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Ulrike Renk: Das Lied der Störche. Roman

Ulrike Renk: Das Lied der Störche. Roman, Berlin 2017, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-3246-9, Softcover, 507 Seiten, Format: 13,1 x 4 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Aufbau-Verlag

„Was würde aus ihr werden? Sie gehörte nicht zum Gut. Onkel Erik hatte sie zwar aufgenommen, wie auch Fritz und Gerta, aber rechtlich war er ihr nicht verpflichtet, Sie war keine von Fennhusen, sondern eine von Weidenfels. (…) Sie war eine mittellose junge Frau mit schlechten Aussichten.“ (Seite 189)

Was man vorab wissen sollte


DAS LIED DER STÖRCHE ist eine romanhafte Aufbereitung der Biographie einer Landadeligen aus Ostpreußen. Mit einem allzu reißerischen Plot ist also nicht zu rechnen. Wer auf haarsträubende Abenteuer steht, ist hier verkehrt. Wer jedoch gerne Einblick nimmt in das ungewöhnliche Leben eines Menschen aus einer anderen Epoche und einer Gesellschaft, die es so heute nicht mehr gibt, liegt mit dem vorliegenden Band goldrichtig.

LeserInnen, denen die Australien-Saga der Autorin gut gefallen hat, werden auch schnell mit den Personen und Schicksalen in diesem Roman warm werden. Und wie’s so ist, wenn Ulrike Renk anfängt, sich in das Leben der Menschen zu vertiefen, die ihr als Inspiration für ihre Romanfiguren dienen: Sie fördert bei ihren Recherchen so viel hochinteressantes Material zutage, dass die Story nicht in einem einzigen Buch erzählt werden kann. Es werden mindestens zwei. Auch die Geschichte der Frederike von Weidenfels, wie die Heldin hier heißt – wer das reale Vorbild für die Figur war, erfährt man im Nachwort –, ist mit diesem Buch noch nicht abgeschlossen. Es wird eine Fortsetzung geben.

So. Jetzt kann’s losgehen.

Gut Fennhusen, Ostpreußen 1920


Frederike von Weidenfels ist 11 Jahre alt, als ihre zweifach verwitwete Mutter Stefanie zum dritten Mal heiratet: Erik von Fennhusen, einen Cousin ihres zweiten Ehemann. Mit ihren Kindern aus erster und zweiter Ehe zieht sie von Potsdam auf sein Gut nach Ostpreußen. Das ist eine enorme Umstellung für Stefanie von Fennhusen. Einen Stadthaushalt verstand sie zu leiten, doch vom Leben auf einem Gutshof hat sie keine Ahnung. Ihre unverheiratete Schwägerin Edeltraut, die zusammen mit der Mamsell (Hauswirtschafterin) bisher die Geschicke des Haushalts gelenkt hat, sähe die Neue zu gerne an der Aufgabe scheitern …

Auch wenn diese Ehe für Stefanie eher eine Vernunftentscheidung war: Erik erweist sich als wahrer Glücksgriff. Ja, gut, manchmal hört er seinen Damen nicht richtig zu, aber er liebt die drei Kinder, die seine Frau mit in die Ehe gebracht hat, als wären es seine, und er macht auch später, als er mit Stefanie vier eigene Kinder hat, keinen Unterschied. Und das, obwohl es einen Unterschied gibt: Eriks leibliche Nachkommen sowie die seines verstorbenen Vetters haben ein Erbe zu erwarten, doch Frederike von Weidenfels aus Stefanies erster Ehe ist mittellos.

Frederike braucht einen Plan B


Wenn die von Fennhusens es nicht schaffen, Frederike gut zu verheiraten, wird sie ihren Lebensunterhalt auf einem fremden Gut als Hauswirtschafterin oder Gärtnerin verdienen müssen. Das Zeug dazu hat sie. Von klein auf ist sie gern „bei den Leuten“, also beim Hauspersonal, und entwickelt sehr schnell einen Blick dafür, was die Dienstboten leisten (müssen). Aus diesem Grund, und weil „Onkel Erik“ drauf besteht, dass alle (Stief-)Kinder die Arbeiten auf dem Gut von der Pike auf lernen, hat sie bald einen besseren Überblick über die Arbeitsabläufe als ihre Mutter.

Dass sie finanziell nicht so abgesichert ist wie ihre sechs Halbgeschwister, ist dem Mädchen schon sehr früh bewusst, und das überschattet die freie und unbeschwerte Kindheit auf dem Lande.

