Ulrike Renk: Die Jahre der Schwalben

Ulrike Renk: Die Jahre der Schwalben, Berlin 2017, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3351-0, Softcover, 550 Seiten, Format: 13,4 x 4,5 x 20,5, Buch: EUR 12,99, Kindle Edition: EUR 9,99.

 

Abbildung: (c) Aufbau-Verlag

Nur, damit hier niemand wilde Action und unglaubliche Verwicklungen erwartet und sich hinterher bei der Autorin beschwert, dass manche Romanfiguren so handeln, wie sie handeln: DAS JAHR DER SCHWALBEN basiert auf der wechselvollen Lebensgeschichte einer realen Person. Die Heldin, Frederike zu Stieglitz, geb. zu Weidenfels, Jahrgang 1909, und ihre Angehörigen haben Vorbilder im wahren Leben. Also erwartet uns hier die romanhafte Aufbereitung der Realität in ihrer ganzen Bandbreite – so schön und so schrecklich, wie sie nur sein kann.

Es wäre gut, wenn man Band 1, DAS LIED DER STÖRCHE, vorher gelesen hätte, auch wenn alle zum Verständnis notwendigen Informationen im vorliegenden Band geliefert werden. Als Quereinsteiger merkt man eben doch, dass da eine Vorgeschichte war, die man gerne genauer kennen würde.

Plötzlich Gutsherrin und total überfordert


Ostpreußen in den 1930-Jahren: Seit 9 Monaten ist Frederike „Freddy“ mit dem deutlich älteren Alexander „Ax“ zu Stieglitz verheiratet. Die Verbindung kam auf Drängen ihrer Mutter zustande, und weil Freddy schon als Kind für Ax geschwärmt hat, hat sie ganz gern „ja“ gesagt. Doch jetzt ist ihr klar, dass sie an einen todkranken Mann verschachert worden ist. Ax hat offene Tuberkulose. Die Ehe wurde nie vollzogen, ihr Mann kam praktisch gleich nach der Trauung in ein Sanatorium in Davos.

Die blutjunge Freddy, die zwar auf der Gartenbauschule war und einen Haushalt führen kann, aber keine Ahnung hat, wie man so ein großes Gut leitet, ist plötzlich Herrin des riesigen Gutshofs Sobotka. Sie ist total überfordert und vollkommen auf sich selbst gestellt. Das Personal nimmt sie nicht ernst, der Verwalter verfolgt eigene Interessen und Ax ist hauptsächlich mit seinem Befinden beschäftigt. Für die Probleme des Guts und die seiner jungen Frau hat er keinen Kopf.

Freddy weiß, wer ihr das eingebrockt hat: Ihre Mutter Stefanie von Fennhusen. Die wusste genau, wie krank Ax war und dass er Freddy eventuell anstecken könnte. Es war ihr egal. Freddy ist nur die Tochter aus erster Ehe, deren bisschen Erbe Stefanie schlecht angelegt hat. Und eine mittellose Tochter kann man gar nicht schnell genug an den erstbesten Bewerber loswerden, vor allem, wenn man noch sechs Kinder aus zwei weiteren Ehen hat.

Stefanie ist sehr ungehalten und fühlt sich belästigt, als Freddy auf dem (stief-)elterlichen Gut auftaucht und ihren Stiefvater Erik um fachkundige Unterstützung bittet. Wie kann ihre Tochter nur auf die abwegige Idee kommen, von ihrer Herkunftsfamilie einen Rat zu erwarten? Sie ist aus dem Haus, und ihr Leben ist jetzt ihr Problem. Basta.

Zum Glück macht Erik keinen Unterschied zwischen leiblichen und angeheirateten Kindern. Er sieht die Sobotka-Bücher durch, hilft Freddy mit seinem Know-how auf die Sprünge und beschafft ihr einen fähigen Verwalter. Warum dieser kompetente Mann so schnell verfügbar ist, wird schnell klar: Seine Frau Ruth stammt aus einer jüdischen Familie. Und das macht ihn und seine Familie zu Ausgestoßenen. Freddy und ihr Stiefvater nehmen das alles noch nicht so ernst.

Die einzige verheiratete Jungfrau der Welt


Auch wenn sie das Gut wieder zum Laufen bringt: Freddy hadert mit ihrem Schicksal. Sie ist Anfang 20 und „die einzige verheiratete Jungfrau der Welt“. Immer wieder verschiebt sich Ax‘ Rückkehr und die junge Gutsherrin ist furchtbar einsam. Irgendwann ist ihr alles egal. Sie will nicht ihr Leben lang allein bleiben und lässt sich auf ein Verhältnis mit Rudolph von Hauptberge ein, den sie noch von Gut Fennhusen her kennt. Rudolph drängt sie zur Scheidung, aber Freddy scheut den Skandal.

1932 ist es endlich soweit: Ax kehrt als geheilt auf sein Gut zurück. Doch Frederike und er sind einander fremd geworden. Über zwei Jahre lang ist sie bis an ihre Grenzen gegangen, um das Gut halten zu können, und jetzt macht er ihr Vorwürfe, weil sie in seiner Abwesenheit Änderungen vorgenommen hat.

Als Freddie sich mit TBC ansteckt, wird ihr bewusst, dass man sie erneut benutzt und hereingelegt hat. Von einer Heilung kann bei ihrem Mann keine Rede sein. Er wollte nur nach Hause. Und er wollte einen Erben. Und dabei hat er Frederikes Leben aufs Spiel gesetzt.

