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Hinter Schwedischen Gardinen

Neugier ist ja eigentlich nicht unbedingt schlecht, oder? Um mit den Worten von Radio Eriwan zu antworten: „Im Prinzip ja, aber …“ Und eben dieses „aber“ ist es, das im wahrsten Sinne des Wortes zu verwirrenden Ergebnissen führt. Vor allem wenn unsere Samtpfoten buchstäblich darin verwickelt sind …

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Es ist ja so, daß ich vieles reparieren kann, sollte es kaputt gehen. Vieles, das heißt aber, nicht alles. So vor kurzem geschehen.

Anläßlich des Auftragens neuer Farbe auf der Tapete des Schlafzimmer begab es sich also, daß beim Verrücken des Kleiderschrankes zum Behufe des erwähnten Farbauftrags eben diese Kleiderschrank sich ganz akkurat in seine Einzelteile zerlegte. Granatenmäßiger Mist!

Eine Begutachtung der erwähnten Einzelteile ließ langsam, aber unaufhaltsam die Erkenntnis in mir dämmern, daß, vor allem in Anbetracht des Alters dieses Schrankes, eine Reparatur nur mit einem völlig indiskutablen Aufwand zu bewerkstelligen wäre. Nach reiflicher Überlegung von etwa 3 Sekunden erschien mir der visionäre Geistesblitz, daß es an der Zeit wäre, ein neues Möbelstück dieser Art anzuschaffen. Es dürfte eigentlich kein Problem sein, die hiesigen Möbelhäuser haben so viel davon, daß sie’s verkaufen müssen. Nur bleibt mir jetzt keine Zeit, lange Überlegungen dazu anzustellen denn der Inhalt des lädierten Schrankes befindet sich auf dem Bett und sollte noch heute in einen Neuen verfrachtet werden, sonst könnte es sich ergeben, daß ich auf dem Fußboden nächtigen muss.

Mit Katze Belle ins Möbelhaus


Nun denn, mir bleibt keine Wahl, also Jacke an und den zusammenklappbaren Sackkarren aus dem Keller geholt. Eine Feinheit ergibt sich aber noch. Schon zu Beginn dieser Aktion merkt das felide Volk, daß etwas im Busch ist und bettelt darum mitzudürfen. Was heißt hier betteln? Man bringt ziemlich massive Forderungen vor.
Gut, gut, seid schon friedlich, aber: Heute ist Belle dran mit Mitkommen.
Die beiden Kater akzeptieren das klaglos. Naja, so ganz klaglos nicht, es bedarf dazu dann doch zweier Dosen allerfeinsten Premiumfutters, garniert mit dieser Paste, auf die sie so abfahren. Belle habe ich inzwischen angeleint. Sie weiß schon, daß es jetzt rausgeht und springt schon ganz ungeduldig auf meine Schulter.

Zur Bushaltestelle ist es nicht weit, nur eine Station mit der Straßenbahn. Ziel ist ein Möbelhaus skandinavischer Herkunft. Die Preise und das Sortiment sind ganz ok dort und im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten hat sich die Qualität merklich verbessert. Belle schaut sich indes neugierig im Bus um und bekommt auch ein paar Streichler von einigen Fahrgästen.

Die Fahrt dauert nicht lange und endlich sind wir in den weitläufigen Gängen dieses mobiliaren Verkaufstempels. Ich war schon öfter hier und kenne mich zwischenzeitlich aus, so daß ich eigentlich recht zielstrebig in die richtige Abteilung marschieren könnte. Könnte! Jedoch werde ich immer wieder von Kunden und auch Mitarbeitern angehalten. Was soll ich dazu sagen, Belle ist in diesem Fall der Bremsklotz, doch das ist für mich nichts Neues, also was soll’s? Jedenfalls kassiert sie jede Menge Streicheleinheiten und will auch mal etwas beschnuppern, das ihr interessant genug vorkommt. Trotzdem versucht sie anschließend schnellstmöglichst wieder auf meine Schulter zu gelangen. Doch extrem neugierig war sie schon immer und das ist auch jetzt nicht anders.

Gardinen! Blinklichter! Belle ist begeistert


Da gibt es ja so viel Interessantes! Strategisch geschickt sind Warenpräsentationen aufgebaut, oft als Sonderangebot. Auch die LED-Technik hat ja mittlerweile in die Wohnbereiche Einzug gehalten, so daß es immer wieder mal blinkt oder einfach die Farben wechselt. Belle kann sich gar nicht daran sattsehen.

Nach einiger Zeit laufen wir in die Gardinenabteilung ein. Da sind Dekorgardinen nicht einfach im Regal gestapelt, sondern werden designermäßig ausgestellt. Und das Ganze wird mit den erwähnten LED-Bändern farblich untermalt. Wie auch immer, eines dieser Leuchtbänder scheint Belle magisch anzuziehen. Jedenfalls springt sie mit einem Satz von meiner Schulter und darauf zu. Die aufrollbare 5-Meter-Leine ist nicht gesperrt, denn hier im Gebäude besteht wohl kaum die Gefahr, daß sie von einem Auto überfahren wird. Doch genau das ermöglicht dem Katzentier auf eben diese Gardine, hinter der das Leuchtband blinkt und seine Farbe wechselt, zuzuspringen.

