Michael Wolffsohn: Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf

Michael Wolffsohn: Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf, München 2015, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3423260756, Klappenbroschur, 207 Seiten, mit 10 farbigen Graphiken, Format: 13,6 x 2,5 x 21,1 cm, Buch: EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A), Kindle Edition: EUR 12,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

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Als ich ankündigte, das Buch ZUM WELTFRIEDEN von Prof. Dr. Michael Wolffsohn lesen und vorstellen zu wollen, waren die Reaktionen skeptisch bis entsetzt: „Wolffsohn! Der ist doch so konservativ und umstritten! Er schreibt theoretisch und kompliziert – und du bist kein Historiker!“ Nein, das nicht. Aber ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe nicht zwangsläufig deckungsgleich ist mit der Nationalität … dass Volksgruppen selbst über ihre Angelegenheiten bestimmen wollen … dass Fremdherrschaft und Vielvölkerstaaten deshalb nicht auf Dauer funktionieren und dass genau das die Ursache für viele Konflikte ist. Wenn einer sagt, dass er eine Lösung für diese Probleme sieht, will ich das lesen.
Mir ist schon klar, dass ich mich nicht auf Augenhöhe mit dem Professor befinde, aber er wird das Buch ja nicht nur für ausgewiesene Experten geschrieben haben. Da wäre die Zielgruppe sehr klein.

***

„Für die Politik gilt wie für die Medizin: ohne Diagnose keine Therapie.
Die Diagnose lautet: Sofern Menschen nicht manipuliert, also missbraucht werden, streben sie nach Selbstbestimmung. Sowohl als Individuen wie auch im Kollektiv.“ (Seite 8)

Wenn aber die Bevölkerungsstruktur eines States nicht homogen ist – und wo ist sie das schon? -, sind Konflikte vorprogrammiert. In Nationalstaaten wurde von den Mächtigen oft etwas zusammengefügt, das nicht zusammengehört, sei es durch Eroberungen oder durch künstliche Staatengebilde nach der Entkolonialisierung. Ja, und auch nach dem Ersten Weltkrieg.

Manchmal sind sich die Volksgruppen, die zwangsweise in einem Nationalstaat vereint wurden, nur in einem Punkt einig: Sie wollen eigenständig wirtschaften – ohne die anderen. „Ohne Selbstbestimmung rebelliert oder revoltiert der Mensch.“ (Seite 8) Dass da etwas dran ist, sieht, hört und liest man jeden Tag in den Nachrichten.

Fremdherrschaft und Vielvölkerstaaten „funktionieren“ nur unter bestimmten Voraussetzungen … eine Zeit lang.

  • Dominanz: Gruppe A hat die Vorherrschaft über Gruppe B, C, D, …
  • Diktatur: Eine oder mehrere Personen garantieren die staatliche Einheit trotz demografischer Vielfalt.
  • Bürger- oder zwischenstaatliche Kriege
  • Ethnische Säuberung: Moralisch inakzeptabel und der Überlebensqualität des Staates abträglich.
  • Siedlungspolitik: das Besiedeln des Gebiets der Besiegten durch die Sieger, damit die ursprüngliche Bevölkerungsmehrheit zur Minderheit wird
  • Und schließlich die vom Autor favorisierte weil einzig wirklich friedliche Variante: Föderative Strukturen. Das heißt nicht, dass man die bestehenden Staaten auflösen soll – da hätten die Mächtigen der Welt sicher was dagegen! Es geht darum, sie (über-)lebensfähig umzuformen.

Staaten wie Israel, Syrien, Irak, Iran, Türkei, Afghanistan, Russland, China, Zentralafrikanische Republik, Nigeria, Kongo etc. durch Rat und Tat oder humanitäre Intervention stabilisieren zu wollen, bringt nichts, sie sind von Haus aus instabil. Bevölkerungsstruktur und Staatsgrenzen passen nicht zueinander.

Manchmal mag Teilung die richtige Lösung sein, wie es bei der Tschechoslowakei der Fall war. Doch kann sicher nicht jede ethnische Gruppe einen eigenen Staat gründen. Man denke an den Kongo mit rund 250 Bevölkerungsgruppen und insgesamt 700 Sprachen. Wäre so ein Klein-Klein überhaupt politisch und wirtschaftlich überlebensfähig?

Und was ist mit Staaten, in denen die Minderheiten territorial weit verstreut leben? Die Bevölkerung lässt sich ja nicht „sortenrein“ in zwei oder mehrere Staaten auseinanderdividieren. Zumindest nicht auf friedlichem Wege. Teilung funktioniert da nicht.

