Moritz Riesewieck: Digitale Drecksarbeit: Wie uns Facebook & Co. von dem Bösen erlösen

Moritz Riesewieck: Digitale Drecksarbeit: Wie uns Facebook & Co. von dem Bösen erlösen, München 2017, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26173-9, Klappenbroschur,303 Seiten, Format: 13,7 x 2,7 x 20,8 cm, Buch: EUr 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle Edition: EUR 14,99.

Abbildung: (c) dtv

„Seinen Giftmüll hat der Westen jahrzehntelang in Container verladen und nach Manila verschifft. (…) Mit [dem Internetzeitalter] trat eine neue Form des Giftmülls auf den Plan: menschlicher Giftmüll, bestehend aus unzähligen Bildern menschlicher Schlechtigkeit. Dieser Müll schwamm nicht mehr in den Gewässern Manilas (…), sondern landet nun auf den Desktops der Content Moderators in den Bürotürmen Manilas, die seine Entsorgung diskret erledigen sollen.“ (Seite 226/227)

Haben wir uns nicht alle schon darüber aufgeregt, dass Hasskommentare in den sozialen Netzwerken trotz Beanstandungen nicht gelöscht werden, während alles, was auch nur den Anschein von Nacktheit erweckt – ob Kunstwerk, legendäres Pressefoto oder medizinische Informationen – blitzschnell von Facebook & Co. verschwindet?

Wer sichtet und löscht bei Facebook & Co?


Meine Vermutung war ja immer: Das ist so, weil man zur Beurteilung von strittigem Text Sprachkenntnisse und möglichst noch juristisches Basiswissen braucht, während jeder, der sehen kann, in der Lage ist, unbekleidete Körperteile zu erkennen. Aber wer genau sich all das Zeug, das die User als unangemessen melden, sichten, prüfen und gegebenenfalls löschen muss, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Vielleicht übernimmt das ja ein Computerprogramm.

Der Autor und Regisseur Moritz Riesewieck ist der Frage nachgegangen. Und um es gleich vorneweg zu sagen: Die automatische Bilderkennung ist noch lange nicht so weit! Die „Müllabfuhr“ bei Facebook, Twitter, Instagram, YouTube etc. ist definitiv aus Fleisch und Blut. Irgendwo auf der Welt sitzen also so arme Socken vor einem Bildschirm und ziehen sich den ganzen Tag Gewaltvideos und (Kinder-)P o r n o g r a p h i e rein. Und sie müssen sich jeden Film bis zum bitteren Ende ansehen. Ein flüchtiger Blick genügt nicht. Wenn noch etwas Schlimmeres darin vorkommt, als es zunächst den Anschein hatte, muss man der Sache nachgehen.

Wer sind diese „digitalen Müllwerker“? Warum tun sie das? Werden sie wenigstens anständig bezahlt und erforderlichenfalls psychologisch betreut? Und warum hört man nie etwas über sie? Es sind doch Helden des Alltags, die an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit gehen um uns den Anblick der Schlechtigkeit der Welt zu ersparen – und gleichzeitig den Gewinn der Social-Media-Unternehmen zu mehren. Denn die wollen uns ja nicht mit scheußlichen Bildern schocken, sondern auf ihre Seiten locken, um mit unseren Daten Geld zu verdienen.

Müllwerker am anderen Ende der Welt


Es war für den Autor gar nicht so einfach, mit den so genannten „Content-Moderatoren“ in Kontakt zu kommen … mit den jungen Leuten, die in den Bürotürmen im Zentrum Manilas bei der „Bilder-Polizei“ arbeiten. Die Sweatshops in denen die Arbeiter für einen Hungerlohn T-Shirts nähten, sind längst weitergezogen in Länder, in denen man noch billiger produzieren kann. Jetzt finden gering qualifizierte Menschen auf den Philippinen Arbeit im Non-Voice-Bereich des BPO (Business Process Outsourcing). Um unliebsame Bilder identifizieren und löschen zu können, benötigen sie nicht einmal Englischkenntnisse. Sie bekommen eine Liste mit Kriterien und können loslegen.

„Dank“ Hunderten von Jahren der Kolonisation haben die Menschen auf den Philippinen die westlichen Werte verinnerlicht. Man ist dort zum Beispiel katholisch. Sehr sogar. Ihre kulturelle Prägung macht die philippinischen Männer und Frauen zu idealen Kandidaten, um das Internet nach den Maßstäben ihrer US-amerikanischen oder europäischen Auftraggeber sauber zu halten. Klingt zynisch? Ist es auch.

Der Leser kommt sich vor wie in einem Spionageroman, wenn sich der Autor mit einzelnen Content-Moderatoren zu konspirativen Treffen in irgendwelche obskuren Fastfood-Restaurants verabredet, wo sie dann mehr oder weniger offen aus dem Nähkästchen plaudern. Dabei bleiben sie stets wachsam und misstrauisch. Ihr richtiger Name darf nicht genannt werden, der Name ihres Arbeitgebers erst recht nicht – und auf gar keinen Fall der des ausländischen Kunden, für den sie tätig sind.

Strikte Verschwiegenheit, hohe Strafen


Wenn herauskommt, dass sie über ihre Arbeit reden, sind sie ihren Job los und müssen mit einer saftigen Vertragsstrafe rechnen. Nicht einmal mit Kollegen oder Angehörigen dürfen sie über ihre Tätigkeit sprechen. Die „Gefahr“, dass sie Psychologen ins Vertrauen ziehen, wenn sie nicht mehr können, ist gering. Psychische Probleme haben hier ein ganz schlechtes Image. Therapie, Psychologie, das ist doch nur was für Verrückte, so die vorherrschende Meinung. Und so machen sie das, was sie tagein, tagaus auf dem Bildschirm sehen müssen, ganz mit sich alleine aus.

