Marina Chapman: Das Mädchen, das aus dem Dschungel kam. Eine Kindheit unter Affen

Marina Chapman mit Vanessa James und Lynne Barrett-Lee: Das Mädchen, das aus dem Dschungel kam. Eine Kindheit unter Affen, OT: The Girl With No Name, aus dem Englischen von Sabine Längsfeld, Reinbek bei Hamburg 2013, Rowohlt Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-499-61459-0, Klappenbroschur, 316 Seiten mit 10 meist farbigen Fotos, Format: 13,7 x 2,9 x 21,2 cm, Buch: EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A), Kindle Edition: EUR 12,99, Audio-CD: 19,99.

Abbildung: (c) Rowohlt Taschenbuch-Verlag

Abbildung: (c) Rowohlt Taschenbuch-Verlag

Den Namen Luz Marina hat sich die Autorin als Teenager selbst gegeben. An ihren richtigen Namen erinnert sie sich nicht. Kurz vor ihrem fünften Geburtstag ist sie aus dem Garten ihres Elternhauses irgendwo in Kolumbien entführt worden. Wahrscheinlich weil kein Lösegeld zu holen war, hat einer der Entführer sie im Dschungel ausgesetzt – ein sicheres Todesurteil.

Im Dschungel ausgesetzt


Verzweifelt hofft die Kleine auf Rettung, aber niemand kommt. Wie auch? Es weiß ja keiner, wo sie ist. Auf der Suche nach Hilfe gerät sie immer tiefer in den Dschungel. Ihre Rettung ist eine Horde Brauner Kapuzineraffen, die das Mädchen erst als Spielzeug und dann als harmloses Lebewesen betrachten und es in ihrer Nähe dulden. Sie bleibt im Revier der Affen und lernt durch Nachahmen, wie sie im Dschungel überleben kann. Sie isst, was die Affen fressen, sie lernt, auf ihre Warnrufe zu hören, sie spielt mit Affen und klettert wie sie auf die Bäume. Nur in ihren Baumnestern zu schlafen und sich an Lianen durch den Wald zu hangeln, das ist nichts für sie.

Rund fünf Jahre verbringt Marina bei ihrer Affenfamilie. Mehr und mehr verblassen ihre Erinnerungen an ihr Leben als Mensch. Die Kleidung und die Sprache sind schon lange perdu, die Haare sind eine verfilzte Matte, die ihr bis fast zum Knie reicht. Ab und zu sieht sie im Dschungel Wilderer oder Indios, aber sie kommt nicht auf die Idee, dass das ihre Artgenossen sind und sie sie um Hilfe bitten könnte. Erst als sie eine Spiegelscherbe findet und ihr Gesicht darin sieht, wird ihr wieder bewusst, dass sie gar kein Kapuzineraffe ist.

Einer Indiofrau, die im Dschungel ihr Kind zur Welt gebracht hat, folgt Marina bis in ihr Dorf. Erst beobachtet sie die Geschäftigkeit der Menschen dort heimlich, dann nimmt sie Kontakt mit ihnen auf. Doch der Anführer des Clans gibt ihr zu verstehen, dass sie sich zum Teufel scheren soll. Mit einem wilden, verdreckten Affenwesen wollen sie sich nicht belasten.

Der nächste Kontaktversuch mit ihrer Spezies klappt besser: Marina zeigt sich einem Wildererpaar. Aber ob das so eine gute Idee war? Die beiden laden sie zusammen mit ihrer Jagdbeute auf die Ladefläche ihres Transporters und bringen sie nach Cucuta, wo sie sie an die Bordellbesitzerin Ana-Karmen verschachern. Da dürfte Marina so um 10 Jahre alt gewesen sein.

An ein Bordell verschachert


Weiß der Teufel, was Ana-Karmen sich vom Kauf der kleinen Wilden versprochen hat. Für sie und ihre „Mädchen“ bedeutet Marina ein hartes Stück Arbeit. Sie geben ihr den Namen Gloria und sehen zu, dass sie sie sauber und halbwegs zivilisiert kriegen. Sprache, Kleidung, Klo und Bad, Wasser und Seife, Kamm und Zahnbürste … das alles kennt Gloria/Marina ja nicht. Ihre Tischmanieren sind tierischer Natur, und wenn Ana-Karmen gedacht hat, sie könne das Mädchen als Haussklavin einsetzen, ist sie auch da zunächst auf dem Holzweg. Im Dschungel gibt’s keine Küche, keine Wäsche, keinen Putzlappen und keinen Wischmop. Alles müssen sie dem Kind erst beibringen, und dabei sind sie nicht zimperlich. Sie brüllen und sie prügeln, und mehr als einmal wird es für Gloria/Marina lebensgefährlich.

Gloria/Marina versucht verzweifelt, es ihnen recht zu machen, weil sie endlich irgendwo dazugehören will. Doch die Anpassung fällt ihr schwer. Ein halbes Leben lang hat sie alle Entscheidungen selbst getroffen, nie hat sie jemand zu etwas gezwungen, und jetzt soll sie auf einmal Dinge tun, die sie nicht tun will und deren Sinn sie nicht versteht? Auf die Idee, wegzulaufen, kommt sie lange nicht. Vor der Welt da draußen hat sie mehr Angst als vor den Schlägen im Bordell. Erst als offenbar wird, dass auch sie jetzt als Prostituierte arbeiten soll, flüchtet sie und landet als Straßenkind im Park von Cucuta.

