Die Krönung der Schöpfung, Teil 2 von 3

Die Skepsis der Militärs wurde durch einen ihrer anwesenden Informatiker, der sich ziemlich mutig dafür einsetzte, doch wenigstens einen Versuch zu wagen, nur unwesentlich zerstreut.

„Einen Versuch?“ herrschte Luft-Ikus, zweiter Mann nach dem Verteidigungsminister, den Computerfachmann an. „Sie wollen einem Spatzen einen 70 Millionen Euro teuren Kampf-Jet anvertrauen? Einem verfilzten Büschel Federn? Sind Sie noch recht bei Trost?“
Diese Beleidigung blieb unter den anwesenden gefiederten Geschöpfen nicht ohne Ressentiments …
„Lassen Sie uns einen Versuch machen. Mit … Modellflugzeugen!“ ließ Neulich verlauteten.

Die Herren Soldaten einigten sich – um des Friedens willen – auf einen Versuch. Der Professor war zufrieden. Das Ergebnis kannte er bereits.

Vier Wochen danach war es soweit. Auf einem mit Rasen bedeckten Flugfeld traten gegeneinander an: Vier kampferprobte Piloten gegen einen – Zaunkönig. Eine erste Eingebung, für diese Tests Greifvögel zu verwenden, mußte der Professor rasch verwerfen: Sie waren nicht kreativ genug.

Der winzige Vogel wurde in ein Modell gesetzt, das einem Phantom-Jet entsprach, im Maßstab 1:15, die Herren Piloten durften das gleiche Muster fliegen – mit Hilfe einer Fernsteuerung. Sie hatten tagelang trainiert, bis sie die kleinen Flieger aus dem Effeff beherrschten. Der Zaunkönig hingegen sah sein Fluggerät am Tage des Wettstreites zum erstenmal.

Beginnen durften die Jet-Piloten. Sie ließen die kleinen Ebenbilder ihrer einstigen Parade-Kampfjets, ausgestattet mit kleinen Turbinen, aufsteigen, Steilkurven fliegen, Loopings, Kehren und Rollen, alles, was sie selber mit den Originalen geflogen sind. Es war beeindruckend. Dann kam der Zaunkönig an die Reihe.

Während er beruhigend auf ihn einredete, setzte Prof. Neulich ihm einen winzigen Kontakthelm aufs Köpfchen, danach gab er ihm noch ein paar Instruktionen mit auf den Weg. Alsdann startete er das Modellflugzeug. Kontakt hielt der ‚Pilot’ mit dem Professor über Funk.

Kaum war das Spielzeug in der Luft, als ein euphorisches Gezwitscher aus dem Lautsprecher ertönte.

„Er sagt, er finde Gefallen an der Art, sich so mühelos durch die Lüfte zu bewegen“, übersetzte der Wissenschaftler den Umstehenden, was der Zaunkönig erzählte.

Unglauben zierte die Gesichter der militärischen Beobachter. Noch flog das Modell kerzengeradeaus.
„Nun zeig uns mal, wie ein Vogel fliegt!“

Mehr brauchte Biologe Neulich nicht ins Mikro zu flüstern. Unversehens stieg das Modell steil in die Höhe, rollte circa zwanzig Mal um seine Längsachse, wobei es schnurstracks geradeaus flog. Wie ein abgeschossener Pfeil. Daraufhin wendete der Zaunkönig, flog ein paar Außenloopings und schoß danach direkt auf die wartende Besucherschar zu. Etwa zwei Meter davor machte das kleine Flugzeug eine halsbrecherische Kehre, flog in Rückenlage die gleiche Strecke zurück, wendete und visierte das erstaunte Publikum erneut an.

Breitbeinig stand der Fahrer des Generals neben seinem Vorgesetzten auf dem Rasen und rauchte, wodurch sich der Zaunkönig zu einem besonderen Manöver animiert fühlte. Er wollte zwischen den Beinen des Fahrers hindurch fliegen – mit Höchstgeschwindigkeit.

Verstohlen suchten General Luft-Ikus’ Augen jene Person, welche all diese Kunststücke mittels einer versteckten Fernbedienung flog. Vergeblich, denn da war niemand.

