Rabenkinder

Auf einen sehr hohen Baum hatte ein Rabenpaar sein Nest gebaut. Man musste genau hinschauen, um es zu sehen. Der große Lindenbaum stand genau vor unsere Dachterrasse, so konnte ich in das Nest , das sie dort gebaut hatten, spicken und sah, das fünf Eier drin waren.

Wenn Frau Rabe brütete, saß Herr Rabe daneben oder er war auf Futtersuche. Als vier Wochen um waren, schlüpften die Küken. Winzig klein und nackt lagen sie da. Die fünf kleinen Raben. Die frischen Eltern hüpften ums Nest und sangen „Alles meins, sagt der Rabe“.

Mama Rabe und Papa Rabe hatten jetzt viel, viel Arbeit, aber es machte ihnen nichts aus, wenn sie sahen wie ihre Kinder heranwuchsen. Immer wieder sperrten die Rabauken die Schnäbel auf. Was so viel hieß, wie „Wir haben Hunger und Durst .“

Papa Rabe Marlay schleppte alles Mögliche an Futter an: Ein Stückchen Käse, ein Stückchen Wurst, sogar ein Stückchen Lachs hatte in seinen Schnabel Platz.

Er übergab alles seiner Frau Ludmila. Sie reich es weiter an ihre Kinder.
Da schrie er kleinste von den Rabenkindern: „Immer bekommt Mira den Käse! Ich habe die Wurst schon satt!“
„Ja“, rief nun Emil, „wir Jungen bekommen immer das gleiche. Nur Mira darf futtern, was ihr schmeckt.“
„Vier Jungs und ein Mädchen in einem Nest. Ungerecht!“, melden sich Gizmo und Hacky jetzt. „Ungerecht nennt ihr das?“, schimpft Mama Rabe.

Da kommt der Vater angeflogen. Er hat den Schnabel wieder voll mit Leckereien. Er lässt sie schnell ins Nest fallen, als er den Streit hört.
„Hallo Kinder warum streitet ihr denn?“
Wie aus der Pistole geschossen antworteten die Grünschnäbel jetzt: „Das Nest ist zu eng für uns alle und Mira ist etwas Besseres als wir. Sie hat so ein schönes Kleid.“
„Aber, aber, das ist jetzt ungerecht! Die Natur hat ihr dieses Kleid gegeben.“, mischte sich Mama Rabe ein. „Den Rest wird auch die Natur regeln. Ihr werdet bald fliegen und euer Futter selbst suchen, dann könnt ihr essen was euch schmeckt.“
„Ja, Mutti, du hast ja recht. Aber warum hat Mira so ein weißes Kleid und rote Augen?“
„Das hat auch die Natur gemacht. Das ist ein Streich der Natur. Mira hat keine Farbe. Ja, wie sagt man zu einen farblosen weißen Tier oder Menschen mit roten Augen ? – Genau es sind Albinos!“
Die Jungs machten sich lustig. „Sollen wir sie anmalen?“
Nun weinte Mira heftig.

Papa Marlay und Mama Ludmila wurden böse, sie schimpften mit den Jungs. Die Brüder mussten sich bei Mira entschuldigen.

Papa Rabe hüpfte nun ums Nest und fing zu singen „Alles meins, sagt der Rabe“, und bald sangen alle mit. Da kam sie wieder, sie wieder die Fröhlichkeit der sonst so lustigen Rabenfamilie.

Als sie eine Weile so fröhlich gesungen hatten, krächzte Vater Marlay: „Ich bin müde. Gehen wir schlafen.“ Die Rabenkinder kuscheln sich zusammen. Marlay setzte sich auf einen Ast neben das Nest. Mama Ludmila stieg vorsichtig ins Nest und nimmt die Kükenbande unter ihre Flügel. Papa erzählte noch eine Gutenachtgeschichte. Dann wurde geschlafen.

In der Nacht träumen die Kinder vom Fliegen, das sie am nächsten Tag zum ersten Mal ausprobieren würden. Aber Mira hatte keine Ruhe, sie wollte es gleich versuchen. Als die Eltern fest eingeschlafen waren, stieg sie auf den Nestrand, schlug mit den Flügeln und weg war sie.

„Hilfe, hilfe!“, schrie sie. Sie schaffte es gerade bis auf Peters Dachterrasse.
„Hilfe, hilfe“, krächzte sie erneut. Ihr Herz schlug sehr heftig, aber die Eltern schliefen tief und fest, sie hörten Mira nicht.

Als Peter am Morgen auf die Terrasse kam, schaute er zum Nest. Zuerst sah er Mira gar nicht, die jetzt ganz leise war. Erst als Peter die Küken zählte, bemerkte er, dass eines fehlte. Er rief seine Mutter: „Mama komm schnell, eines der Rabenküken ist weg!“
Die Mutter kam auf die Terrasse, schaute ins Nest. Sie zählte zweimal.
„O je, schade. Wo kann es hin sein? Es ist auch noch das schöne weiße. Ja, leider.“
Da fängt Mira an zu krächzen.
„Huch, hast du uns jetzt erschreckt!“, flüsterte Peters Mutter. „Was ist das für ein hübsches Rabenkind!“

Peter fing Mira und stellte sie auf das Terrassengeländer. „Flieg zur deiner Familie.“
Als sich Mira etwas beruhigt hatte, schlug sie mit den Flügeln, und ja, Mira schaffte es zum Baum. „Prima“, riefen alle.

Schon nach wenigen Tagen konnten alle Rabenkinder fliegen. Und bald darauf das Nest verlassen. Es dauerte nicht lange und die Jungen Rabenhähne gründeten eine eigene Familie, nur Mira ließ sich länger Zeit. Erst zwei Jahre später als ihre Brüder brütete Mira genau neben Ihrer Mutter Ludmila, die nun gleichzeitig Mutter und Oma war. Auch die Brüder kamen manchmal mit ihren Familien vorbei. Das war ein Geschrei, denn sie hatten sich immer sehr viel zu erzählen. Es war ihnen sehr wichtig, der Zusammenhalt und das gemeinsame Singen ihres Liedes „Alles meins, sagt der Rabe“.

Foto: (c) segovax / pixelio.de

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Autor: Roswitha Waldbüßer

ro.waldbuesser@gmail.com


Fotograf/Künstler: © segovax / www.pixelio.de

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5 Kommentare

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  1. Raben sind auch meine Lieblingstiere, ein Bekannter hat einen zahmen Raben. Wenn er Hunger hat dann meldet er sich mit lautem Gekrächze.

  2. Eine schöne Rabengeschichte. Besonders Mira schließt man sofort ins Herz.
    LG
    Astrid

      • Roswitha Waldbüßer
      • Roswitha Waldbüßer on 24. Juni 2015 at 18:35
      • Antworten

      vielen Dank

      • Roswitha Waldbüßer
      • Roswitha Waldbüßer on 24. Juni 2015 at 18:37
      • Antworten

      vielen Dank so ist es ….

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 24. Juni 2015 at 09:13
    • Antworten

    „Alles meins“ ist wirklich das passende Rabenlied !

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