Anika Limbach: Gefahr ohne Schatten – Roman

Anika Limbach: Gefahr ohne Schatten, Hamburg 2014, Verlag: Tredition GmbH, ISBN 978-3-8495-8115-2 (Taschenbuch), Softcover, 284 Seiten, Format: 21 x 14,8 x 1,6 cm, EUR 14,90, Kindle Edition: EUR 3,99.

Abbildung: (c) Verlag Tredition

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Erst im Hotel wurde sie nachdenklicher. „Meinst du, wir sollten nicht doch Yavuz die Ermittlungen überlassen?“ – „Wir ermitteln ja nicht.“ entgegnete Jan, „Wir klopfen nur ein bisschen auf den Busch und gucken, was passiert.“ (Seite 178)

Der Biologe Jan Berthold, Mitte 30, hat zugunsten seines Buchprojekts Karriere und Beziehung vernachlässigt. Dass er über brisante Insiderinformationen aus der Atomindustrie schreibt, hat ihm bisher zweierlei eingebracht: die Trennung von seiner Freundin Theresa und anonyme Morddrohungen.

Als nach einem Vortrag auf dem Tschernobyl-Kongress in der Berliner Urania der Referent Sebastian Fehling einen tödlichen Unfall erleidet, steht für den Augenzeugen Jan fest: Das war ein eiskalter Mord – und der Anschlag hat nicht Sebastian gegolten sondern ihm. Er war bei Sebastians Vortrag, der Referent sah ihm ähnlich und sie trugen an diesem Tag das gleiche Anti-Atomkraft-Shirt.

Wenn seine Feinde merken, dass sie den Falschen erwischt haben, werden sie es garantiert noch einmal versuchen. Jan beschließt, sich einer polizeilichen Zeugenbefragung zu entziehen und unterzutauchen. Dabei läuft er der Dolmetscherin Veronika „Rona“ Westphal in die Arme, die Sebastian Fehling beruflich und privat gut gekannt hat. Zu seiner Überraschung hilft sie ihm und gewährt ihm sogar Unterschlupf in ihrer Wohnung.

Dumm nur, dass der ermittelnde Kriminalhauptkommissar ein alter Bekannter Ronas ist: Yavuz Okan, der Bruder ihrer Schulfreundin Pinar. Ihm kann sie nichts vormachen. Er weiß, dass sie Jan Berthold hilft. Trotzdem können die beiden entwischen – erst nach Hamburg zu Freunden, dann zu Patty Dahlmann, einer Bekannten von Jan. Unter ihrem Namen hatte sich jemand auf der Teilnehmerliste des Kongresses eingetragen. Die exaltierte Künstlerin Patty hat auch gleich einen Verdacht: Bestimmt hat ihr Vater, ein Manager des Energiekonzerns REV, jemanden in die Urania geschickt, um die Umweltaktivisten auszuspähen.

Jans und Ronas Flucht geht weiter auf die Hallig Hooge, wo Jan für seine Diplomarbeit längere Zeit Vögel beobachtet hat. Während die beiden sich in der Einsamkeit einigeln, bekommt Kriminalhauptkommissar Yavuz Okan heraus, wer hinter den Drohungen an Jan steckt und dass diese Leute nichts mit dem Mord an Sebastian Fehling zu tun haben. Der Anschlag auf den Referenten war keine Personenverwechslung. Sebastian war nach dem Vortrag mit einer unbekannten Person verabredet. Wenn man wüsste, wen er treffen wollte und warum, könnte man sich bestimmt zusammenreimen, wer dies so brutal verhindert hat.