Wild stieß der Vogelpilot nach unten, fing das Modellflugzeug knapp über dem Boden ab und flog circa 20 Zentimeter über der Grasnarbe auf die geöffneten Beine des Fahrers zu. Der schloß sie im Reflex, was den Vogel veranlaßte, im Bruchteil einer Sekunde die Richtung zu ändern und mittels einer Steilkurve zwischen den Beinen des Generals hindurchzufliegen. Die waren im Moment dabei, sich ebenfalls zu schließen, aber es reichte allemal. Nur die Flügelspitze streifte den General ein wenig im Schritt, was bei diesem längst vergessengeglaubte Gefühle in Erinnerung rief.

Für die Augen der Anwesenden ging das alles viel zu schnell. Die meisten hatten dieses eindrucksvolle Manöver gar nicht bemerkt. Aber eine Hochgeschwindigkeitskamera, die von Anfang an alles aufgezeichnet hatte, offenbarte noch weitere Details: Der Zaunkönig hatte das Schließen der Beine des Fahrers mit einer Richtungsänderung quittiert und sofort ein anders Paar Beine angesteuert. Die Anwesenden machten sich jedoch für einen Sprung zur Seite bereit und schlossen daher nacheinander alle ihre Beine. Der Vogel hatte innerhalb einer Sekunde 15 Mal umdisponieren müssen, bis er dem am langsamsten reagierenden Menschen, dem Herrn General, endlich durch dessen sich gerade schließenden Hacken wischen konnte. Man zeigte sich beeindruckt; am meisten die Jet-Piloten.

In den kommenden Monaten folgte eine Beratung der nächsten, Widerstände mußten gebrochen, Einwände entkräftet, Bedenken verworfen werden. Aber Mordekai Luft-Ikus wollte sich vor seiner Pensionierung noch einmal richtig in Szene setzen. Und zu irgendeinem Zeitpunkt hatte er sich entschieden: Ein Prototyp des Euro-Fighters war umgerüstet und die empfindliche Electronic modifiziert worden. Im Cockpit des kostspieligen Jets war eine winzige mentale Steueranlage installiert worden, mit Verbindungen zu allen Bedienungs-Elementen. Es war soweit! Nun galt es, das Verteidigungsministerium zu informieren.

Auf einem Militär-Flughafen stand der Euro-Fighter, die metallene Nase drohend in Startrichtung geschoben, als Professor Neulich eintraf. In seiner Begleitung befand sich eine Rauchschwalbe namens Josef. Es war ein Weibchen, daher liebte es diesen Namen innig. Der elegante Vogel war von Neulich bestens instruiert worden, eine Einweisung in das sündhaft teure Fluggerät war nicht nötig, da es mit Hilfe der Hirnströme gesteuert wurde. Dennoch betrachtete Josef sich das Kampfflugzeug eingehend, indem sie es mehrmals umrundete.

Vor dem Hangar hatten sich diverse, unglaublich wichtige Persönlichkeiten versammelt, darunter ein Staatssekretär des Verteidigungsministeriums; der Herr Minister ließ sich entschuldigen. Des weiteren waren etliche Konstrukteure des Euro-Fighters anwesend. General Luft-Ikus, dessen Haare gerade im Begriff waren wieder etwas nachzuwachsen, starrte mit bangen Blicken auf den kostspieligen Jet. Wehe, wenn heute etwas schiefging! Wehe ihm! Dann durfte er gleich zum Angeln fahren und brauchte hier nie wieder zu erscheinen …

Zusammen mit Professor Neulich begleitete der Informatiker, der die Steueranlage konstruiert hatte, das Schwalbenweibchen Josef zu seinem winzigen Cockpit, danach schloß sich die große Haube. Neulich nahm Funkkontakt auf mit seinem Schützling, er meldete sich unverzüglich. Der Professor gab ein paar Anweisungen, machte Vorschläge, die Flugroute betreffend, alles Routine. Josef gab ihr Okay, und die Triebwerke wurden gestartet. Der Höllenlärm zwang die Umstehenden in die Deckung eines Hangars. Schon setzte sich der Kampf-Jet in Bewegung.

Immer schneller wurde der Euro-Fighter, schließlich raste er wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen die gesamte Startbahn entlang. Wenige Meter vor deren Ende – und nur Zentimeter vor den Antennen für den Instrumentenanflug – hob der Jet die Nase und schoß kerzengerade in den blauen Sommerhimmel, von zahlreichen gebannten Augen verfolgt.

Ruhig sprach der Ornithologe mit Josef und erfuhr, daß sie sich pudelwohl fühlte. Sie befand sich in einer Höhe von 15 000 Metern und genoß die fantastische Aussicht.