Für Staaten, auf deren Territorium mehr als eine „Kommunikationsgemeinschaft“ ( = ethnische Gruppe) lebt, schlägt Wolffsohn eine Bundesrepublik aus mehreren Bundesländern bzw. Bundesstaaten vor, mit einer Volkskammer, die ungefähr dem deutschen Bundesrat oder dem US-Senat entspricht, und einer Regionalkammer, dem allgemeinen Parlament, ähnlich dem deutschen Bundestag oder dem US Repräsentantenhaus. Und wenn man keine BundesLÄNDER bilden kann, weil die Volksgruppen verstreut siedeln, gibt es statt der Regionalkammern eben „Personalkammern“. Das geht auch.
„Jede Personengruppe regelt ihre internen Angelegenheiten selbst, z.B. Bildungswesen und Sprachpolitik, Kultur, ggf. Religion, Medien, Polizei. Also alles minus Außenpolitik (…) und Militär.“ (Seite 49)

Kompliziert wird es, wenn Kommunikationsgemeinschaften über mehrere Nationen verstreut sind wie z.B. die Kurden. Die leben unfreiwillig verteilt über die Türkei, Syrien, Irak und Iran. Hier schlägt Wolffsohn nicht nur 4 Kurdische Bundesländer vor, sondern auch noch eine zweite Ebene, einen aus diesen vier Bundesländern bestehenden Staatenbund, eine Konföderation Kurdistan. „Die Kurden hätten ihre Selbstbestimmung, die Türken, Syrer, der Irak und Iran blieben als Staaten bestehen.“ (Seite 55) Noch komplexer ist die Lösung, die er für den Nahen Osten sieh: Mehrere Einheiten, überwiegende personal-föderativ organisiert. Ich glaube, das muss man aufzeichnen, um es zu verstehen.

„Selbstbestimmung ist schon längst erfunden. Die territoriale ebenso wie die personal konstituierte. Man muss sie daher nicht neu erfinden. Man muss nur versuchen, sie auf die neuen Gegebenheiten (um)zudenken. Ein „Weiter-So“ der territorialen Selbstbestimmung führt zu einem Ziel: In den Abgrund.“ (Seite 70)

Im zweiten Kapitel analysiert Wolffsohn die verschiedenen Krisenregionen – Vergangenheit, Gegenwart, mögliche Zukunft. Und das ist wirklich hochinteressant:

  • Balkan
  • Russische Ränder (Peripherie)
  • Nahost
  • Syrien
  • Iran
  • Afghanistan, Pakistan, Indien
  • Saudi-Arabien und Bahrain
  • Jemen
  • China (Xinjiang und Tibet)
  • Taiwan und Hongkong
  • Thailand, Malaysia
  • Sri Lanka,
  • Myanmar, Burma
  • Afrika
  • Kongo, Ruanda und Nigeria
  • Europa: Die Rache der Geschichte
  • Lettland und Estland
  • Muslime in Westeuropa

Dass es hier nicht nur um die Befindlichkeiten von Minderheiten geht, sondern um existenzielle Fragen, zeigt das dritte Kapitel: Blut für Öl, Gas, Wasser.

Wasser und Energie sind überlebensnotwendig. Wo aber sollen Öl- und Gaspipelines verlaufen, damit sie möglichst „bombensicher sind und die Versorgung nicht von Terroristen jäh unterbrochen werden kann? Und wie sollte man Strom, der von Sonnenkollektoren in den Wüsten Nordafrikas erzeugt wird, nach Europa bringen, wie es mal angedacht war? Man müsste ja die Stromleitungen durch mehrere unruhige Gegenden ziehen. Daran scheitern die Projekte, nicht an der Technik.

Ungünstig ist es auch, wenn Saboteure in Konfliktregionen einem buchstäblich das Wasser abgraben können. Da wäre es sinnvoll, die Regionen, die an der Quelle sitzen, zu befrieden. Auf Dauer kontrollieren kann man sie nicht.

Zum Schluss geht der Autor der Frage nach, in welchen Fällen eine humanitäre Intervention gerechtfertigt ist und wann man sich besser aus den Angelegenheiten einer anderen Nation militärisch heraushalten sollte. Er kommt immerhin auf drei gute Gründe. „Humanitäre Motive dürfen zudem nicht durch machtpolitische und opportunistische Erwägungen relativiert werden. Das aber geschieht derzeit, und das ist zynischer Etikettenschwindel.“ (Seite 189)

Weder wird man die Änderungen hin zu einem föderativen System von heute auf morgen umsetzen können, noch werden das alle Beteiligten wollen. Das Paradies wird auch nicht anbrechen, wenn die Welt in Föderationen organisiert ist, aber das verspricht uns der Autor auch nicht. So, wie es ist, läuft es ja auch nicht optimal, und Wolffsohns Gedanken sind trotz manchem „Ja-Aber“ eine Überlegung wert.

Wie gesagt: Ich bin nur ein interessierter Laie. Die Lektüre war für mich spannend und erhellend, wenn auch ein bisschen arbeitsintensiv. Das liest sich nicht so locker weg wie ein Krimi. Seit ich dieses Buch gelesen habe, sehe ich überall mögliche Föderatione. So gewöhnt man Menschen an Ideen.

Der Autor
Michael Wolffsohn,
Prof. Dr., geb. 1947 in Tel Aviv, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, die 1939 nach Palästina fliehen musste. Seine Eltern kehrten 1954 nach Deutschland zurück. Von 1981 bis 2012 war er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität München. Michael Wolffsohn veröffentlicht regelmäßig in nationalen und internationalen Medien und hat über 30 Bücher vorgelegt, unter anderem ›Wem gehört das Heilige Land?‹ (11. Aufl. 2014).




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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