Mäusejagd im Feld – Die Formel-1 für Welpen

Nach erfolgreicher Generalprobe mit Stofftieren ist es heute an der Zeit, das nächste Kapitel in meiner Entwicklung als Jagdhund aufzuschlagen. Wir ziehen einen gedanklichen Schlussstrich unter das Kapitel „Welpe Loulou“ und schalten einen Gang hoch. Jägerin Loulou lehrt die Taunus-Tiere das Fürchten und wird nebenbei den Begriff „Speed“ neu definieren.

Da ich nicht komplett grössenwahnsinnig bin, lasse ich potentielle grosse Beutetiere wie Rehe oder Hirsche zunächst aussen vor. Mein Revier ist nicht der Wald, sondern ein Bild von einem Acker mit Hasen und Mäusen drauf. Schön übersichtlich. Um es in der Formel-1-Sprache zu sagen: wir haben perfekte äussere Bedingungen. Lufttemperatur 24 Grad (Boden 23 Grad), leichte Bewölkung mit etwas Sonne, 71 Prozent Luftfeuchtigkeit und 1014 Hektopascal Luftdruck. Mit anderen Worten: Recht frisch, aber trocken ist es und das bedeutet, dass meine Pfoten guten Grip haben. Als Junghund habe ich ja noch die weichen Gummis an den Füssen.

Und da sehe ich auch schon das erste Mäuschen über den Acker huschen. Los geht’s also: Die Startampel springt auf grün, und ich schiesse aus der Pole-Position auf die freie Strecke. Der Start gelingt perfekt. In nur 2,8 Sekunden erreiche ich meinen Maximalspeed. Der Motor – angetrieben von hochenergetischen Leckerlis und Schweineohren – schnurrt wie ein Kätzchen.

Die Maus schlägt Haken, aber ich bleibe dran. Eine Bestzeit nach der anderen nagele ich Hunting-Queen auf den Acker. Es ist nur noch eine Frage von Sekunden, bis ich den Nager kassiert habe. Tut mir ja leid für Dich, Knopfauge. Aber wenn ein Hundebolide wie ich gegen eine kurzbeinige Nuckelpinne wie Dich antritt, dann muss man sich nicht wirklich wundern, wie dieses Rennen wohl ausgeht. Ich habe die Szenerie jedenfalls schon vor meinem geistigen Auge: Maus gefangen – Rennen gewonnen – Nationalhymne – Champagnerdusche – und wo sind eigentlich die ganzen TV-Reporter mit ihren bunten Mikrofonpömpeln fürs Siegerinterview?

In diesem Augenblick der gedanklichen Ekstase geschieht etwas, das so nicht abgesprochen war. Die Maus begeht ein böses Foul – und verschwindet von der Bildfläche. Einfach so. Schwups. Maus weg. Verschwunden, verkrochen, verduftet – in ein offenbar für solche Zwecke vorbereitetes Loch in der Erde. Ich knurre, ich belle, ich scharre an dem Loch. Doch keine Chance. Die Maus bleibt von der Bildfläche verschwunden, weil das Loch offenbar der Eingang zu einem weit verzweigten Tunnelsystem unter dem Acker ist.

Natürlich schimpfe ich. Natürlich bin ich sauer auf die Maus: Ein klarer Regelverstoss, sich feige ins Erdreich zu verpieseln. Wo kommen wir hin, wenn so etwas Schule macht? Beim Fussball darf man den Ball schliesslich auch nicht mit der Hand spielen. Und überhaupt Tunnelsystem: Terror-Taliban-Methoden sind das doch. Wir sind im Taunus und nicht im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Wir wollten doch jagen und nicht James Bond oder Navy Seal spielen.

Es hilft nichts: Die Bilanz meines ersten Jagd-Tages fällt durchwachsen aus. Meine gute Laune lasse ich mir dadurch aber nicht vermiesen. Ich habe zwar keine Beute gemacht. Aber der moralische Sieger des Rennens bin ich allemal – und das zählt schliesslich. Aus die Maus.

Foto: (c) Chris Berdrow / www.loulouberdrow.wordpress.com

Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Autors. Chris Berdrow: Loulous Life: Ein Jack-Russell-Welpe ertapp(s)t die Welt, ISBN 978-1-52131420-3, Softcover, 112 Seiten, Format: 15,2 x 0,7 x 22,9 cm, Buch: EUR 5,99.




Autor: Chris Berdrow

cberdrow@aol.com


Fotograf/Künstler: © Chris Berdrow / www.loulouberdrow.wordpress.com

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