Gabriele Rodríguez: Namen machen Leute. Wie Vornamen unser Leben beeinflussen

Gabriele Rodríguez: Namen machen Leute. Wie Vornamen unser Leben beeinflussen, München/Grünwald 2017, Verlag Komplett-Media, ISBN 978-3-8312-0444-1, Hardcover, 248 Seiten mit s/w-Graphiken, Format: 15,4 x 2,2 x 22,5 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle Edition: EUR 15,95.

Abbildung: (c) Komplett-Media

Dass Namen mehr sind als nur Lautverbindungen, mit denen man Person A von Person B unterscheiden kann, war mir schon recht früh klar. Ein Name hat einen mehr oder weniger gefälligen Klang, er hat eine Bedeutung, die idealerweise zum Träger passt. Er lässt Rückschlüsse auf die Herkunft zu, und wenn man ihn ändert, hinterlässt man auf einmal einen ganz anderen ersten Eindruck. Mit einem neuen Namen kann man seine Abstammung verschleiern und sich neu erfinden.

Gruselkabinett „Standesamtliche Nachrichten“


Auch Nachnamen haben ihre Faszination. Ich habe als Kind gelernt, wie spanische, griechische, isländische und verschiedene slawische Nachnamen aufgebaut sind und dass manche dieser Konstruktionen mehr über die Person verraten als ihr deutsches Äquivalent. Doch mit besonderer Hingabe lese ich seit Jahrzehnten die „Standesamtlichen Nachrichten“ unserer Regionalzeitung und staune über so manchen unbekannten, besonders klangvollen oder unsäglich albernen Vornamen, den Eltern sich für ihr Kind ausgesucht haben. Manchmal grenzen diese eigenwilligen Kreationen schon an Kindesmisshandlung und es verblüfft mich immer wieder, dass die Standesämter so einen Unfug durchgehen lassen.

Als ich hörte, dass Gabriele Rodríguez, die Spezialistin für Vornamen, ein Buch über ihr Fachgebiet geschrieben hat, musste ich zugreifen. Bei Frau Rodríguez können sich Eltern und Standesbeamte über die Zulässigkeit, Schreibweise und Geschichte von Vornamen informieren. Und sie erstellt in Zweifelsfällen Gutachten darüber, ob der von den Eltern gewünschte Name zulässig ist oder nicht. Die Leute haben diesbezüglich schon kranke Einfälle: Rumpelstilzchen, Kaiserschmarrn, Crazy Horse, Porsche, Borussia, Joghurt, Whisky, Keks und Flauschi …

Grundsätzlich gilt in Deutschland die freie Vornamenswahl. Aber ein paar Kriterien muss ein Name schon erfüllen:

  • Er muss als Vorname erkennbar sein.
  • Er muss geschlechtseindeutig sein. Ist er es nicht, muss ein zweiter Name hinzugefügt werden, der klar macht, ob man es hier mit einem männlichen oder weiblichen Wesen zu tun hat.
  • Das Wohl des Kindes muss gewahrt sein. Der Name darf seinen Träger nicht lächerlich machen, wobei auch auf die Kombination Vorname + Nachname geachtet wird („Rosa Schlüpfer“).

Die Geschichte unserer Namen


Im Buch erfahren wir etwas über die Geschichte unserer Namen: wie beispielsweise die Germanen die Namensgebung gehandhabt haben oder wie das in anderen Kulturen geregelt war. Religiöse, politische und gesellschaftliche Einflüsse veränderten die Vorlieben mit der Zeit, und je mobiler und belesener die Menschen wurden, desto mehr verbreiteten sich Namen aus anderen Sprachen und Kulturkreisen.

Als es noch keine Standesämter gab und die Namensgebung für die Mehrheit der Bevölkerung untrennbar mit der Taufe verbunden war, waren die Regeln streng: Erlaubt waren nur Namen, die in der Bibel standen oder solche, die einem Heiligen gehörten. Darüber hinaus gab es nichts. Kurzversionen wie Hans für Johannes oder Elsa für Elisabeth sind erst seit dem 20. Jahrhundert zulässig.

