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Jonas Winner: Die Zelle. Thriller

Jonas Winner: Die Zelle. Thriller, München 2016, Knaur Taschenbuch, ISBN 978-3-426-51276-0, Softcover, 336 Seiten, Format: 12,5 x 2,7 x 19 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Knaur Taschenbuch Verlag

„Ich habe etwas gesehen, aber keiner glaubt mir. Und als die Polizisten gekommen sind, haben sie auch nichts gefunden. Deshalb muss ich jetzt Tabletten nehmen, weil sie sagen … dass ich spinne. Ich habe etwas gesehen, und jetzt muss ich die Pillen schlucken.“ (Seite 208)

Berlin, im Sommer vor 20 Jahren: Die Künstlerfamilie Grossman zieht von London nach Berlin, weil Rebekka, die Mutter, dort ein Engagement als Opernsängerin bekommen hat. Sie ist die Hauptverdienerin. Ihr Mann Nathan konnte nie als Komponist ernster Musik reüssieren, er hält sich notgedrungen mit dem Komponieren von Filmmusik für dubiose Videoproduktionen über Wasser. Seine Söhne Linus (15) und Sam (11) haben den Verdacht, dass er die düstere Jugendstilvilla im Ortsteil Grunewald extra deshalb gemietet hat, um für seine gruseligen Melodien in die richtige Stimmung zu kommen.

Linus findet schnell Anschluss in Berlin, Sam tut sich damit schwer. Er wollte nicht weg aus London und fühlt sich einsam und unverstanden. Ausgerechnet jetzt sind auch noch Sommerferien, und er hat praktisch keine Chance, jemand Gleichaltriges kennenzulernen. Die Eltern sind mit ihren beruflichen Problemen beschäftigt und scheinen auf sämtliche Anliegen ihrer Söhne nur eine Reaktion zu kennen: Sie schicken sie zur Hausangestellten Hannah. Die ist selbst erst Mitte 20 und mit der Erziehung zweier Jugendlicher überfordert.

Eine Gefangene im alten Luftschutzbunker!


Aus Langeweile stromert Sam über das verwilderte Grundstück und stößt auf eine Falltür, die in einen alten Luftschutzbunker führt. Da drunten hat’s eine Kegelbahn, Schallplatten von Elvis – und Whisky. Seinen Vater hat Sam dort schon hinuntergehen gesehen. Offenbar gibt’s mehrere Zugänge, denn auch der Nachbarshund streift durch den Bunker, und der kann bestimmt keine Falltür öffnen.

Groß ist Sams Entsetzen, als er in dem Bunker ein junges asiatisches Mädchen entdeckt, das in einen Verschlag gefangen gehalten wird. Als er seinen Vater zu Hilfe holen will, reagiert Yoki panisch. Sam wird stutzig: Hat etwa Nathan sie da unten eingesperrt?

Sam gelingt es nicht, Yoki zu befreien, doch er verspricht ihr, schnellstmöglich wiederzukommen. Er ist durcheinander. Wen soll er jetzt um Hilfe bitten, wem sich anvertrauen? Seinen Vater mit der Entdeckung zu konfrontieren wagt er nicht. Und der Rest der Familie hört entweder nicht zu oder glaubt ihm nicht.

Als Sam wieder in den Bunker zurückkehrt – allein – ist das Mädchen verschwunden. Hat sein Vater es fortgeschafft? Weiß die übrige Familie Bescheid? Argwöhnisch beobachtet er seine Angehörigen und steigert sich immer mehr in die Sache hinein. Sein verzweifelter Versuch, einen Wildfremden ins Vertrauen zu ziehen, beschert das den Grossmans einen Besuch vom Jugendamt und Sam eine Psychotherapie in Verbindung mit starken Medikamenten. Jetzt ist der Junge völlig durch den Wind und weiß selbst nicht mehr, ob da nun ein Mädchen im Keller war, oder ob er sich das nur eingebildet hat, wie alle sagen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er etwas zu sehen glaubt, das nur in seiner Phantasie existiert.

Was ist Wahn und was ist Wahrheit?


Der Leser weiß auch nicht, ob die Gefangene real ist oder nur eine Halluzination. Zwar sind in die Geschichte jenes Sommers, die Sam 20 Jahre später im Rückblick erzählt, immer wieder die Gedanken eines Menschen eingestreut, der Frauen gefangen hält, foltert und tötet, aber es wird nie klar, ob sie wirklich von Yokis Peiniger stammen, oder ob wir hier nur lesen, wie Sam sich die Gedankenwelt des Täters vorstellt. Im ersten Fall wäre Yoki real, im zweiten Fall wahrscheinlich ein Phantasieprodukt.