Und natürlich müssen die Moderatoren eine bestimmte Löschquote erfüllen. Wer zu lange nachdenkt, Fehler macht, zu wenig löscht oder zu oft den Vorgesetzten um Rat fragt, bekommt ein Problem.

Wie halten die Leute den Job aus?


Wie halten die Leute es aus, tagtäglich den Bildermüll der Welt zu sichten, ohne eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln? Nun, das klappt nicht immer. Unter Riesewiecks Interviewpartnern sind ein paar, bei denen ihr Job offenbar Spuren hinterlassen hat. Das lässt schon gewisse Rückschlüsse zu. Manchen Moderatoren hilft jedoch ihr Glaube. Sie betrachten ihre Arbeit als Aufopferung für ihre Mitmenschen. Sie sorgen für die Reinheit des Internet, sie befreien es von Sünden. Das ist für viele sinnstiftend und lässt sie diese Arbeit durchstehen.

„Bei aller Aufregung um Hasskommentare und rechte Hetze auf Facebook, die uns in Deutschland aufregt: In Wahrheit ist unsere Gesellschaft noch viel schlechter. Wir haben es einer Armada von Billiglöhnern am anderen Ende der Welt zu verdanken, dass wir damit nicht konfrontiert werden.“ (Seite 58/59)

Ist das der richtige Weg?


Der Autor fragt sich, ob es richtig ist, wie wir gegenwärtig mir unerwünschten Bilderflut umgehen. Natürlich kann man die Internetuser nicht einfach so wursteln lassen. Wir würden von Horror- und Terror-Bildern überschwemmt werden. Müsste man die Content-Moderatoren nicht besser unterstützen? Muss man die Last vielleicht auf mehr Schultern verteilen, sodass sich jeder nur eine Stunde am Tag den geballten Scheußlichkeiten aussetzen muss? Oder kann man Gewaltdarstellungen vielleicht schon im Vorfeld verhindern? Was finden zum Beispiel die Menschen am Terror? Warum begeistert sie das? Und warum posten sie Bilder von Terrorakten, Enthauptungen und Hinrichtungen?

Die Antwort auf diese Fragen findet der Autor bei der deutsch-amerikanischen Theoretikerin Hannah Arendt, die schon vor rund 70 Jahren erkannt hat: „Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt (…), ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. (…) Das eiserne Band des Terrors, mit dem der totalitäre Herrschaftsapparat die von ihm organisierten Massen in eine entfesselte Bewegung reißt, erscheint so als ein letzter Halt und die ‚eiskalte‘ Logik, mit der totalitäre Gewalthaber ihre Anhänger auf das Ärgste vorbereiten, als das Einzige, worauf wenigstens noch Verlass ist.“ (Seite 259/260) Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben.

Den Menschen Halt geben


Ist es vor diesem Hintergrund sinnvoll, dass wir unsere westliche „Idee des Menschen als beliebig gestaltbarem Einzelgänger in die Welt tragen“? (Seite 264) Ist das auf alle Kulturen übertragbar? Gibt es den Menschen Halt oder verlieren sie ihn dadurch? Die „digitale Müllabfuhr“ löst das Problem von Hass, Gewalt und deren Darstellungen jedenfalls nicht. Sie macht diese Dinge nur unsichtbar.

Was also können wir tun? Moritz Riesewieck plädiert dafür, dass wir selbst die Verantwortung für die digitale Öffentlichkeit übernehmen. Wie er die sozialen Medien von einer Pseudo-Gemeinschaft zu einer wahren globalen Community machen will, beschreibt er im Buch. Es klingt ein bisschen utopisch: „Sorgen wir dafür, dass die gesellschaftlichen Umstände gutes Handeln begünstigen und böses sanktionieren.“ (Seite 292) Aber ein hoch gestecktes Ziel ist besser als gar keines. Die Verantwortung für das Böse outzusourcen – an Gott, das Silicon Valley oder an unterbezahlte „Schutzengel“ in Manila – bringt weder die Lösung noch die Erlösung.

Weil der Autor eingangs davon spricht, dass er mit seiner Künstlergruppe Laokoon schon verschiedene Verschwörungstheorien entwickelt hat (Seite 22), war ich manchmal im Zweifel, ob ich hier wirklich die Ergebnisse einer realen Recherchearbeit vor mir habe, oder ob irgendwann mal einer aus den Kulissen springt und „Ätsch, reingefallen!“ ruft. Je tiefer ich mich in die Materie eingelesen habe, desto mehr habe ich gehofft, dass das alles nur ein Phantasieprodukt ist. Aber ich fürchte, hier ist die Wirklichkeit wirklich schräger und schlimmer als jede Fiktion.

Der Autor
Moritz Riesewieck, geboren 1985, aufgewachsen im Ruhrgebiet, studierte bis 2015 Regie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin. Zuvor studierte er anderthalb Jahre Wirtschaftswissenschaft als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Regiehospitanzen und -assistenzen an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Thalia Theater Hamburg und der Schaubühne Berlin.

Mit der Compagnie Laokoon, einem Zusammenschluss von Künstlern und Wissenschaftlern, die er 2014 gründete, entwickelt Riesewieck – meist von Recherchen ausgehend – ungewöhnliche Erzählformate, zuletzt in ›Die Leere des Himmels‹ am Ballhaus Ost in Berlin. 2015 wurde Moritz Riesewieck für seine innovativen Arbeiten mit dem Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin ausgezeichnet.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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