Ist eine neue Ehe die Lösung?


Sie übersteht die Krankheit, er stirbt. Frederike steht nun ohne Ehemann und auch ohne ihren Verwalter da. Wenn sie Gebhard zu Mansfeld heiraten würde, den Schwager ihrer Freundin Thea, wäre sie die Verantwortung für das Gut los. Das Gut selber allerdings auch. Das ginge, gegen eine eher symbolische Ausgleichszahlung, an Ax‘ Cousin. Eine magere Entschädigung dafür, dass sie sich dort jahrelang abgerackert hat.

Gebhard ist Gutsherr in der Prignitz. Er bewirtschaftet nicht nur seinen Hof, sondern auch den seines Bruders Caspar, der im diplomatischen Dienst ist und mit Landwirtschaft gar nichts am Hut hat. Gebhard ist sympathisch, bodenständig und humorvoll und er ist an Frederike interessiert. Für sie ist es nicht die große Leidenschaft wie damals mit Rudolph, aber sie verstehen einander gut und liegen auf der gleichen Wellenlänge.

Für Propaganda zu gut informiert


1935 heiraten Freddy und Gebhard. Sie wird Gutsherrin auf Mansfeld Burghof. Und, wie nicht anders zu erwarten, ist ihre Mutter gegen diese zweite Ehe. Wie kann Freddy nur das große Gut Sobotka aufgeben? Und wie kann sie einen Mann heiraten, dessen Familie so offenkundig gegen Hitlers Politik ist? Stefanie kann den Ideen von einem starken Deutschland und „heim ins Reich“ einiges abgewinnen. Ihr Mann Erik nicht. Und die zu Mansfelds wissen dank ihrer Kontakte ins Ausland zu viel, um blind irgendwelche Propaganda zu glauben.

Jetzt ist das ohnehin schon komplizierte Familienverhältnis auch noch durch unterschiedliche politische Ansichten belastet! Wenn die Linientreuen im Umfeld der zu Mansfelds erst wüssten, worin Gebhards Bruder Caspar verwickelt ist …!

Zwar hören Freddy und ihre Familie den „feindlichen“ Radiosender BBC nur heimlich im Kartoffelkeller, aber sonst macht insbesondere Gebhard kein Hehl aus einer politischen Einstellung. Und dabei muss man in diesen Zeiten doch so vorsichtig sein, was man sagt – sogar im eigenen Haus!

Es ist manchmal schwer auszuhalten, die Ereignisse zu verfolgen, eben weil man rückblickend weiß, wie sich die Lage entwickeln wird … dass die Skeptiker recht behalten werden und nicht die Optimisten. Dazu muss man kein Historiker sein, da genügt die gewöhnliche Allgemeinbildung.

Die Welt brennt, das Leben geht weiter


Ich finde ja, dass ein gut erzählter historischer Roman immer auch „Geschichte für Geschichtsmuffel“ ist. Anhand persönlicher Schicksale werden dem Leser historische Ereignisse bildhaft vor Augen geführt. Ich hab’s auch nicht so mit Jahreszahlen und der korrekten Abfolge von historischen Ereignissen. Schulwissen, mehr nicht. Aber wie das alles kam und was Kriege, Krisen und dramatische Veränderungen für die Menschen bedeutet haben, das interessiert mich. Die Herrschenden zünden die Welt an, und die Bevölkerung versucht inmitten dieses Schlamassels irgendwie zu überleben. Dei Leute bestellen die Felder, versorgen das Vieh, verlieben sich, heiraten, kriegen Kinder, trennen sich … Das Leben geht selbst unter widrigsten Bedingungen weiter. Meistens.

Erzählte Geschichte — erschreckend aktuell


Hätte man mich auf der Straße nach dem Begriff „September-Verschwörung“ befragt, wäre ich ganz schön in Verlegenheit geraten. Aber nachdem ich das reale Vorbild für den Gesandten von Smirnoff identifiziert hatte, wurde mir klar, dass ich dessen Geschichte kenne … von seinem Sohn. Warum ich mich diesem begnadeten Geschichtenerzähler und dessen Familie stets verbunden gefühlt habe, steht sogar im Buch. (Manche werden das Zitat kennen. Ich habe laut gelacht.) Was ich damit sagen will: Erzählte Geschichte wirkt. Es bleibt Wissen hängen. Auch wenn man die Ansichten mancher Romanfiguren nicht teilt und einige Aktionen nicht gutheißen kann, versteht man doch, was diese Menschen umgetrieben hat und warum sie so dachten und handelten. Und manches kommt einem erschreckend aktuell und bekannt vor.

„Lernen die Menschen eigentlich etwas aus den Fehlern der Vergangenheit?“, hat sich mein Vater immer gefragt. Aus ihren eigenen Fehlern? Vielleicht. Aus denen voriger Generationen? Kaum, fürchte ich. Da bin ich so skeptisch wie Freddys Schwager Werner. Lohnt sich das Lesen dieses Buchs? In dem Punkt bin ich frei von jeglicher Skepsis und sage: auf jeden Fall!

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Romane „Die Seidenmagd“, „Die Heilerin“, „Die Frau des Seidenwebers“ und „Das Lied der Störche“, die Australien-Saga „Die Australierin“, „Die australischen Schwestern“ und „Das Versprechen der australischen Schwestern“ sowie die Ostreußen-Saga „Das Lied der Störche“ und „Die Jahres der Schwalben“ vor. Außerdem erschienen ihre Eifel-Thriller „Echo des Todes“ und „Lohn des Todes“. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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