Schließlich gelingt es dem Jungen doch, näheren Kontakt zu einem Menschen außerhalb seiner Familie zu bekommen. Er freundet sich mit Marina Kaplan an, der gleichaltrigen Nachbarstochter, und erzählt ihr alles. Marina glaubt ihm und sucht mit ihm zusammen im Bunker und im Haus nach Spuren. Dabei stoßen sie auf so einiges, was die anderen Hausbewohner lieber für sich behalten hätten. Marina macht das so zu schaffen, dass sie ihrem Vater davon berichtet. Der setzt eine Maschinerie in Gang, die dramatische Folgen hat …

Die Stimmung in der Villa ist beklemmend. Weil die Familie praktisch keine Außenkontakte hat und nur „im eigenen Saft kocht“, ist Sam der Situation hilflos ausgeliefert. Er weiß nicht, ob sein Vater ein Monster ist oder ob er den Verstand verliert – und niemand hilft ihm. „Wir können nicht dauernd um dich kreisen“, bekommt er von seiner Mutter zu hören. Die ganze Zeit über habe ich gehofft, dass sich in New York, Tel Aviv oder sonstwo auf der Welt eine resolute Oma oder energische Tante in den Flieger schwingt und beim Berliner Zweig der Familie mal ordentlich den Rauch reinlässt. So kann man doch nicht mit Kindern umgehen! Aber es kommt keiner. Sam muss alle Ängste, Schuldgefühle, Zweifel und das allmähliche Auseinanderbrechen seiner Familie ganz alleine durchstehen.

Der Rückblick – ein kluger Kunstgriff


„Es stimmte nicht, dass man keine Angst haben musste. Es gab Dinge, die einem geschehen konnten, entsetzliche Dinge, die so fürchterlich waren, dass, wenn sie einem widerfuhren, es die ganze Zeit war, als würde sich ein Schrei aus der Brust winden.“ (Seite 120). Solche Dinge gehen Sam durch den Kopf.

Möglich werden Sätze wie diese, weil der mittlerweile erwachsene Sam versucht, in Worte zu fassen, was er als Elfjähriger erlebt, gedacht und empfunden hat. Ein kluger Kunstgriff. Sonst hat man mit sehr jungen Ich-Erzählern nämlich das Problem, dass ihnen die Lebenserfahrung fehlt, um das Gesehene und Geschehene angemessen beschreiben und bewerten zu können. Und nutzt der Autor sein Wissen als Erwachsener, wirkt das unnatürlich altklug.

Genretypisch wird’s hier gelegentlich blutig, grausig und recht unappetitlich, und so wirklich sympathisch ist eigentlich keine der Figuren. Okay, Sam genießt noch Welpenschutz. Auf jeden Fall will man als Leser wissen, was wirklich vorgefallen ist und man liest und liest – bis zum finalen Paukenschlag. Nein, mit diesem Ende habe ich nicht gerechnet! Plausibel ist es, es kommt nur sehr zufällig ans Licht.

Der Showdown (vor allem die Axt-Szene!) war mir ein bisschen zu sehr „amerikanischer Actionfilm“ und will nicht so ganz zum kammerspielartigen Rest passen. Und ein wenig ging es mir am Schluss so, wie dem armen Sam in der Geschichte: Ich frage mich immer noch, was Realität und was Psychose war. Ist der Roman so perfide aufgebaut, dass der Leser das gar nicht wissen soll – oder stimmt mit mir was nicht, weil ich die Story nicht restlos begriffen habe?

Normalerweise hasse ich es ja wie die Seuche, wenn mich ein Buch mit dem Gefühl zurücklässt, das Geschehen nicht durchschaut zu haben. Hier begeistert es mich auch nicht, aber zu dieser Story passt’s. Man bekommt den Hauch einer Ahnung, wie der arme Protagonist sich die ganze Zeit über gefühlt haben muss …

Der Autor
Jonas Winner, geboren 1966 in Berlin, aufgewachsen in Rom und den USA, ist promovierter Philosoph. Er arbeitete nach dem Studium in Berlin und Paris als Journalist, Redakteur für das Fernsehen und als Drehbuchautor (ARD, ZDF, Sat.1). Sein Selfpublishing-Bestseller „Berlin Gothic“ sorgte im Netz für Furore. 2012 feierte er mit dem Thriller „Der Architekt“ einen großen Erfolg, 2014 folgte „Das Gedankenexperiment“. Der Autor lebt mit seiner Familie in Berlin.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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