Die Krönung der Schöpfung, Teil 3 von 3

Kampfpiloten hatten ein ähnliches Problem. Sie saßen in ihren Jets, viele Kilometer entfernt von jenen Zielen, die es zu treffen galt; oft sahen sie sie gar nicht. Bekamen so auch nicht die direkte Zerstörungskraft der Waffen mit. Sie erfuhren erst später in Zahlen, wie ‚erfolgreich’ sie gewesen waren.

Die Vögel des Professors würden sich schlicht weigern. Ergo bestand er darauf, daß keine scharfe Munition Verwendung finden durfte, was ihm von militärischer Seite – widerstrebend – zugesichert wurde. Folglich bestand die Aufgabe darin, Ziele nur zu treffen, nichts weiter.

Bei der Übung sollten Farbpatronen verschossen werden, also nur harmlose Übungsraketen zum Einsatz kommen. Um den Umgang der Vögel mit scharfen Geschossen würde man sich dann später bemühen. In eigenen militärischen Forschungseinrichtungen … Das aber verschwieg man dem Biologen.

Im Labor trat Neulich vor seine Vögel hin und sprach mit ihnen über das Bevorstehende.
„Meine lieben Freunde“, begann er, „wie ihr alle wißt, steht uns die Abschlußprüfung ins Haus. Der Beweis, daß ihr die besseren Flieger seid, wurde mehrfach erbracht, dafür bedarf es keiner zusätzlichen Aufstiege mehr. Was noch fehlt, sind … Ziellieferungen … sozusagen.“

Professor Neulich überlegte. Was könnte ein Vogel liefern? Da hatte er die zündende Idee.
„Es gilt, Geschenke abzugeben! Die Menschen versuchen sich immer zu übertreffen mit Geschenken. Es gibt im Jet zwei Vorrichtungen: Die eine liefert Farben, die andere Geschenke. Jene, die Farben aussendet, verschießt diese über zwei Bordkanonen. Und wenn diese treffen, färbt sich das Ziel schön bunt. Je mehr Treffer, umso bunter.“
Noch während Neulich dies sagte, flog Johannes, der Sperling, ganz dicht an seine Seite und zeigte sich überaus interessiert.
„Um die Geschenke auszuliefern, was nicht einfach ist“, fuhr der Professor fort, „wird das Flugzeug ebenfalls in die Nähe des Zielortes gebracht, auf einen Befehl hin werden die Geschenkraketen gezündet und landen direkt beim Empfänger. Der freut sich dann … abgöttisch.“
Wohl war dem Professor nicht bei seiner Notlüge. Aber er wollte den Militärs beweisen, wie gut seine Vögel wirklich waren. In jeglicher Hinsicht.

Ganz unruhig trippelte Johannes auf seinen zierlichen Füßchen. Das gefiel ihm, er brachte so gerne Geschenke, über die sich andere freuten. Und er mochte Farben. Je bunter, je lieber. Nicht, daß er sich vordrängen wollte, aber diese Aufgabe würde er sich schon zutrauen. Und der Professor ihm sicher auch. Allerdings käme die Kohlmeise ebenfalls infrage. Prof. Neulich ließ das Los entscheiden, Johannes gewann!

Der Piepmatz hätte im Simulator üben dürfen, das aber war gar nicht vonnöten. Vögel haben das im Blut. Also wurde der entscheidende Test für den kommenden Donnerstag anberaumt. Einen Tag vor Beginn der Sommerferien.

Wieder fuhr Professor Neulich zum Flugfeld, in seiner Begleitung fanden sich Johannes, der Spatz, und Sylvia, die Kohlmeise. Um keinen zu benachteiligen, hatte sich Neulich entschlossen, beide ins Cockpit zu setzen; zudem mochten sich die zwei. Sylvia sollte den Fighter fliegen, Johannes war für das Anvisieren der Ziele zuständig, für die Farben, die er so liebte, und für die ‚Geschenke’. So konnte das Unternehmen beginnen.

