Hermien Stellmacher, Joachim Schultz: Wie wir Katzen die Welt sehen

Hermien Stellmacher, Joachim Schultz: Wie wir Katzen die Welt sehen: Ein Ratgeber für meine liebsten Zweibeiner, Berlin 2017, Insel Verlag, ISBN 978-3-458-36305-7, Hardcover, 126 Seiten mit farbigen Illustrationen der Autorin, Format: 12,8 x 1,2 x 19,4 cm, EUR 12,-.

 

Abbildung: (c) Insel Verlag

Von diesem Buch habe ich an höchst ungewöhnlicher Stelle zum ersten Mal gelesen: In Hermien Stellmachers Roman KATZENGLÜCK UND DOLCE VITA arbeitet die Protagonistin, die Graphikerin Karla Becker, daran. Es ist ihr Herzensprojekt. Man sieht ein paar ihrer Skizzen und ihre Arbeiten sind so bildhaft beschrieben, dass ich damals dachte, wenn der Verlag schlau ist, bringt er Karlas Katzen-ABC tatsächlich heraus. Und wirklich: Genau das war der Plan!

Ein Buch mit ungewöhnlicher Geschichte


Halb erwartet man, Karla Becker als Autorin und Illustratorin auf dem Cover genannt zu sehen, aber in der Realität ist das Buch von Hermien Stellmacher und Joachim Schultz, einem Autorenpaar mit einer tollen Beobachtungsgabe, viel Humor und 25 Jahren Katzenerfahrung. In diesem Buch lassen sie einen Kater zu Wort kommen, der gründlich mit dem „Mäusemist“ aufräumt, der in herkömmlichen Ratgebern steht und dem zweibeinigen Personal alles über den richtigen Umgang mit Katzen beibringen soll. Das sind aus seiner Sicht Märchenbücher – Mumpitz, der ins Altpapier gehört. Jetzt erklärt er uns von A bis Z wie Katzen die Welt sehen und was sie wirklich brauchen und wünschen. Damit auch das begriffsstutzigste Katzenpersonal kapiert, was Sache ist, gibt’s noch zahlreiche, meist farbige Illustrationen von der Autorin dazu.

Mein Lieblingsbild ist dieses hier:

Foto: Edith Nebel / (c) Insel-Verlag

Da erfahren wir, warum Katzen Regen hassen. „In ungünstigen Fällen wird man abgetrocknet oder gar geföhnt. Danach sieht man aus, als wäre man vom >>> Traumsauger überfahren worden.“ (Seite 89)

Aberglauben weist der Kater als Unfug von sich. Damit würden sich Katzen niemals abgeben. Sie wissen nämlich, dass echte Katerstrophen hauptsächlich von schlecht erzogenem Personal verursacht werden und nicht davon, dass irgendwo eine schwarze Katze unterwegs ist.

Von Aberglauben bis Zweitwohnung


Und wir hatten ja alle keine Ahnung, dass Begriffe wie „Muskelkater“ oder „Kater“ in Zusammenhang mit Alkohol von unseren Haustieren als so diskriminierend empfunden werden! Wir wussten aber auch nicht, dass unsere Katzen uns so genau beobachten und darüber ablästern, wie beschwipste Menschen auf sie wirken. Ja, liebe LeserInnen, unsere Katzen urteilen über uns! 😉 Und sie halten uns schon rein anatomisch für ziemlich unzureichend. Nur um unsere Daumen beneiden sie uns.

Wir erhalten Einblick in das besondere Verhältnis von Katzen zu Altpapier, Schachteln und menschlichen Schnapsideen wie Aufräumen und Putzen. Erstaunlich auch, was Katzen alles zum Bett der Menschen zu erzählen haben. Dass sie einen Weihnachtsbaum als „Deko-Kratzbaum“ betrachten und bezeichnen, erklärt so manches …

Dass Katzen ihr Frühstück gern weit früher einzunehmen wünschen, als ihre Menschen aufstehen möchten, ist bekannt. Dass sie über ausgeklügelte Strategien verfügen, uns in ihrem Sinne umzuerziehen, haben wir immer geahnt. Hier lesen wir es schwarz auf weiß.

Das Personal muss noch viel lernen


Manches ist dem Kater auch ein Rätsel. Warum dient etwas, das CATering heißt, der Verpflegung von Menschen, wo doch die Bezeichnung nahelegt, dass ein CATerer um Delikatessen für Katzen kümmern müsste! Und warum das Personal grundsätzlich das falsche Futter einkauft, versteht er auch nicht. Auch von der Zeit und davon, wie man sie verbringen soll, haben sie eine gänzlich andere Vorstellung als wir.

Wer hätte gedacht, dass Katzen Blockflöten genauso verabscheuen wie Tierärzte, Wasser und den Staubsauger. Letzterer wird im Buch aus guten Gründen „Traumsauger“ genannt.

Zweifellos ist in Sachen Zusammenleben zwischen Mensch und Katz‘ noch Luft nach oben. Für den Fall, dass das eigene Personal schwer erziehbar sein sollte, haben Freigänger immer noch die Chance, sich in der Nachbarschaft eine Zweitwohnung zuzulegen. Stubenhockern, wie der Kater die Hauskatzen despektierlich nennt, ist diese Möglichkeit leider verwehrt. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich bei der Erziehung ihrer Menschen verstärkt ins Zeug zu legen. Und das kriegen sie recht gut hin, wie ich aus eigener Erfahrung versichern kann. In meinem Haushalt haben definitiv Kater Cooniebert & Kollegen das Sagen.

Amüsant auf die Schippe genommen


Heiter und allenfalls minimal überspitzt wird hier der Alltag in einer Menschen-und-Katzen-WG beschreiben. Sämtliche menschenerfahrenen Katzen würden den Ausführungen in diesem Buch höchstwahrscheinlich von A bis Z zustimmen. Katzenerfahrene Menschen tun das auf jeden Fall.

Ein klassischer Ratgeber ist das Buch nicht, auch wenn man die eine oder andere Sachinformation darin findet. Dieses Buchgenre hat der Autorenkater ja eingangs schon als „Mäusemist“ verworfen. Die Textbeiträge in WIE WIR KATZEN DIE WELT SEHEN nehmen auf amüsante Weise das Leben als Katzenhalter auf die Schippe – und die Illustrationen sind ganz entzückend. Das Büchlein ist ein schönes Geschenk für KatzenfreundInnen, die sich selbst nicht so rasend ernst nehmen. Natürlich kann man sich auch selbst damit beschenken … wenn man zum Beispiel wissen möchte, warum Katzen manchmal ihr Trockenfutter im Raum verstreuen. Die Antwort ist verblüffend und, wie das ganze Buch, mit einem Augenzwinkern zu betrachten.

Die Autoren
Hermien Stellmacher, geboren 1959, wuchs in Amsterdam auf. Im Alter von 15 Jahren zog sie nach Deutschland. Sie illustrierte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher. Seit einigen Jahren schreibt sie hauptsächlich für Erwachsene, zum Teil unter dem Pseudonym Fanny Wagner.
Joachim Schultz ist Romanist, Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber, Kleinverleger und Kulturschaffender (Ausstellungen & Veranstaltungen).
Das Autoren-Ehepaar lebt mit zwei Katern in einem kleinen Dorf in der Fränkischen Schweiz.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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