„Josef, mein Schätzchen. Du bist etwas zu hoch, wir sehen dich kaum noch. Hättest du die Liebenswürdigkeit und würdest ein wenig tiefer fliegen? Wenn du deine Manöver startest.“
„Rodther!“ zwitscherte es vergnügt aus dem Cockpit. Josef lispelte etwas.
Schon kippte der Jet über die rechte Tragfläche nach unten, um mit doppelter Schallgeschwindigkeit auf den Flugplatz zuzurasen.
„Der Vogel hat die Kontrolle verloren!“ winselte der General und wischte sich mit seiner gestreiften Krawatte den Schweiß von der besorgten Stirn.
„Keine Sorge, Josef verliert niemals die Kontrolle“, suchte Neulich ihn zu beruhigen. „Und notfalls kann sie ja mit dem Schleudersitz aussteigen“, fügte er schelmisch an.
„Was? Mit dem Schleuder … Und die Maschine?“
Der General schluckte trocken, das lächelnde Gesicht des Professors registrierte er nicht. Der sprach wieder mit Josef, gab ihr ein paar Empfehlungen, mehr nicht.

Fast senkrecht stürzte der Jet vom Himmel. Etwa 50 Meter vor dem Erdboden brach Josef den Sturzflug ab, schwenkte in eine horizontale Bahn ein und flog in Rückenlage die Startbahn entlang, das Seitenleitwerk 50 Zentimeter über dem Asphalt. Und wieder ging es in die Höhe.

Bei dem Manöver zuvor hatten sich die Flügel des Jets durchgebogen, als wären sie aus Gummi. Die äußerst brutal geflogene Kurve ergab auf den Meßinstrumenten der Konstrukteure eine G-Beschleunigung von über 25. Jeder Mensch wäre dabei gestorben. Nicht jedoch Fliegengewicht Josef. Sie flog unbekümmert weiter.

Kaum war sie den Blicken der Beobachter entschwunden, da traf die Druckwelle des Überschallfluges ein. Einige Fenster zerbarsten, blankgeputzte Brillen flogen von den Nasen, zwei Toupets verabschiedeten sich mehr oder weniger elegant von ihren Besitzern.

Als Josef wieder gelandet war, offenbarten die Meßgeräte zahlreiche Flugübungen, die bis an die Belastbarkeit des Materials reichten, jene des Menschen bei weitem übertrafen und selbst die Konstrukteure verblüfften. Schnell war Josef aus dem Cockpit, flatterte ein paar Runden über die Startbahn, schnappte sich hie und da eine Mücke und kehrte schließlich auf die vertraute Schulter des Professors zurück. Dort hub sie an zu zwitschern, berichtete auf diese Weise all ihre Erlebnisse. Die Militärs waren, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hatten, begeistert. Die Rauchschwalbe Josef ebenfalls.

Wieder vergingen ein paar Wochen, während derer sich im Verteidigungsministerium die Generäle die Klinken in die Hand drückten. Zu irgendeinem Zeitpunkt hatten sie sich, vom Ehrgeiz geleitet, entschlossen, dieses einzigartige Experiment zu einem Abschluß zu bringen. Die fliegerischen Qualitäten eines Vogels waren unbestritten, unwiderlegbar. Für einen Menschen nicht zu erreichen.

Was noch fehlte, war das Tüpfelchen auf dem I, das eigentliche Ziel der militärischen Fliegerei: Das Bedienen der Waffentechnik. War das mit Vögeln machbar? Wie sollte man sie dazu bringen, die zerstörerische Kraft einer Waffe zu initiieren? Sie, die durchweg friedliche Geschöpfe waren, bar jedweder Aggression.

Mit dieser Problematik konfrontiert, dachte Professor Neulich lange darüber nach. Selber Pazifist, sollte er seine fliegenden Freunde dazu bewegen, zu zerstören, zu töten gar? Das lief seiner Philosophie entschieden zuwider. Das konnte, das durfte er nicht. Fliegen: Ja. Zerstören: Nein!

– Fortsetzung folgt –

Foto: © Peashooter / pixelio.de

Foto: © Peashooter / pixelio.de

Teil 1: http://www.tiergeschichten.de/2014/07/09/die-kroenung-der-schoepfung-teil-1-von-3/
Teil 3: http://www.tiergeschichten.de/2014/07/09/die-kroenung-der-schoepfung-teil-3-von-3/




Autor: Francesco Lupo

Franz.wolf@krdnet.de


Fotograf/Künstler: © Peashooter / www.pixelio.de

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