Was ist dran am „Kevinismus“?


Die Autorin beschreibt den Lebenszyklus eines Namens von der exotischen Neuentdeckung oder Neuschöpfung über den weit verbreiteten Modenamen bis hin zum verrufenen „Unterschichts-Namen“. Der Name Kevin hat eine solche Karriere hinter sich. Was wirklich dran ist am „Kevinismus“ und ob man den berühmten Satz „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“so stehen lassen kann, das erfahren wir auch.

Dass der Vorname gewisse Rückschlüsse auf das Milieu zulässt, aus dem ein Kind stammt, das ist schon richtig. Gebildete Eltern greifen eher zu traditionellen Vornamen. Dagegen kann man Namen wie Schaklin, Shania, Shakira und Cheyenne, genau wie Kevin, Justin und Jason, eher in den bildungsfernen Schichten verorten. Dort lässt man sich gern von Prominenten-Namen inspirieren. Dass die populären MusikerInnen, SchauspielerInnen und Fernsehköche ausgesprochen kreativ sein können bei der Benamsung ihrer Kinder, ist ja bekannt. Diesem Thema ist auch ein Kapitel gewidmet.

Skurrilitäten aus Buch, Film und Fernsehen


Wir begleiten Gabriele Rodríguez bei ihrer Arbeit und sehen, mit welchen Anfragen, Problemen und Ansinnen sie sich Tag für Tag herumschlagen muss. Namen aus der aktuellen Popkultur stellen sie vor gewisse Herausforderungen, weil sie wenig fernsieht und manche Medienereignisse dadurch komplett an ihr vorbeigehen. Wenn dann Leute mit merkwürdigen Phantasie-Namen, gern auch nach Gehör geschrieben, bei ihr vorstellig werden, ist sie zunächst einmal verwundert und es dauert einen Moment, bis sie das einordnen kann.

Manche Skurrilität aus der Phantasiewelt kann man dann doch von realen indischen, indianischen oder irischen Namen herleiten, und der Name wird genehmigt. Wie es sich damit lebt, wenn man mit dem Namen eines Fernsehhelden (Winnetou, Pumuckl, Pippilotta) oder eines Produkts aus dem Supermarktregal (Pepsi) gesegnet ist, können wir hier anhand einiger Beispiele sehen. So ein Name scheint zumindest abzuhärten.

In anderen Ländern gibt es gar keine Reglementierung für die Namensgebung, wie uns eine Sammlung kurioser Fallbeispiele aus aller Welt zeigt. Okay: Wenn alles möglich ist, ist vermutlich auch nichts peinlich und keiner lacht, wenn ein Kind Bomber heißt, John F. Kennedy, Fifa, Beefsteak oder Anasthesia. Das ist in Deutschland anders.

Erstaunt hat mich, dass es tatsächlich Menschen gibt, die professionelle Agenturen mit der Schöpfung eines Kindesnamens beauftragen. Dass Agenturen Produktnamen kreieren, war mir bekannt. Aber Vornamen? Das dürfte eine Stange Geld kosten!

Das Image eines Namens


Welche Vorstellungen fremde Menschen mit einzelnen Namen verbinden, kann man in so genannten Onogrammen graphisch darstellen. Davon gibt’s eine ganze Reihe im Buch. Noch mehr davon findet man auf dieser Seite: www.onomastik.com/Vornamen-Lexikon/

Das hier ist mein Onogramm:

Quelle: (c) www.onomastik.com/Vornamen-Lexikon

Dieses Bild also haben die Leute im Kopf, noch ehe sie die betreffende Person überhaupt getroffen haben. Nur aufgrund ihres Vornamens. Dagegen muss man dann Tag für Tag ankämpfen. Man tut seinen Kindern mit der Namenswahl mitunter ganz schön was an. Die „Empfehlungen für die Namensgebung“, die die Autorin aufgrund ihrer Erfahrung zusammengestellt hat, haben durchaus ihre Berechtigung. Eigentlich sollte es ja genügen, wenn da stünde: „Lassen Sie den gesunden Menschenverstand walten“. Aber das ist offensichtlich nicht immer der Fall.