Jan Berthold könnte sich jetzt entspannt zurücklehnen. Wenn der Anschlag nicht ihm gegolten hat, ist das ganze nicht mehr sein Problem. Doch jetzt ist Rona die treibende Kraft. Sebastian war für sie mehr als nur ein Geschäftspartner und sie kann den Gedanken nicht ertragen, dass sein Mörder und dessen Auftraggeber straffrei ausgehen könnten. Und so reisen Jan und sie durchs Land und fühlen allen auf den Zahn, die etwas über Sebastian Fehling und seine Aktivitäten wissen könnten. Das ist keine so gute Idee, wenn man es mit Personen zu tun hat, die vor nichts zurückschrecke. Jan die Schuld am Tod eines Informanten in die Schuhe zu schieben ist noch einer der harmloseren Tricks, die diese Leute auf der Pfanne haben …

Wenn es um komplexe politische Themen geht, muss ein Autor schon vieles erklären: Wie ist der Sachverhalt? Wie sehen die handelnden Personen das Problem? Wie kommen sie zu ihrer politischen Überzeugung und auf welche Weise beeinflusst diese ihr Leben? Das lässt den Krimi streckenweise eher journalistisch als actionreich wirken. Selbst ein zornentbrannter Streit zwischen Rona und Kommissar Okan wird sachlich in indirekter Rede geschildert (Seite 200).

So richtig packend wird’s, als Jan und Rona quer durch die Republik reisen und mit einer gehörigen Portion Naivität privat ermitteln. Insbesondere in Essen und im Schwarzwald geraten sie dadurch in haarsträubend gefährliche Situationen und man denkt: Nee, aus dieser Nummer kommen die nie wieder lebend raus!

Was den Leser noch mehr beschäftigt als die Krimihandlung, ist die Frage, was von den geschilderten Machenschaften der Atomindustrie nun erfunden ist und was der Realität entsprechen könnte. Vorstellbar wäre alles … “Auch wenn das spannende Debüt der Autorin Anika Limbach fiktional ist, so beruht das Buch auf gut recherchierten Fakten und ist näher an der Realität als einem lieb ist“, steht auf dem Backcover. Das ist enorm beunruhigend.

Für die ErbsenzählerInnen unter uns: Fehler wie den unbeabsichtigten Vornamenswechsel der Sekretärin Sonneberg von Sonja zu Silvia und wieder zurück sollte nicht erst das Publikum bemerken. Das sollte das Lektorat/Korrektorat sehen. Verblüfft fragt man sich außerdem, was man verpasst hat, wenn Jan und der Kommissar plötzlich per Du sind und sich kumpelhaft und vertraulich mit „Sportsfreund“ anreden. Sie sind einander nie zuvor begegnet. Wenige Seiten davor war der Biologe für den Polizisten noch der Tatverdächtige Berthold.

Und wo hat Jan diese schreckliche Patty Dahlmann kennengelernt? Im Krankenhaus? War er mal Zivi in der Psychiatrie? 😉 Diese Frau spinnt hochgradig, bringt die Geschichte aber entscheidend voran. Es steht zum Glück nirgends geschrieben, dass man Nebenfiguren lieben muss.

Für platte Witze ist bei diesem ernsten Thema kein Platz. So bleibt eine Steilvorlage des Biologen/Vogelforschers Berthold ungenutzt: „Einen großen Teil meines Studiums habe ich mit Vögeln zugebracht“, erklärt er auf Seite 85. Darauf hätte ich selbst im Angesicht des Todes geantwortet: „Da bist du garantiert nicht der einzige …“

Die Autorin
Im Laufe ihrer langjährigen Tätigkeit als Schauspielerin und Regisseurin und Schauspiellehrerin entdeckte Anika Limbach ihre Leidenschaft für das Schreiben. 2009 begann sie mit den Hintergrundrecherchen für ihren Roman „Gefahr ohne Schatten“, eng verknüpft mit ihrem Engagement in der Anti-Atom-Bewegung. Was sich daraus ebenfalls entwickelte, war und ist ihre journalistische Tätigkeit im Bereich Umwelt und Energie, unter anderem unterstützt sie zurzeit die Öffentlichkeitsarbeit von AntiAtomBonn. Anika Limbach arbeitet als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Mann in der Nähe von Köln und Bonn.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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