Bevor ich in irgend einer Form reagieren kann, fischt sie nach diesen leuchtenden Dingern. Daß die Gardine zwischen ihr und den Leuchtband ist, ignoriert sie völlig. Im Gegenzug ignoriert die Gardine die felide Anmache eben nicht. Will heißen, sie hat jetzt einige weitere Designeraccessoires in Form von ziemlichen Rissen.

Belle hat indessen geschnallt, daß so kein Durchkommen ist und macht einen Schwenk hinter den Fensterbehang, wo sie die LED’s direkt bearbeiten kann. Dabei verheddert sie sich immer mehr in die Gardine. Alles hat sich in Sekundenbruchteilen abgespielt, so daß ich keine Zeit zum Reagieren hatte.

Oh, oh, der Vorhang ist hin!


Oh, oh, das ist heftig! Der Vorhang ist zerfetzt und Belle sitzt sozusagen hinter schwedischen Gardinen. Na, nach dieser Aktion hat sie diese Erfahrung wohl verdient. Erst muss ich sie mal aus ihre gardinenbewehrten Gefangenschaft befreien, dann wird man weitersehen. Da nahen auch schon zwei Mitarbeiter des schwedischen Möbelhauses mit fragenden Blicken. Sie haben wohl die Situation von weitem beobachtet und können sich darauf nicht so recht einen Reim machen.

Ich muss erst mal Belle befreien, bevor ich mich den beiden zuwenden kann. Einfach ist das nicht, denn die Samtpfote will mich dabei unterstützen, verschlimmert die Situation aber nur. Endlich nach gefühlten Stunden sitzt sie wieder auf meiner Schulter und kann kein Wässerchen trüben. Die beiden Mitarbeiter staunen nicht schlecht, als sie sehen daß das, was ihr Ausstellungsstück zerlegt hat, kein Hund, sondern eine rot-weiße Katze ist.

Ich war schon öfter hier, aber immer mit Edward oder Tapsi, nie mit Belle. Zudem ist das Möbelhaus so weitläufig, daß man ja nicht überall sein kann.Wie dem auch sei, ich werde wohl nicht umhinkommen, den Schaden zu ersetzen. Ob meine Versicherung da einspringt, bezweifle ich aus nahliegenden Gründen. Jedenfalls verlange ich, den Abteilungsleiter zu sprechen, um die Situation zu klären. Die beiden Mitarbeiter sind sichtlich froh über dieses Ansinnen, sie waren wohl selbst mit der Situation leicht überfordert. Hunde ja, haben sehr viele Kunden dabei, aber Katzen …?

Jetzt kommt der Abteilungsleiter


Jedenfalls hat der Abteilungsleiter schon ein leichtes Grinsen im Gesicht, als er erscheint und die Situation erklärt bekommt. Da ich mich bereit erklärt habe, den Schaden zu ersetzen, macht er auch kein großes Aufhebens darum. Belle sitzt die ganze Zeit völlig unbeteiligt auf der Schulter, so als ginge sie das überhaupt nichts an. Nu, Dosi, nu mach mal!

Dosi jedoch hat die Leine inzwischen arretiert, sonst gibt’s noch mehr destruktive Aktionen und die holen womöglich noch das Überfallkommando. In der Schrankabteilung ist es mir dann sehr schnell möglich, einen passenden Kleiderschrank rauszusuchen. Abholen kann ich den in der Warenausgabe. So, dann wär’ auch das erledigt.

Und was bleibt für Belle?
Ganz klar, schwedische Gardinen, nur schwedische Gardinen!

Foto: (c) Wolfgang Dirscherl / pixelio.de




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Wolfgang Dirscherl / www.pixelio.de

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3 Kommentare

  1. Edith Nebel

    Das hätte ich zu gerne gesehen: Belle mischt das Möbelhaus auf! 😀

  2. Margrit Baumgärtner

    Zwar bin ich nicht so oft in besagtem Möbelhaus, aber ich wunderte mich, dass „Hund und Katz“ dort überhaupt Zutritt haben ?! Nicht, dass es mich stören würde, aber ich habe dort noch nie einen Hund gesehen, noch weniger eine BELLE (schmunzel). Jedenfalls ein komplizierter Einkauf — hat BELLE jetzt eigentlich Hausverbot..?;-)

  3. Mike d'Champicnac

    Ja, Hunde haben Zutritt, wenn Sie an der Leine geführt werden, das habe ich schon sehr oft gesehen. Ob’s für Katzen eine Reglung gibt, weiß ich nicht, aber die beiden Kater waren schon öfter mit mir bei IKEA. Zweimal sogar in deren Restaurant, aber ich will nichts provozieren, daher habe ich es bei diesen zwei Restaurantbesuchen belassen. Nur sind die Beiden zwar neugierig, jedoch nicht so extrem wie Belle.
    Und nein, Hausverbot hat sie nicht bekommen.

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