Im Anhang findet man außerdem eine Liste der zugelassenen und abgelehnten „besonderen“ Vornamen, eine Liste mit Namenmoden im Wandel der Zeit, beginnend mit dem 20. Jahrhundert sowie eine Aufstellung der beliebten Vornamen in anderen Ländern, die sich gar nicht so dramatisch voneinander unterscheiden.

Wer ein wissenschaftliches Werk erwartet, wird enttäuscht sein. Das könnte die Autorin sicher auch schreiben. Doch dieses Buch hier ist ein fundierter, interessanter und amüsanter Streifzug durch die Welt der Namen.

Die Autorin
GABRIELE RODRÍGUEZ ist die einzige Namenforscherin Deutschlands, die sich auf Vornamen spezialisiert hat, und gehört zum Team der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig. Eltern und Standesämter können bei ihr die Zulässigkeit, Schreibweise oder Geschichte von Vornamen prüfen und sich beraten lassen. Rodríguez studierte Philologie in Kasan (Russland) und Romanistik in Leipzig, wo sie seit 1994 Namen erforscht und die Namenberatungsstelle unterstützt.

PS: Ich habe mich erkundigt: Der Satz, der auf Seite 140 so seltsam unvollständig aufhört, müsste richtig heißen: „Beim Namen Aaliyah handelt es sich um eine angloamerikanische Schreibvariante des weiblichen Vornamens Aliya(h), der einerseits eine weibliche Ableitung vom arabischen männlichen Vornamen Ali (zu arabisch ‚erhaben, edel‘) ist und andererseits auf das hebräische alejâh in der Bedeutung ‚hoch, erhaben‘ zurückgeht.“




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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2 Kommentare

  1. Das ist lustig und interessant. Durch meine Tätigkeit als Jugendbegleiterin in der örtlichen Ganztagesschule lerne ich andauernd neue Vornamen kennen und mein (eigentlich schlechtes) Namensgedächtnis muss ständig neue Gehirnzellen bilden, damit ich auf dem Laufenden bleibe. Das funktioniert aber ganz gut und ich wundere mich selbst, wie ich bei den vielen kuriosen deutschen, italienischen, türkischen, griechischen (besonders kompliziert) Namen noch durchblicke…
    Ein ONOGRAMM für MARGRIT musste ich natürlich sofort anschauen. Dass dieser Name als antiquiert und NICHT WOHLKLINGEND angesehen wird, bestätigt mich in meinem lebenslangen Fremdeln mit dieser Buchstabenfolge ! NICHT ATTRAKTIV – geschenkt, EHER GESELLIG – ziemlich falsch, UNSPORTLICH – Volltreffer. Wie gesagt: interessant und lustig !

    1. Aber im Grunde können Eltern bei der Namensvergabe ja gar nicht gewinnen. Gesetzt den Fall, es guckt jemand auf die Onogramme und geht vom heutigen Stand bei einem derzeit als attraktiv geltenden Vornamen aus … schon, wenn das Kind in die Schule geht, kann ein Modename aus dem Vornamen geworden sein, und Jahre später heißt alle Welt so und jeder denkt: iiih – wie asi! 😀

      Dass der Name Chantal mal so in Verruf geraten könnte, hat kein Mensch gedacht, als eine meiner Verwandten seinerzeit diesen Namen bekam. Damals war das hierzulande was Besonderes, heut denken sich die Leute: „Schantalle, tu mal die Omma winken“.

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