Um die Aktionen einzuleiten, sollten die Vögel zunächst nach Belieben einige Runden drehen und in der Hauptstadt das Verteidigungsministerium überfliegen. Danach Kurs nehmen auf das in der Nähe des Militär-Flugplatzes gelegene Truppenübungsgelände, dort eine alte Scheune einfärben, im Anschluß sollten die Geschenks-Raketen eben jene Scheune treffen. So lautete der Einsatzplan. Nichts leichter als das! Den Vögeln wurden Bilder der anzusteuernden Objekte gezeigt – die Scheune und das Ministerium – sie prägten sich alles genauestens ein. Die Militärs, sowie die geladene Presse, konnten mit ihren Ferngläsern aus sicherem Abstand das Zielobjekt beobachten.

Souverän lenkte die Kohlmeise die Maschine zum Startpunkt, für das Treffen der Ziele war Johannes verantwortlich. Sogleich befand sich der Euro-Fighter in der Luft, flog einige halsbrecherische Schleifen und steuerte die Metropole an. Über Funk hielten die Vögel Kontakt zu ihrem Lehrmeister, Professor Neulich.
„Könnt ihr das Regierungsgebäude schon sehen?“ fragte er nach einer gewissen Zeit.
Die beiden Vögel bestätigten, überflogen das Verteidigungsministerium zweimal mit mittlerer Geschwindigkeit und nahmen danach Kurs auf das Truppenübungsgelände neben dem Flugplatz, wo die alte Scheune darauf wartete, ein neues Outfit zu erhalten, bevor sie von den Übungsraketen getroffen werden sollte.
„Weißt du was?“, zwitscherte Sylvia ihrem Co-Piloten ins Ohr. „Das Ministerium hätte auch einen neuen Anstrich nötig. Es sieht so grau aus, so trist.“
Johannes konnte das nur bestätigen, mochte er doch Farben über alles. Ihr Auftrag lautete jedoch anders: Sie sollten diese Scheune ‚anstreichen’.

Als das baufällige Gebäude in Sicht kam, bemerkten die beiden winzigen Piloten, daß es bewohnt war! Eine Schar Mauersegler hatte sich dort Nester gebaut und brachte fleißig Beute ein, die Brut zu füttern. Dort hinein jetzt die Farbgeschosse zu schleudern oder Geschenke zu werfen war schlicht unmöglich! Die beiden gefiederten Freunde beratschlagten den nächsten Schritt.

„Laß uns lieber das Verteidigungsministerium färben“, schlug Sylvia kurzerhand ihrem Begleiter vor, der zeigte sich sofort einverstanden. „Es ist derart unansehnlich, das muß sich ändern. Ob es diesem General nun gefällt oder nicht!“

„Wie hat er uns gleich noch genannt, der Herr General? Ein verfilztes Büschel Federn!“ bemerkte Johannes, und wer ihn kannte, der durfte sicher sein, daß der Spatz das nicht vergessen würde.

Augenblicklich leitete der Flieger eine scharfe Kurve ein und donnerte zurück in Richtung Hauptstadt.
In der Abgeschiedenheit des Militär-Flugplatzes beobachteten die Offiziere, wie der Euro-Fighter wieder am Horizont entschwand. Viele Augen richteten sich auf den Professor.
„Es läuft alles nach Plan!“ konnte der vermelden, denn die beiden Vögel durften so viele Runden fliegen, wie sie wollten. Von der Änderung ihres Angriffszieles hatten sie nichts durchsickern lassen. Es sollte eine Überraschung werden. Für alle Beteiligten. Johannes verteilte doch so gerne Geschenke.

Schon war das Ministerium wieder in Sicht, Sylvia drosselte die Geschwindigkeit, Johannes bereitete die Farbgeschosse und die beiden Geschenke vor.
Auf dem Militär-Flugplatz hingegen standen drei Männer dicht beisammen und tuschelten. General Luft-Ikus hatte tags zuvor Befehl gegeben, die zwei Übungsraketen gegen scharfe auszutauschen, denn es sollte in der Scheune einen richtig schönen Bums geben. Das war er seiner Position schuldig. Das alte Ding sollte vollkommen vom Erdboden verschwinden, es hatte ihn immer schon gestört.