Vom Regen in die Traufe


Reden kann sie mittlerweile. Klein ist sie, zäh und wendig, eine begnadete Diebin und vollkommen skrupellos. Unter dem Namen Pony Malta – nach einem kolumbianischen Getränk – wird sie bald Anführerin einer kleinen Bande. Kurzzeitig hat sie einen Job als Küchenhilfe, den ihr die freundliche Kellnerin Ria verschafft, doch das Leben als freies Straßenkind gefällt ihr besser. Dann trifft sie Millie wieder, ein Straßenkind, das sie länger nicht gesehen hat. „Nur dass das Mädchen kein Straßenkind mehr war. Sie war hübsch gekleidet und sah sauber aus. Außerdem hatte sie diesen gehetzten, angespannten Ausdruck verloren. Ich hatte sie nicht erkannt; sie war es, die mich ansprach.“ (Seite 235)

Millies Geheimnis: Sie hat einen Job als Hausmädchen bei einer netten Familie gefunden. Das will Pony Malta/Marina nun auch. Doch bei der Familie Santos kommt sie vom Regen in die Traufe. Sie taufen sie in Rosalba um, missbrauchen und misshandeln sie, und als herauskommt, dass sie mehr kapiert, als alle dachten, ist sie in Lebensgefahr: Rosalba/Marina, vor der die ganze kriminelle Sippe recht ungeniert gesprochen hat, weiß nun zuviel über deren krummen Geschäfte. Nachbarin Maruja, eine kinderreiche Witwe, hat Mitleid mit dem Mädchen und versucht, Rosalba/Marina in Sicherheit zu bringen. Aber ob ein Kloster das Richtige für den jungen Wildfang ist? Und ist es weit genug weg von der Familie Santos? Man ahnt schon: Nein und nein …

Wie Rosalba/Marina schließlich in Großbritannien landet, wo sie seit rund 30 Jahren lebt, und wie sie ihren Mann kennenlernt, das erfahren wir nicht. Die Geschichte endet in Bogota.

Biographie oder Fiktion?


So verrückt und außergewöhnlich wie Marinas Lebensgeschichte ist auch die Entstehungsgeschichte dieses Buchs. Lange Jahre hat Marina nicht darüber gesprochen, unter welchen Bedingungen sie aufgewachsen ist. Sie war nur immer ein bisschen anders als andere Frauen und Mütter. Und ihre Gutenachtgeschichten für die Töchter handelten von Affen, Papageien und Spinnen.

Erst als die Kinder schon groß sind, beginnt Marina nach und nach zu erzählen. Bruchstückhaft, natürlich, und für ihr Leben im Dschungel fehlt ihr nicht nur das Zeitgefühl, sondern auch das nötige Vokabular. Sie war knapp fünf Jahre alt, als man sie dort aussetzte. Woher hätte sie wissen sollen, welcher Affenart ihre Ersatzfamilie angehört und wie die Pflanzen, Bäume, Früchte und Tiere heißen, mit denen sie es dort zu tun gehabt hat?

Tochter Vanessa hat recherchiert, hat ihrer Mutter Bilder möglicher „Kandidaten“ gezeigt und in mühevoller Kleinarbeit versucht, Marinas fragmentarische Kindheitserinnerungen in eine logische zeitliche Reihenfolge zu bringen. Wie lange Marina im Dschungel gelebt hat, haben sie zum Beispiel versucht, anhand ihrer Haarlänge zu bestimmen – und zu diesem Zweck eine Versuchsreihe mit Haarfärbemittel gestartet. Wie schnell wachsen Haare? Gibt’s da individuelle und saisonale Unterschiede? Sie haben sich richtig viel Mühe gegeben. Trotzdem sind sie mit ihrem Buchmanuskript bei einem Verlag nach dem anderen abgeblitzt. Erst als Ghostwriterin Lynne Barrett-Lee mit ins Boot kam, hatten sie Erfolg.

Bei so extrem abenteuerlichen Biographien ist man immer ein bisschen skeptisch. Einige Verlage können ein Lied davon singen, wie sie einem phantasievollen Schwindler aufgesessen sind und statt einer wahren Lebensgeschichte eine von A bis Z erfundene Story erworben haben. Andererseits … was wissen wir schon davon, was alles in entlegenen Gegenden Südamerikas möglich ist? Ich habe Luz Marina Chapman in mehreren Internetfilmchen gesehen – ich traue ihr so eine Vergangenheit durchaus zu.

Ob man das Buch jetzt als Biographie liest oder als Fiktion – die Geschichte ist außergewöhnlich und mitreißend. Und weil es ja Marina selbst ist, die sie uns erzählt, können wir auch die schrecklichsten und gefährlichsten Szenen aushalten, in der sicheren Gewissheit, dass sie das alles überlebt und überwunden hat.

Die Autorin
Marina Chapman hat einen weiten Weg hinter sich: aus dem abgelegenen Regenwald Kolumbiens, wo sie fünf Jahre lang bei einer Horde Kapuzineraffen lebte, bis nach Bradford in Großbritannien. Heute ist sie mit einem Briten verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, und arbeitet in einem städtischen Kindergarten.

Die Co-Autorin
Vanessa James ist Marina Chapmans jüngere Tochter. 2006 begann sie damit, die Geschichte ihrer Mutter aufzuschreiben. Bis zu einer ersten Version des Buches brauchte Vanessa zwei Jahre, in denen sie Marinas Erinnerungen zu einem Gesamtbild zusammenfügte. Vanessa lebt und arbeitet als Filmkomponistin in London und ist Mitglied der Band „Starling“.

Die Ghostwriterin
Lynne Barrett-Lee ist sowohl selbst Autorin als auch erfolgreiche Ghostwriterin. In dieser Funktion kam sie mit einer großen Bandbreite an Themen in Berührung. Außerdem arbeitet Lynne Barrett-Lee unter Pseudonym als Co-Autorin an diversen Buchreihen eines führenden britischen Verlages mit.

Marina Chapman in einem Interview:




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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