Heike Abidi: Sunny Days (12 – 15 Jahre)

Heike Abidi: Sunny Days (12 – 15 Jahre), Hamburg 2014, Oetinger Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-86430-028-8, Softcover/Klappenbroschur, 190 Seiten, Format: 20,2 x 13,4 x 2,2 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 6,99.

Abbildung: © Oetinger Verlag

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Sunny Baltumeit, 14, hat’s echt nicht leicht: Ihren Vater kennt sie nicht, und ihre Mutter, die leicht chaotische Psychotherapeutin Dörte, die ein bisschen an Dr. Doris Schneider aus „Türkisch für Anfänger“ erinnert, scheint ihre häufig wechselnden Lebensabschnittsgefährten im Internet zu finden. Immer, wenn sie frisch verliebt ist, zieht sie mit Sack und Pack und ihrer Tochter zum neuen Lover. Allein in den letzten drei Jahren haben die Baltumeits in München, Berlin und Frankfurt gewohnt. Seit kurzem sind sie in Köln.

Martin, Mutters Neuester, ein etwas unbeholfener Sozialkundelehrer mit Halbglatze, ist ja ganz in Ordnung. Trotzdem wünscht sich Sunny, die beiden mögen sich verkrachen, damit sie ihre Mutter zu einer Rückkehr nach Frankfurt überreden kann. Dort hat sie sich erstmals so richtig heimisch gefühlt mit ihrer Hip-Hop-Tanzgruppe und ihrer besten Freundin Stella. Hier in Köln kennt sie niemanden und ist in der Schule wieder mal die Neue. Auf Dauer ist es einfach nicht lustig, alle paar Monate von vorne anfangen zu müssen.

Freundin Stella ermutigt sie aus der Ferne, sich in Köln neue Freunde zu suchen. Das würde Sunny zwar gerne tun, doch ihre Klassenkameradinnen scheinen ausnahmslos oberflächliche Tussis zu sein, die sich nur für ihr eigenes Aussehen, Jungs und Promiklatsch interessieren. Niemand liest Bücher oder tanzt Hip-Hop. Als noch eine weitere Neue in die Klasse kommt, ist für Sunny der Ofen ganz aus. Ausgerechnet Luna Friedrich, eine berühmte Fernsehmoderatorin, sitzt jetzt in der Klasse neben ihr. Schüler und Lehrer sind total aus dem Häuschen wegen dieses prominenten Neuzugangs und hofieren die Jungmoderatorin wie einen Superstar. Auf Sunny achtet kein Mensch … bis auf Paul vielleicht, der etwas nerdige Schülerzeitungsredakteur.

Sich mit Luna anzufreunden, wie Stella ihr rät, ist für Sunny keine Option. Es wäre zwar witzig, ein Dreigestirn aus Sunny ( = „die Sonnige“), Stella ( = „Stern“) und Luna ( = „Mond“) zu haben, aber Luna ist mürrisch, pampig und zickig. Dass sie sich mit diesem Verhalten aufdringliche „Fans“ vom Hals hält, die sich nur in ihrem Ruhm sonnen wollen, dämmert Sunny erst, als sie mit Luna zusammen beim Schulausflug den Anschluss an die Gruppe verliert und die beiden stundenlang gemeinsam durch den Wald irren. Schwesterlich teilen sie sich Proviant und Blasenpflaster und kommen erstmals richtig ins Gespräch.

Nach diesem Ausflug kommen sie bestens miteinander aus. Luna bittet Sunny, für sie etwas über den Schülerzeitungsredakteur Paul herauszufinden. Ist er ehrlich? Käme er als Kumpel in Frage? Oder ist er auch nur an Lunas Prominentenstatus interessiert? Sunny steigt bei der Schülerzeitung ein, um unauffällig mit Paul in Kontakt zu kommen – und verliebt sich in ihn. Was nie jemand erfahren darf, weil Luna ja zuerst ihr Interesse angemeldet hat.

Doch Liebesangelegenheiten treten zunächst in den Hintergrund. Erst einmal steht ein Schulfest mit Talentwettbewerb auf dem Plan. Sunny hat sich mit einer Hip-Hop-Tanznummer angemeldet. Luna versteht sich als ihre Managerin und Trainerin und erweist sich dabei als etwas übermotiviert. Kurz vorm Fest kommt es zum großen Krach. Steht Sunny nun wieder ohne Freunde da? Luna weg, Paul weg, und der Rest der Klasse doof?

Heike Abidis Heldinnen sind definitiv keine Mainstream-Tussis, sondern immer Menschen mit eigener Meinung und einem Ziel, das sie unbeirrt verfolgen, auch wenn sie bei Freunden und Angehörigen damit anecken. Verbiegen lassen sie sich nicht.

Sunny musste aufgrund ihrer familiären Situation vorzeitig erwachsen werden. Es ist schon erstaunlich, wie abgeklärt sie sich in ihr Schicksal fügt, ständig wieder entwurzelt zu werden, weil die Mutter von Lover zu Lover zieht. Andere würden in Selbstmitleid zerfließen. Sie findet diese Art zu leben zwar blöd, hat aber gelernt, sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren.

Ihre chaotische Mutter und deren aktuellen Lebensabschnittsgefährten betrachtet sie aus einer spöttischen Distanz heraus. „Zugegeben, Martin ist halbwegs in Ordnung. Jedenfalls für einen Sozialkundelehrer, der lieber das Weltgeschehen diskutiert, als an irgendwelche Alltäglichkeiten zu denken, wie zum Beispiel Brot mitzubringen oder beim Eierkochen auf die Uhr zu sehen.“ (Seite 11) Manchmal ist sie regelrecht zynisch: „Für meine Probleme hat sie [Dörte, Sunnys Mutter] im Augenblick sowieso keinen Kopf. Sie würde mir höchstens etwas von Selbstwertschätzung, persönlicher Integrität und Lebenszufriedenheit erzählen. Darauf kann ich verzichten. Dörte versteht vielleicht, was in potenziellen Selbstmördern, Mobbingopfern oder depressiven Omas vorgeht, aber davon, wie sich eine stinknormale Vierzehnjährige fühlt, hat sie nicht die leiseste Ahnung.“ (Seite 38/39)

Es ist ein Vergnügen, Sunnys skurrilen Erlebnissen, messerscharfen Beobachtungen und klugen, humorvoll-bissigen Gedanken zu folgen. Man grinst, man schmunzelt, man lacht. Aber es ist auch traurig, dass hier eine Vierzehnjährige mit Erwachsenen Nachsicht üben muss, die ihr Leben nicht im Griff haben. Manchmal könnte man meinen, Sunny sei die Erwachsene und die flatterhaft-verpeilte Mutter das Kind.

Die jugendlichen Leserinnen sehen diese Rollenumkehr vermutlich gar nicht als Nachteil. So eigenständig wie Sunny wären sie sicher gern. Weil die Mutter ihren eigenen Interessen nachgeht, kann das Mädchen praktisch machen, was es will. Und so ist Sunny Baltumeit eine Heldin zum Träumen: sympathisch eigenwillig, talentiert, witzig – und beneidenswert frei. Das mit den Freundschaften, das kriegt sie sicher auch noch hin …

Die Autorin
Heike Abidi, Jahrgang 1965, ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane für Erwachsene sowie Jugendliche und Kinder. Sie veröffentlicht auch unter dem Pseudonym Emma Conrad und – zusammen mit der Co-Autorin Tanja Janz – unter den gemeinsamen Pseudonymen Jana Fuchs sowie Maya Seidensticker.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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