Als die ersten Farbgeschosse an den grauen Wänden des Verteidigungsministeriums zerbarsten, änderte sich dessen Aussehen schlagartig. Grüne, rote, blaue Farbe lief in Strömen kreuz und quer die Fassaden hinunter, gefolgt von Gelb und Violett. Ein herrliches Streifenmuster entstand, Sylvia und Johannes konnten sich nicht satt sehen. Immer wieder kurvten sie, so langsam es der Jet gestattete, dicht über dem Gebäude, aus dem die Menschen herausliefen wie Ameisen, als drohte ein Erdbeben. Dabei wurde es doch nur frisch gestrichen. Immer bunter wurden die Farbkleckse, immer größer die Menschenmenge, die nach oben starrte. Einige hatten Ferngläser dabei und entzifferten die weiße Nummer, die am Heck des Euro-Fighters prangte.

Die Farbenpracht gefiel Johannes so sehr, daß er um ein Haar seinen wichtigen Auftrag vergessen hätte: Er sollte doch auch die Geschenke abliefern! Spontan entschloß er sich, das gleich hier zu erledigen. Sylvia brachte den Jet in Position, der Spatz visierte sein Ziel an, und schon raste die erste Rakete dem Ministerium entgegen. Und kurz darauf die zweite.

„Gebäude frisch gestrichen, Geschenke abgeliefert!“ zwitscherte es stolz aus dem Funkgerät; die Vögel befanden sich schon auf dem Rückflug.

Professor Neulich war‘s zufrieden.

In weiter Ferne hatte es einen furchtbaren Knall gegeben. Ein wenig überrascht schielte der Professor zum General hinüber, und dessen Verwunderung schien nicht minder. Was war geschehen?
„Geht’s euch auch gut?“ fragte der Professor über Funk, und die beiden gefiederten Testpiloten bestätigten bestes Befinden.
„Zielobjekt gestrichen, Geschenke abgeliefert!“ ertönte es erneut aus dem Empfänger.
Also, die Maschine ist noch in der Luft, sinnierte Neulich, was hat da eben so gekracht?
„Wißt ihr etwas über diesen Lärm?“ wollte er von seinen Schützlingen in Erfahrung bringen.
Aber die wußten von nichts, und in die Ohren der erschrockenen Beobachter drang nur fröhliches Zwitschern.

Minuten später raste der Kampf-Jet mit Mach I im Tiefflug und in Rückenlage über das Flugfeld, kurz darauf stand er wieder auf festem Boden. Den beiden leichtgewichtigen Piloten wurde herausgeholfen und sie erhoben sich sofort in die Lüfte. Gleich darauf hatten sie die baufällige Scheune erreicht, und die Freude der derzeitigen Bewohner war überschwenglich, als ihnen die Nachricht von der wunderbaren Errettung verkündet wurde. Daß stattdessen ein Verteidigungsministerium in Schutt und Asche lag, regte dort niemanden auf. Dann ging’s zurück zum Flugplatz.

Hier hatte sich Luft-Ikus mit seinen Leuten beim Euro-Fighter versammelt und diskutierte eifrig mit ihnen, wo die beiden Raketen wohl abgeblieben waren. Denn das eigentliche Ziel war nach wie vor unversehrt, wie man unschwer erkennen konnte. Zu ihnen gesellte sich der Professor.

Die Kohlmeise Sylvia und Johannes, der Spatz, die imstande waren, aus luftiger Höhe ein komplettes Stadtbild positiv zu verändern und denen es gelungen war, der lahmen Post Konkurrenz zu machen und Geschenkpakete im Fluge abzuliefern, setzten sich auf die Schultern des Professors und beäugten verschmitzt den General.

Das Unternehmen Pilot Vogel war recht erfolgreich zu Ende gegangen. Die Scheune war zwar stehengeblieben, aber, was viel wichtiger war, der sündhaft teure Jet wieder glücklich gelandet. Darüber zeigte der General die allergrößte Zufriedenheit. Ansonsten dürfte ja nicht viel passiert sein. Er brauchte nicht zum Angeln zu gehen.

Da klingelte in seiner Hosentasche überaus ungeduldig das Handy …

– Ende –

Foto: © Carsten Grunwald / pixelio.de

Foto: © Carsten Grunwald / pixelio.de

Teil 1: http://www.tiergeschichten.de/2014/07/09/die-kroenung-der-schoepfung-teil-1-von-3/
Teil 2: http://www.tiergeschichten.de/2014/07/09/die-kroenung-der-schoepfung-teil-2-von-3/




Autor: Francesco Lupo

Franz.wolf@krdnet.de


Fotograf/Künstler: © Carsten Grunwald / www.pixelio.de

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