Häufiger Gast auf Gut Fennhusen ist der junge Gutsherr Alexander „Ax“ von Stieglitz, eine Art Ziehsohn des Hausherrn. Frederike ist elf, als sie ihm zum ersten Mal begegnet. Stattlich ist er ja und auch ganz nett, findet die Kleine, aber mit 24 schon uralt. Sie bewundert ihn ein bisschen aus der Distanz und hat ansonsten nicht viel zu tun mit ihm. Dann verlässt sie das Gut für ein paar Jahre um in Bad Godesberg auf der Gartenbauschule eine Ausbildung zu absolvieren, die sie befähigen soll, den Haushalt eines Guts zu leiten, sei es als Ehefrau oder als Mamsell.

Gut Fennhusen, 1928


Als die 19jährige Frederike nach ihrer Ausbildung vorübergehend aufs Gut zurückkommt, ist Ax von Stieglitz immer noch unverheiratet und häufig bei den von Fennhusens zu Gast. Jetzt, da Frederike erwachsen ist, nimmt er auch Notiz von ihr. Stefanie von Fennhusen lässt keinen Zweifel daran, dass sie eine baldige Verlobung der beiden erwartet. Frederike jedoch möchte sich noch nicht festlegen. Eine Ehe ist schließlich eine Entscheidung fürs Leben. Und sie traut ihrer Mutter nicht. Würde Stefanie nicht alles tun, um die mittellose Tochter an egal welchen Mann zu bringen, nur um die finanzielle Verantwortung los zu sein? Wie wenig die Mädchen zählen und das, was sie vom Leben erwarten, zeigt die drakonische Strafe, die Stefanie über ihre lebenslustige Tochter Gerta verhängt hat.

Da kann die Mutter noch so schön reden: Irgendetwas stimmt nicht mit Ax von Stieglitz. Wieso ist er mit Anfang 30 noch immer ledig? Warum ist seine vorige Verlobung geplatzt? Dass das nur am Altersunterschied des Paares gelegen hat, glaubt Frederike nicht. Ihr kommen verschiedene Gerüchte zu Ohren, aber nichts wirklich Greifbares. Wie soll sie sich entscheiden, wenn er ihr einen Antrag macht? Will er das überhaupt? Und wenn aus der Verbindung mit Ax nichts wird und sich auch sonst kein Bewerber findet, was dann? Frederike „kann“ nur Haus- und Landwirtschaft, und dafür sind die Zeiten nicht gerade rosig …

„Upstairs, Downtairs“ in Ostpreußen


Ich habe Frederike und ihre Geschwister sehr gerne beim Erwachsenwerden begleitet und Einblick in das Leben der ostpreußischen Gutsbesitzer und deren Personal genommen. Es ist ein bisschen so wie „Downton Abbey“ oder „Das Haus am Eaton Place“ in Ostpreußen – allerdings nicht so hochdramatisch, sondern näher am wahren Leben, weil sich der Roman ja, wie gesagt, an einer realen Biographie orientiert. Es ist wie eine kleine Zeitreise und man meint, den Ort des Geschehens sehen, riechen und schmecken zu können. Und wer noch weiß, wie der ostpreußische Dialekt klingt, hat den sofort im Ohr, sobald jemand vom Gesinde spricht. Auch wenn die Autorin es bei moderaten Anklängen belässt.

LeserInnen, die gerade eine Diät machen, seien übrigens gewarnt ;-): Weil hier die Hauswirtschaft doch ziemlich im Mittelpunkt steht und in der Geschichte auch viel gefeiert wird, geht’s hier oft ums Kochen und Essen. Beim Lesen bekommt man unweigerlich Appetit!

Bei Ulrike Renks Australien-Saga, die ja ebenfalls auf wahren Lebensgeschichten beruht, konnte man immer so schön googeln, was aus den Leuten geworden ist, wenn man es vor Neugier nicht bis zum nächsten Band ausgehalten hat. Hier klappt das nicht so gut, weil die Autorin die Personennamen verfremdet hat. Aber wer das Nachwort liest und dort erfährt, wer Ulrike Renk auf das Thema gebracht hat, bekommt zumindest eine Ahnung davon wie die Geschichte weitergehen könnte …

Die Autorin
Ulrike Renk lebt als freie Autorin in Krefeld. Bei Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane „Die Frau des Seidenwebers“, „Die Heilerin“, „Die Seidenmagd“ sowie die Bestseller „Die Australierin“, „Die australischen Schwestern“ und „Das Versprechen der australischen Schwestern“ erschienen. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ulrikerenk.de




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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