ich hatte 5.000 Euro gewonnen. „Das gibt es doch nicht“, sagte ich völlig baff. Mir wurde heiß und kalt und ich fühlte mich plötzlich furchtbar. Ralf und ich waren gesegnet. Wir hatten beide unsere Berufe, immer gespart, eigene Wohnung, was auf der hohen Kante und geerbt. Es ging uns mehr als gut.

„Jetzt hast du ein schlechtes Gewissen weil gerade du so viel Geld gewonnen hast und nicht irgendein armes Geschöpf, stimmt‘s mein Schatz?“ Mein Mann verstand mich natürlich sofort.
„Ja und ich werde den Gewinn auch nicht behalten. Ich weiß auch schon wem ich es gebe“ sagte ich bestimmt. „Dann lass uns doch noch einen kleinen Spaziergang machen?“ grinste mein Mann und ich gab ihm einen dicken Kuss. Wir waren halt doch vom selben Stern.

Zusammen mit Lara stapften wir durch die stille Winternacht und liefen direkt zum kleinen Schreibladen der Lehmanns. Dahinter wohnte das alte Ehepaar in einer kleinen Einliegerwohnung. Es brannte Licht. Ich nahm das goldene Kuvert, in welchem das Glückslos lag und legte es auf die Fußmatte und klingelte. Wir rannten Hand in Hand nach Hause, Lara tollte vor uns her und wir freuten uns wie kleine Kinder.

Wir wussten natürlich, dass die Lehmanns das Geschenk bestimmt nicht annehmen würden.

Das große Los gezogen


Wir waren vorbereitet. Am nächsten Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages klingelte es bei uns und ich sah im Spion die beiden alten Leute stehen. Ich öffnete und musste einfach lachen. „Bitte kommen sie rein, wir haben sie schon erwartet“ überfiel ich die beiden und ich führte sie ins Wohnzimmer zum gedeckten Tisch. Mein Mann begrüßte sie herzlich und wir setzten uns alle an den Esstisch.
Frau Lehmann hielt zitternd das Glücklos in der Hand.

„Bitte lassen sie mich was sagen“ fing ich gleich an, mein Herz klopfte aufgeregt.“ Sie kommen um das Los zurück zu geben. Sie werden sagen, dass es mein Gewinn ist und es ist ihnen unangenehm und peinlich, aber lassen sie mich ausreden. Wir haben sofort entschieden, dass niemand anderer als sie beide den Gewinn verdient haben, auch wenn Sie mir das Los nicht geschenkt hätten, hätte ich mich so entschieden. Wir wissen, dass sie noch nie im Urlaub waren, krank im Laden stehen, täglich Schmerzen haben und auf vieles verzichten. Sie beide haben all die Jahre so viel entbehrt und waren trotzdem tagtäglich freundlich, hilfsbereit und großzügig zu uns allen und es ist uns ein Herzenswunsch ihnen das Los zu überreichen. Bitte nehmen sie es an, machen sie uns bitte die Freude. Es ist doch Weihnachten“.

Frau Lehmann stand auf und kam zu mir. „ Du gutes Kind“, sagte die alte Dame und streichelte mir die Wange. „Was sollen wir sagen, uns fehlen die Worte. Wir können nur danke sagen und werden dieses mehr als großzügige Weihnachtsgeschenk sinnvoll einsetzen, nicht war Klaus? Wir kaufen dir als erstes einen bequemen Fernsehsessel“. Hr. Lehmann nickte eifrig, er hatte sicher nicht alles verstanden aber ihm liefen die Tränen über die eingefallenen Wangen und er sagte plötzlich leise „Danke“.
Ich lief zu ihm und drückte ihn ganz fest an mich.

Wir verbrachten einen wunderbaren Feiertag mit den beiden und ich fühlte eine unendliche Freude in mir, denn jemanden etwas schenken ist das größte Glück besonders zur Weihnachtszeit.

Ich hatte wirklich das große Los gezogen.

 

Foto: (c) RainerSturm / pixelio.de




Autor: Barbara Pronnet

barbarapronnet@web.de


Fotograf/Künstler: © RainerSturm / www.pixelio.de

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