Jackomo und Otto

Kater Jackomo saß am liebsten auf dem Zaunpfosten, der die Abgrenzung unseres Gartens zur Wohnstraße bildete. Warum er das machte, blieb mir lange verborgen. Er machte das aber auch nur zu ganz bestimmten Tageszeiten, was mir schon deshalb etwas merkwürdig vorkommen musste.

Aber eigentlich hätte mir schon längst auffallen können, dass sich am Straßenrand seit ein paar Tagen immer wieder das gleiche Ritual abspielte. Ich hielt es zuerst für eine ganz normale Verhaltensweise, dass der kleine Otto – gemeinhin als Terrier bezeichnet – bei seinem täglichen Spaziergang mit seinem Frauchen, regelmäßig zu einem schrillen Wutgeheul ansetzte, sobald er den Jackomo auf seinem Hochsitz erblickte. Das änderte sich allerdings, als ich das tägliche Spektakel vor meinem Gartentor endlich einmal selbst beobachten konnte.

Jackomo wartete schon seit einiger Zeit geduldig auf seinen Lieblingsfeind, der ihm zwar an Körpergröße und Lautstärke leicht überlegen war, an Reaktionsschnelligkeit aber nicht das Wasser reichen konnte. Und das schien der kleine Hund offensichtlich nicht begreifen zu wollen. Aber ganz nebenbei bemerkt: Seinem Frauchen schien es ähnlich zu gehen. Sonst hätte sie ihrem Liebling die tägliche Lektion ersparen müssen.

Der Terrier wurde zu einem wilden Jagdhund, noch bevor er den scheinbar teilnahmslos vor sich hin dösenden Jackomo erblickte. Mit einem für den kleinen Kerl erstaunlich imposanten Satz versuchte er den Kater von seinem arroganten Gehabe zu befreien und ihm seine Zähne in das getigerte Fell zu schlagen. Der aber machte nicht die geringsten Anstalten, sich von seinem Wachturm vertreiben zu lassen. Mit einer ansatzlos geschlagenen rechten Tatze landete er einen beeindruckenden Wirkungstreffer bei seinem Kontrahenten, was dessen Wut ins Unermessliche steigerte. Ich konnte den Otto noch zwei Straßen weiter jaulen hören, bis sich die Lautstärkenkulisse wieder normalisierte.

Jackomo schien seinen Erfolg noch eine Weile zu genießen, bis er schließlich von seinem Podest herab stieg und sämtliche G l i e d e r von sich streckte, um sich voller Genugtuung seinem Fressnapf zu nähern und sich dabei schon auf die nächste Begegnung mit dem lernunfähigen Möchtegernkampfhund vorzubereiten. Zumindest hatte diese kuriose Tierbegegnung diesen Eindruck bei mir hinterlassen.

Abbildung (c) Gerhard P. Steil




Autor: Gerhard P. Steil

gerhardsteil@t-online.de


Fotograf/Künstler: © Gerhard P. Steil / privat

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